Rom und Mowgli vs. Rotkäppchen, die drei kleinen Schweinchen und die Sieben Geißlein

Dieses Thema im Forum "Kultur- und Philosophiegeschichte" wurde erstellt von El Quijote, 23. Dezember 2019.

  1. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Ein Fuchs kann im Hühnerstall genauso wüten, wie ein Wolf unter Schafen. Trotzdem ist der Fuchs in der Fabel immer noch ein sympathischer Trickster, der sich von Käse und süßen Trauben ernährt und anders als der Wolf keine blutrünstige Bestie.

    Dass Schafe gegen Wölfe keine Chance haben liegt sicherlich nicht an der Überzüchtung der Schafe. Auch Mufflons haben in Deutschland keine Chance gegen Wölfe und ihre Bestände brechen zusammen, sobald Wölfe im Revier auftauchen. Das natürliche Habitat des Mufflons ist das Hochgebirge. An den steilen Hängn des Kaukasus können die Wildschafe ihren Fressfeinden leicht entkommen. Im Flachland haben sie jedoch ohne Herdenschutz keine Chance.

    Die Idee, dass man Schafe einfach ohne Hirten oder Hunde nachts auf der Weide lässt, entstand erst in den wenigen wolfsfreien Jahrzehnten. Im 20. Jahrhundert war es dann die Hauptsorge, dass die Schafe nicht auf der Straße herumlaufen und den Verkehr aufhalten. DIe Aufgabe des Zaunes war es zu verhindern, dass die Schafe nicht weglaufen. Jetzt müssen die Deutschen den Herdenschutz wieder neu lernen.

    Zu Mowgli:
    Das Dschungelbuch entstand bekanntlich zur Zeit des Hochimperialismus. Kiplings berühmtestes Werk nach dem Dschungelbuch ist das Gedicht "The White Man's Burden"/"Die Bürde des weißen Mannes", welches als Sinnbild der Epoche gilt und auch seine eigenen politischen Ansichten unzweifelhaft offen legt. Die Wölfe vermitteln Mowgli das "Gesetz des Dschungels", das inhaltlich sicherlich nicht zufällig mit der Regel Survival of the fittest des Sozialdarwinisten übereinstimmt. Bedeutsam ist vielleicht auch, dass Wölfe auch in Europa vorkommen und daher auch ein europäisches Tier sind und genau sie zu den Lehrmeistern und Brüdern Mowglis werden.

    Jack London:
    Die gleiche Wolfsbild findet sich auch in den Romanen von Jack London. Der Wolf ist Sinnbild für den unbarmherzigen Übelebensinstikt, das Recht des Stärkeren usw. Zu beachten ist, dass der Wolf bei Jack London auch die Konkurrenz innerhalb der eigenen Art ausschaltet.

    Bemerkenswerterweise fehlt das Rudelverhalten des Wolfes in der Antiken Fabel. Zwar ist der Wolf auch bei Äsop unbarmherzig und brutal und fordert das Recht des Stärkeren ein, aber er unterjocht nur das Lamm und nicht den Omega-Wolf.

    Wenn im Christentum das Lamm zur Allegorie Christi wird, wird der Wolf als natürlicher Gegner auch zur Allegorie des Antichristen. Ende des 19. Jahrhundert ändert sich der Bild des Wolfes nicht grundleggend, allerdings scheinen sozialdarwinistische Ansichten einen postiven Blick auf den Wolf begünstigen, sodass der Wolf gerade wegen seiner angeblichen Blutrünstigkeit zum Idol wird.
     
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  2. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Auch bei Kipling ist das Wolfsbild nicht uneingeschränkt positiv. Mowgli wird sowohl von den Wölfen wie von den Menschen verbannt. Ihm gegenüber loyal bleiben nur seine (wölfischen) Adoptiveltern und -Brüder und der Rudelführer Akela loyal gegenüber Mowgli. Der Rest des Rudels schlägt sich auf die Seite Sheere Khans. Akela verliert durch Intrigen die Führerschaft und soll-wie Mowgli am Ratsfelsen getötet werden.

    Mowgli kann das nur mit Hilfe Bagheeras verhindern, der ihm rät, die "rote Blume" aus den Dörfern der Menschen zu holen.

