Revolution in Russland und Ubootkrieg

Dieses Thema im Forum "Der Erste Weltkrieg" wurde erstellt von Laura123, 7. Juli 2019.

  1. Laura123

    Laura123 Mitglied

    Inwiefern hängen die Russische Revolution und die deutsche Entscheidung zum uneingeschränkten U-boot-Krieg zusammen? In einer Dokumentation schien es so als ob die Abdankung des Zaren zu dieser deutschen Strategieänderung führte. Ich hatte allerdings so datiert:
    Entscheidung zum uneingeschränkten U-boot-Krieg 1.2.1917
    Russische Revolution: März 1917 nach dem julianischen Kalender

    Stehe ich völlig auf dem Schlauch? :-/

    Danke für Hilfe!!
     
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  2. Laura123

    Laura123 Mitglied

    sorry nach dem gregorianischen natürlich
     
  3. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Welche Argumentation hat denn zu diesem Eindruck geführt? Und was sagt Wiki dazu.

    https://en.wikipedia.org/wiki/U-boat_Campaign_(World_War_I)
     
  4. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Ich würde meinen, dass es da keinen direkten Zusammenhang gibt. Von deuscher Seite her, namentlich auch der Seite einiger hochrangiger Militärs wie Tirpitz und Ludendorff beführwortete man die Aufnahme des uneingeschränkten U-Boot-Krieges für den Fall eines sich abzeichnenden russischen Ausscheidens aus dem Krieg, da man der Meinung war Großbritannien damit binnen weniger Monate aushungern und die Entente damit zum Frieden zwingen zu können, denn wäre das gelungen wäre einzig Frankreich als wirklich ernstzunehmender Gegner verblieben. Das Risiko einen Kriegseintritt der USA in Kauf zu nehmen, war man durchaus bereit, weil diese zu diesem Zeitpunkt über keine ernstzunehmende, mit der Kriegsführung in Europa vertraute Armee verfügten, die den Franzosen tatsächlich helfen konnte und so wäre der Krieg zu gewinnen - so die Theorie der genannten Herrschaften -.

    Die politisch weniger risikoreiche militärische Alternative zur Aufnahme des U-Boot-Krieges, wäre nach einem Ausscheiden Russlands aus dem Krieg eine Verlegung von Truppen nach Westen und der Versuch einer großen Westoffensive entweder in Frankreich oder Italien gewesen, wie man dass im Frühjahr und Sommer 1918 dann tatsächlich auch versuchte. Diese Variante wäre denkbar, allerdings auch kalkulierbar sehr verlustreich geworden, bei nicht wirklich abzusehenden Erfolgschancen, man denke an die Großoffensiven etwa bei Verdun, an der Somme oder später im Rahmen der Nivelle-Offensive, die sich aus unterschiednlichen Gründen für die Angeifenden mit fotschreitender Dauer zum Desaster entwickelten.
    Insofern musste der U-Boot-Krieg als strategische Konzeption den Militärs als eine verlockende Option vorkommen, denn wenn die Konzeption aufgegangen wäre und man in der Lage gewesen wäre die Briten binnen etwa eines halben Jahres aus dem Krieg heraus zu hungern, wäre dass die vergleichsweise unblutige Lösung zu Gunsten Deutschlands gewesen, denn die französischen Kräfte allein wären im Westen kaum in der Lage gewesen es mit den kombinierten Kräften Deutschlands und der Donau-Monarchie aufzunehmen, für die Amerikaner wiederrum wären 6 Monate ein zu kurzer Zeitraum gewesen, eine tatsächlich schlagkräftige Armee auszuheben und in Europa in Stellung zu bringen, so dass sie in der Lage geweswen wäre die Briten dort zu ersetzen.

    So weit die Konzeption die allerdings zwei Dinge vorraussetzte:

    1. Die Fähigkeit der Marine bzw. der U-Boote tatsächlich einen adäquaten Anteil der um Großbritannien verkehrenden Tonnage zu versenken und Britannien so zur Kapitulation zu zwingen (diese Fähigkeit wurde von deutscher Seite maßgeblich überschätzt, woran das ganze dann scheiterte).
    2. War es nötig Russland in einen Zustand zu versetzen, der die russische Regierung binnen kurzer Zeit zwingen musste den Krieg zu liquidieren um sich bei bedarf nach Britanniens erhoftem Ausscheiden mit allen verfügbaren Kräften auf Frankreich werfen und schnell Schluss machen zu können, bevor die Amerikaner eine Gelegenheit bekämen tatsächlich einzugreifen.

