Propaganda im Dritten Reich

Dieses Thema im Forum "Das Dritte Reich" wurde erstellt von Klaus1971, 19. Juni 2017.

  1. Klaus1971

    Klaus1971 Neues Mitglied

    Seid gegrüßt!

    Im Rahmen des Themenblocks der "NS-Propaganda" würde mich interessieren, was euch spontan zur Frage "Propoaganda im Dritten Reich - Viel lärm um nichts?" einfällt. Es geht also darum die Propaganda auf ihre Effektivität hin zu untersuchen.

    Freundliche Grüße,
    Klaus
     
  2. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Von welchem Modell der kommunikativen Wirkung von Propaganda gehst Du überhaupt aus?

    Das wäre die erste Frage, um die "Wirkung von propagandistischer Massenkommunikation" zu greifen.

    Und im nächsten Schritt wäre die Frage zu stellen, in welchem Verhältnis sich die interpersonelle Kommunikation in den sozialen Gruppen zu der Propaganda verhält. Was förderte die Akzeptanz der "Botschaften", was wollte man glauben, und was begünstigte die "Reaktanz" von politischen Botschaften?

    Nicht zuletzt wäre im "inhaltsanalytischen Sinne" zu fragen, was wurde zu welchem Zeitpunkt kommuniziert und welche dieser Inhalte waren relevant für die Wahlentscheidung der NS-Wähler während der Weimarer Republik.

    Um mal ein paar zentrale "Stolpersteine" für ein angemessenes Verständnis aus kommunikationstheoretischer Sicht zu benennen,
     
  3. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Die Propaganda im Nazireich war leider viel zu effektiv, um sie als "Lärm um nichts" abtun zu können. Welchen Stellenwert ihr die Nazis zubilligten, wird schon daran deutlich, dass ein eigenes "Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda" gegründet wurde mit einem überaus begabten Propagandisten, Joseph Goebbels an der Spitze.

    Schon Hitler hatte in "Mein Kampf" der Propaganda einen außerordentlich hohen Stellenwert zugebilligt. Er war davon überzeugt, dass Deutschland auch deshalb den Weltkrieg verloren hatte, weil die Propaganda der Alliierten der der Mittelmächte überlegen war. Hitler hatte auch das Rezept für eine erfolgreiche Propaganda verraten:

    Sie sollte möglichst schlicht sein, eine Schwarz-Weiß-Malerei, so dass selbst der Dümmste die Botschaft verstand, und sie sollte so penetrant immer wieder die gleichen Schlagworte wiederholen, dass auch die Gleichgültigen schließlich von ihr beeinflußt wurden. Goebbels Techniken und Rezepte waren etwas differenzierter, er sagte, dass Merkmal einer wirklich guten Propaganda bestehe darin, dass die Propaganda so fein und raffiniert ist, dass die zu Beeinflussenden es gar nicht merken.

    In den Botschaften war die NS-Propaganda barbarisch, archaisch, radikal und menschenverachtend. In ihren Mitteln und Methoden war sie außerordentlich modern, griff auf die neuesten Medien und Verkehrsmittel zurück, bediente sich bei Werbung und Reklame, so wie sie in den USA entstand. Im Wahlkampf charterte Hitler ein Flugzeug, mit dem er von Wahlkampfauftritt zu Wahlkampfauftritt reiste. So etwas hatte es in Deutschland, in Europa noch nicht gegeben. Der "Führer über Deutschland" textete der Völkische Beobachter. Er sagte zwar meistens das gleiche, aber er war heute in Königsberg und morgen vielleicht am Rhein wie ein Prophet, der buchstäblich vom Himmel kommt.
    Wäre die Propaganda nur heiseres Gebrüll und Gekeife gewesen, hätte sie nicht so viele Menschen aufhetzen und indoktrinieren können. Presse und Rundfunk waren schnell gleichgeschaltet. Es durfte in Deutschland nichts mehr geschrieben, gesprochen und gespaßt werden, was den neuen Machthabern nicht gefiel. Wer von den Journalisten, Autoren, Künstlern und Wissenschaftlern bleiben durfte und konnte, musste sich umstellen. Bei einer Rundfunkausstellung sagte Goebbels sinngemäß, man habe nun eine deutsche Kunst, einen deutschen Rundfunk, eine deutsche Presse, der Einwand, dass man die Juden nicht entbehren könne sei glänzend widerlegt. Unmissverständlich deutete er an, was von den Journalisten erwartet wurde- Linientreue Mit dem "Kulturbolschewismus" sei ein für alle mal Schluss! Wer es nicht mehr ins Ausland geschafft hatte und im alten Beruf in den Medien weiterarbeiten wollte, musste sich anpassen, musste den Sprachgebrauch ändern, anpassen.

