Nichtverlängerung des Rückversicherungsvertrages mit Russland

Dieses Thema im Forum "Das Deutsche Kaiserreich" wurde erstellt von Magistratus, 16. Februar 2010.

  1. Magistratus

    Magistratus Neues Mitglied

    Hallo!

    Ich bearbeite gerade die Nichtverlängerung des Rückversicherungsvertrages mit Russland durch das deutsche Kaiserreich! Könnt ihr mir dabei helfen? Gab es Vor- und Nachteile, gab es Folgen? Wieso tat man das?

    Danke!
     
  2. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Einige Hinweise - auch kritische Anmerkungen - gibt es hier:
    Leo von Caprivi – Wikipedia


    Auf welche Aspekte stellst Du ab?

    Wie ist der politische Wert des bestehenden Rückversicherungsvertrages einzuschätzen gewesen?
     
  3. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Nun ja, eine ganz erhebliche Folge war , dass das Zarenreich sich, nach einen weiteren Versuch im Jahre 1890 den Rückversicherungsvertrag zu verlängern, diesmal aber sollte das geheime Zusatzprotkoll nicht mehr Gegenstand der Vereinbarung sein, begann seine Beziehungen zu Frankreich zu intensivieren, was ja bekanntermaßen 1894 einen ersten Höhepunkt erreicht hat.

    Dieses schon stümperhafte Agieren des AA ist m.E. nach nur wenig verständlich, da man eine Verbindung zu einer Weltmacht ohne jede Not aufgegeben hat. Die Nichtverlängerung des Rückversicherungsvertrages war der erste Schritt, der schließlich zur Auskreisung des Deutschen Reiches geführt hat und von seiner Bedeutung her ganz gewiss nicht unterschätzt werden sollte.
     
  4. EL_Mercenario

    EL_Mercenario Neues Mitglied

    Das "Wieso" lag wohl letzten Endes in der Unvereinbarkeit der Bündnisse mit Russland und Österreich-Ungarn. Man wollte klare Verhältnisse, um Machtpolitik betreiben zu können.
     
  5. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter


    Ich würde die russische Initiative nicht zu hoch bewerten.

    Die Motive dafür waren ieL innenpolitisch, und entsprachen außenpolitisch vorübergehend Zweckmäßigkeitserwägungen.

    Der Vertrag hätte allenfalls in einer ausgehöhlten, wertlosen Form für das Deutsche Reich verlängert werden können.

    Ein Querverweis zum überschneidenden Thema:
    http://www.geschichtsforum.de/476749-post35.html
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. Februar 2010
  6. tomgo92

    tomgo92 Neues Mitglied

    Die Personalien um Leo von Caprivi oder Bernhard von Bülow spielen hier eine Rolle. Nach Bismarcks "Abtritt" bemühten sie sich um eine neue, offensivere Außenpolitik weg vom ausgeklügelten Bündnissystem. Die Abkehr von Rußland erfolgte augrund der noch (angestrebt) manifestierteren Beziehungen zu Öst-Ung, was ja nun generell allein schon durch den alten Balkankonflikt ein mind. angespanntes Verhältnis zu Rußland hatte. Caprivi und Bülow sahen sich darüber hinaus nicht in der Lage, Bismarcks komplizierte Politik fortzuführen, wenngleich sie es nicht anstrebten. Caprivi war fleißig und engagiert, aber einfach kein geborenes Politikgenie! Der überragende Diplomat Melchior Paul von Hatzfeldt war gesundheitlich bereits in weniger guter Verfassung, was auch mit hinein spielt. Dennoch bedenke, dass der Vertrag von Bismarck selbst als nicht lange haltbar konzipiert wurde (eher als Notkonstrukt). Und Wilhelms säbelrasselnde Außenpolitik im Neuen Kurs, trotz seines Verwandschaftsverhältnis zu Zar Nikolaus, bezog sich natürlich auch auf Rußland.
     