    Das bedeutet, dass diese Gedankenspiele innerhalb der deutschen politischen und militärischen Führung in dem Augenblick konkrete Konturen anzunehmen und virulent zu werden begannen, als sich ein russisches Ausscheiden aus dem Krieg langsam anbahnte. Selbiges war bereits in der 2. Hälfte des Jahres 1916 der Fall.
    Die russischen Truppen waren bereits im Jahr 1915 im Gefolge der "Durchbruchsschlacht" von Górlice-Tarnow (Schlacht bei Gorlice-Tarnów – Wikipedia ) sukkzessive aus Polen, Litauen und Kurland verdrängt worden.
    Im Jahr 1916 versuchte man von russischer Seite das verlorene Terrain zurück zu gewinnen und damit gleichzeitig die Franzosen und Briten zu entlasten. Das passierte vornehmlich im Rahmen der "Brussilow-Offensive" Brussilow-Offensive – Wikipedia . die Russland zwar die zeitweilige Rückeroberung einiger Gebiete ermögliche, die russisch Armee aber in extremer Weise ausbluten ließ.

    Im Anschluss daran, sprich ab Sommer/Früherbst des Jahres 1916 kam es von russicher Seite zu keinen nennenswerten größeren Offensivbemühungen mehr (dass sollte sich nur nach dem Februar-Umsturz im Rahmen der desaströsen Kerenskij-Offensive noch einmal ändern), stattdessen beschränkte man sich russischerseits nun auf Versuche das eigene Terrain zu halten.
    Angesichts der Tatsache, dass Russland keinen wirklichen Zweifrontenkrieg führen musste, denn die Kaukasus-Front gegen das Osmanische Reich band nicht wirklich signifikane Kräfte, sondern dass es nur eine gestreckte Westfront gegen Österreich-Ungarn und das Deutsche Reich zu bearbeiten hatte, während beide Gegenspieler wegen ihrer Fronten in Frankreich, Belgien, Italien und Südeuropa/Balkan hier nur mit Teilkräften operieren konnten, war das Ausbleiben weiterer russischer Offensiven, neben den nummerisch feststellbaeren Verlusten der Russen bereits ein sicherer Indikator dafür, dass die russische militärische Herrlichkeit endgültig über ihren Zenit war was die Möglichkeit der Liquidierung der Ostfront und damit die strategische Vorbedingung für das U-Boot-Kriegs-Szenario in geifbare Nähe zu rücken schien.

    Weiterhin fand bereits im August 1916 mit der Ablösung Erich von Falkenhayns als Generalstabschef durch das Gespann Hindenburg-Ludendorff (siehe 2. OHL Oberste Heeresleitung – Wikipedia ) eine maßgebliche Verschiebung zu Gunsten der Entscheidung für den U-Boot-Krieg statt.
    Falkenhayn war in seiner Konzeption auf eine Entscheidung im Westen ausgerichtet gewesen und wegen der damit verbundenen Risiken ein Gegner des U-Boot-Krieges. Hindenburg und im besonderen Ludendorff standen für eine andere strategische Konzeption, nach der zu erst Russland niederzuwerfen und sich dann auf den Westen zuu konzentrieren sei. Das deckte scih mit der Vorstellung des massiven U-Boot-Einsatzes im Falle von Russlands Ausscheiden aus dem Krieg recht gut und die offensichtliche militärische Schwäche der Russen nach der Brussilow-Offensive, schien das auch nahe zu legen.

    Möglicherweise mag neben der sichtbaren Schwäche Russland auch der strenge Winter 1916/1917, der in der Zivilbevölkerung zu Hungerwellen führte ( Steckrübenwinter – Wikipedia ) mit dazu beigetagen haben, mit dem U-Boot-Krieg auf eine schnelle Entscheidung setzen zu wollen.

    Die Februar-Revolution in Russland selbst, brach sich zu einem Zeitpunkt Bahn, als der Entschluss zum U-Boot Krieg bereits vollständig entwickelt war. Insofern war sie sicherlich weniger maßgebend, als viel mehr die vermeintliche Bestätigung der strategischen Richtigkeit dieser Maßnahme.
    Die für diese Entscheidung eigentlich relevante Periode ist aber in der längeren Genese eher in der zweiten Jahreshälfte 1916 zu suchen, in der auf deutscher Seite das Paradigma Falkenhayns die Entscheidung im Westen zu suchen zu Gunsten von Ludendorffs Konzeption einer Entscheidungsfindung zunächst gegen Russland anzustreben, aufgegeben wurde, während die Unfähigkeit der russischen Armee im Osten wieder die Initiative an sich zu reißen ihre militärische Schwäche manifest werden ließ.
    Das hat mit der Februar-Revolution selbst nicht viel zu tun.
     
