Siedlungshistorie Hann. Münden

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Mittelalter" wurde erstellt von Augusto, 11. Mai 2015.

  1. Augusto

    Augusto Neues Mitglied

    Ich habe Verwandschaft im alten Glasmacherort Boffzen/ Weser, gegenüber von Höxter. Jedes Mal, wenn ich dort bin, wundere ich mich über die rechtwinklige Dorfanlage, und die 2-3-stöckigen, aus massivem Buntsandstein erbauten alten Gehöfte im Dorfkern (Obere Dorfstraße), die eher pfälzisch denn süd-niedersächsisch anmuten.
    Das südlich anschliessende Fürstenberg schreit von der Lage her, auf einem Bergsporn oberhalb der Weser, geradezu "Keltisches Oppidum" - entsprechendes gesucht und gefunden hat man dort jedoch noch nicht.

    Weseraufwärts folgen weitere Orte mit rechtwinkligem Straßennetz -Beverungen, Lauenförde, Bodenfelde, und natürlich Hann. Münden (s. Anlage) - allerdings weit mehr als Boffzen durch Fachwerk geprägt.
     

    Anhänge:

  2. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Die Vorläufersiedlung der rechtwinkligen Anlage von Hann. Münden lag auf der anderen, gegenüberliegenden Weserseite (mit dem Reinhardswald "im Rücken"), statt der Insellage im Mittelalter offenbar leichter zugänglich:

    Altmünden ? Wikipedia

    Die Insellage der "Neustadt" im Zusammenfluss von Werra und Fulda ist einerseits hochwassergefährdet, andererseits besser zu befestigen.
     
  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Und die rechtwinklige Stadtanlage von Hannoversch (G)Münden ist darauf zurückzuführen, dass es sich um eine barocke Planstadt handelt. Es würde sich auch lohnen, tatsächliche Römerstädte mal anzuschauen: Die haben zwar meist die Hauptachsen einigermaßen erhalten, aber ansonsten hat das Mittelalter auch was die Straßenführung anbelangt, seine Spuren hinterlassen. Es wäre schon recht seltsam, wenn Hannoversch Münden davon die große Ausnahme wäre.
     
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  4. Augusto

    Augusto Neues Mitglied

    Bist Du Dir da sicher?
    Hann. Münden ? Wikipedia
    Zu einem geplanten barocken (Wieder-)Aufbau steht hier nichts:
    http://www.hann.muenden.de/media/custom/295_880_1.PDF?1058438204
    Auch die archäologischen Befunde scheinen Deiner These zu wiedersprechen. Die Hauptachsen (übrigens nicht exakt, sondern nur annähernd rechtwinklig), d.h. die Lange Straße (N/S, von der Werrabrücke) und die Marktstr (O/W) gehen auf jeden Fall ins Mittelalter zurück:
    Ausgrabungen in Hann. Münden: Gab es ein*Haus mit Arkadengang? | Hann. Münden
     
    Zuletzt bearbeitet: 11. Mai 2015
  5. Marcus Antonius

    Marcus Antonius Mitglied

    [mod]Ursprungsbeitrag kopiert und geteilt. Restbeitrag in http://www.geschichtsforum.de/f28/caput-iuliae-lupiae-fluminis-52152/[/mod]

