Russischer Bürgerkrieg - Frage zu Erschießungen von Rotarmisten

Dieses Thema im Forum "Russland | Sowjetunion | Osteuropa" wurde erstellt von weißnix, 14. Januar 2013.

  1. weißnix

    weißnix Neues Mitglied

    Hallo und guten Tag zusammen,

    eine Frage zu Ereignissen im russischen Bürgerkrieg 1917-20. Ich besitze eine Zeichnung zu einem offensichtlich politischen Plakat, das vermutlich in den 20er bis Anfang 30er Jahre in Deutschland entstanden ist.

    Unter dem Titel "Russiche Erde" ist folgende Hinrichtungsszene abgebildet: Im Winter vor einem kleinen Wäldchen, schießt ein Rotarmist (Helm roter Stern) mit einer Pistole mit zwei Schritt Abstand in den Hinterkopf eines andern Rotarmisten, der Teil einer Reihe von mindestens 11 weiteren Soldaten ist. Drei liegen bereits tot am Boden. Die Reihe der andern Soldaten ergibt sich - ungefesselt, aber unbewaffnet - offensichtlich ohne Widerstand in ihr Schicksal. Ein Stück entfernt vom Schützen stehen noch zwei weitere Soldaten, mit geschultertem Gewehr, die aber kaum Anteil von dem Geschehen zu nehmen scheinen.

    Handelt es sich hierbei um ein – ggbf. unter Bezug auf den Titel – bekanntes historisches Ereignis? Oder um die anklagende Darstellung eines Kriegsverbrechen im russischen Bürgerkrieg im eher allgemeinen Sinne? Das würde mich interessieren!

    Aufgrund der Uniformen, das konnte ich feststellen, handelt es sich um die Zeit des Bürgerkrieges nicht um WK2.

    Unter dem Titel "Russische Erde" lassen sich 2 Bücher googeln, die ich mittlerweile gelesen habe. Das Buch von Mielert steht in keinem Zusammenhang mit der Zeichnung.

    In "Russische Erde" von Boris Maschin (über den Autor lässt sich nichts näheres herausfinden), einem Roman von 1935, findet sich jedoch eine Stelle, die verblüffend korrespondierend anmutet (bezieht sich der Autor hier vielleicht auf das selbe möglicherweise stellvertretend für andere öffentlich bekannt gewordene historische Ereignis? - Denn im Buch werden nach einem fluchtartigen Rückzug des 309. Regiments von dem Kommissar jeweils jeder 5. Mann der betreffenden Kompanie, "die als erste den hohen Berg kampflos verlassen hatte,"* kurzerhand zum Tod" verurteilt. "Wie in solchen Fällen üblich, entschied das Los. Auf dreißig Mann war das Unglückslos gefallen und nun kam das Sonderbare: der Kommissar, begleitet von nur zwei Rotarmisten führte die Todeskandidaten in ein Birkenwäldchen. Die dreißig wurden in Reih und Glied aufgestellt. Nach dem Kommando Achtung! trat der Kommissar hinter die Front und erledigte sie der Reihe nach durch Schüsse in den Hinterkopf. Nicht ein einziger wagte sich zu widersetzen."*

    * Maschin, Boris - Russche Erde, S.40

    Im Buch findet diese Szene an einem Berg oder Ort mit Namen "Wysoka Gora" statt.

    Freue mich über jeden Hinweis und alle Hilfe.
    Gruß Rainer
     
  2. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Das Bild scheint mir eindeutig eine Illustration der im Buch beschriebenen Szene zu sein. Diese Art der Strafe nennt man "Dezimieren" und geht auf die Römer zurück, ist jedoch immer wieder von verschiedenen Armeen aufgegriffen worden.

    Dass in der Beschreibung hervorgehoben wird, wie die Ausgelosten sich ihrem Schicksal fügten, will vermutlich die Disziplin der Roten Armee hervorheben, bei denen sogar die Bestraften sich ihrer "Schuld" bewusst sind und sich der "gerechten" Strafe ergeben.

    Der Wisoka Gora heisst auch Auk?tojas ? Wikipedia und liegt Nahe an der heutigen Grenze zwischen Litauen und Weissrussland.