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  5. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die Sicht auf Russland ist abwegig, um die relevanten Entscheidungsstrukturen zu rekonstruieren.

    1. Entscheidend ist die Einsicht aus dem Jahr 1915, dass der Krieg zu Lande nicht zu entscheiden war und Alternativen gefunden werden mußten für den "Sieg-Frieden".

    2. Die zentrale Größe ist dabei der Blick auf die USA, die Bethmann bewog, keinen uneingeschränkten U-Boot-Krieg zuzustimmen. Unterstützt durch entsprechende Bericht des Botschafters Bernstorff. Die entsprechende "Stimmung" von Bethmann gegenüber den - unverantwortlichen - Befürwortern ist sehr gut in Riezler`s Tagebücher beschrieben.

    3. Admiral von Holtzendorff hatte als Ergebnis eines uneingeschränkten U-Boot-Krieges "Sieg vor dem Herbst" (1917) prognostiziert.

    Die Logik des Plans war, die westlichen Armeen im Rahmen eines "Abnutzungskrieges" zu schwächen und die Zufuhr entsprechenden Nachschubs durch die Versenkung von Schiffen zu unterbinden.

    4. Im Prinzip war es das Konzept eines "Blitzkrieges" zu See, der die USA als Faktor ausblendete, da Holtzendorff davon "überzeugt" war, dass die USA entweder gar nicht oder zu spät und zu gering auf dem kontinentalen Kriegsschauplatz mit Logistik und Truppen eingreifen könnte.

    Rahn, Werner (1997): Strategische Probleme der deutschen Seekriegsführung 1914-1918. In: Wolfgang Michalka (Hg.): Der Erste Weltkrieg. Wirkung, Wahrnehmung, Analyse. Weyarn: Seehamer, S. 341–365.
    Terraine, John (2009): Business in great waters. The U-boat wars 1916-1945. South Yorkshire: Pen & Sword Maritime.
     
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  6. Laura123

    Laura123 Mitglied

    Die Doku hat folgenden Wortlaut: Doch dann die scheinbare Wende, eine Revolution stürzt in Russland den Zaren, nach langen Kämpfen im inneren des Landes setzen sich die Bolschewiki, die späteren Kommunisten unter Lenin, in der roten Oktoberrevolution durch. Die deutsche Führung hatte Lenin die Rückkehr aus dem Schweizer Exil nach Russland ermöglicht in der Hoffnung damit den Krieg auf russischer Seite beenden zu können. Dieser Plan geht auf, erwartungsgemäß beendet das neue Regime den Krieg mit Deutschland. An der Ostfront verbrüdern sich die einstigen Feinde. Ein Friedensvertrag wird aufgesetzt. Dieser befreit Deutschland aus der Umklammerung des Zweifrontenkrieges. Nun rollen die Züge in den Westen, vollgestopft mit Soldaten und Kriegsmaterial. Man glaubt die in Russland frei geworden Kräfte könnten die englisch-französische Front durchbrechen. Und das muss schnell passieren... [Und dann geht es um den Uboot-Krieg.]


    Beim Sehen dieser Doku entstand bei mir der Eindruck, dass ein direkter Zusammenhang bestünde und dazu wollte ich mal eure Meinungen hören, weil ich das irgendwie als schief empfand.
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. Juli 2019
  7. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Von der Prämisse des "Siegfriedens" war ich hier ausgegangen. Die Sicht auf Russland ist aber, meine ich, schon deswegen nicht abwegig, weil mit einem aktionsfähigen Russland im Rücken, auch unter Prämisse einer entsprechenden funktionierenden U-Boot-Waffe die Möglichkeit eines erfolgreichesn Abnutzungskrieges auch auf dem Papier in Frage stehen muss.
    Ferner ist die Entwicklung im Osten bei gleichzeitiger Stagnation im Westen, neben dem Kriegseintritt Rumäniens für die Ablösung Falkenhayns von erhöhter Bedeutung gewesen und damit für die Verschiebung des Kräfteverhältnisesses innerhalb der deutschen militärischen Leitung, was die Präferenz eines verschärften U-Boot-Krieges betrifft.


    Alles richtig, aber ich sehe nicht so ganz, wo das meinen Ausführungen widerspricht. Vielleicht reden wir auch aneinander vorbei oder meine Ausdrucksweise war diesbezüglich nicht hinreichend klar.
    Selbstverständlich ist die Zentrale Größe bei der letztendlichen Entscheidungsfindung der Blick auf die USA das bestreite ich nirgendwo.
    Ich würde, wie gesagt aber auch meinen, dass die Logik eines Abnutzungskrieges erst nach dem Aufbrechen des 2-Fronten-Krieges oder mindestens der starken Aussicht darauf tatsächlich an Plausibilität gewinnen konnte, denn so lange die deutliche nummerische und materielle Überlegenheit der Entente anhielt konnte ein "Abnutzungskrieg" nicht geeignet sein um eine Entscheidung im Sinne der Zentralmächte herbei zu führen.