    Mancher schaffte es trotzdem, hin und wieder kritische Töne einzuflechten, viele Autoren flüchteten ins Unpolitische, manche Journalisten hatten eine Klientel an Leserschaft, die ihnen auch weiterhin treu blieb. Im Kulturteil, im Sportjournalismus mochte es weiterhin gewisse Freiheiten geben, in der Politik war das nicht möglich. Die meisten passten sich dem neuen Sprachgebrauch an, heulten mit den Wölfen, und nicht wenige machten begeistert mit. Rundfunk, Film und Presse wurden systemkonform, und während des Krieges wurden die Töne immer radikaler, ging man gnadenlos um mit "Miesmachern", "Defätisten", "Volksverrätern". Ein harmloser Witz, eine spöttische Bemerkung kam manche teuer zu stehen, kostete sie den Job, die Freiheit, im schlimmsten Fall das Leben.

    Mit ausbleibendem Kriegsglück, nach Bombenangriffen, die bald auch deutsche Städte verwüsteten, wuchs aber auch die Anforderung an das Propagandaministerium, ein Film- und Rundfunkprogramm zu entwickeln, das Volk zu unterhalten und auf Linie zu halten. Bis zuletzt gab es Menschen, die sich nicht indoktrinieren ließen, "Hinkefüßchens Märchenstunde" nannte man hinter vorgehaltener Hand Goebbels Rundfunkprogramm. Viele hörten heimlich Radio Luxemburg oder den Soldatensender West, ein deutschsprachiges Programm der BBC, das recht fundierte Kenntnisse vom Kriegsverlauf und deutschen Truppenbewegungen bot. manche taten das nicht mal aus Opposition zum NS-Regime, sondern weil sie wissen wollten, was mit Angehörigen, Ehemännern und Freunden passierte, die an der Front waren.

    Meine Oma erfuhr so, dass die 129. hessisch-thüringischen Division 1944 bei Bobruisk aufgerieben und eingekesselt wurden, dass aber Trümmer davon, darunter mein Opa sich durch die Pripjetsümpfe bis zur alten polnischen Grenze zurückziehen konnten.
    Das hören von "Feindsendern" konnte als Hochverrat ausgelegt werden, dennoch wurden sie heimlich gehört. Das wussten auch Goebbels und seine Mitarbeiter. Eine Antwort darauf war das Duo "Tran und Helle", eine Kurzfilmserie, die sich außerordentlicher Beliebtheit erfreute. Tran, der von Ludwig Schmitz gespielt wurde, tat so ziemlich alles, was ein anständiger Volksgenosse nicht tat, nicht tun durfte. Das ging vom Schwarzmarkthandel und illegaler Lebensmittelbeschaffung beim Hamstern bis zum Hören von "Feindpropaganda". Der als einfältig gezeichnete Tran wurde in jeder Folge vom zackigen, staatskonformen "Helle" gespielt von Jupp Hussels wieder auf den rechten Weg geführt. Diese Kurzfilme wurden von einem bekannten Regisseur gemacht. In der Publikumsgunst erfreuten sich "Tran und Helle" außerordentlich großer Beliebtheit, und der einfältige Tran sprach offen aus, was öffentlich zu sagen, immer riskanter wurde. Er war sozusagen die Stimme des Volkes, dem die braunen Machthaber längst das Maul gestopft hatten. "Tran" war daher auch beliebter als "Helle", so beliebt, dass Goebbels schließlich die Absetzung des beliebten Programms anordnete.
     
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  4. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Zur Propaganda gehörte auch die passende Technik. Das Radio war noch neu und die Empfänger recht teuer. Mit dem Volksempfänger wurde dann ein preiswertes Radio verkauft, welches auch nur einen beschränkten Empfang hatte. So das Standardmäßig z.B. kein "Feindsender" empfangen werden konnte. Technisch versierte Bastler wußten sich trotzdem zu helfen.
     
  5. Klaus1971

    Klaus1971 Neues Mitglied

    Vielen dank für all diese qualifizierten Anworten! Hat mir sehr weitergeholfen.
     
  6. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Mag sein, dass sie effektiv war. Dennoch stellt sich auch in diesem Fall die Frage, welche Mechanismen der massenmedialen Beeinflussung relevant waren.

    Im Rahmen der Sozialpsychologie bzw. der Kommunikationssoziologie werden ja eine Reihe von Modelle diskutiert.

