Rolandstandbilder

Dieses Thema im Forum "Alltag im Mittelalter" wurde erstellt von Gast, 23. November 2006.

  1. Gast

    Gast Gast

    Welche Bedeutung haben die seit 1342 in Hamburg errichteten über 50 Rolande, die über halb Europa verstreut sind? Was symbolisieren die meist überlebensgroßen Standbilder?
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Meinst Du nicht Bremen? Der Bremer Roland ist eigentlich der berühmteste. Viele sind im Übrigen an Kirchen angebracht (besonders Norditalien und Südfrankreich). Die deutschen Rolande stehen für die Marktfreiheit - weshalb Roland allerdings für die Marktfreiheit steht, dass kann ich mir auch nicht erklären - denn eigentlich war er ja ein Glaubensstreiter (nach dem Rolandslied).
     
  3. halbricked

    halbricked Gast

    Der hallesche Roland stellt eine Besonderheit dar. Es soll der einzige nicht uniformierte, der einzige Zivilist unter den Rolandsfiguren in Deutschland sein.
    Den Grund dafür kenne ich leider nicht.
    Im 14. Jhd. (?) erstmals nachgewiesen, ging das hölzerne Original wohl nach 1478 verloren, als der Magdeburger Erzbischof die Stadt Halle besetzte.
    Der heutige Roland aus Sandstein wurde 1854 auf den Markt gestellt, 2005 restauriert und steht am Fuß des Roten Turms.
     
  4. Joinville

    Joinville Aktives Mitglied

    Also, soviel ich weiß verdeutlicht eine Rolandstatue das die Stadt in der sie steht eine eigene Gerichtsbarkeit (wegen dem Richtschwert) besitzt.

    Hier der Roland der Stadt Belgern aus dem frühen 17. Jahrhundert. Er ist der einzig erhaltene in Sachsen:
     

    Anhänge:

  5. Ostrogotha

    Ostrogotha Aktives Mitglied

    Das Thema ruht zwar schon rd. ein halbes Jahr, aber ich versuche es trotzdem noch ein wenig zu ergänzen.


    Die Rolande sind hauptsächlich über den norddeutsch-brandenburgischen Raum verteilt. Welche als „echte“ anzusehen sind, darüber gehen die Meinungen auseinander. Brunnen- und Pranger-Rolande werden zumindest nicht dazu gezählt. Man vermutet, dass die steinernen Figuren hölzerne Vorgänger hatten.

    Der Deutungen gibt es viele: z. B. Symbol der Blutgerichtsbarkeit, des Stadtrechts, des Marktrechts, der Reichsunmittelbarkeit, des Kaiserrechts.

    Man suchte in der Vergangenheit nach etwas historisch Fassbarem und ließ dabei das literarische und geistige Umfeld jener Jahrhunderte außer Acht. Karl Hoede kam 1934 zu dem Schluss: „die Rolandsäulen stellen den epischen Helden in durchaus idealer Auffassung dar“. Der Name basiert offensichtlich auf dem Paladin Karls des Großen, die Verbreitung erfolgte durch die Sage, den französischen „Chanson de Roland“ und dem „Rolandslied des Pfaffen Konrad“. Roland, als Märtyrer angesehen, ein Hüter und Verteidiger des von Gott verliehenen Kaiserrechts an Karl d. Gr.

    Historisch fassbar ist der Name Roland als „Graf Rotlan“ in einer Urkunde von 776 n. Chr.; eine Münze von 790 n. Chr. trägt auf einer Seite den Namen „Rodlan“. In der Biografie von Einhard ist von einem „Hruodlandus, Markgraf der Bretagne“ die Rede.

    Im deutschen „Rolandslied des Pfaffen Konrad“ (1170 n. Chr.) wird besonders die religiöse Seite, das Martyrium herausgestellt. In einem Werk von 1215 n. Chr. spielt ein Zwiegespräch Rolands mit seinem Schwert Durendart die große Rolle. In dem Schwertgriff sollen Reliquien aufbewahrt worden sein. Der ungewöhnlich lange Schwertgriff und dicke Schwertknauf bei den Figuren in Bremen, Halberstadt und Zerbst könnten die Theorie befürworten.

    Das lateinische Lied (Historia Karoli Magni et Rotholandi), angeblich verfasst von Turpin, dem Erzbischof von Reims (748 – 794), in dem u. a. der Untergang Rolands geschildert wird, hat zur Popularität beigetragen. Für die Chronisten des MA galt es als „echt“, heute wird es als Fälschung aus der Zeit 1130 – 1140 angesehen. Es ist der 1165 verfassten „Vita Karoli Magni“ beigefügt und sollte nach heutiger Meinung die Heiligsprechung Karls d. Gr. untermauern. Von Papst Calixtus (1119 – 1124) stammt die „Bescheinigung“, dass alle in Spanien im Kampf für das Christentum Gefallenen „im himmlischen Reich gekrönt werden“.

    Die Verehrung Karls d. Gr. durch Kaiser Karl IV. (1316 -1378) könnte ein Auslöser zur Errichtung der Rolandsfiguren gewesen sein. Er ließ auf dem Vorbogen am alten Flusshafen in Prag eine solche aufstellen. Demonstration des Kaiserrechts, des von Gott verliehenen Rechts an den Kaiser? Über das heilige Schwert Durendart ist der Märtyrer Roland Hüter des Kaiserrechts. Eine Wertung, die den Menschen im MA verständlicher war als uns heute.

