Räuber/Diebe im Mittelalter?

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Mittelalter" wurde erstellt von Leano_MacLagan, 14. September 2021.

  1. Leano_MacLagan

    Leano_MacLagan Mitglied

    Insbesondere Suche ich, weibliche Räuber/Diebe aus dem Mittelalter. Zwar habe ich schon selber gesucht, aber nur männliche gefunden.

    Ich hoffe das ihr mir, da weiterhelfen könnt :rolleyes:.
     
  2. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

    Mal sehen ich noch ein paar finde. Aber erstmal die:
    Elisabeth Frommerin (auch genannt die „Alte Lisel“). es heißt wohl sie wird 1690 geboren; hingerichtet wird sie am 17.08.1732
     
  3. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

  4. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    In der mittelalterlichen Dichtung "Meier Helmbrecht" gibt es eine Räuberbraut Gotelind, d.h. die Braut eines Räubers. Es handelt sich hierbei jedoch um literarische Figuren.
     
    -muck- gefällt das.
  5. -muck-

    -muck- Aktives Mitglied

    Armut oder Gier sind nicht geschlechtsspezifisch, und Gelegenheit macht Diebe. Gerade das absolute Prekariat der städtischen Gesellschaft hatte ja auch kaum eine Wahl, als sich seinen Lebensunterhalt durch Diebstahl aufzubessern. Frauen blieb sonst nur noch die Prostitution.

    Es findet sich wohl auch die ein oder andere Räuberbande, zu denen Frauen gehörten. Meist handelte sich um die Ehefrauen und Geliebten der Räuber, und sie betätigten sich eher als Helferinnen im Hintergrund (z.B. durch den Unterhalt der Zufluchtsorte), aber zuweilen auch als Lockvögel oder dergleichen.

    Schließlich ist verbürgt, dass Frauen aus dem Tross einer siegreichen Armee oft die mehr oder weniger wehrlosen Verwundeten des geschlagenen Heeres ausraubten. Dafür gab es auch einen mundartlichen Begriff (aus derselben Schublade wie "Schnapphahn"), der mir allerdings gerade nicht einfällt.

    Im Zusammenhang mit dem Beitrag von @Ralf.M.: Es wird auffallen, dass alle seine Beispiele in der Neuzeit liegen. Wer nach Quellen über das Leben "gewöhnlicher" Leute im Mittelalter sucht, ist oft auf Zufallsfunde angewiesen. Je weiter wir zurückgehen, umso geringer wird ihre Zahl (wie z.B. Gerichtsakten).

    Auch wird der Kreis dessen, was geschrieben wird (Erinnerungswürdiges), durch wen (i.d.R. Klerus) und über wen (wichtige Leute), immer exklusiver. Um in den üblichen Quellen des, sagen wir, 13. Jahrhunderts aufzutauchen, musste ein ordinärer Räuber gleich welchen Geschlechts einigen Wind machen.

    Zwar ist die Vorstellung vom Mittelalter als "gesetzloser" Zeit falsch, aber man muss ja nur an seinen eigenen Lebenshorizont in diesem Informationszeitalter (!) denken. So werden in Deutschland jedes Jahr an die 2000 Menschen Opfer von Mord und Totschlag. Von wie vielen Fällen hat man aber selbst gehört?

    Kriminalität gehört zum Hintergrundrauschen der menschlichen Existenz. Sie ist teils charakterlich, oft aber auch wirtschaftlich bedingt. Deswegen würde ich mir die Mühe sparen, weiter nach Diebinnen und Räuberinnen namentlich zu suchen, und ihre Existenz kurzerhand voraussetzen.

    Allgemeiner Hinweis: Je gewalttätiger ein Verbrechen, umso geringer die Wahrscheinlichkeit, dass der Täter eine Frau ist. Das sagt uns die Statistik; die Begründung bietet die differentielle Psychologie (Stichwort "Big Five"). Die meisten Schwerverbrecherinnen sind tatsächlich Mittäterinnen der Verbrechen ihrer Partner.

    Deswegen erscheint es sinnvoll, für die Zeit vor der Statistik Ähnliches anzunehmen.
     
    Ralf.M gefällt das.
  6. Lukullus

    Lukullus Aktives Mitglied

    Ein weiteres literarisches Zeugnis aus dem 13. Jh. ist "Räuberin" aus den Heinrich von Morungen zugeschriebenen Minneliedern. Den Text zu ergooglen gelang mir nicht, es gibt da eine Reclam-Ausgabe die ich mal in Händen hatte.

