Noricum - Sprachen und Namen

Dieses Thema im Forum "Das Römische Reich" wurde erstellt von Sepiola, 5. August 2022.

  1. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Auf diese Seite bin ich auf der Suche nach einer Karte des römischen Noricum gestoßen:
    Archäologie & Geschichte - Alauni

    Der Text dazu enthält schon ein paar sprachliche Klopper:
    Bei Ptolemaios (in der Stückelberger-Graßhoff-Ausgabe) findet sich die Schreibweise Alaunoi/Alanoi, Schreibweisen mit H- finde ich nirgends. Ptolemaios kennt außerdem noch eine Stadt namens Alauna und einen Fluss namens Alaunos in Britannien (offensichtlich diesen), einen alaunischen Stamm in Sarmatien und einen Berg Alaunon, ebenfalls in Sarmatien.

    Zur Etymologie des Namens kann ich nicht viel Sicheres sagen.
    Mit ziemlicher Sicherheit gab es im Keltischen kein Wort "Hal = Salz"; das keltische Wort lautete wohl *salano-; eine Entwicklung vom s zum h fand zwar in den britannischen Sprachen statt, im Gallischen (und auch im Irischen) jedoch nicht.
    Mit dem Wort für 'weiß' dürfte wohl *albiyo- gemeint sein, da führt auch kein Weg zu den Alauni.

    Das deutsche Wort Alaun kommt vom lateinischent alumen (davon ist auch das Wort Aluminium abgeleitet)

    In dieser Arbeit wird gallisch Alaunus auf ein Wort *al- 'wachsen' zurückgeführt und mit lat. Alumnus verglichen:
    Keltische Personennamen in Noricum - Benennungsmotive und Semantik
     
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  2. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    "Eine andere Interpretation geht dahin, dass hier* ein althochdeutsches Wort des frühen Mittelalters vorliegt. (...) Insgesamt scheint es sich also um einen terminus technicus der frühmittelalterlichen Montanistik zu handeln"
    aus Hall (Ortsname) – Wikipedia
    *bei Hall in Ortsnamen
     
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  3. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Hier geht es zum Projekt "Altkeltische Sprachreste in Österreich":
    Altkeltische Sprachreste in Österreich: Das Projekt

    Leider führen die meisten dort angebrachten Links ins Leere.
    Was funktioniert, ist das Verzeichnis "Nichtmediterrane Namen in Noricum" (davon die meisten keltisch bzw. wahrscheinlich keltisch) mit 1381 Einträgen:
    Celtic personal names from Norica

    Leider nichts erfährt man auf dieser Seite über die vier angeblich keltischen Inschriften aus Grafenstein, Dürrnberg, Frauenberg und Magdalensberg. Mit ihnen hat sich David Stifter eingehend beschäftigt:

    https://www.researchgate.net/profil...erpretativen-Eisenzeitarchaeologie-Teil-2.pdf

    Als authentische keltische Inschrift kann demnach nur die in Grafenstein (Kärnten) gelten. Das Becherfragment vom Frauenberg bei Leibnitz (Steiermark) enthält zwei venetische Buchstaben, das reicht nicht aus, um die Inschrift als "keltisch zu klassifizieren. Das sogenannte Schreibtablett vom Dürrnberg wurde einst ins 3. bis 4. vorchristliche Jahrhundert datiert, galt aber als unleserlich. Laut Stifter handelt es sich aber um lateinische Kursivschrift und wäre (mit aller Vorsicht) am ehesten ins späte 4. Jahrhundert zu datieren. Es ergibt sich die Lesung †eslugieni† oder wahrscheinlicher †esiugieni†, das könnte der keltische Name Esugeno sein.
    Die "norische" Inschrift vom Magdalensberg hat sich als Fake der 1950er Jahre erwiesen.
     
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  4. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Im Gebiet des einstigen Noricum lassen sich historisch fünf verschiedene Sprachen nachweisen. In weiten Teilen des Landes wurde also viermal die einheimische Sprache jeweils vollständig durch eine neu hinzugekommene fremde Sprache verdrängt.

    Die älteste Sprache war eine indoeuropäische, nicht-keltische Sprache. Sie lässt sich nur über Toponyme erschließen. In Tirol, wo keine durchgehende sprachliche Keltisierung stattgefunden hat, gibt es Siedlungsnamen, die auf diese (oder eine benachbarte, nah verwandte) Sprache zurückgehen; ansonsten geben nur noch die (oft besonders zählebigen) Gewässernamen Auskunft.

    Dann kam das Keltische. Ob die vorkeltische Sprache vom Keltischen komplett verdrängt wurde, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Falls es noch vorkeltische Sprachinseln gegeben haben sollte, wurden diese - wie auch das Keltische - im Lauf der fünfhundertjährigen Römerherrschaft vom Lateinischen verdrängt.

    Im späten 5. Jahrhundert muss ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung abgewandert sein; die Vita Severini spricht sogar von einer kompletten Evakuierung, doch kann diese allenfalls den Ostteil Noricums betroffen haben.