    Urkundlich nachweisbar sind Rolandsfiguren erst im 14./15. Jh., allerdings als Reparaturrechnungen oder es geht um die Ersetzung eines hölzernen durch einen steinernen Roland und zwar überwiegend in norddeutschen Gebieten. Im selben Zeitraum werden in westlichen Gebieten Figuren Kaiser Karls aufgestellt. Auffallend ist, dass es entweder Rolandsfiguren oder Karlsfiguren in einer Stadt gibt; nicht beide parallel. Das Wissen um das Symbol des Schwertes Durendart (Kaiserrecht = Gottesrecht) ging wohl im Lauf der Zeit verloren.
     
  6. florian17160

    florian17160 unvergessen

    Hier mal einen Roland aus meiner Umgebung.
    Steht in Stendal vor dem Ratskeller. Da hat mich immer der Eulenspiegel angegrinst, als ich zu meiner Sturm- und Drangzeit in diese Kneipe ging.
    Ist hier nicht zu sehen, da auf der Rückseite, zwischen den Beinen des Roland.

    Und da noch mehr in Sachsen Anhalt.
    http://www.landesbildarchiv.bildung-lsa.de/r/roland.htm
     
    Zuletzt bearbeitet: 22. September 2008
  7. Mercy

    Mercy unvergessen


    Der Bremer Roland war von Anfang an eine Symbolfigur für die ,,Freiheiten" [Rechte] der Stadt. Nach der Rinesberch-Schene-Chronik soll ein hölzener Roland 1366 von den Knechten des Erzbischofs verbrannt worden sein, 1404 entstand aber der steinere Roland vor dem Rathaus und die Bürger formulierten in gefälschten Kaiserurkunden ihr Recht, den Roland mit dem Kaiserwappen auszustatten.

    http://www2.bremen.de/info/history/Roland/weristroland.html

    Das führt zwangsläufig zu der Frage:

    Der Bremer Roland, errichtet 1404, trägt ein Wappenschild mit einem Doppeladler. Diesen Doppeladler als Reichsadler gibt es erst zur Zeit Kaiser Sigismunds (Römischer Kaiser seit 1433).
    1400 bis 1410 regierte König Ruprecht in Heidelberg.
    An der Heiliggeistkirche und am Ruprechtsbau am Heidelberger Schloss gibt es
    ebenfalls Reichsadler-Abbildungen, allerdings einköpfig.
    :confused:
     
  8. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

    Nur zur Ergänzung, da ja die grundlegenden Dinge bereits angesprochen worden sind, aber andererseits auch auf erhaltene und besondere Rolandstandbilder verwiesen wurde, erlaube ich mir, hier noch den "Reitenden Roland" von Haldensleben anzuführen - als der einzige noch existierende Roland zu Pferde.
    Hotte143114 hatte dieses Beispiel im Thread zum mittelalterlichen Pferd seinerzeit gebracht - vgl. also dazu http://www.geschichtsforum.de/showpost.php?p=155388&postcount=14 sowie http://www.geschichtsforum.de/showpost.php?p=155889&postcount=15
     
  9. Mercy

    Mercy unvergessen


    Danke, da läßt uns der Fotograf aber leider den Schild mit dem wie immer auch gearteten Adler nicht erkennen.
     
  10. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

    Guter und berechtigter Einwand; da ich mich in der Stadtgeschichte von Haldensleben aber zu schlecht auskenne, kann ich diesbezüglich auch nichts sagen.
    Denkbar wäre natürlich - wenn denn der historische Abriß in der Wikipedia stimmt und v.a. auch die Aussage, daß man sich an Darstellungen Kaiser Maximilians orientierte -, daß der Schild bei der Ersetzung um 1528 (hölzernes Standbild zu Standbild aus Stein) abhanden gekommen ist. Allerdings ist das meine ganz persönliche Vermutung, die ich aus genannten Gründen (zu schlechte Kenntnis der Haldenslebener Historie) nicht weiter vertiefen will...
    Vielleicht weiß ja jemand anders Genaueres dazu...
     
  11. Mercy

    Mercy unvergessen

    Lucretia hilft da leider auch nicht weiter.

    Die Museumsausstellung würdigt diesen Umstand entsprechend und beschreibt den Lebenslauf des Rolands eingebettet in die Stadtgeschichte. Hierbei wird der ursprüngliche Standort auf dem Marktplatz anhand eines die einstmalige Drehbarkeit des Reiters illustrierenden Modells sowie durch umlaufend im Raum angebrachte reich verzierte Fachwerkbrüstungen der Renaissance symbolisiert.

    Ein wertvolles Kunstwerk dieser Zeit ist ein die Lucretia darstellendes Ölgemälde aus der Werkstatt Lucas Cranachs, welches dem Reitenden Roland gegenübergestellt wurde und eine besondere Abrundung der Ausstellung darstellt.

    http://www.museumhaldensleben.de/flyer2/hdl_region_detail.htm

    Hotte muß her.
     

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