    Ich vermute, dass auf indirektem Wege via wahrscheinlich eher spätmittelalterlichen Gerichtsakten vielleicht der eine oder andere Name greifbar sein könnte. In Schubert, E. (1995): Fahrendes Volk im Mittelalter, Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte., glaube ich vage erinnern zu können, dass auf Frauen hindeutende Spitznamen für Verurteilte auftauchten.

    Eine interessante Seite zum Thema mit umfangreicher Literaturanführung am Ende ist diese hier:
    https://www.regionalgeschichte.net/...iminalitaetsgeschichte-rand-gesellschaft.html
    "Auch gegen Diebinnen wurde mit unüblicher Härte vorgegangen und die Strafe des Lebendigbegrabens angewandt. Die Unterschiede in der Vollstreckung eines Todesurteiles gegen Frauen und Männer – neben dem Begrabenwerden war das Ertränken vor allem weiblichen Delinquenten vorbehalten – sind nur ein Beispiel für die große Vielfalt der Hinrichtungsarten je nach Delikt und Person. Die Gründe dafür sind nicht immer offenkundig: So wurde in der Forschung die Meinung vertreten, Frauen würden aus Schamempfinden nicht am Galgen gehenkt, weil es den Betrachtern unzüchtige Einblicke ermöglichen würde. Ausnahmen von dieser Regel verweisen jedoch auf die Grenzen solch ‚rationaler' Erklärungen."
     
    Ugh Valencia gefällt das.
  7. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Ich denke, ich bin da fündig geworden:
    "1.
    Sîn hiez mir nie widersagen
    unde warp iedoch
    unde wirbet noch hiute ûf den schaden mîn.
    des enmac ich langer niht verdagen,
    wan si wil ie noch
    elliu lant behern und sîn ein rouberîn.
    Daz machent alle ir tugende und ir schoene, die
    mengem man tuont wê.
    der sî an siht,
    der muoz ir gevangen sîn
    und in sorgen leben iemer mê.

    2.
    In den dingen ich ir dienstman
    und ir eigen was dô,
    dô ich sî dur triuwe und dur guot an sach,
    dô kam si mit ir minnen an
    und vienc mich alsô,
    dô si mich wol gruozte und wider mich sô sprach.
    Des bin ich an vröiden siech und an herzen sêre wunt;
    und ir ougen klâr
    diu hânt mich beroubet gar
    und ir rôsevarwer rôter munt."

    oder auf Neuhochdeutsch:
    "1.
    Noch nie hat sie mir die Fehde ansagen lassen,
    und doch
    sann sie stets und sinnt noch heute darauf,
    wie sie mir schaden kann. Dazu vermag ich nicht
    länger zu schweigen, denn sie hat noch immer
    die Absicht, alle Länder zu verheeren und eine
    Räuberin zu sein. Das kommt von all ihren
    Vorzügen und von ihrer Schönheit,
    die manch einem Mann Leid zufügen.
    Wenn einer sie anschaut, dann muß er ihr
    Gefangener sein und immerfort in Kummer leben.

    2.
    Damals, als ich mich in ihrem Dienste befand,
    ja ihr Leibeigener war, auf sie in treuer Ergebenheit
    und ohne Arg schaute, da überfiel sie mich mit
    ihrer Liebe und nahm mich gefangen, indem sie mir
    einen schönen Gruß entbot und mich freundlich
    ansprach. Daher bin ich, was meine Freude betrifft,
    krank und in meinem Herzen schwer verwundet.
    Ihre hellen Augen
    und ihr roter Mund
    haben mich gänzlich ausgeraubt."

    In diesem Minnelied geht es wohl eher darum, dass die besungene holde Dame dem lyrischen Ich das Herz geraubt hat - und weniger um strafrechtlich relevante Handlungen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. September 2021
    Lukullus gefällt das.
  8. Lukullus

    Lukullus Aktives Mitglied

    Erwischt! Dann gildet das natürlich nicht. ;)

    Gerade noch so am Mittelalter kratzend und mit fränkischem Lokalkolorit:
    • Bennewitz, N. (1999): Frauen im Konflikt mit dem Strafrecht im spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Nürnberg - Weibliche Kriminalität als schichtenspezifisches Problem. In: Jahrbuch für fränkische Landesforschung, 59.
    • https://www.mgh-bibliothek.de/dokumente/k/keh01004010.pdf
    Neben anderen Straftaten werden hier im Kapitel "Diebstahl und Raubüberfall" namentlich fassbare Beispiele aufgeführt, die ein umfangreiches Spektrum krimineller Handlungen fassen, vom Schmierestehen bis hin zum Mord. (S. 151-155)
     