    Das von dir angesprochene "Blitzkriegskonzept" konnte in der Theorie nur dann funktionieren, wenn man auch in der Lage war im Westen genügend Truppen aufzufahren um in einer schnellen Aktion die, durch den U-Boot-Krieg in ihrer Versorgung angeknaxten Truppen der Entente, auch schlagen und einen "Siegfrieden" im Besonderen mit Frankreich erzwingen zu können. Diese Kräfte konnten aber nur aus dem Osten kommen, womit wir automatisch wieder beim zwischenzeitlichen Aktionsschwerpunkt Ost sind, der für die praktische Umsetzung weitgehend abgewickelt sein musste.
    Daher halte ich eine Annäherung an das Thema über Russland für durchaus plausibel. Die dortigen Entwicklungen führten nicht direkt eine Entscheidung herbei, setzten aber den Rahmen für die weiteren, strategisch sinnvollen Szenarien und die wiederrum drängten, wollte man weiterhin auf einen Siegfrieden hinaus den U-Boot-Krieg geradezu auf, schon allein, weil man sich doch aus straegischer Perspektive für den immer wahrscheinlicher werdenden Fall einens russischen Kollaps Gedanken über seine weiteren Optionen machen musste. In Anbetracht der von dir angesprochenen Unmöglichkeit oder mindesens großen Unwahrscheinlichkeit einen rein als Landkrieg geführten Krieg mit einem "Siegfrieden" zu beenden.

    Heißt, sobald Russland am Ende war, drängte sich eine strategische Entscheidungsfindung auf, die im Prinzip zwei Schlüsse zuließ:

    1. Anstreben eines Status-quo-ante-Friedens, gegebenenfalls mit minimalen Veränderungen, was vor dem Brest-Litowsker Diktat sicherlich ein Unterfangen mit einer gewissen Erfolgswahrscheinlichkeit gewesen wäre.

    2. Radikalisierung des Krieges, was unter anderem auf den U-Boot-Krieg hinausläuft um mittels außerkonventionellen Maßnahmen das blutige Patt im Westen in eine für die Zentralmächte vorteilhafte Lage zu wandeln.


    Nun mag uns aus der ex-post-Perspektive sicherlich die erste Option als sinnvoller erscheinen, die brachte aber zeitgenössisch betrachtet einige Schwierigkeiten mit sich, die sie als wenig attraktiv ercheinen lassen musste:


    1. Bei der Verhandlung eines Friedens auf Basis des Vorkriegszustands an allen Fronten, hätte es keine Garantie für den Zerfall der Entente gegeben. Gehen wir davon aus, dass die "Bluff-Politik", sofern wir uns hier etwa an Clark halten wollen, der Juli-Krise, die in den Krieg führte vorwiegend den Zweck der Sprengung der Entente verfolgte, musste das für die etablierten Außenpolitiker, wie auch für Bethmann-Hollweg eine strategisch ungünstige Lösung darstellen.

    2. Wollen wir etwa Münklers Ausführungen zur Problematik der Liquidierung des Krieges bereits nach den fehlgegangenen Planungen des ersten Kriegsjahres, bedingt durch die zu rechtfertigenden Verluste folgen, so muss dies wohl im Ausgang des Jahres 1916 und dem Beginn des Jahres 1917 erst recht gelten. Aus einem auf dem Vorkriegszustand basierenden Frieden hätten keine nennenswerten Gewinne resultiert, die man der aufgestachelten Bevölkerung, die die Lasten des Krieges im Wesentlichen zu tragen hatte, hätte präsentieren können. Bedenkt man die, sich durch die Geschiche des Kaiserreichs ziehende Furcht vor der Revolution, die schon vor dem Krieg erheblich gestärkte Ausgangslage der Sozialdemokratie, so wie die schon vor dem Krieg existierenden latenten Schwierigkeiten der alten Eliten ihre soziale Stellung zu behaupten und dazu noch die Problematik, dass sich durch eine Liquidierung des Krieges die zurückzuzahlenden Kriegsanleihen keinesfalls ebenso liquidiert hätten, musste dass die politische Leitung des Reiches und auch die dem Adel zugehörigen, ranghohen Militärs tendenziell abstoßen, diese mussten eine solche Option als innenpolitische Gefahr wahrnehmen.