    Von daher kann ich mir nur einen Ort vorstellen, der den Leser oder Hörer anerkennend staunen lässt und gut verteidigt werden kann. Ziel: spätere Stadtgründung! Als jetzt Leicester in England Fußballmeister wurde, habe ich da ein wenig gelesen. Es ist auch eine römische Gründung. Fast alle römischen Gründungen in England waren an strategisch günstigen Stellen (viele an Flüssen), es war fast immer das Vorgehen: Zuerst Lager, später Siedlung. Es soll auch Gründungen geben, wo es kaum oder keine Funde aus römischer Zeit gibt, durch eine kontinuierliche oder fast kontinuierliche Siedlung ist manchmal nicht viel übrig geblieben und man kann halt schlecht unter den jetzigen Häusern graben.
    Warum sollte die Provinzialisierung in der Magna Germania anders gewesen sein?
    Um auf Hannoversch Münden noch einmal zurück zu kommen: Die Altstadt sieht in Ihrer Struktur erheblich anders aus als Gründungen im 12. Jahrhundert vergleichbarer Städte. Dort hat man nicht so einen klaren unterteilten Aufbau durchgezogen. Und ich rede von der Struktur, nicht von den Fachwerkhäusern, da bin ich mir sicher, dass die nicht von Römern sind....:winke:
    Wenn man über die Stadtgründung liest, liest man schließlich auch, dass es eine Vorgängersiedlung genau auf der heutigen Altstadtinsel gab. Auch ohne, dass das da stehen würde, wäre ich mir dessen sicher, an so strategischem Orte vergangener Zeiten.
    Wer mal auf dem Berg des Lagers Hedemünden war, weiß, dass man von dort enorme Weitsicht auf die ganze Umgebung hat. Vielleicht war das ja ein vorgelagerter Verteidigungsposten? Gab es sowas vielleicht auch an den anderen Zu- bzw.Abflüssen? So Berge über Flussbiegungen böten sich ja an, das gesamte Umfeld zu kontrollieren?:grübel:
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 24. Juli 2016
  6. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Wenn du die tatsächliche römische Gründungen anschaust, wirst du sehen, dass diese Städte, sofern sie denn nicht aufgegeben wurden und bis ins späte Mittelalter fortexistierten eben keine römische Stadtstruktur mehr aufweisen, meistens lassen sich noch der alte Cardo und Dekumanus im Stadtbild erkennen, der Rest ist ein Durcheinander. Spätmittelalterliche Planstädte dagegen haben regelmäßig annähernd parallele Straßen. Du hättest dir ja mal den Plan von Leicester ansehen können, da wäre dir aufgefallen, dass diese Stadt eben keine planstädtische Bebauung mehr aufweist. Schau dir auch andere nachweisliche römische Städte an: Ladenburg, Köln, Bonn, Augsburg, Regensburg, Koblenz, Trier... Du wirst Mühe haben, eine römische Stadtstruktur wiederzuerkennen. Die Städte mit regelmäßigem Stadtplan sind i.d.R. verhältnismäßig jung. Spätmittelalter (Danzig, Freiberg, Görlitz), Renaissance, Barock (Mannheim, Karsruhe).
    Und bei Hann. Münden ist die Altstadt tatsächlich nicht einmal deckungsgleich mit ihrer Vorgängersiedlung Altmünden, das hast du nämlich auch übersehen.
     
  7. LEG XVII

    LEG XVII Aktives Mitglied

    Ausnahmen bestätigen die Regel, schau dir Aosta an:

    https://www.google.de/maps/@45.7372201,7.3169507,1464m/data=!3m1!1e3

    "Die Stadt wurde durch Augustus unter dem Namen Augusta Praetoria aus einem bestehenden Legionslager heraus, dessen Grundriss für die zivile Stadt übernommen wurde, durch Veteranen der kaiserlichen Leibwache, der Prätorianer, gegründet.

    Die Stadt wurde schachbrettartig angelegt. Sie bestand aus 64 Insulae (Stadtteile) und hatte die Form eines Quadrates. Diese römische Struktur ist noch heute im Stadtbild der Altstadt zu erkennen."

    https://de.wikipedia.org/wiki/Aosta

    Bei kontinuierlicher Besiedlung und ohne Erdbeben/Brandkatastrophen und ohne planmäßigen Umbau wäre sowas auch nördlich der Alpen denkbar, auch dort wurden neue Häuser nicht mitten auf der Straße gebaut. Es hängt vom Zufall ab ob sich die römische Struktur erhielt oder nicht.
     
  8. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Aosta, berühmte Stadt im germanischen Norden?
     
  9. LEG XVII

    LEG XVII Aktives Mitglied

    Nein das Aosta im Aostatal in Italien.

    Wenn Regensburg nicht ein paar mal in Brand gesteckt worden wäre (ich meine sogar von den eigenen Bewohnern nach dem Abzug der letzten römischen Soldaten, kriege es aber nicht mehr zusammen) könnte es heute noch ähnlich wie Aosta aussehen.
     
  10. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

  11. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Vergleichbare Städte aus dem 12. und 13. Jahrhundert wären z. B.

    Lippstadt
    Greifswald
    Neubrandenburg
     
  12. LEG XVII

    LEG XVII Aktives Mitglied

    Stimmt, und teilweise sind es auch nicht mehr die ursprünglichen Häuser des Jahres 25 v. Chr.. Ich finde es trotzdem erstaunlich wie gut die römische Struktur noch heute im Stadtbild der Altstadt zu erkennen ist.
     
  13. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Bei Siedlungskontinuität römischer Städte sollte man zum einen die durch die Stadtmauer gebildete Stadtgrenze und zum anderen innerhalb dieser Stadtmauer Infrastruktur wie innerstädtische Verkehrswege, öffentliche Plätze, Großbauten unterscheiden. Bei vielen Städten aus der Römerzeit läßt sich noch in der heutigen Topographie der Umfang der Stadt in der Antike nachvollziehen, weil in späteren Jahrhunderten die römischen Stadtmauern weiter benutzt und instand gehalten worden sind. Innerhalb dieser Städte lebt teilweise die alte römische Straßenführung weiter fort, weil wichtige Straßen weiterhin benutzt worden sind. Die "Hohe Straße" in Köln verläuft noch heute auf der Trasse des römischen Cardo Maximus (s. zu den Römerstraßen in Köln: http://www.museenkoeln.de/downloads/home/via.pdf). Ob und wieweit innerstädtische Straßen noch weiterhin sichtbar im Stadtbild blieben, hängt davon ab, wie die Straßen und die anliegenden Grundstücke benutzt worden sind.

