Schlachtordnung 30jähriger Krieg

Dieses Thema im Forum "Zeitalter der Glaubensspaltung (1517 - 1648)" wurde erstellt von Ikarus, 28. Juni 2007.

  1. Ikarus

    Ikarus Neues Mitglied

    HI
    kann mir jemand etwas über die Schlachttaktiken, Schlachtordnungen etc.

    im 30jährigen Krieg. schreiben? Vielleicht auch eine Grafik oder Bilder. Schon mal DANKE im vorraus
     
  2. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

    Lies Dich dazu am besten in folgende Threads ein - übrigens alle hier im Forum "Neuzeit" bzw. im Unterforum "Zeitalter der Glaubensspaltung":
    http://www.geschichtsforum.de/f287/kriegsfuehrung-der-fruehen-neuzeit-3465/
    http://www.geschichtsforum.de/f76/kurze-frage-zur-pike-9094/
    http://www.geschichtsforum.de/f287/30jaehriger-krieg-waffentechnik-13940/
    http://www.geschichtsforum.de/f76/kavallerie-einheiten-der-neuzeit-5553/
    Zwar haben nicht alle dieser Threads den Fokus auf den Dreißigjährigen Krieg, berühren aber mindestens zu diesem relevante Punkte...

    Irgendwo gab es auch noch einige detailliertere Ausführungen zum Liniensystem, wie es Schweden und Holländer praktizierten und damit gegen die bis dahin aufgestellten Gevierthaufen erfolgreich waren. Leider habe ich diese aber nicht wiedergefunden...
    Militärhistorisch markieren der Dreißigjährige Krieg sowie der etwa zeitgleiche Achtzigjährige Krieg (Unabhängigkeitskrieg der Niederlande) aus diesem Grund auch die Zeit der Ablösung der Gevierthaufen durch die Linientaktik.
     
  3. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Sehr richtig, allerdings wurde noch weiteres durch die Auflösung der starren Terzios möglich, nämlich dass Kavallerie und Infanterie zusammen besser agieren konnten. Die großen Blöcke der Terzios waren dazu noch denkbar ungeeignet, während die Niederländische und die Schwedische Ordonnanz (Ordnung) schon eine aufgelockertere und flexiblere Einsatzweise der Infanteristen förderte, was durch die Lederkanonen (ein Stück ist noch heute im DHM in Berlin zu bestaunen) bei den Schweden noch unterstützt wurde. D.h. es wurden auch Schritte hin zu leichteren Kanonen zur Unterstützung der Infanterietruppen unternommen, welche dann hin zur reglementierten Regimentsartillerie führte, welche dann aus der Kriegsführung des 18.Jh. nicht mehr wegzudenken war.

    Ich finde es durchaus sinnhaft speziell die Entwicklung der Schlachtordnung während des Großen Krieges zu untersuchen, da die Themen wie Kriegsführung der Neuzeit etwas unübersichtlich vielleicht sind und ja eigentlich während des 30-jährigen Krieges wichtige Impulse für die Weiterentwicklung des Militärs gegeben wurden.
     
  4. Eusebius

    Eusebius Neues Mitglied

    Ich möchte an dieser Stelle auf die eingangs gestellte Frage eingehen:

    Bei Beginn des Dreissigjährigen Krieges hatte sich die Einteilung der Truppengattungen, soweit sie im Reich verwendet wurden, bereits bereits weitgehend herausgebildet:

    Die Kavallerie (Reiterei) bestand aus der eigentlichen oder schweren Reiterei und der leichten Reiterei. Die schwere Reiterei war für die Schlacht vorgesehen, die leichte Reiterei sollte die erstere unterstützen und hatte noch untergeordente Hilfsaufgaben. Beide Reitertypen waren gerüstet, die schwere Reiterei (Kyrisser) kämpfte mit Degen und Pistolen (es gab auch noch die Lanzierer, die aber schnell verschwanden), die leichte Reiterei (Arkebusiere) mit der Arkebuse.
    Während des Krieges verschmolzen diese Reitertypen zur schweren Reiterei und eine neue leichte Reiterei wurde in Form der Husaren bzw. Kroaten auf Seiten der Kaiserlichen eingeführt. Alle kriegführenden Mächte hatten zudem Dragoner, eigentlich nur berittene Infateristen, die zum Kampf absaßen, aber in Heeren, die keine Husaren hatten, die Rolle der leichten Kavallerie übernahmen.
    In der Schlachtordnung fanden nur Kyrisser und Arkebusiere Verwendung, sie standen in mächtigen Schwadronen bis zu 10 Glieder tief gestaffelt und griffen in der Regel gliederweise an, feuerten ihre Waffen auf den Feind ab (ob Fußvolk oder Reiterei) und wendeten dann, um sich zum Nachladen hinten an ihre Schwadron wieder anzuschließen; auch bei der direkten Konfrontation mit gegnerischer Reiterei wurde zunächst von der Schußwaffe Gebrauch gemacht. Der Angriff erfolgte im Schritt oder im Trab in geschlossener Formation.