     
    Zuletzt bearbeitet: 14. Januar 2013
  3. weißnix

    weißnix Neues Mitglied

    Guten Tag Bdain,

    vielen Dank für deine schnelle Antwort, mit dem Gedanken, dass es sich dabei um eine Illu zu dem Buch handelst, damit liegst du mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit falsch, denn das habe ich geprüft in dem ich das Buch gelesen habe: das Buch (geb. Erstausgabe) hat keine Illus. Die Umschlaggestaltung ist auch komplett anders, das Seitenverhältnis passt nicht, und die angegebene Textstelle ist keine Schlüsselstelle im Romans, die man für Umschlagsgestaltung oder ein Veranstaltungsplakat, etwa Lesung, verwendet hätte.

    Die Zeichnung enthält Auszeichnungen, technische Angaben des Grafikers, wie bestimmte Teile zu drucken sind. Es handelt sich also um eine Reinzeichnung. Die wird aber immer erst beauftragt, wenn der Entwurf vom Auftraggeber abgenommen ist. Mit anderen Worten, das Plakat muss so, wie ich es als Reinzeichnung vorliegen habe, gedruckt worden sein (sollte nicht das ganze Projekt gestoppt worden sein). - Nein, ich gehe nicht davon aus, dass das Plakat etwas mit dem Buch zu tun hat, sondern dass der Begriff Russische Erde hier als idiomatischer Ausdruck verwendet wurde, dessen Bedeutung ich aber bisher nur mutmaße.

    --- bei denen sogar die Bestraften sich ihrer Schuld bewusst sind und sich der "gerechten" Strafe ergeben ---
    klar, was sonst.

    Dass ich Wikipedia nach bereits nach Wysoka Gora gecheckt habe, ist selbstverständlich. Mir geht es aber nicht um den Ort, sondern um das Ereignis, das sich damit vielleicht verknüpft.

    Meine Frage sucht jemanden, der sich in Details der Ereignisse des russischen Bürgerkriegs auskennt ... ich hoffe weiter...
    Gruß Rainer
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. Januar 2013
  4. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Kurz zur Einordnung. Sofern Einheiten meutern, desertieren etc. unterliegen sie in der Regel der Kriegsgerichtsbarkeit. Ein Fakt, der zunächst mit Kriegsverbrechen nichts zu tun hat, sondern ein mehr oder minder "normaler" Vorgang ist, vor allem unter den extremen, menschenverachtenden Bedingungen des Grabenkriegs des WW1.

    Google Übersetzer

    Die Darstellung des Bildes wirkt für mich persönlich insgesamt sehr dubios bzw. eher im Bereich der künstlerischen freiheit angesiedelt. Somit wäre zu fragen, in welcher, auch ideologischen oder politischen, Absicht die Darstellung erfolgte und zudem ob sie überhaupt eine reale Grundlage hatte, was man derzeit wohl eher skeptisch sehen sollte. Ein Referenzwerk zum russischen Bürgerkrieg von Mawdsley kennt beispielsweise das Ereignis nicht.

    The Russian Civil War - Evan Mawdsley - Google Books

    Zudem, die Skepsis gilt umso stärker, als die Moral und die Disziplin in der Revolutionszeit und bis zum Krieg gegen Polen für die Rote Armee ein Problem bildete (auch als Ergebnis des WW1) wie Erickson in seiner Studie über die Rote Armee auch zeigt. Und dieses Problem wäre nicht mit Massenerschießungen zu lösen gewesen.

    The Soviet High Command: A Military-Political History, 1918-1941 - John Erickson - Google Books
     
    1 Person gefällt das.
  5. michaell

    michaell Aktives Mitglied

    "Wysoka Gora" ergibt keine Treffer, allerdings gibt es in Russland eine ganze Reihe von Orten namens "Vysokaya Gora".

    Vysokaya Gora - Wikipedia, the free encyclopedia

    Der 'Helm' der Rotarmisten macht mich stutzig - im Bürgerkrieg trugen sie spitz zulaufende Mützen mit rotem Stern darauf. Helme wurden für Rotarmisten erst in den 30er Jahren eingeführt. Insofern wäre die Darstellung entweder unkorrekt oder stammt aus späterer Zeit.

    Bei Amazon finden sich offensichtlich mehrere antiquarische Ausgaben des Romans von Maschin, einmal in simplem Leinencover mit roter Schrift - vermutlich die Ausgabe, die Du gelesen hast - als auch eine mit illustriertem Umschlag. Durchaus möglich also, dass die Illustration für eine andere als Deine Ausgabe gefertigt wurde. Von Boris Maschin läßt sich ansonsten noch eine Erzählung unter dem Titel '500 Rubel' aus dem 1939 im Verlag 'Die Wehrmacht' erschienenen Sammelband "August 1914, Wie die Anderen den Ausbruch des Weltkriegs erlebten" finden.
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. Januar 2013
  6. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied


    Ich habe relativ viel über den russischen Bürgerkrieg und den anschliessenden Polnisch-Sowjetischen Krieg gelesen, eine solche Szene ist mir jedoch sonst nirgenwo untergekommen. Kann es nicht sein, dass die Zeichnung für ein Plakat eventuell als Werbung für dieses Buch gedacht war? Könntest Du sie vielleicht hier einstellen?