    Antik-romanische Siedlungsnamen sind nur noch in Oberösterreich, Salzburg, Osttirol, Kärnten (sowie in Slowenien und dem Chiemgau/Rupertswinkel, auf der Karte nicht zu sehen) erhalten geblieben; in Niederösterreich und der Steiermark gibt es keinen einzigen Siedlungsnamen aus norischer Zeit mehr:

    upload_2022-8-5_22-12-50.png

    Die dann einsetzende slawische Besiedlung war nicht ganz flächendeckend, erfasste aber den größten Teil des ehemaligen Noricum:

    [​IMG]
    https://www.reddit.com/r/Austria/comments/91pds8/slawische_ortsnamen_in_österreich_nach_otto/

    Zuletzt wurde das Slawische (und die letzten Reste des Romanischen) weitgehend vom Bairischen verdrängt, mit Ausnahme des Südostens (Slowenien, z. T. Kärnten).

    Es gibt einen Fluss, an dem sich alle fünf Sprachschichten heute noch ablesen lassen:
    So trägt einer der Quellflüsse der Pielach den altertümlichen Namen Natters (*Natirā) – vgl. die Tiroler Siedlungsnamen Natters bzw. Naturns –, der Hauptfluss wurde später in keltischer Zeit zu *Leukā umbenannt, davon leitet sich der deutschsprachige Gemeindename Loich ab. In slawischer Zeit kam es nochmals zu einer Neubenennung *Bělā, daran wurde das deutsche Gewässerwort -ach angehängt (die Natters wurde zum Nattersbach), so entstand der Name Pielach.
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. August 2022
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  5. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Neulich hatten wir es mal vom anlautendenden f- im Keltischen;

    Auch im Noricum gibt es keinen einwandfrei keltischen Namen mit anlautendendem f-:
    Celtic personal names from Norica

    Die oberbayerische Gemeinde Valley, die ihren Namen auf eine angebliche "keltische" Göttin namens "Fallada" zurückführt und sich daher brüstet, die "älteste Siedlung" der Gegend zu sein, ist auf einen dilettantischen Humbug hereingefallen (wenn sie ihn nicht selbst produziert hat). Falbalas und Falladas gab es in historischer Zeit nicht.
    Gemeinde Valley: Geschichte
     
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  6. Naresuan

    Naresuan Aktives Mitglied

    Wahrscheinlich bestens bekannt: Auch im Wallis gibt es ein Naters – Wikipedia .
    Darf man einen sprachlichen Zusammenhang mit den erwähnten Natters, Naturns im Tirol annehmen? Ist das eher als Einzelfall zu betrachten oder kann man davon ausgehen, dass diese alte Sprache auf dem Gebiet des Noricums bis in die Westalpen reichte oder gar umgekehrt?
     
  7. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Kann das Fehlen von antik-romanischen Siedlungsnamen in Niederösterreich und Steiermark auch auf eine geringe Besiedlungsdichte oder sogar fehlende Besiedlung in der Antike hindeuten? Sind in den Bereichen römische Siedlungsspuren literarisch (z. B. Itinerarien) oder archäologisch nachgewiesen?
     
  8. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    ortsnamen.ch
     
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  9. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    An überlieferten Siedlungsnamen ist kein Mangel, siehe z. B. die Peutingerkarte:
    upload_2022-8-6_17-2-20.png
     
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  10. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Zur nördlichen Straße - an der Donaugrenze entlang - gibt es bei Wiki eine Karte:

    Limes Noricus – Wikipedia

    Im Westen haben wir einige Siedlungen, deren Namen antiker Herkunft sind:
    - Batava = Passau
    - Lentia = Linz
    - Ovilava = Wels
    - Lauriacum = (Enns-)Lorch

    Östlich von Lauriacum hat sich auf norischem Gebiet kein einziger Siedlungsname aus römischer Zeit gehalten.

    Was stattdessen ins Auge fällt, sind einige Mauer-Namen:
    - Mauer an der Url (Mauer bei Amstetten)
    - Traismauer
    - Zaiselmauer

    Mauer-Namen wurden typischerweise von frühen bajuwarischen oder alemannischen Siedlern vergeben, und zwar für verlassene Römerorte, deren Steingebäude noch zu sehen waren, deren Namen aber niemand mehr kannte. (Für die Neuankömmlinge, die ihre Häuser aus Holz zu bauen pflegten, waren gemauerte Wände eine zur Namengebung geeignete Besonderheit.)

    Im Namen Traismauer hat sich ein antiker Flussname erhalten, es handelt sich um den ursprünglich keltischen Flussnamen Tragesamā ('der schnell fließende'). Von diesem Flussnamen leitet sich die auf der Peutingerkarte verzeichnete Station Trigisama ab. Der Flussname hat sich wie in vielen anderen Fällen bis in die heutige Zeit erhalten, er lautet heute Traisen (ein Namenszwilling ist die Dreisam). Der Flussname wurde später zum Landschaftsnamen und stand auch Pate für die Siedlungsnamen Traisen und Traismauer.
     
  11. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

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