    3. Es konnte auch nicht die Wunschlösung des Militärs sein, dessen Aufgabe immerhin in der Organisation der Landesverteidigung besteht und dass mit der nicht durch Zugewinne kompensierten Mittellage, bei schwindender militärischer Leistungsfähigkeit der österreichisch-ungarischen Verbündeten nicht zufrieden sein konnte, zumal sich ja gerade erwiesen hatte, dass der große Krieg kein Hirngespinst aus dem Gruselkabinett war, sondern durchaus real werden konnte. Das aber hätte das Militär, ohne drastische Veränderung der politischen Großwetterlage von unmögliche Aufgaben gestellt.


    Bedenkt man das, musste sich innerhalb der militärischen, wie zivilen Eliten des Kaiserreiches eine tendenzielle Vorliebe für die Radikalisierung des Krieges entwickeln und dadurch war diese Entscheidung, auch wenn ich persönlich kein Fan übertriebener Determinismen bin, wie ich meine, vor ihrem mainfesten Beschluss durchaus vorgefasst und dann unterhalten wir uns über lange und kurze Wege auf die Entscheidung hin.

    Es ist ja nicht so, dass der verschärfte U-Boot-Krieg als Radiaklisierungsmaßnahme des Krieges zur Schwächung des Gegners als Ausgleich für die britische Blockade 1917 eine neue Idee gewesen wäre. Als neu könnte man allenfalls deren direkte Einbindung in einen groß angelegten Offensivplan-West charakterisieren, wohingegen es sich vor dem Lusitania-Zwischenfall um eine diffusere indirektere Maßnahme handelte.


    Ich bleibe dennoch dabei, dass die strategische Lage-Ost für den Entscheidungsprozess eine tragende Rolle spielte, einfach weil eine schnelle Liquidierung des Krieges im Erfolgsfall, so wie überhaupt eine aussichtsreiche Schwerpunktbildung-West mit einem militärisch noch aktivem Zarenreich im Rücken ein Hirngespinst sein musste, an letzterem hatten sich ja schon Moltke und vor allem Falkenhayn die Zähne ausgebissen. Auch wenn der letztendliche Beschluss erst zu Beginn 1917 zu stande kam, war die Radikalisierung des Krieges bereits Mitte 1916 in der Absetzungs des eher auf Eingrenzung bedachten Falkenhayn und dessen Ersetzen durch die risikofreudigeren Hindenburg und Ludendorff bereits angelegt und durch das aus verschiedenen Motiven resultierende Desinteresse der politischen und militärischen Leitung an einem Verständigungsfrieden, weitgehend vorgezeichnet.


    Clark: Schlafwandler (Bluffpolitik zwecks Sprengung der Entente)
    Münkler: der große Krieg (Problematik der Liquidierung des Krieges Ende 1914)
    Pyta: Hindenburg (Strategische Präferenzen des Gespanns Hindenburg-Ludendorff in Abgrenzung zu Falkenhayn)
    Afflerbach: Auf Messer Schneide (Operationsgeschichtlicher Überblick, Darstellung der Option eine Beendigung des Krieges und die Auswirkungen von Brest-Litowsk auf dieselbe).
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. Juli 2019
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  8. Laura123

    Laura123 Mitglied

    Vielen Dank an shinigami und thanepower für eure langen sehr aufschlussreichen Antworten!!
     
  9. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die zentralen Ideen zum uneingeschränkten U-Boot-Krieg wurden in Admiral Holtzendorff`Memorandum vom 22.12.1916 ausformuliert. Das Ergebnis des U-Boot Krieges sollte sein, eine Entscheidung bis zum Herbst 1917 zu erreichen. Das war eine "maritime Blitzkrieg-Strategie", die wichtige Annahmen enthielt:

    1. Mit dem bisherigen beschränkten U-Bootkrieg war es nicht möglich, die Tonnage der Alliierten nachhaltig zu reduzieren. (Halpern, S. 336)
    2. Die Marine (Scheer u.a.) gestanden sich die Niederlage der "Dickschiffe" ein und reformulierte den Anspruch, ein neues Konzept der Seemachtprojektion zu finden. Diese Rolle sollten die U-Boote spielen.
    3. Ein Herauszögern der Entscheidung begünstigt die Gegner und führt zu einer Ermattung im DR. Es besteht die Gefahr des wirtschaftlichen und politischen Kollaps der wilhelminischen Gesellschaft.

    Man ging in Bezug auf die Gegner von einer Reihe Prämissen aus (Halpern, S. 327)
    - GB war das Rückgrat des Kampfes gegen das DR
    - GB war verletzlich im Bereich der Zufuhr über See
    - Die Überlebensfähigkeit beruhte auf der Fähigkeit ausreichend "Schiffsraum" / tonnage zu mobilisieren.

