Paradigmenwechsel in der Alltagsgeschichtsschreibung

Dieses Thema im Forum "Kultur- und Philosophiegeschichte" wurde erstellt von Raquel Ibn Esra, 6. September 2009.

  1. Raquel Ibn Esra

    Raquel Ibn Esra Neues Mitglied

    Spätestens seit Mitte der 80er Jahre ergriff der Paradigmenwechsel der linguistischen Wende auch die Geschichtswissenschaft. Nicht mehr harte Fakten wurden beschrieben, sondern der Diskurs war gefragt. Wie wirkt sich dies auf die Alltagsgeschichtsschreibung, besonders was die Ernährungsgewohnheiten betrifft, aus? Ist die "Globalisierung" von Nahrungs- und Genussmitteln wirklich ausschließlich positiv zu sehen? Gibt es Forschungsbeispiele auch z. B. aus ehemaligen Kolonien, die eine andere Sichtweise vertreten? Und wie wird heute die Arbeits- und Entstehungsweise der Botanischen Gärten gesehen, die eine bisher unterschätzte Rolle bei der Akklimatisation von Nahrungs- und Genussmitteln spielten? Gibt es Historiker außer Reinhard Wendt, die sich damit beschäftigen? Welche neuen methodologischen Ansätze gibt es hier?
    Für Antworten und Denkanstöße bin ich sehr dankbar.
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Vielleicht Thomas Ertl? Der jedenfalls schrieb Seide, Pfeffer und Kanonen. Globalisierung im Mittelalter. Darmstadt 2008.


    Sicher nicht: Als Extrembeispiel mag die Great Famine dienen. Aber auch das schleichende Verschwinden einheimischer Nahrungsmittel von den Märkten (z.Zt. gibt es ja durchaus so etwas wie eine Renaissance vergessener einheimischer Nahrungsmittel, was dann vielleicht tatsächlich zu einer Bereicherung des Speiseplans führen könnte)
     
  3. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Aufgrund Deiner Einleitung bin ich nicht sicher, ob es Dir um "linguistic turn" geht oder um "Alltagsgeschichtsschreibung", wobei letztere wiederum unterschiedliche Konnotationen hat (Alltagsgeschichte ? Wikipedia). Auch die Unterscheidung zwischen "harte Fakten" und "Diskurs" ist mir erläuterungsbedürftig.

    In Linguistische Wende ? Wikipedia wird ein Artikel von Peter Schöttler genannt, der sehr zu empfehlen ist. Zum Einstieg auch: Sabine Todt, Linguistic turn, in: Goertz, Geschichte - ein Grundkurs, Reinbek: Rowohlt 2007, S. 178-198; Georg Iggers, Zur linguistischen Wende... in Geschichte und Gegenwart 21 (1995), 557-570.
     
  4. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Ich verstehe nicht so ganz, um was es dir geht. Meinst du die Veränderung der Ernährungsgewohnheiten etwa ab 1500 (Kolumbus) durch die kolonialen Handelsverflechtungen?
    Oder meinst du nur die Berichterstattung darüber?

    Welche Nahrungs- und Genussmittel sind hier genau gemeint? Mais, Kartoffeln, Tabak, Kaffee, Tee, Zucker, Gewürze? Und geht es dir dabei um die theoretische Einschätzung im Wandel der Zeit, also z.B ob es über den zunehmenden Tabak- oder Kaffeegenuss kritische Stimmen in Europa gab?

    Oder ob der Anbau von begehrten Kolonialwaren wie Kakao die bewährte Anbaupalette in z.B. den westafrikanischen Ländern veränderte und wie das wann gesehen wurde.


    Wie siehst du die Rolle der botanischen Gärten?
    Auch hier, geht es um praktische Anbauerfahrung oder mehr um die intellektuelle Einführung von Pflanzen aus anderen Erdteilen und die Propagierung eines positiven Pflanzenwertes iS eines heutigen Markenimages?
     
  5. Raquel Ibn Esra

    Raquel Ibn Esra Neues Mitglied

    Neue Sichtweisen, andere Ansätze?

    Hallo jschmidt,

    stimmt, in der Alltagsgeschichtsschreibung scheint es keine Wendung gegeben zu haben, sie ist zusammen mit der linguistic turn in den 80er Jahren entstanden. Das habe ich nicht beachtet.

    Nach der Definition auf wikipedia
    Linguistische Wende ? Wikipedia
    wandte man sich seit spätestens den 80er Jahren von dem Anspruch, historische Wahrheiten und harte Fakten zu entdecken ab und ging zum Diskurs über, indem Wahrheiten und Fakten erst sozial artikuliert werden.

    Trotzdem finde ich in der von mir gelesenen Literatur kaum eine andere Herangehensweise als die Aufzählung von Fakten, wann und wo ein Botanischer Garten gegründet wurde, wie Joseph Banks, der Berater, nach anderen Angaben Direktor der Royal Gardens Kew bei London, zu seinen Pflanzen kam, wie Alexander von Humboldt seine Herbarien-Sammlung durchnummeriert hat usw. usf.

    Wo sind die verschiedenen Sichtweisen, wo neue methodologische Herangehensweisen. Wie sind die wichtigsten Forschungsmeinungen zu der Errichtung und der Arbeit von Botanischen Gärten?

    Dazu Reinhard Wendt:

    "Gemeinsam ist den Nahrungs- und Genussmitteln auch, dass eine Art institutionelles Experimentierfeld existierte, in dem getestet werden konnte, unter welchen Bedingungen sie am besten gediehen und welchen Nutzen sie möglicherweise haben konnten: der botanische Garten. Anders als in den mittelalterlichen "horti medici", in denen lediglich heilkräftige Pflanzen zur medizinischen Nutzung kultiviert wurden, dienten botanische Gärten der theoretischen und praktischen Forschung." (Vom Kolonialismus zur Globalisierung. Europa und die Welt seit 1500, 2007).

    Etwas anderes habe ich nicht gefunden. Auch keine Diskussionen darüber.
    Gruß
    RIE
     

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