Sieg des Christentums durch kinderreiche Familien

Dieses Thema im Forum "Das Römische Reich" wurde erstellt von Zoki55, 6. Oktober 2021.

  1. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Da wäre ich mir nicht ganz sicher. Auch die Römer (die ihrerseits in der frühen Republik Kindsopfer durchaus noch kannten) behaupteten, dass die Karthager Kinder opferten. Vor einigen Jahren war der Tophet(?) oder Kinderfriedhof(?) von Karthago deswegen in Diskussion.
     
  2. hatl

    hatl Premiummitglied

    So wie ich es verstehe gebraucht Blume den Begriff "Gottes-Gen" nicht metaphorisch sondern im Sinne einer genetischen Ausprägung.
    Er nimmt dabei Bezug auf http://www.blume-religionswissenschaft.de/pdf/GeneticEnvironmentalInfluencesReligiousness2006.pdf
    Wie Du richtig anmerkst wird das "Gottes-Mem" offenkundig vererbt.
    Dass es auch eine genetische Vererbung der Religiosität gibt lässt sich nicht eindeutig nachweisen.
     
  3. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Hab ja schon geschrieben, ich habe Michaels Argumentation auch nie verstanden das es ein Gen gibt und man sicher dann religiös wird. Die These von ihm ist ganz stark, dass sich die Religion in der Evolution dann durchgesetzt hat, weil sich die Anlage zur Religiosität weitervererbt hat. Aber ein Gen, welches alles bestimmt, wird es wohl nicht geben, vor allem müssten ja die Gesellschaften immer religiöser werden und die Atheisten aussterben. Sollte es stimmen, dass Kinderreichtum und Religiosität korrelieren und dies je gebildeter die Eltern sind desto mehr. Jedenfalls ist es heute so und die Daten scheinen ziemlich gut. Im Mittelalter, in der Zeit wo es keine Verhütung gab, wird es anders gewesen sein. Die Römer scheinen, aber durchaus Familienplanung betrieben zu haben.

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    Das es Religionen gibt die Antinatal sind schreibt er auch auf scilogs. Er nennt die Shaker. Diese würden normalerweise aussterben. :) Also die Evolution gewinnen, auf gut Deutsch, diejenigen die nicht an sie glauben (Haredim, Amische e.t.c). Der Spruch stammt von mir, hab ihn auf scilogs gebracht.
     
  4. hatl

    hatl Premiummitglied

    Sagt er das?
     
  5. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Nein sagt er nicht, die Veranlagung für religiöses Empfinden wird scheinbar weitervererbt.

    Das ist sicher einer der Faktoren, dass man dann religiös wird, aber sicher nicht der Einzige. Sonst gäbe es Atheisten wahrscheinlich gar nicht oder diese wären so exotisch, wie Schwarzafrikaner mit blauen Augen.
     
  6. hatl

    hatl Premiummitglied

    Genetisch?
     
  7. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Wenn ich ihn richtig verstanden habe ja. Scheinbar hält er nichts von Memetik.

    Widerruf der Religion-Virus-Hypothese - Wie mich Susan Blackmore beeindruckte » Natur des Glaubens » SciLogs - Wissenschaftsblogs (spektrum.de)

    Irgendeine biologische Komponente wird religiöses Fühlen sicher haben, sonst hätten wir dies nicht. Das würde meine Intention des Threads wirklich sprengen, wenn wir jetzt über neuronale Netzwerke reden, die wir für Religion brauchen oder warum dies entstanden ist. Ich glaube schon, dass alle Kulturen zwar verschiedene aber doch ähnliche Nahtoderfahrungen haben, ist für mich doch ein Zeichen, dass dies eine biologische Mitverursachung hat.
     
  8. hatl

    hatl Premiummitglied

    Das ist ein Missverständnis.
    Dawkins postulierte Religion sei ein maladaptives Mem (oder Memplex). Dem schloss sich Blackmore an, änderte aber ihre Ansicht in dem Sinne, dass dieses Mem nicht "maladaptiv" sei. Überzeugt wurde sie durch Blume der sich dafür bedankt.
    Ich würde sogar sagen, dass im Zentrum von Blumes Betrachtungen die kulturelle und nicht die genetische Evolution steht.
     
  9. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Ich empfehle eine historisch orientierte Rezeption, in einem Geschichtsforum.

    Blume hat nur neueste Daten verwendet, soweit ich sehe, wie sollte es auch anders sein. Die spiegeln hauptsächlich eine vielfach säkulare, besonders individualisierte, zudem vor allem westliche, zurückliegend mehrheitlich 'christlichen' Welt, in welcher traditionelle Familialstrukturen natürlich vermehrt an die verblassenden tradierten religiös-kirchlichen Strukturen gebunden sind. Kirchenbesuch als Leitkriterium für 'Religiosität'?
    Das ist so konservativ wie traditionell gedacht, besonders wenn es offenkundig die postindustriellen 'westlichen' Gesellschaften seit den ausgehenden 1960er Jahren, oder 1980er Jahren zu reflektieren versucht.