    Im Prinzip war der vorhandene Schiffsraum genutzt worden und es standen keine größeren Reserven zur Verfügung. In dieser Situation erhöhte die schlechte Ernte in Europa, inklusive in GB, den Druck auf GB zusätzlichen Schiffsraum für den Import von "Weizen" nach GB zu mobilisieren. GB mußte lange Transportwege akzeptieren, um überhaupt den Weizen einführen zu können.

    Im Ergebnis nahm Holtzendorff an, dass diese Situation der zunehmenden Beanspruchung von Schiffsraum in Kombination mit einer deutlichen Steigerung der Versenkung von Schiffsraum im Rahmen des unbeschränkten U-Boot-Krieges, GB an den Verhandlungstisch bringen würde (Halpern S. 338)

    Eine monatliche Versenkungsrate von 600.000 Tonnen über 5 Monate würde, bei Wegfall von 40 % des neutralen Schiffsraums zu einer Reduzierung des Schiffsverkehrs von und nach GB führen.

    Die Gefahren des Kriegseintritts der USA "minimierte" Holtzendorff in seinem Memorandum.

    Vor diesem Hintergrund schlug Holtzendorff vor, den unbeschränkten U-Boot-Krieg nicht später als am 1. Februar 1917 starten zu lassen und erfolgreich - vor der nächsten Ernte - ca. im August auslaufen zu lassen.

    Der Plan wurde dann im Rahmen der Konferenz auf Schloss Pless am 9. Januar 1917 beschlossen.

    Soweit die rekonstruierbaren Aspekte, die in die Bewertung des U-Bootkrieges einflossen.

    In diesen Plan flossen realistische und unrealistische Annahmen ein. Dennoch wird man - auch aus den Stellungnahmen von britischer Seite - konzidieren müssen, dass der unbeschränkte U-Bootkrieg eine - rein - militärische Effektivität aufwies, die GB an den Rand der Niederlage brachte. Entsprechende Stimmen aus GB stellten die Frage, ob die Navy gerade dabei sei, den Krieg zu verlieren, angesichts deutlicher Steigerungsraten bei Versenkungen bei gleichzeitigen - relativ - geringen deutschen Verlusten.

    Letztlich, so hat uns die Geschichte belehrt, waren die Annahmen von Holtzendorff und seiner teils zivilen Berater falsch und die politische Sicht von Bethmann die richtige.

    Der unbeschränkte U-Bootkrieg und das "Zimmermann-Telegramm" führten zu einem raschen Kriegseintritt der USA

    Holtzendorff Plan in Scheer S. 248-52
    https://books.google.de/books?hl=de&lr=&id=WivFRILPqJMC&oi=fnd&pg=PA13&dq=reinhard+scheer&ots=dBFNa8i3qO&sig=sPCF4UrRLkGiEZ8s2R7OAl-ZBf0#v=onepage&q=reinhard scheer&f=false

    https://archive.org/details/germanyshighseaf00sche/page/n10

    Halpern, Paul G. (2012): A Naval History of World War I. Annopolis: Naval Institute Press.
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. Juli 2019
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  10. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Das die endgültige Konzeption des uneingeschränkten U-Boot-Krieges vom Dezember 1916 ist richtig. Die ist aber letztlich auch Resultat des strategischen Handlungsdrucks und der resultierte wiederrum maßgeblich aus der Lage Ost.

    Wie gesagt, war durch das Ausbleiben größerer russischer Operationen nach dem letztendlichen Scheitern der Brussilow-Offensive dir russische Erschöpfung ja kaum zu übersehen, so das absehbar wurde, dass man binnen kurzem, erstmals nach 1914 wieder die Chance haben würde die Initiative zu ergreifen. Nur musste der sich anbahnende Kollaps Russlands eben auch zu einer Entscheidung nach dem Umgang damit führen, weil man bei einer unschlüssigen Haltung nichts gewonnen hätte. Hätte man sich hier nicht auf ein denkbares Szenario eingeschossen, hätte man die im Osten stehenden Truppen nicht einmal in Teilen umdisponieren können. Für den Kriegsverlauf im Westen hätte das keinen Mehrwert gebracht, was angesichts der sich zuspitzenden Versorgungslage nicht besonders vorteilhaft gewesen wäre.
    Dann solte man möglicherweise auch den vorderasiatisch-balkanesische Kriegsschauplatz mit einbeziehen, denn Ende 1916, waren ja auch die osmanischen Kräfte schon erkennbar auf dem Rückzug und die Entente-Truppen aus Griechenland nicht herauszuwerfen. Lies man sich also allzuviel zeit, riskierte man durch eine Krise im Südosten, die jederzeit eintreten konnte die Möglichkeit zur Initiative zu verlieren, denn ein Ausscheiden des osmanischen Reiches aus dem Krieg, hätte zu einer Südverlagerung der Ostfront und geführt und möglicherweise der Entente eine Nachschubpassage in das Schwarze Meer hinein eröffnet.