    Da es in der Spätantike und im FrühMA einen Bevölkerungsrückgang gegeben hat, dürften weite Teile der Stadt zu Brachland geworden sein. Die Grundstücksgrenzen und Straßen verschwanden und wurden schließlich vergessen. Gleichzeitig entstanden neue Wege wohl aus Trampelpfaden und wurden dann später zu den typisch mittelalterlichen Gäßchen. Vorgenanntes habe ich schon in vielen Städten aus der Römerzeit gesehen, aber mir fällt kein einziges Beispiel ein, wo sich der römerzeitliche Stadtgrundriß (Hippodamisches Schema) sich bis heute weitestgehend erhalten hat. Lediglich bei aufgegebenen Städten (Pompeii, Colonia Ulpia Traiana, Leptis Magna etc.) blieb dieses Raster unter- und/oder oberirdisch erhalten.


    Was Hann. Münden angeht, so zeigt der Stadtplan der Innenstadt einen Stadtgrundriß mit annähernd rechtwinklingen Straßen. Das ist ein Kennzeichen einer geplanten Ansiedlung. Ich konnte auf die Schnelle nicht herausfinden, wann dieser Stadtgrundriß entstanden ist. Denkbar wäre die Anlage dieser Innenstadt als Neubebauung nach einer weitestgehenden Zerstörung (z. B. nach einem Stadtbrand). Die im Zentrum sich befindliche St. Blasius-Kirche stammt aus dem 13. Jhdt., ist aber bereits der dritte Kirchenbau an dieser Stelle. Die erste Kapelle entstand laut Wiki um das Jahr 1000:


    https://de.wikipedia.org/wiki/St._Blasius_(Hannoversch_Münden)


    Gerade noch nachgeschaut:

    FeuerwehrHistorie der Feuerwehr

    Der Vorgängerbau des heutigen Rathauses stammt von um 1200 (https://de.wikipedia.org/wiki/Rathaus_Münden), die Stadtbefestigung auch aus der gleichen Zeit (https://de.wikipedia.org/wiki/Stadtbefestigung_Münden). Dann ist zu vermuten, dass der heutige Stadtgrundriß auf eine Planstadt aus dieser Zeit zurückgeht.

    Wie sieht denn so der Stadtgrundriß der Planstadt im 12. bzw. 13. Jhdt. aus? Mir fallen spontan Zons ein (https://de.wikipedia.org/wiki/Zons#Geschichte) aus dem späten 14. Jhdt. und Aigues Mortes in Südfrankreich (https://de.wikipedia.org/wiki/Aigues-Mortes#Geschichte) aus dem 13. Jhdt. ein: beides Planstädte mit rechtwinkligen Grundriß an der Stelle vorheriger Siedlungen. Aber das führt uns zur Frage, ob und wie Städte/Siedlungen im 12. Jhdt. geplant worden sind: hat man direkt eine Art Bebauungsplan mit festgelegtem Stadtgrundriß gehabt, wo dann die Bürger ihre Häuser gebaut haben? Oder wurde eine Art Siedlungskern (Burg, Königshof, Kloster o. ä.) angelegt, um den sich herum mehr oder weniger chaotisch eine Siedlung bildete?

    Gegen eine römische Siedlung in Hann. Münden, auf die der mittelalterliche Stadtplan zurückgeht, spricht m. E., dass man damit eine Siedlungskontinuität voraussetzt, die den Plan der römischen Siedlung (oder auch Militärlager) über die Antike und Frühmittelalter bis ins 12. Jahrhundert bewahrt hat. Das haben wir nicht einmal bei einer der römischen Siedlungen innerhalb des Römischen Reiches. Warum sollte das im Barbaricum der Fall sein?
     
  14. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

  15. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    @Bdaian: danke für die Info.

    In der Liste der Bastiden taucht auch das von mir oben erwähnte Aigues Mortes im Languedoc auf. Allerdings ist der Süden Frankreichs doch ein wenig von Hann. Münden entfernt. Fraglich ist, ob solche Beispiele auch für Deutschland relevant sind.

    Mir ist doch zumindest noch ein Beispiel für eine Stadtgründung in Deutschland aus dem 13. Jhdt. mit orthogonalem Grundriß eingefallen: Kalkar am Niederrhein

    aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Kalkar#Gr.C3.BCndung_Kalkars_1230

    Der oben erwähnte Vogelschauplan von 1575 ist hier zu sehen: Ältere Pläne - Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte
     

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