    Ugh Valencia gefällt das.
  9. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

    Ich nehme mal auch an wie >Muck< schreibt, im Mittelalter wird es auch so manche Räuber*innen gegeben haben, nur waren die oft Handlangerin der/des Räuber(s), ihres Mannes oder gehörte zu einer Gruppe/Familie.
    Und wenn ertappt, in den Akten der damaligen Zeit ist wahrscheinlich dann nur der Mann aktenkundig geworden.
    Vielleicht machte man auch aus so mancher Räuberin einfach im Prozess eine Hexe und die sind ja zuhauf auch noch heute namentlich bekannt.

    Aber wir hätten da noch die Seeräuber*innen.

    Zum Beispiel:

    · Mary Read (1685-1721),

    · Anne Bonny (1690-?),

    · Madam Zheng Yisao (1775-1844,)

    · Jeanne de Belleville (1300-1359),

    · Sayyida al-Hurra (1485-1561),

    · Grace O’Malley (1530-1603) und

    · Rachel Wall (1760-1789), verh. Wall, unverh. Mauer.
     
    -muck- gefällt das.
  10. -muck-

    -muck- Aktives Mitglied

    Nun, Frauen wurden im Mittelalter durchaus als Verbrecherinnen "aktenkundig" und auch als eigenständiges Individuum angeklagt, anders als noch zu vorchristlicher Zeit. Worauf ich hinauswollte: Wie viele männliche Verbrecher des Mittelalters sind uns denn überhaupt bekannt?

    Nochmals ein Beispiel aus der Gegenwart: Namen wie ‚Dagobert‘ oder Markus Gäfgen bleiben uns in Erinnerung, weil es sich um Täter handelt, die spektakuläre oder besonders grausame Verbrechen begangen haben, oder deren Opfer Bekanntheit genossen.

    Detlef Soundso und Achmed Wieauchimmer, die eben gerade in Duisburg oder Berlin irgendein namenloses Opfer ausrauben oder ermorden, sind kommende Woche schon wieder vergessen. Nicht anders arbeitete die menschliche Psyche vor sechs- oder achthundert Jahren.

    Das Spektakuläre bleibt für die Nachwelt bewahrt, das Alltägliche genießt keine Priorität und verstaubt, falls es überhaupt verzeichnet wurde, in den Truhen und Schränken zuunterst. Es taucht auch nicht wieder auf, bis es nicht vom Zufall oder durch gezielte Forschung wieder zutage gefördert wird.

    Und was das anlangt, ist die Mediävistik eben eher mit Verbrechen beschäftigt, die konkret etwas über das Mittelalter aussagen, z.B. religiös motivierte Straftatbestände. Raub und Diebstahl gab es zu allen Zeiten.
     
  11. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Frauen spielten im "Fahrenden Volk" der "Rotwelschen", "Kochemer" durchaus eine wichtige Rolle etwa als Fluchthelferinnen oder auch als Baldowerinnen. Frauen konnten weit weniger verdächtig in fremde Häuser, Höfe etc. vordringen und günstige Gelegenheiten ausmachen für Raub oder Diebstahl, Vor allem Diebstahl in Läden an Ständen zu Markttagen, das sogenannte "Schottenfellen" war ein weibliches Delikt par excellence. Ein großes Ding zu drehen, einen Masematten zu handeln, wie die Gauner sagten, setzte aber neben Planung und Geistesgegenwart auch ein erhebliches Maß an krimineller Energie und auch eine gewisse Brutalität voraus. Um ein Schloss, eine Abtei, einen befestigten Platz zu plündern, war gut ein Dutzend bewaffnete abgebrühte Gauner nötig, zumal mit Gegenwehr durchaus zu rechnen war. Es war sehr selten, dass Frauen Raubüberfälle verübten oder daran teilnahmen.

    Wo allerdings durchaus Beutegemeinschaft und Beteiligung von Frauen vorkam, war im Millieu von Landsknechten. Der Söldner Peter Hagedorn beschreibt, wie ihn Partnerinnen beim plündern und Beute machen unterstützen.

    Im Rahmen von Räuberbanden war es sehr selten, vor allem seit Ende des 30 Jährigen Krieges.
     

Diese Seite empfehlen