    Die Infantrie (Fußvolk) bestand aus Pikenieren und Musketieren, wobei die mit der 6,0 m langen Pike kämpfenden Pikeniere bereits zu Beginn des Krieges in eine Defensivrolle abgedrängt waren und höchstens noch die Hälfte der Truppe ausmachten. Arkebusiere gab es nicht mehr, sie waren völlig durch die wirkungsvolleren Musketiere verdrängt worden.
    Das Fußvolk kämpfte in sogenannten "Gevierten Haufen", kolossalen Vierecken aus mehreren Tausend Mann, deren Kern aus Pikenieren bestand, die mit zwei oder drei Reihen Musketieren umgeben waren. Bisweilen stellten man auf die Ecken der großen Vierecke noch kleine Vierecke nur aus Musketieren als Bastionen. Diese Gevierthaufen wurden zu Beginn jeder Schlacht aus mehreren Infanterieregimentern gebildet.
    Aus den Niederlanden war bereits eine neue taktische Formation bekannt, wobei die Regimenter als geschlossene Einheiten linear aufmarschierten, die Pikeniere bildeten jeweils die Mitte und zu beiden Seiten standen die Musketiere, das Ganze bis zu 12 Mann tief gestaffelt. Wie erwähnt bildeten die Pikeniere den defensiven Rückhalt, die Musketiere hatten durch intensives Feuer die offensiven Aufgaben. Zum Nahkampf mußte es daher nicht unbedingt kommen.
    Beide Aufstellungen haben ihre Vorteile: Die niederländische Aufstellung ist taktisch wesentlich besser führbar und ermöglicht durch eine breitere Aufstellung der Musketiere ein intesiveres Feuer, die Gevierthaufen haben eine eine größere Standfestigkeit.

    Die Artillerie bestand im wesentlichen aus relativ schwerer Artillerie, die leichten Geschütze zur Infantrieunterstützung wurden noch nicht verwendet. Die Arillerie wurde zu Beginn der Schlacht aufgestellt und war danach nicht mehr beweglich, es war also nicht möglich, auf den Verlauf des Gefechtes zu reagieren, zudem gingen die Geschütze bei verlorener Schlacht zwangsläufig verloren. Die Artillerie stand entweder vor der Schlachtordnung oder wurde an taktisch günstigen Positionen in Batterien zusammengefaßt.

    Die Schlachtordnung eines Heeres bestand in der Regel aus ein bis drei sogenannten Treffen, in Reihen angeordneten Truppenformationen, die hintereinander auf den Feind treffen sollten. Das Zentrum bildete die Infantrie, soweit sie in Gevierten Haufen stand, wurden diese auch schachbrettförmig angeordnet, wobei die Haufen des zweiten Treffens bei Bedarfs in die Lücken des ersten Treffens einrücken sollten.
    Die Kavallerie stand zu gleichen Teilen auf den Flügeln.
    Diese "Normalaufstellung" wurde den Geländeverhältnissen, den verfügbaren Truppen und der feindlichen Aufstellung angepaßt, blieb aber durchweg das Grundmuster.
    Die gesamte Schlachtordnung rückte in möglichster Geschlossenheit gegen den Feind vor und suchte die Entscheidung.

    Während des Krieges brachte vor allem Gustav Adolph von Schweden taktische Neuerungen:
    Seine Kavallerie stand nur noch drei Glieder tief und attackierte den Feind im Galopp mit blanker Waffe, was sich gegen die schwerfällige traditionelle Kavallerie als sehr effektiv. Die Reiterei gewann damit ihre Rolle als taktische Schockwaffe zurück.
    Die Infantrie stand in sogenannten "Schwedischen Brigaden", die der niederländischen Aufstellung ähnlich, aber flexibler waren als diese: So konnte gegen Fußvolk eine geschlossene Front aus Musketieren gebildet werden, gegen Kavallereiattacken eine geschlossene Front aus Pikenieren. Allerdings bedingte diese Aufstellung auch eine gute Ausbildung der Truppe.
    Bei der Artillerie führte Gustav Adolph die erste eigentliche leichte Artillerie ein, zunächst in Form der berühmten Lederkanonen, die sich jedoch als unbrauchbar erwiesen. Als Ersatz benutzte man kurze eiserne Zweipfünder, die notfalls von zwei Mann bewegt werden konnten und der Infantrie zum Kampf beigegeben waren.
    Außerdem wendete Gustav Adoplh noch diverse Kunstgriffe wie seine "maskietren Batterien" an, die aber keine große Bedeutung erlangt haben und schnell wieder verschwunden sind.