  7. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied


    Das war die nicht restlos überzeugende Argumentation vom AA, allem voran die graue Eminenz von Holstein, der unbedingt ein Bündnis mit Großbritannien wollte.
     
  8. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied


    Wieso Bernhard von Bülow? Der war zu der fraglichen Zeit, hier 1890, doch Gesandter in Bukarest. Bülow wurde erst 1897 Staatssekretär des AA und gewann damit maßgeblichen Einfluß auf die Auswärtige Politik des Reichs.
     
  9. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied



    Ich denke aber doch, dass das wenig professionellen Vorgehen des AA mit dafür verantwortlich zeichnet, das sich die Staatsmänner in St.Petersburg berechtigete Sorge über eine mögliche Isolation gemacht haben und das dies zumindest beschleunigend auf die Verbesserung der Beziehungen zu Paris wirkte.
     
  10. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Das wenig professionelle Vorgehen betraf in erster Linie Bismarck.

    U.a. dessen wirtschaftspolitische Handlungen und Angriffe gegenüber Rußland (innenpolitisch bedingt, Interessenverbänden folgend) lieferten einen wichtigen Beitrag zur Entfremdung.

    Die späteren Indiskretionen zum Rückversicherungsvertrag durch Bismarck sind in diesem Zusammenhang bezeichnend, ein billiges und durchsichtiges Manöver. Das hat in der deutschen Wahrnehmung allerdings Jahrzehnte funktioniert.
     
  11. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied


    Das auch ein Bismarck ganz gewiss nicht ohne Fehl und Tadel war, darüber sind wir uns beide ganz gewiss einig *grins* .

    Deshalb hat sich ja das Zarenreich ja auch das dringend benötigte Kapital an der Pariser Börse geholt und Bismarck machte ein langes Gesicht, denn sein brutale Politik hat nicht funktioniert. 1889 war Bismarck aber soweit, das er die russischen Eisenbahnobligationen zur Notierung an der Berliner Börse zulassen wollte.
    Aber auch die Dumm- und Torheiten in den Zoll- und Handelsfragen, wo die russische Seite durchaus entgegenkommend und verständigungsbereit war, wurde vo Bismarck alles andere als glücklich geschweige denn professionel gehändelt.

    Aber es gab ja auch nicht zu verachtende innenpolitische Strömungen, die da meinten, man dürfe den Russen nicht das Kapital für einen Vernichtungskrieg gegen Deutschland zur Verfügung stellen.

    Das war eingrundlegend falscher Schritt. Aber was danach von den restlos überforderten Caprivi, Marschall, Schwenitz und Holstein für eine Politik getrieben wurde, ist eine andere Qualität. Denn Wilhelm war bereit den Rückversicherungsvertrag zu verlängern, verwies Schuwalow aber an die Herrn des AA mit den bekannten Folgen. Man hat sich hinsichtlich England doch irgendwelchen Illusionen hingegeben. Auf der einen Seite wurde der Rückversicherungsvertrag ohne Not aus der Hand gegeben, während man auf der anderen Seite noch gar nichts in Händen hielt. Ganz im Gegenteil, Berchem hat der britischen Seite sogar unfassbarerweise wissen lassen, das man die Bindung an das Zarenreich gelöst hatte. Es gab nun für die Briten überhaupt gar kein Grund mehr, sich mit dem Deutschen Reich zu jenem Zeitpunkt zu verbünden.
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. Februar 2010
  12. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Das ist ein ganz wichtiger Hinweis!

    Schaut man sich die Abläufe 15 Jahre später an, so waren die französischen Kontakte nach Moskau bedeutende Hilfe für den britische Ausgleich.

    Der deutsche Schwenk bei der Finanzierung kam allerdings zu spät und war mangels Substanz zu gering, etwa im Verhältnis 1:10 gegenüber Paris. Ohne frz. Finanzierung war die weitere russische Industrialisierung schon nicht mehr zu machen.
     