    Im Zentrum steht immer wieder die Frage, unter welchen Voraussetzungen, eine Meinungsänderung eintritt.

    Die ursprünglichen S-R Modelle haben sich schon lange als nicht mehr ausreichend erwiesen.

    Im Kern geht man heute davon aus, dass Menschen im Rahmen der Massenkommunikation das glauben, was sie aufgrund ihres Weltbildes glauben wollen.

    Konflikte vermeidend im Rahmen des Auftretens der kognitiven Dissonanz.

    Dazu ließe sich noch viel sagen (vgl. entsprechende Literatur)

    Ob die Propaganda letztlich erfolgreich war wird man schwer beurteilen können. Die diskursive Überprüfung der Wahrheit von Botschaften der NS-Propaganda war jedoch i allgemeinen nicht möglich.

    Das erzeugte, wie Noelle-Neumann es so zutreffend beschrieben hatte, eine "Schweigespirale". Im Rahmen dieses Prozesses nähert sich die "Mehrheit" der Meinung von "Meinungsführern" an - oder was man dafür hält - und übernimmt diese Haltung.

    In diesem Sinne war nicht die Propaganda die eigentlich relevante Größe, sondern die durch Terror erzwungene Anpassung an die vorgegebene Wahrheit.

    Dieser Prozess ist dabei nicht spezifisch für den NS-Staat, sondern die Mechanismen kann man in anderen autoritären oder semi-autoritären Staaten ähnlich erkennen.

    Curren, J.; Gurevitch, Michael; Woollacott, Janet (1977): Mass communication and society. London: Edward Arnold.
    Davis, Dennis K.; Baran, Stanley J. (1981): Mass communication in everyday life. A perspective on theory and effects. Belmont, Calif.: Wadsworth.
    MacQuail, Denis (1983): Mass communication theory. London: SAGE Publ.
    McQuail, Denis; Windahl, Sven (2006): Communication models for the study of mass communications.Harlow: Pearson Education.
    Rosengren, Karl Erik; Wenner, Lawrence A.; Palmgreen, Philip (2004, ©1985): Media gratifications research. Current perspectives. Beverly Hills, Calif.: Sage Publications.
     
  7. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

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  8. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

  9. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

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  10. schaf

    schaf Aktives Mitglied

    Als wissenschaftlicher Artikel ist er schlecht weil zu unsachlich.
    "Angeblich schändeten die Deutschen 1939 ein Kloster in Polen. Doch Strippenzieher der Geschichte war Goebbels selbst – und ein gefügiger Journalist der Agentur AP verhalf ihm zu einem weltweiten Propaganda-Coup."
    "
    Die Geschichte begann mit einer Meldung der polnischen Nachrichtenagentur PAT vom 3. September 1939, zwei Tage nach Beginn des deutschen Überfalls auf Polen: In Südpolen sei das Kloster von Tschenstochau, wegen des Marienbildes der »Schwarzen Madonna« ein berühmter Wallfahrtsort, von deutschen Truppen niedergebrannt worden. Reichspropagandaminister Goebbels notierte am 5. September 1939 empört in sein Tagebuch:

    »Die Polen machen eine tolle Greuelhetze. Das ist eine ganze Scala von Verbrechen. Vor allem das Märchen von der zerstörten Muttergottes in Tschenstochau. Das geht durch die ganze Weltpresse.«"

    "Die Story war zudem auf raffinierte Weise von einem Goebbels-Agenten in Paris »gepflanzt« worden. Ein deutscher Agent provocateur hatte den Erzbischof von Paris von der vermeintlichen Schändung von Kloster und Madonna in Kenntnis gesetzt. Der Kardinal traute den Deutschen das zu – und protestierte dagegen von der Kanzel."

    Göbbels schreibt so etwas in sein privates Tagebuch obwohl er die erfundene Geschichte selber in Umlauf gesetzt hat ?
    Das ist unwahrscheinlich. Dafür bräuchte es eine Quellenangabe.
     
