Schulbuchkritik

Dieses Thema im Forum "Geschichtsmedien und Literatur" wurde erstellt von floxx78, 31. Oktober 2009.

  1. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Na dann bewirb dich mal beim Georg Eckart-Institut um Fördergelder.
    Da die Kultushoheit bei den Bundesländern liegt, lässt sich das pauschal nicht so sagen, wobei die KMK ja um Angleichung der Lehrpläne bei allen bundeslandspezifisch(en auch gewollten) Unterschieden durchaus bemüht ist. Und dann gibt es noch schultypenabhänge Unterschiede, wenn etwa Politik, Geschichte, Erdkunde und Sozialwissenschaften in der Unter- und Mittelstufe auf manchen Schulformen zusammengelegt sind.

    Weitgehend ja. Nur wird heute mehr Wert auf die Kompetenzen gelegt.
    Ur- und Frühgeschichte mit Entwicklung des Menschen, Jäger- und Sammler-Kulturen, neolithische Revolution, Frühe Hochkulturen, exemplarisch am Alten Ägypten, dann die klassische Antike mit Griechenland und Rom, wobei ein Schwerpunkt auf der attischen Demokratie liegt, Rom die Kämpfe der Republik und Focus auf die späte Republik bzw. das frühe Prinzipat, dann Christianisierung und schließlich das Frühmittelalter mit dem Frankenreich, etwas von Chlodwig bis Otto I. (Entstehung Dtlds. aus den drei Wurzeln Rom, Germanien und Christentum). Das wäre jetzt das erste Jahr Geschichte an einem Gymnasium (vmtl. Kl. 6, Alter der Schüler 11 - 12) anhand der Gegenstände aufgelistet.

    Dann wird meist ein Jahr übersprungen und erst im übernächsten Jahr (also Kl. 8, Alter der Schüler 13 - 14) gibt es wieder Geschichte, mit dem Hoch- und SpätMA als Einstieg, Weltbilder im MA, Konflikt zwischen Islam und Christentum, Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft, Frühkolonialismus und Frühkapitalismus, Renaissance und Reformation bis hin zur Frz. Revolution, dann noch Industrialisierung. In der folgenden Klasse 9 (14 - 15) wird dann Kaiserreich bis Gegenwart durchgenommen, mit nationalen und internationalen Schwerpunkten. Also Kalter Krieg als großes Ganzes und die deutsche Teilung als Mikrokosmos im Kalten Krieg.
    In der 10 unterscheiden sich die Lehrpläne dann wohl am meisten und in der 11 und 12 wird mit den abiturrelevanten Themen dann das Abitur vorbereitet, meist so im Rahmen von 1830 bis Gegenwart, wobei hier Auslassungen vorgenommen werden, je nachdem, was im Zentralabi verlangt wird.

    Ich kenne jemanden, auf dessen Urteil ich vertraue, der nicht in dieser aber in einer anderen Sendung dieses Kalibers war. Und der sagte das, was man auch in diesen Sendungen manchmal hört: Wenn man vor der Kamera steht, weiß man plötzlich gar nichts mehr.
    "333, bei Issos Keilerei" ist totes Wissen - was fangen Schüler damit an? Zumal der Spruch natürlich exemplarisch ist für den schlechten Leumund des Geschichtsunterrichts bei den Desinteressierte: "Ööh, Geschichte ist ja bloß Datenauswendiglernerei...".

    Genau das ist Geschichte aber nicht. Man muss sich immer fragen: Welchem Zweck dient das Ganze? Heute geht es im Unterricht darum, Methoden und Kompetenzen zu erwerben und anzuwenden. Die sind teilweise fächerspezifisch, teilweise fächerübergreifend und am Ende sollen die Schüler auf moderne Arbeitswelten, in denen Kreativität und z.B. die Fähigkeit zu Teamwork gefragt ist, vorbereitet sein.
    Natürlich gehört zu den Kompetenzen außer Methodenkompetenz auch Sachkompetenz (also der Erwerb von Fachwissen), jedoch wird niemand das Wissen um die Jahreszahl einer Schlacht heute noch als Sachkomptenz begreifen. Die gesellschaftlichen Zusammenhänge die Möglichkeiten der historischen Situation etc. wiegen vielmehr und die Kompetenz, historische Entscheidungen oder gesellschaftliche Sachverhalte aus der Zeit heraus, wie auch aus heutiger Sicht beurteilen und bewerten zu können. Dass 333 eine Schlacht geschlagen wurde, lässt sich nicht beurteilen oder bewerten. Aber die Motive der Gegner oder das Verhalten des Siegers bzw. Verlierers, das lässt sich bewerten und beurteilen, wenn die Schüler über die notwendigen Informationen verfügen. Da ist die Jahreszahl vielleicht noch insofern wichtig, als dass man das Geschehen in den historischen Kontext einordnen kann und weiß, was in den Jahren zuvor passierte und in den Jahren danach noch passieren sollte.
     
