Niederer Adel

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Mittelalter" wurde erstellt von Leano_MacLagan, 31. Juli 2021.

  1. Leano_MacLagan

    Leano_MacLagan Mitglied

    Ich habe gelesen das der niedere Adel im Gegensatz zu den ,,normalen" Bürgern einige Privilegien hatte die eben die ,,normalen Bürger" nicht hatten.

    Ich wüßte gerne welche das im einzelnen waren. Habe zwar schon selbst gesucht aber nichts gefunden. Ich hoffe ihr könnt mir da helfen.
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Die Frage ist, wann und wo du dich bewegst. Bürger im soziologischen Sinne gibt es erst recht spät (in Italien früher als in anderen Ländern). Bürgertum setzt Städtewesen voraus.
    Adelige hatten das Vorrecht auf Verwaltung und hatten militärische Aufgaben. Das unterscheidet sie von Bürgern, die allenfalls bei der Verteidigung ihrer Stadt ihren Mann auf dem ihrer Zunft oder Gilde zugewiesenen Mauerabschnitt stehen mussten. Dazu waren Adelige - wie auch der Klerus - i.d.R. steuerbefreit.
    Aber das Mittelalter währte 1000 Jahre, insofern ist das nur eine grobe Übersicht, die zeitlich und regional sehr viel komplizierter und/oder differenzierter sein kann.
     
  3. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Ist mit "Bürger" hier der Stadtbürger gemeint, oder einfach das normale, nicht-adlige Volk?

    In Preußen hatten die Gutsherren bis Mitte des 19. Jh. die niedere Gerichtsbarkeit inne, nicht staatliche Gerichte.
     
  4. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Das war die sogenannte Patrimonialgerichtsbarkeit. Das Wort stammt von Patrimonium=Gut. Das bedeutete, dass der Grundherr zugleich die Gerichtsbarkeit, zumindest die niedere Gerichtsbarkeit ausübte bzw. durch einen bestallten Dorfrichter ausüben ließ. Vor Patrimonialgerichten wurden allerdings geringere Fälle verhandelt, in denen es um Diebstahl, Ehebruch, Körperverletzung und dergleichen ging. Die Blut-, Hals- und peinliche Gerichtsbarkeit, die sich mit Kapitaldelikten wie Raub, Mord, Brandstiftung oder Vergewaltigung beschäftigte, blieb Gerichten vorbehalten, die mit dem "Blutbann" ausgestattet waren. Die Richter an solchen Gerichten hatten in der Regel ein Studium absolviert.

    In Kurhessen wurde die Patrimonialgerichtsbarkeit im Rahmen der Justizreformen im Königreich Westphalen abgeschafft. Ein Kriminalist führte die Fahndungserfolge vor allem auf die Justizreformen zurück. Auch wenn Kurfürst Wilhelm I. nach seiner Rückkehr als erstes den "alten Zopf" als Frisur in der Armee wieder einführte und fast alle Reformen rückgängig machte, beließ er einige der Innovationen wie Geschworenengerichte und führte die Patrimonialgerichte nicht wieder ein.
     
  5. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Die Patrimonialgerichtsbarkeit umfasste oft viel mehr als nur kleinere Delikte, nämlich auch erhebliche Teile des Familien- und Erbrechts; teils auch einige Angelegenheiten des Sachen- und Schuldrechts.
     
  6. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Da müsste man klären, über welchen Zeitraum wir sprechen. Der niedere Adel, das Rittertum, ging ursprünglich aus unfreien Dienstleuten hervor, den sogenannten Ministerialen (Minister= Diener Latein) Aus dieser Ministerialität, aus ursprünglich einmal unfreien Gefolgsleuten/"Dienstmannen" entstand im Laufe der Jahre eine adelige Kriegerkaste berittener Berufskrieger hervor.

    Reiter, Ritter, Eques, Chevalier, Caballero, Cavalliere oder auch der Kavalier stammen vom gleichen Wort Caballus= der Gaul) ab und wurde zu einem Adelstitel.
    Um die Ritterwürde erlangen zu können, war eine Adelsprobe von mehreren adeligen Vorfahren erforderlich. Im hohen und späten Mittelalter stiegen die materiellen Anforderungen um einen "standesgemäßen" Lebenstil führen zu können an. Viele Ritter konnten sich die hohen Kosten für Turniere, Rüstung und die hohen Kosten für eine Schwertleite nicht leisten und musste sich mit dem Status eines "Edelknechts", Armigerus, Scutarius, Knappen begnügen. Im Englischen hat sich das Word Squire oder Esquire von lat. Scutarius Knappe, Schildträger) als Titel oder Höflichkeitstitel für den untersten Rang der Gentry, des niederen Adels erhalten.