    Mit dem Auftreten der Schweden wurden die Schlachten etwas flexibler: Auf den Flanken suchte die Kavallerie den Gegener mit wuchtigen Attacken aus dem Felde zu schlagen, um sich dann gegen das feindliche Fußvolk wenden zu können, was zur vermehrten Bewegung auf dem Schlachtfeld führte und damit auch zu höheren Ansprüchen an die taktische Führung. Die Schlachtordnung in mehreren Treffen mit dem Fußvolk im Zentrum und der Kavallerie auf den Flügeln hat sich aber über den Dreissigjährigen Krieg hinaus erhalten.

    Im Verlauf des Krieges verschwanden die Gevierten Haufen gänzlich, alle Parteien bedienten sich der schwedischen oder niederländischen Aufstellung, zumeist der zweiteren wegen ihrer größeren Einfachheit. Zudem wurde die relative Anzahl der Musketiere ständig erhöht, bis zu 3/4 des Fußvolks, da die Schlachten zur Schonung der eigenen armseligen Truppen zunehmend defensiver geführt wurden.
    Die Reiterei paßte sich im Verlauf des Krieges so gut als möglich dem schwedischen Vorbild an, mehr als diese generelle Tendenz läßt sich aber nicht feststellen. Zu Ende des Krieges gab es nur noch die Kürassiere in einheitlicher Bewaffnung, die Dragoner als tatsächliche leichte Kavallerie und bei den Kaiserliche zusätzlich noch die Kroaten.
     
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  5. wufi

    wufi Gast

    Eine nette Seite zu dem Thema:
    tercio
    :winke:
     
  6. Eusebius

    Eusebius Neues Mitglied

    Nachtrag:

    Ich habe bei der Beschreibung der Kavallerie versehentlich der Zeit vorgegriffen: Die traditionelle schwere Kavallerie griff eben nicht in geschlossener Formation an, sondern trabte oder galoppierte gliederweise auf Schußweite an den Feind heran, feuerte und begab sich dann schleunigst zum Nachladen wieder nach hinten.

    Der Angriff mit blanker Waffe und in geschlossener Formation wurde erst durch die Schweden wieder bei der schweren Reiterei eingeführt. Allerdings trugen nur Eliteeinheiten ihre Attacke im Galopp vor, in der Regel erfolgte der Angriff im Trab oder sogar nur im Schritt in dichter Formation, Steigbügel an Steigbügel.
     
  7. Gorki-Park

    Gorki-Park Neues Mitglied

    wieso haben die Musketiere eigentlich in Salven geschossen?
    Es wird immer gesagt: um die Treffsicherheit zu erhöhen
    Aber ich bin noch nicht hinter die Logik gestiegen. Es geht doch darum möglichst viel Blei pro Zeiteinheit in die Luft zu kriegen und das erreicht man mit Einzelschüssen genauso, evtl. sogar mehr weil keine Wartezeit auf den Schussbefehl verloren geht.
     
  8. muheijo

    muheijo Aktives Mitglied

    Es gibt mehrere Gruende:

    - eine Salve macht auf einen Gegner mehr Eindruck als vereinzelte Schuesse. U.U. kann man damit sogar einen gegnerischen Angriff stoppen, sogar Kavallerieattacken. Fuer den Angreifer ist es demoralisierender, wenn mehrere Kameraden gleichzeitig getroffen werden.

    - Es wird sichergestellt, dass ueberhaupt (und effektiv) geschossen wird! Wuerde man es dem einzelnen ueberlassen, bricht Chaos aus: Zu unterschiedlich sind die Verhaltensweisen der einzelnen Soldaten. Es gibt Berichte, dass Soldaten (die nicht in Salven geschossen haben) ihr Gewehr mehrfach geladen haben, ohne zwischenzeitlich mal zu feuern... Andere kæmen vielleicht auf die Idee, Munition zu sparen oder umgekehrt alles zu verballern, bevor der Feind in Reichweite ist.
    Die Offiziere, die die Feuerbefehle geben, waren in der Regel erfahren - sie wussten also wann der beste Zeitpunkt ist.

    - Die Soldaten standen relativ dicht beieinander, von daher ist es weniger størend, wenn alle zeitgleich das gleiche tun.

    Die Treffsicherheit erhøht das Ganze uebrigens gar nicht, gezielt wurde nicht grossartig - musste ja alles gleichzeitig geschehen.

    Gruss, muheijo
     
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