    Über den Autor Boris Maschin habe ich auch nichts finden können. Ein Freund und seine Frau, die sich mit russischer Literatur gut auskennen, haben auch noch nie von ihm gehört und auch bei Google auf Russisch nichts gefunden.

    Bezüglich zu Kämpfen bei dem Berg Wysoka Gora : Bis 1918 war diese Gegend noch durch das deutsche Heer besetzt. Danach gehörte es zu der neu entstanden Republik Litauen. M.W. gab es da keine Kampfhandlungen gegen die Bolschewiken.
    1920 wurde Gegend um Vilnius, zu der dieser Berg gehört, von den Polen anektiert. Im Polnisch-Sowjetisch Krieg ist die Front mindestens zweimal über diese Zone hinweg gegangen und verbleib am Ende östlich der Curzon-Linie, also in Russland, ab 1922 Sowjet-Union.

    Ich nehme an, dass es eher eine Szene aus diesem Konflikt sein müsste.

    Oft wird die Spitze Bolschewikenmütze als "Helm" bezeichnet oder für einen solchen gehalten.
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. Januar 2013
  7. weißnix

    weißnix Neues Mitglied

    Vielen Dank für Eure Antworten!

    @ michaell ... 'Helm' der Rotarmisten macht mich stutzig...

    mit Recht, natürlich ist es die spitz zulaufende Mütze mnit dem Stern darauf, ich dachte dass sei ein Helm, auch in Maschins Roman ist sogar von Neueinkleidung die Rede.

    ... Ausgabe mit illustriertem Umschlag contra Leinencover.

    üblich wäre der Verkauf eines Hardcoverbuches mit Umschlag, ich schätze, es handelt sich um die selbe Ausgabe. - Ausgabe 1, die ich habe hat eine Auflage von 5000 Stück. Schwer vorzustellen, dass bei einem heute so gänzlich unbekanntem Autor mehr Exemplare gedruckt sein sollten. - Den Verlag gibt es aber noch, ich werde morgen Kontakt aufnehmen.

    @ thanepower

    ... eher im Bereich der künstlerischen Freiheit angesiedelt ... ideologische oder künstlerische Absicht.

    eben, das ist der Punkt, darum suche ich ja auch nach einer historischen Entsprechung, mir ist die ideologisch-politische Absicht unklar

    Hier ein Foto von dem Plakat: [​IMG]

    Gruß Rainer
     
  8. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Das sieht sehr stark nach einer Zeichnung für den Einband aus. Ich habe ein Buch aus den 30.ern zur Schlacht von Tannenberg 1914, die eine im Stil sehr ähnliche Illustration auf dem Umschlag hat.
     
  9. weißnix

    weißnix Neues Mitglied

    Hallo Bdaian, danke für die Rückmeldung, danke für die Recherchen.

    ... Kann es nicht sein, dass die Zeichnung für ein als Werbung für dieses Buch gedacht war ...

    Das wäre dann der naheliegende Gedanke. Hier noch mal der Link:

    [​IMG]

    Gruß Rainer
     
  10. weißnix

    weißnix Neues Mitglied

    Die Zeichnung misst 80 cm in der Höhe, eher etwas zu detailreich für ein Cover... andererseits entspricht die Anordnung der Worte im Schriftzug die der auf dem Leinencover ... ich bin ja lernfähig ...

    Gruß Rainer
     
  11. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Es gab seit 1910 Offsetdruckverfahren bei denen die Vorlage fotographisch erfasst wurde (Fotolitographie). Die Originale waren gemalte oder gezeichnete Bilder oder retuschierte Fotographien und meistens größer als das Endprodukt.

    Ein Werbeplakat für das Buch kann es natürlich auch sein, aber ich tippe eher auf den Einband.
     
  12. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Ich muss mich korrigieren. Es verblieb bei Polen bis die Gegend nach 1945 an die Sowjetunion abgetreten wurde.
     