    Wölfe spielen im Werk Jack Londons eine wichtige Rolle. Jack London war zwar Sozialist, war aber auch durchdrungen von einem gewissen Sozialdarwinismus nach dem Motto der Selection of the fittest oder auch von Nietzsches These des Übermenschen. Zwei der bekanntesten Romane Jack Londons handeln von Buck, dem "zivilisierten" Hund aus dem Südland, der nach dem Tod eines verehrten Herrn in die Wildnis zurückkehrt und Anführer eines Wolfsrudels wird. Ganz anders dagegen White Fang (Wolfsblut). Seine Mutter Kishe lockte einst die Schlittenhunde einer Expedition aus dem Lager, damit das Rudel über sie herfallen kann. Sie paart sich mit Einauge, einem Wolf, kehrt aber in ein Indianerlager zurück. White Fangs erster "Gott", der Indianer Grauer Bär zeigt ihm das Prinzip des Rechts des Stärkeren und verkauft ihn für Schnaps an Beauty Smith, der Hundekämpfe arrangiert. White Fang bringt als vierbeiniger Gladiator alles um, was man ihm entgegenstellt, bis jemand den ersten Bulldog nach Dawson bringt. Ein Zuschauer rettet Whitefang, der ihn mit nach Kalifornien in die Zivilisation nimmt.
    In gewisser Weise geht es auch in Londons Roman der Seewolf um die Auslese. Der Autor Van Weyden, der humanitären Idealen verpflichtet ist, wird vor die Aufgabe gestellt, sich in einem ihm völlig fremden Milieu bewähren zu müssen, in einem Umfeld, das nur das Recht des Stärkeren akzeptiert.
     
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  3. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Im lateinischen Sprichwort "homo homini lupus" wird der Wolf zum Sinnbild der bösartigen Natur des Menschen - gewissermaßen eine ältere Version des "Gesetz des Dschungels". Bekannt ist diese Metapher vor allem durch Thomas Hobbes und dessen Staatstheorie. Der Naturzustand ist laut Hobbes ein "Krieg aller gegen alle", während in der Ziviliasation immerhin die Staaten Krieg führen.
    Der Mensch ist also ein Wolf und der Absolutismus die Lösung.

    Abseits von diesem zweifelhaften Menschenbild will ich aber auch auf das Wolfsbild eingehen. Der Wolf ist hier das ikonische Raubtier. Der Wolf steht pars pro toto für das Raubtier an sich bzw. den Mörder, den Räuber oder den Feind.
    Löwen und Bären sind eigentlich viel gefährlicher für erwachsene Menschen als Wölfe. Trotzdem hat der Wolf einen viel schlechteren Ruf. Ich könnte mir vorstellen, dass es daran liegt, dass der Wolf fast schon ein Kulturfolger ist und wandernde Wölfe eigentlich überall in einer Kulturlandschaft auftauchen können, während z.b. Luchse eher im Verborgenen bleiben.

    Wegen der römischen Wölfin bin ich mir auch nicht so sicher, wie positiv das gemeint sein könnte. Romulus und Remus agieren in der Sage geradezu wölfisch: Viehdiebstahl, Frauenraub, Brudermord
    Haben die Zwillinge dieses wölfische Verhalten etwa mit der Wolfsmilch aufgesaugt?
    Eine quasi magische Wirkung ist auch aus der Herakles-Sage bekannt. Erst durch die Milch der Hera wird der Halbgott zum Supermann. Nebenbei ist so bekanntlich die Milchstraße entstanden.
    Und bei diesem Experiment mit der Wolfsmilch entstand Rom.
     
  4. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

    Mitunter schöne Wolfsgeschichten findet man ja auch immer wieder in Märchen.

    So z.B. bei den Jukagiren (ein kleines paläosibirisches Volk in der Republik Sacha. ( Sacha eine Republik im nordöstlichen Teil des asiatischen Russlands).
    Die Geschichte: „Wie der Rabe dem Krebs und dem Wolf mitspielte“.