    Man hatte also nur ein begrenztes Zeitfenster überhaupt die Initiative noch einmal in die Hand zu bekommen, von dem man nicht sicher sein konnte, wie groß es war.

    Im Bezug auf Russland boten sich dem gegenüber 3 technisch denkbare Gangarten:

    a) Abschluss eines Separatfriedens mit Russland ohne größere Verschiebungen

    Das hätte zunächst mal einen Keil in die Entente getrieben und es wären dadurch Truppen für die anderen Fronten frei geworden, freilich hätte man auf Annexion oder die gewaltsame Lösung des deutschen, strategischen Problems im Osten verzichten müsse und eine Garantie gegen ein neuerliches Zusammenfinden der Entente, wäre das auch nicht gewesen, egal bei welchem weiteren Verlauf.

    b) Versuch der Herbeiführung eines allgemeinen Friedens, auf Basis des Vorkriegszustands.

    Aus im vorherigen Beitrag genannten Gründen für die amtierenden Entscheidungsträger wenig attraktiv, weil sie die innenpolitischen Lasten zu tragen gehabt hätten und die außenpolitische Lage Deutschlands neben den radikalen wirtschaftliche Einschnitten auch nicht besser geworden wäre.

    c) Anstreben eines "Siegfriedens" im Osten

    Der musste aber einen Verständigungsfrieden im Westen ganz unmöglich machen, weil er die Kräfteverhältnisse auf dem kontinent allzu einseitig gekippt hätte. Den anzustreben bedeutete naturgemäß also auch das Anstreben eines "Siegfriedens" im Westen, was die Notwendigkeit der Radikalisierung des Krieges auf allen denkbaren Ebenen systemimmanent beeinhaltet.


    Heißt, in dem Moment in dem man zu einem "Siegfriden" im Osten tendierte, was für sämtliche Entscheidungsträger im Herbst 1916 aus genannten Gründen nahelag, war auch die Eskalation des U-Boot-Krieges beschlossene Sache.
    Die für sich genommen, stand ja, auch wenn weniger exzessiv und weniger fest in eine finale "Siegstrategie" eingebunden bis zum Lusitania-Zwischenfalls schon 1915 auf der Agenda.
    1915 konnte das freilich keinen Sinn machen, da sich durch ein, durchaus noch aktionsfähiges Russland im Rücken, dass Schwierigkeiten machte naturgemäß überhaupt kein Zeitfenster zur schnellen Liquidierung des Krieges ergeben konnte.
    Betrachtet man das letztendlich festgehaltene Konzept des uneingschränkten U-Boot-Krieges singulär für sich genommen, ist es im Dezember 1916 final zustande gekommen.
    Begreift man es als einfach als Teil eines Pakets zur Eskalation des Krieges und dieser Ansatz erscheint mit auf Grund des bereits vorher dagewesenen verschärften U-Boot-Krieges in 1915 sinnvoll, weil die außenpolitische Wirkung die Gleiche sein musste, hatte man diese Maßnahme bereits verkauft, als man darauf verzichtete bei absehbarer militärischer Erschöpfung Russlands im Sommer/Herbst 1916 alles auf das Erreichen eines allgemeinen Verständigungsfriedens zu setzen, denn in Anbetracht der Zeit, die auf Grund der Versorgungslage und die nicht rosiger werdende Lage des osmanischen Reiches gegen einen lief, bliebt damit im Grunde nur der Schritt zur Eskalation.

    Amerika in den Krieg hinein zu ziehen, bedeutete sich eine tickende Zeitbombe aufzuladen. In Anbetracht dessen, wäre es auch etwas riskant gewesen, sich allein auf den Tonnagekrieg festzulegen um die Briten an den Verhandlungstisch zu zwingen, jedenfalls und auch dafür musste die Lage Ost einigermaßen bereinigt sein, mussten Verhandlungen grundsätzliche wesentlich erfolgreicher sein, wenn man permanent zur erschwerten Versorgungslage der Entente noch eine entsprechende Drohkulisse im Westen auffahren konnte und sich damit auch die ultima-ration einer Großoffensive vorbehielt.

    Das alles zusammen genommen, sehe ich eine, wenn auch indirekte, starke Abhängigkeit dieser Entwicklung bedingt durch die Lage Ost.
     