  13. michaell

    michaell Aktives Mitglied

    Danke für das Einstellen des Bilds. Stilistisch erinnert es stark an Filmplakate der 30er/40er Jahre, insbesondere die Form der Schrift. Für ein politisches Propagandaplakat wäre die Aussage wohl zu unklar - schließlich sind sowohl die Täter wie die Opfer der Erschießungsszene Rotarmisten.

    Ich tippe am ehesten auf ein Werbeplakat für den Buchhandel oder einen alternativen, eventuell verworfenen Entwurf für den Buchumschlag.

    Ja, im bekannten Tschapajew-Roman von Furmanow ist auch vom 'Waräger-Helm' der Rotarmisten die Rede.
     
  14. weißnix

    weißnix Neues Mitglied

    Guten Morgen,

    ich schließe mich der Auffassung an, dass es sich bei meiner Zeichnung um einen Entwurf entweder zum Titel, der möglicherweise nicht realisiert wurde oder eben auch als Werbeplakat zum dem Buch handelt. Weil das Seitenverhältnis der Zeichnung scheinbar nicht zum Buchformat passt, habe ich mich irritieren lassen: als ich nämlich das Bild vor zwei Jahren bekam, war die Zeichnung – zu meinem Grausen – oben und unten aus dem Glas hinter die Rahmenleisten gelegt, die Abdeckung hinten hatte entsprechende Schlitze. Die Zeichnung wurde neu gerahmt. So habe ich sie vor Augen.

    Das Foto das ich eingestellt habe, zeigt die ursprünglich gerahmte Version (der Schellackrahmen ist wohl aus der Zeit). Und dabei fiel mir dann gestern Abend auf, dass in dem alten Rahmen, die Seitenverhältnisse dem des Buchformates entsprechen, dass der Grund für die merkwürdige Rahmenkonstruktion mit den daraus herausschauenden Blattenden nicht in einem zu klein angefertigten (oder zufällig vorhandenen) Rahmen lag, sondern darin, dass ursprünglich gedachte sprich zu nutzende Format zu zeigen. Bingo!

    Nichtsdestotrotz werde ich den Brunnen Verlag kontaktieren, vielleicht erfahre ich dort noch mehr (und letzte Gewissheit).

    Gruß und besten Dank an euch für die großartige Hilfe
    Rainer
     
  15. Treibsand

    Treibsand Neues Mitglied

    @ Bdaian - mir ist für diese Kopfbedeckung die Bezeichnung
    " Budjonny - Mütze " bekannt .
    Geht angeblich auf die Kavalleristen der 1. Roten Reiterarmeee unter
    Budjonny zurück.

    Habe aber auch vor einigen Jahren mal solche Kopfbedeckungen
    als Design -Modelle bei irgendeiner Modenschau im Tv gesichtet ....
    allerdings in anderen Farben und ohne Stern ....=)
     
  16. weißnix

    weißnix Neues Mitglied

    Kurzer Nachtrag und Abschluss: Der Brunnen Verlag in Gießen, mit dem ich Kontakt aufgenommen habe, ist nicht identisch und hat rein gar nichts zu tun mit dem Brunnen-Verlag / Willi Bischoff in Berlin, von dem das Maschin-Buch herausgegeben wurde. Letzterer hat in den 30er Jahren in Berlin firmiert und existiert heute offensichtlich nicht mehr.

    Gruß: weißeinbisschenmehr
    (aberimmernochnichtgenug)
     
  17. oglokea

    oglokea Gesperrt

    Mich hat es immer interessiert, was war der "wirkliche" zeitliche Rahmen des Bürgerkriegs in Russland.

    (Ich bin weder eine Soziologin oder Historikerin. Darum ist meine diesbezügliche Dilema hier vorhanden.)

    Nach meine Kenntnisse: aus der Sicht der Soziologie sollte eine solche Zeitraum fürs Bürgerkrieg genannt werden, wo durch den Klassenkampf um den politischen Macht geht.
    Dann sollte der russische Bürgerkrieg von Februar 1917 bis 1922 verstanden werden.

    Der andere Sicht sein kann: der Sicht des Historikers.
    Aus historische Sicht ist eine Bürgerkrieg eine solche Zeit, wenn der bewaffnete Kampf der Hauptbestandteil/Inhalt des Landes ist.
    Hier sollten solche "Merkmalen" aufzutreten, wie eine provisorische Regierung, andauernde-regelmäßige Fronten, Wirtschaftsmobilisierung...
    Wenn ich diese Parameter nehme, dann war der russische Bürgerkrieg von Mai 1918 bis 1920.

    Wie sieht Euch diese Frage?
     

Diese Seite empfehlen