    Oder auch bei den Altaier (bis 1948 nannte man sie „Oiroten“) in der Republik Altai. Republik Altai, aber nicht zu verwechseln mit der angrenzenden größeren Region Altai im Nordwesten Sibiriens; im Süden grenzend an die Mongolei und Kasachstan .
    Die Geschichte: „Wie sich der Fuchs, der Wolf und der Bär den Honig teilen wollten.“

    Und dann möchte ich auch die Novelle „Lokis“ von 1869 des Franzosen Prosper Mérimée verweisen.
    Prosper Mérimée schreibt hier über eine Legende in Litauen. Spannung pur wie alle Geschichten von Prosper Mérimée!
    Gibt sogar in Vilnius in der Altstadt ein Restaurant „Lokis“. In die Kellerbar kann man aber nur gebückt rückwärts gelangen, Vorwärts gibt der Abstand zwischen Treppe und Decke nicht her.

    Aber auf was ich noch hinweisen möchte...
    Der Verlag „Neues Leben“ hat 1983 ein interessantes Buch mit dem Titel „Jagd im Zwielicht“ herausgegeben.
    Historische Ereignisse rund um die Jagd.
    Da gibt es ein Kapitel: „Die Jagd auf Bär und Wolf“.
    Die Wolfsjagden beginnen bei 1454 in der Grafschaft Nassau-Dillenburg mit 404 erlegten Wölfen.
    Bei der Bärenjagd beginnt es bei 1484 im thüringischen Ruhla.
     
  5. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Ich habe kürzlich einen Artikel von Hermann Löns gelesen, in der er sich mit Raubwild auseinandersetzt. Der Artikel dürfte aus der Zeit von 1909 stammen. Damals waren Wölfe in Deutschland längst ausgerottet, es kam immer wieder vor, dass Wölfe aus den Vogesen nach Westen zuwanderten oder dass Wölfe aus dem Zarenreich sich nach Ostpreußen verirrten. Die meisten dieser "Zuwanderer" wurden meistens nach kurzer Zeit abgeschossen oder wanderten wieder ab. Löns hielt es für völlig ausgeschlossen, dass sich jemals wieder Wolfspopulationen dauerhaft in Deutschland etablieren könnten- außer in Kriegszeiten.

    Herman Löns hat manchen Unsinn geschrieben, seine Jagd- und Tiergeschichten und seine Beiträge, in denen er sich für Artenschutz aussprach und diesen Artenschutz auch für "schädliches Raubwild" forderte, zeichnen sich aber durchaus durch hohe Kompetenz aus. Löns pessimistische Beurteilung der Zukunftsaussichten von Canis Lupus hat sich nicht bewahrheitet. Eigentlich aber hatte er schon recht, unter normalen Umständen hatte der Wolf eigentlich keine Chance. Es war durchaus so etwas wie ein Krieg, eben der Kalte Krieg, der dazu führte, dass Wölfe wieder in ein deutlich verkleinertes und stärker bevölkertes Deutschland einwanderten. Seit 20 Jahren haben sich Wölfe wieder angesiedelt, und zumindest als Irrgäste und Wechselwild haben sie sich weit nach Westen verbreitet. Vor einigen Jahren brach ein Wolf aus dem nordhessischen Wildpark Knüll aus. Das Tier wurde einige Wochen später in Baden-Württemberg überfahren. Ein sächsischer Wolf wanderte ab und wurde im Baltikum wieder lokalisiert. So richtig hatte kaum jemand den Wolf mehr auf dem Schirm.
    Wirklich willkommen ist der Wolf nur theoretisch. Über die Meinung von Schafzüchtern braucht man nicht zu sprechen. Viele Jäger befürchten, dass Wölfe zur Abwanderung von Wild führen können. Wenn man hohe Pacht etwa für ein Rotwildrevier zahlt, hält sich die Begeisterung in Grenzen, wenn Hirsche abwandern, über die sich ein Nachbarpächter freut. Erfahrungen aus Revieren mit etabliertem Wolfsbestand zeigen andere Erfahrungen. Rot- Dam- und Schwarzwild wird von Wölfen anscheinend nicht beunruhigt oder in Panik versetzt.

    Fatal sind allerdings tatsächlich Abgänge von (eingeführtem) Muffelwild. Mufflons sind Wildschafe, die eigentlich auf Korsika und Sardinien heimisch sind. Mufflons wurden in manchen Revieren seit dem 19. Jahrhundert ausgesetzt. In Gebieten, in denen Wolfrudel heimisch sind, werden Mufflonbestände oft regelrecht dezimiert.
     

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