  13. tomgo92

    tomgo92 Neues Mitglied

    Ich denke, das letzte, was hier getan werden sollte, ist Bismarck die überragend-außenpolitischen Fähigkeiten abzusprechen. Ohne den Eisernen wär der 42 Jahre bestehende Frieden im Gesamten niemals zu Stande gekommen. Ohne die von Bismarck initiierte Mittelmeerentente, welche das Zarenreich de facto isolierte, hätte Rußland überhaupt nicht paktiert. Holstein betreffend vermute ich, dass er nachweisbar einen gewissen Einfluss hatte. Man schätzte seine Fähigkeiten, aber er wurde er zwielichtig charakterisiert und von Bismarck als auch von Wilhelm nicht sonderlich gemocht. Außerdem konzentrierte er seine Arbeit weitestgehend auf Großbritannien und er übte massive Kritik am Rückvers. Vetrag, schon bei Abschluss dessen. Er befürwortete sogar einen Präventivschlag gegen das Zarenreich, ergo plädierte er von Anfang an gegen diplom. Lösungen. Unsicher bin ich mir beim Einfluss zu Eulenburgs.... auf diese Diskussion.
     
  14. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Bismarcks Leistungen in der Außenploitik werden hier auch gar nicht in Frage gestellt. Nur, war eben nicht alles Gold.

    Bismarck ging es in der Sache doch darum sowohl Österreich-Ungarn als auch Russland bündnispolitische Alternativen zu verbauen. Im Falle Österreich war dies Großbritannien und im Falle Russlands Frankreich. Das war schon vor der Mittelmeerentente nämlich beim DreiKaiserabkommen die Maxime Bismarcks. Nur wenn ihm dieses gelang, konnte an ein Abkommen mit diesen beiden Mächten gedacht werden.

    Bismarck hat dabei insbesondere gegenüber Russland eine knallharte Pressionspolitik, Russland benötigen die Verbindungmit den deutschen Banken um den Rubelkurz aber auch um den Staatskredit zu stützen, angewendet und damit ja auch bekanntermaßen "Erfolg" gehabt, obwohl die Russen lieben eine Vereinbarung nur mit dem Deutschen Reich abgeschlossen hätten. Aber die russische Führung war sich in dieser Frage ganz und gar nicht einig..
    Interessant bei der Verlängerung dieser Vereinbarung im Jahre 1884, das sich das Deutsche Reich und Österreich - Ungarn jetzt der Position des Zarenreiches in Sachen Dardanellen anschlossen. Das bedeutete in der Sache, das Russland berechtigt sei gegen die Türkei Krieg zu führen, wenn diese britischen Kriegsschiffen die Durchfahrt in das Schwarze Meer gestatten würde. Und auch nicht uninteressant: Österreich-Ungarn behielt sich die Option auf eine spätere Annektion von Bosnien und Herzegowina vor.

    Auch nicht ganz unproblematisch war die Verlängerung des Dreibundes im Jahre 1887. Dort wurde Italien Kompensationen auf dem Balkan erhalten sollt und zwar für den Falle neuer Erwerbungen Österreich-Ungarns.

    Die Mittelmeerentente war letzen Endes eine defensive Vereinbarung, über die sich Russland nicht wirklich Sorgen hinsichtlich einer Isolierung machen musste. Denn konkrete Zusagen gab es lediglich für einen Kriegsfall im Westen; nicht für den Osten! Auch wenn Salisbury gegenüber den deutschen Kronprinzen seiner Meinung Ausdruck verlieh, das Großbritannien im Falle einer russischen Aggression gemeinsame Sache mit Italien und Österreich-Ungarn machen würde, war dies keine bindende Abmachung.

    Bismarck hat sich doch insgesamt gesehen mit seinen fünf Bällen genaugenommen zwei Alternativen geschaffen. Entweder mit dem Dreibund, das bedeutete in der Konsequenz auch mit Großbritannien, gegen Russland oder aber mit Österreich-Ungarn und Russland gegen Großbritannien und logischerweise dann wohl auch gegen Frankreich. Entsprechend mussten jeweils die Beziehungen gepflegt werden.
     