    Ein Schwert oder goldene Sporen als Statussymbol der Ritter zu tragen, war dem Adel, streng genommen nur Rittern vorbehalten. An Turnieren teilnehmen zu dürfen, war Privileg des Adels. Nur wer überhaupt die Zahl an ritterbürtigen Vorfahren vorweisen konnte und standesgemäß lebte, durfte es wagen, sich bei einem Turnier blicken zu lassen, zumindest als Teilnehmer. Das war ein teurer, riskanter Sport, bei dem man ein Vermögen gewinnen oder auch verlieren konnte. Wer aus dem Sattel geworfen wurde, verlor sein Pferd an den Sieger, sofern man nicht vorher eine Ablösesumme vereinbarte.

    Ausgebildete Ritterpferde (dextrarius) wurden am Zügel auf der rechten Seite von einem Knappen geführt und erst im Einsatz geritten. Solche Pferde kosteten ein Vermögen und waren so teuer, dass man sie sich gegenseitig auslieh.

    Je nach Rang wurde ein Ritter von mehreren Knappen bei Ritterspielen begleitet. Ein Edelknecht durfte 1, ein Ritter 2, ein Graf 3 und ein Fürst 4 Knappen mitbringen.

    Da die Kosten stiegen, viele Adelige aber verarmten, gründeten im 15. Jahrhundert Ritter Turniergesellschaften, um auch ärmeren Rittern die Teilnahme zu ermöglichen.

    Es gab verschiedene Formen von Ritterspielen/Turnieren.

    Ursprünglich begannen Turniere mal als Manöver für den Ernstfall. Beim Buhurt kämpften zwei Mannschaften zu Pferd miteinander. Beim Tjost versuchte man im Einzelkampf den Gegner aus dem Sattel zu werfen. Den Tjost konnte man steigern. Beim Tjost wurden stumpfe Lanzen verwendet. Das Rennen war das gleiche nur mit scharfen Lanzen. Es war nicht Ziel, den Gegner zu töten, obwohl das unbeabsichtigt recht oft vorkam. Es kam darauf an, Geschicklichkeit und Mut zu demonstrieren.

    Rennen oder Tjost war aber auch am teuersten. Turnierrüstungen und Pferde waren teuer. Um die Kosten zu senken, veranstalteten die Turniergesellschaften sogenannte Kolbenturniere. Die einzigen Waffen waren Streitkolben aus Holz, baseballschlägern ähnliche Waffen. Eine Turniergesellschaft, die Bengeler hatten igren Namen vom Bengel, einer keulenähnlichen Schlagwaffe Bei den Turnieren ging es freilich oft sehr rau und durchaus nicht immer sonderlich ritterlich zu. Das Kolbenturnier artete in wilde Schlägereien aus, bei denen die Teilnehmer sich aber anscheinend sehr amüsierten. Ein Ritter namens Wilwolt von Schaumburg schrieb einen Bericht über seine Turnierabenteuer die er erlebte, bevor er sich gut verheiratete.

    Kaiser Maximilian wurde oft der letzte Ritter genannt. Er war ein hervorragender Reiter, der seine Abenteuer im "Theuerdank" verewigte. Um nicht verletzt zu werden, untersagte sein Vater Maximilian die Teilnahme an einem Turnier. Er fälschte daraufhin die Unterschrift seines Vaters, um trotzdem teilnehmen zu können. Dabei wurde er aus dem Sattel geschleudert, was Friedrich III. sehr amüsiert haben soll.
     
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  7. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Wobei man hier noch folgendes bemerken muss: im Vulgärlatein sind häufiger mal Pejorativa des Standardlateinischen als die Hauptseme verwendet worden. So wurde Casa (lat. Hütte) in den meisten romanischen Sprachen zum Standardwort für ‚Haus‘ und der Klepper (caballus) verdrängte das equus, das sich in den romanischen Sprachen nicht fortsetzte. Nur damit das nicht missverstanden wird: was für Caesar und Cicero ein Gaul oder Klepper war, war für den Franzosen oder Portugiesen einfach ein ganz normales Pferd.
     

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