  2. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Kann ich nur bestätigen.

    Ich habe schon vor Jahren einmal das Niedersächsisches Landesamt für
    Lehrerbildung und Schulentwicklung, die sind zuständig für die Schulbücher, angeschrieben und auf ein paar Fehler in dem Schulbuch Geschichte und Geschehen hingewiesen. Zum Beispiel ist dort zu lesen, das sich die Marrokokrisen um "wirtschaftliche Interessen entspann". Nun, das ist schlicht Blödsinn.


    Bis heute habe ich von der o.g. Behörde keine Antwort erhalten.
     
  3. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Es wäre sinnvoller gewesen, du hättest den Verlag angeschrieben, in diesem Fall den Klett-Verlag. Der hätte dir mit Sicherheit geantwortet.
     
  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Und nicht nur gegenüber diesen. Selbst in Büchern für die Uni findet man historisch fragwürdige Darstellungen.

    Eduardo Blasco Ferrer, Linguistik für Romanisten (Berlin 1996), S. 28 f.:

    Die Opposition Iberoromanisch vs. Galloromanisch [...] beruht auf der Annahme, dass das Vlat. der Iberischen Halbinsel von der nicht-indogermanischen, vorrömischen Sprache der Iberer geprägt worden sei, im Ggs. zum Vlat., das sich im ursprünglichen Siedlungsgebiet der indogerm. Gallier herausgebildet habe.
    Das stimmt schon mal nicht, Iberoromanisch und Galloromanisch sein rein geographische Bezeichnungen, iberisch wurde bis in die Narbonensis hinein gesprochen, (prä)keltisch in weiten Teilen der iberischen Halbinsel, in Zentralspanien, in Galicien, in Portugal (Lusitanisch wird manchmal als präkeltischer indoeuropäischer Dialekt verstanden). Blasco fährt fort:

    man geht z.B. davon aus, dass vor der definitiven (von Caesar in seinem De Bello gallico genau beschriebenen) Ausrottung der keltischen Sprache durch die Römer die unterjochten Gallier, die Latein lernen "mussten", einige Aussprachegewohnheiten und Formen ihrer Muttersprache in die erlernte Sprache hineinbrachten.
    Wo bitte hat Caesar die Ausrottung der gallischen Sprache beschrieben? Und wie hätte das möglich sein können, wo doch die Sprecher noch lebten? Gehirnwäsche?

    Der dritte Fehler folgt auf dem Fuße, nämlich dass die Entwicklung [f] > [h] > Ø dem iberischen Substrat zugesprochen werde und das stimmt nicht: sie wird dem baskischen Adstrat zugesprochen. Blasco Ferrer greift diese Zuschreibung dann sofort an mit dem Hinweis, dass derselbe Lautwandel sich auch im Zentralsardischen vollzogen habe:

    „In zentralsardischen Mundarten, wo bestimmt kein iberisches Substrat verantwortlich gemacht werden kann, hat man den genau gleichen spanischen [hä?] Aspirations- und Verstummungsprozess belegt.“​

    Man ersetze iberisch durch baskisch, dann ist die Aussage korrekt. Die Schlussfolgerung nicht unbedingt. Dass der Sprachwandel, der im Spanischen und Gaskognischen auf das Baskische zurückgeht, auch anderswo zu finden ist, bedeutet nicht, dass die baskische Hypothese damit widerlegt wäre, man müsste vielmehr untersuchen, warum er im Zentralsardischen AUCH auftritt. Was hat dazu geführt, dass es zu einem ähnlichen Sprachwandelphänomen kam? Sind hier Substrate verantwortlich zu machen? Superstrate?


    Lat. FEMINAM > span. hembra ['embra], gaskognisch ['hemno], zentralsardisch ['hemmina] > ['emmina]
     
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