  11. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Goebbels‘ Tagebuch ist kein Tagebuch á la „Mein Tagebuch von Hans Wurst/Lieschen Müller“. Es war immer für die Veröffentlichung vorgesehen. Normalerweise ist der Schreibprozess für ein Tagebuch der: der Ersteller schreibt seine Erlebnisse und/oder Gedanken nieder. Danach schaut er die Seite wahrscheinlich nie wieder an. Goebbels Tagebuch war nicht tagesaktuell, sondern diente dazu, an seiner Legende zu stricken. Der Mann war promovierter Germanist. Man kann über ihn viel sagen, aber mit Sprache konnte er umgehen. Er redigierte, schrieb um, verbesserte, passte an. Aus Sicht der Quellenkritik ist Goebbels Tagebuch daher kein Tagebuch im eigentlichen Sinn, sondern ein „literarisches“ Werk.
    Wenn wir Omas oder Opas Tagebuch auf dem Dachboden finden, dann gibt uns der einzelne Eintrag die tagesaktuellen Gedanken von Om/pa wieder. Es gibt keine Leserlenkung. Bei Goebbels dagegen zielte alles auf Leserlenkung ab. Sein Tagebuch war Teil der Propaganda, es sollte die Interpretation von Geschichte in der Zeit nach seinem Ableben lenken.
     
  12. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die Frage der Beurteilung der Glaubwürdigkeit von Nachrichten löst Kellner auf vielfältige Art. Eine gute und verläßliche Methode ist die "Konfrontation" von Informationen aus unterschiedlichen Zeitpunkten, da Propaganda nicht komplett kongruent ist.

    In seinem Tagebuch vom 13. 12. 1943 (S. 578) geht er auf den Pazifik ein und kommentiert: "18 Schlachtschiffe und 27 Flugzeugträger!". Wie er sich sehr intensiv mit der Bewertung der Glaubwürdigkeit der Berichterstattung zur Kriegsführung beschäftigt.

    Diese Zahlen, so der Beitrag, sagen, dass eine entsprechende Anzahl der US-Navy durch die Japaner versenkt worden sei.

    Aus seiner Kenntis, so die Kommentierung in seinem Tagebuch, wußte er, dass die USN 15 Schlachtschiffe und eine "? Flugzeugträger" hatte. {Es waren 4 "Flottenträger" Pazifik: 3 und Atlantik: 1 und weiteren kleineren "Geleitträgern"} Die zusätzlichen Neubauten während der Krieges hätten nicht ausgereicht, dass eine so große Anzahl hätte versenkt worden sein können.

    Kellner, Friedrich; (2011): "Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne". Tagebücher 1939-1945. Bonn: Bundeszentrale für Politische Bildung
     
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  13. DrTomWick

    DrTomWick Neues Mitglied

    Hallo es gäbe was was mich interessieren würde.Weiss einer wieso Erwin Rommel der erfolgreich Kommandant von den Nazis ermordet wurde?Und wieso Joseph Goebbels ihn nach seiner ermordung für die propoganda benutzt hat?
     
  14. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

  15. Traklson

    Traklson Aktives Mitglied

    Viele Historiker gehen davon aus, dass Rommel Kontakt zum Widerstand hatte und diesen unterstützte. Hitler stellte ihn vor die Wahl: Suizid oder Gerichtsverhandlung. Rommel wählte den Suizid.

    Rommel nahm ja bereits zu Lebzeiten eine besondere Rolle für Goebbels Propaganda ein. Die Hintergründe seines Todes wurden folgerichtig verschleiert,um den Mythos am Leben zu halten. So konnte man von der bereits investierten Propaganda weiter profitieren.
     
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  16. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Ja – und nicht nur das: Die NS-Propaganda griff vor dem Machtantritt mit Begriffen wie Systempresse oder Lügenpresse die etablierte Medienlandschaft frontal an, ohne das auch zu beweisen – es reichte die Behauptung, sie sei durch das „Weltjudentum“ gesteuert.

    Diese Begriffe reichten offenbar, die Leute zu verunsichern, zumal sie nach neuesten Methoden über die neuesten Medien verbreitet wurden. Und in dem Moment, in dem jemand zu zweifeln anfängt, ob das, was er täglich in seiner Zeitung liest, tatsächlich der Wahrheit entspricht, hat man schon halb gewonnen.

    Dass die Nazis hinterher, also nachdem sie an die Macht kamen, unter Ausschaltung aller Gegenstimmen selbst die übelste System- und Lügenpresse betrieben haben, ist die Ironie der Geschichte.
     
  17. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Oder folgerichtig. Sehe keine Ironie der Geschichte darin. Da sie die Presse aus ihrem Weltbild gesehen haben, mussten sie die Presse dann unter Kontrolle bringen. Und das ganze ist dank der neuen Medien heute noch viel einfacher, da wir mehr oder minder alle in einer Filterblase stecken.
     
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  18. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Ironie der Geschichte war das schon: Aus der Sicht derer, die das mit dem System- und Lügenpresse geglaubt und hinterher genau das bekommen haben.
     
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