  15. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Angeschlossen haben sie sich schon 1881:

    "Art. III Die drei Höfe erkennen den europäischen und wechselseitig verpflichtenden Charakter des Grundsatzes der Schließung der Meerengen des Bosporus und der Dardanellen an, der sich auf das Völkerrecht gründet, durch die Verträge bestätigt wird und durch die Erklärung des zweiten russischen Bevollmächtigten in der Sitzung vom 12. Juli des Berliner Kongresses (Protokoll 19) nochmals zusammengefaßt ist.
    Sie werden gemeinsam darüber wachen, daß die Türkei nicht von dieser Regel zugunsten der Interessen irgendeiner Regierung abweicht, indem sie kriegerischen Operationen einer kriegführenden Macht den von den Meerengen gebildeten Teil ihres Reiches einräumt.
    Im Fall der Zuwiderhandlung oder um einer solchen, die vorauszusehen wäre, entgegenzuwirken, werden die drei Höfe die Türkei verständigen, daß sie sie in einem solchen Falle als im Kriegszustande gegenüber der verletzten Partei ansehen würden, und daß sie sich von nun an der Wohltaten der Sicherheit beraubt habe, die ihrem Besitzstande durch den Berliner Vertrag zugesichert worden waren."

    Art. III ist in den Rückversicherungsvertrag übernommen worden. Bereits hier sind - entsprechend der Auslegung beim Zustandekommen 1881 - in Absatz 1 und 2 von Artikel III im Kern zwei Fälle geregelt worden.

    Interpretiert man diese Regelung noch defensiv, so ist dann durch Art. 2 des Zusatzprotokolls ein offensiver Aspekt aufgenommen worden.
    "2. In dem Falle, daß Seine Majestät der Kaiser von Rußland sich in die Notwendigkeit versetzt sehen sollte, zur Wahrung der Rechte Rußlands selbst die Aufgabe der Verteidigung des Zuganges zum Schwarzen Meer zu übernehmen, verpflichtet sich Deutschland, seine wohlwollende Neutralität zu gewähren und die Maßnahmen, die Seine Majestät für notwendig halten sollte, um den Schlüssel seines Reiches in der Hand zu behalten, moralisch und diplomatisch zu unterstützen."
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. Februar 2010
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  16. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied


    He he he, habe ich doch glatt übersehen.:yes: Danke für die Korrektur.
     
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  17. Kutusow

    Kutusow Neues Mitglied

    Kaiser Wilhelm II konnte und wollte Bismarcks Bündnissysteme nicht überschauen:autsch:
    Auch wollte er zeigen,dass er auch ohne Bismarck Politik machen konnte.
    Das ging aber voll daneben.
     
  18. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Allerdings kann man sehr kritisch betrachten, ob diese Politik überhaupt fortsetzbar war.

    Oben ist schon auf Kennans skeptische Betrachtung hingewiesen worden. Man könnte zB noch Geyer (Der Russische Imperialismus) und Canis (Bismarcks Außenpolitik 1870 bis 1890: Aufstieg und Gefährdung) hinweisen.

    Geyer grenzt sich scharf von den älteren Darstellungen ab, die "klassisch" die Außenpolitik nahezu ausschließlich anhand der Außenamtsakten interpretierten.
     
  19. EL_Mercenario

    EL_Mercenario Neues Mitglied

    Wilhelm hätte den Rückversicherungsvertrag gerne verlängert, das wurde ihm aber von Caprivi ausgeredet.
     
  20. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Die Frage wäre eben, welchen Vertrag man inhaltlich und welcher Bindungswirkung verlängert bekommen hätte?


    Bereits zum Rückversicherungsvertrag ist den Akten zu entnehmen, dass die russische Seite mit dem Rückhalt zum Vorgehen gegen Bulgarien und in Richtung Dardanellen "unzufrieden" war.
     

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