    Historisch, kirchen- und religionsgeschichtlich also m.E. nutzlos und ohne Aussagekraft.

    Während wir also schon im 19., 20. und erst recht im 21. Jh. in gewissen Teilen der Erde, besonders in den 'westlichen' und industrialisierten, dann postindustrialisierten Gesellschaften einen großen Rückgang der tradierten, umfassenden Kirchenbindung feststellen können, fallen noch bestehende tradierte Kirchenbindungen und christlich-kirchliche Glaubensformen umso stärker auf. Und nicht die Kirchenbindung/Religiosität selber führt zu vermehrten Reproduktionszahlen, sondern die damit einhergehenden tradierten und verstärkt immer noch überlieferten, referenziellen Familienbilder. Selbstbestimmung der Frau dabei...auch hinsichtlich dessen, vielleicht nicht nur Mutter vieler Kinder zu sein und die drei K's zu pflegen....? ;-)

    Was versteht Blume unter 'nicht-religiös'? Offenkundig explizite Atheisten oder Nicht-Theisten und die findet man in einem begrenzten intellektuellen Milieu 'westlicher' Gesellschaften. Was hält er von Japan oder gar China?

    Und der überwältigende 'Siegeszug' moderner, (natur-) wissenschaftlicher, technisch-industrieller Lebensformen seit dem 19. Jh. mitsamt der durchgreifenden Profanierung/Säkularisierung und sozialen Veränderungen ? Fehlanzeige bei Blume?
    Nach seiner Theorie und vielen Jahrhunderten/Jahrtausenden Christentum/Judentum/Islam müssten weltweit die traditionellen, am besten orthodoxen oder fundamentalistischen Glaubensformen/Bekenntnisse inzwischen längst eine umfassende, hegemoniale wie globale Dominanz dank ihrer Reproduktionstätigkeit erlangt haben.

    Was offenkundig nicht zutrifft, meine ich.
     
    Zoki55 und silesia gefällt das.
  10. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    In seinem Blogbeitrag "Richard Dawkins - Mein Held der Metapher" wird deutlich wie wenig Blume von Memetik hält. Seine Kritik an Dawkins erscheint mir schon polemisch. Bizarr ist natürlich, dass Blume hier selbst zu einer religiösen Metaphorik greift, als wäre Dawkins irgendein falscher Prophet.

    Es ist schon sehr paradox. Der Biologe Richard Dawkins plädiert für einen sozio-kulturellen Ursprung des Gott-Glaubens, während der Geisteswissenschaftler Michael Blume auf einer biologischen Ursache beharrt.
    Dawkins Memetik ist eigentlich nur ein Glasperlenspielertrick, aber immerhin ist Dawkins ein besserer Glasperlenspieler als Blume.

    Das passt aber gut mit Blumes eigenen konservativ-libertären Werten zusammen. Vielleicht sucht er deswegen auch nach einer essentialistischen Erklärung, dass die Idee der Religion und die Lebensform Familie natürliche Verhaltensweisen seien.

    Das krasseste Beispiel hierfür ist die christliche Sekte der Skopzen im Russland des 18. und 19. Jahrhundert. Von männlichen und weiblichen Mitgliedern wurde die Kastration verlangt. Trotz der Unmöglichkeit des Nachwuchses konnte sie sich die Skopzen durch Bekehrungen weiter ausbreiten und sie wurde erst durch kommunistische Repression zerschlagen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. Oktober 2021
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  11. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Auch die Katharerbewegung war im Zentrum antinatal orientiert, zumindest die 'Reinen' wollten und sollten aus den bekannten Gründen auf keinen Fall irdischen Nachwuchs zeugen.
    Bei den Frühchristen tickten auch die strengen Markioniten ähnlich, die frühchristliche monastische Bewegung sowieso usw. usw. Massiv ausgebreitet haben sich alle drei Bewegungen/Bekenntnisse dennoch, dies natürlich durch Bekehrungen.
    Die Markionitische Bewegung verlief sich im Laufe der Jahrzehnte nach der Starthilfe mit Markions beträchtlichem Vermögen in alle möglichen Richtungen, doch die außerordentlich starke monastische oder auch asketische Richtung (nicht nur) des frühen Christentums hätte dieses bzw. das sich ab dem 4. Jh. etablierende episkopal-römische Kirchenchristentum durchaus 'sprengen' können (die anderen, massiven innerchristlich-theologischen Auseinandersetzungen ebenso). Zumal die spätantiken Mönchsgruppierungen sich ja zeitweilig bzw. fallweise radikalisiert und selbst vor massiver, gut organisierter Massengewalt nicht zurück geschreckt hatten.
     
  12. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Ich muss durchaus zugeben, dass die Argumente, warum das in der Vergangenheit doch nicht so eindeutig sein kann, ziemlich gut sind.

    Danke dafür, wieder was gelernt.
     
  13. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Bei diesem Thread muss ich irgendwie immer an das englische Klischee von den kinderreichen, weil katholischen irischen Familien denken. Und das erwähne ich nicht bloß um des Gossips Willen.
     
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