  11. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Afflerbach diskutiert die Entscheidung zum uneingeschränkten U-Bootkrieg. Admiral Müller berichtet über die Konferenz in Pleß vom 9.1.1917, in der der unbeschränkte U-Bootkrieg beschlossen wurde, dass Bethmann die Kontra-Position schlecht vertreten hatte.

    Das stärkste Argument, das aus Sicht von Afflerbach Anfang 1917 eigentlich gegen die Aufnahme des uneingeschränkten U-Bootkrieges hätte sprechen können, wurde von Bethmann nicht angeführt. Afflerbach referiert in diesem Zusammenhang, dass man in Berlin in zunehmendem Maße Berichte aus Russland erhielt, die einen Zusammenbruch als wahrscheinlich erscheinen ließen.

    Dieses Argument, der zu erwartende Wegfall der russischen Front im Jahr 1917, wäre das beste Argument gewesen, um auf den uneingeschränkten U-Bootkrieg zu verzichten. Stattdessen hätte man im Zuge der Verkürzung der Front im Westen - "Siegfriedstellung" - einen kräfteschonenden Defensivkrieg führen können in Kombination mit einem "normalen" Handelskrieg durch U-Boote und Kreuzer. Mit dem Ziel eines "Unentschieden" und einem Verhandlungsfriedens.

    Als Motivation für den gefährlichen Weg des uneingeschränkten U-Bootkrieges meint Afflerbach bei den Beteiligten weniger die Zuversicht in die Machbarkeit eines "Siegfriedens" zu erkennen, sondern eher eine Form von Verzweiflung, die alles nochmal auf eine Karte setzen möchte, um erfolgreich zu sein.

    Zumal man deutlich machen muss, dass ein nicht erfolgreicher uneingeschränkter U-Bootkrieg, und diesen Mißerfolg hielten viele im Kaiserreich für sehr wahrscheinlich, zu einer dramatischen und sich beschleunigenden Verschlechterung der militärischen, politischen und ökonomischen Situation des Kaiserreichs fast zwangsläufig führen mußte. Es gab kein Plan B nach dem uneingeschränkten U-Bootkrieg, sondern lediglich ein Hasardspiel. Somit waren die Protagonisten des U-Bootkrieges zum Erfolg verdammt, wenn sie das Kaiserreich "siegreich" aus dem Krieg führen wollten.

    In diesem Sinne läuft die Argumentation von Afflerbach direkt konträr zu der Darstellung im Film, dass die Situation den Beginn des uneingeschränkten U-Bootkrieges begünstigt hätte.

    Afflerbach, Holger (2018): Auf Messers Schneide. Wie das Deutsche Reich den Ersten Weltkrieg verlor. München: C.H.Beck.
     
    Zuletzt bearbeitet: 11. Juli 2019
    hatl gefällt das.
  12. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Noch als Ergänzung zu Afflerbach. Im wesentlichen argumentiert er so, dass die "Internationale der Kriegsverlängeer" (Scheidemann) - gemeint sind die Alldeutschen und die Gegenspieler in Frankreich und GB (wie Llloyd George) - in einem Prozess der gegenseitigen Verschärfung für die Entscheidung von Pless verantwortlich sind. Und diese Entscheidung nicht nur aus dem preußischen Militarismus alleine erklärt werden kann.

    In diesem Sinne wäre die Entscheidung, so Afflerbach, nicht denkbar ohne die harte und wenig kompromissfähige Haltung der Alliierten aus dem Jahr 1916, die die deutschen Friedensangebote abgelehnt hatten.

    Und so sieht er in der Konferenz von Rom als einen wichtigen "Urheber" der deutschen Beschlüsse. Und stellt diese These in einen größeren Kontext der häufig unterschätzen "Determinierung" der Alliierten, die Machtressourcen des DR als Ergebnis des Krieges deutlich zu reduzieren (vgl. die Thesen zu den allierten Kriegszielen des fr. Historikers Soutou).

    Diesen Mechanismus der Verschärfung von Konflikten durch die Extrempositionen der Hardliner auf beiden Seiten kann man bei fast allen Eskalationen Richtung Krieg erkennen. Und zeigt, dass man Extremisten keine Chance geben darf, relevante Entscheidungen zu beeinflussen. Noch nicht einmal im Rahmen der Beeinflussung der öffentlichen Meinung. Nicht zuletzt, weil die Entscheidung über den unbeschränkten U-Bootkrieg - auch im Rahmen einer Diskussion im Reichstag - den Charakter eines "indirekten" Volksentscheids hatte. Und eine Mehrheit im Volk nur zu gerne glauben wollte, dass der Krieg in ca. 6 Monaten beendet werden könne.
     
    Zuletzt bearbeitet: 12. Juli 2019 um 10:08 Uhr

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