Mich würde einmal interessieren, ob es so etwas schon unter anderem Namen gibt bzw. ob das als sinnvoll angesehen würde: Die Erstellung historischer Wahl-o-Maten für Wahlen in Deutschland, z.B. ab 1867.
Ab 1867 würde schon an der Problematik scheitern, dass es damals wirklich ogranisierte Parteien mit einheitlichen Programmen überhaupt noch nicht gab.
Unter dem Begriff "Partei" wurden damals noch eher lockere Verbünde von Anbegordneten ohne eigene, programmatisch abgestimmte Agenda zu allen politischen Themenbereichen verstanden, die auch personell durchaus noch ziemlich fluide waren.
Das wird man sich ähnlich den Demokraten und den Republikanern in den USA vorstellen können, wo es mehr um einzelne Persönlichkeiten und deren Standpunkte ging, die sich durchaus ändern konnten.
Das Entstehen wirlich einheitlicher Parteien, mit einem umfassenden Programm, dass über die zufällige Übereinstimmung einer Gruppe von Abgeordneten in einzelnen Bereichen, hinaus ging, das Etablieren von Fraktionsdisziplin bei Abstimmungen, das sind Erscheinungen, die erst im ausgehenden 19. und beginnenden 20. ahrhundert durchzuschlagen beginnen.
Und dann kommt bis zum Ende des Kaisrreiches in 1918 noch ein anderes Problem hinzu:
Der Reichstag in Deutschland hatte kein Initiativrecht und wählte anders als der heutige Bundestag auch nicht die Regierung.
Die Regierung wurde nicht gewählt, sondern vom Kaiser ernannt und Gesetzesinitiativen konnten nur von der Regierung eingebracht werden.
Das bedeutet einerseits, dass die Parteien im Reichstag nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten hatten selbst zu gestalten, Politik lief mehr darauf hinaus, dass dieses Parlament über Vorlagen abstimmte, die ihm vorgewetzt wurden, die es aber inhaltlich nur wenig beinflussen konnte.
Das bedeutet aber auch - und das ist ein Punkt, der als strukturelles Defizit im Kaiserreich mit Auswirkungen auf die Weimarer Zeit kritisiert worden ist - dass die Parteien und Parlamentarier dadurch, dass sie kaum Gestaltungsmöglichkeiten hatten auch keine politische Verantwortung für das übernehmen mussten, was sie so von sich gaben.
Das öffnete teilweise absurdem Populismus Tür und Tor, weil die Politiker im Reichstag ganz genau wussten, dass sie in diesem System, ohne eigenes Initiativrecht nicht daran gemessen werden würden, ob sie ihre Verprechen einhielten oder Ziele erreichten, weil sie sich immer darauf zurückziehen konnten, dass das System ihnen die Hände binden würde, da sie ja keine Gesetzesvorschläge einbringen konnten und Schuld an der Nichterfüllung die Regierung habe, die Vorlagen nicht aufgriff.
Plakativ gesprochen: Ein Politiker im Kaiserreich konnte theoretisch Wahlkampf damit machen, dem ganzen Volk Freibier auf Lebenszeit zu versprechen, in dem Wissen, dass die Regierung eine solche Absurdität niemals aufgreifen und als Gsetzsentwurf einbringen würde und anschließend konnte er die Regierung beschimpfen und als verantwortlich dafür erklären, wenn sowas nicht zur Abstimmung kam.
Freibier auf Lebenszeit ist jetzt etwas übertrieben, aber ich denke, es zeigt das Problem auf.
Im späteren Kaiserreich wurden von den Parteien mitunter Maximalforderungen postuliert, von denen diejenigen, die das formulierten ganz genau wussten, dass das nicht umsetzbar war und die auch nicht wirklich auf die Erfüllung dessen hinarbeiteten, weil sie genau wussten, dass sie die zu erwartende Nichterfüllung in diesem System der Regierung und dem Kaiser, der die Regierung ernannt hatte anlasten konnten, während sie selbst in Sachen wahlkampf von populistischem Geschrei in Teilen profitierten.
Insofern sehe ich das für das Kaiserreich nicht unbdingt als sinnvoll an, weil die politischen Strukturen mit heute nicht vergleichbar sind.
Für die Weimarer Zeit, mit ihrer einigermaßen modernen Parteienlandschaft wäre das wahrscheinlich theoretisch eher machbar.
Das Problem, was ich da sehn würde, ist nur, dass Programmatiken natürlich immer Zeit- und Problemorientiert sind und jemand, der sich mit der Weimarer Zeit nicht einigermaßen detailliert beschäftigt hat, damit in Teilen nicht viel wird anfangen können oder eben dann Meinungen abgeben, die keinen Bezug zu den damaligen Problemen haben.
Wenn man z.B. die Meinung verschiedener Parteien zur Thematik des 8-Stunden-Arbeitstages, der 1918 eingeführt wurde auf die Frage "Bist du dafür oder dagegen?" reduzierte, naja, dann wäre das halt eine Meinungsäußerung im luftleeren Raum.
Wenn man die Positionen der Parteien dazu tatsächlich verstehen wollte, müsste man sich z.B. klar machen, dass diese Entscheidung anno 1918 im Kontext der Reparationsproblmatik, der Invalidenversorgung und diverser anderer Probleme, die durch den Krieg hervorgerufen worden waren stand.
Und das gilt für alle Fragen dieser Zeit.
In den Programmatiken der damaligen Parteien wird sich kein Mensch mit heutigen Einstellungen und Bezug nur zu den Problmen der Gegenwart wiederfinden, weil sie eben für eine andere Zeit gemacht waren.
Ich persönlich finde es durchaus spanned sich Gedanken darüber zu machen, wo man sich in der Zeit bei den Problemen und Alternativen selbst wohl widergefunden hätte.
Um sich da aber selbst einigermaßen plausibel verorten zu können, wird man schon etwas tiefer in Geschichte und Problmatiken einsteigen müssen, als ein "Wahl-o-mat" das leisten könnte.
Wäre das Thema interessant oder evtl. gefährlich?
Ich sehe nicht unbedingt, dass das irgendwie gefährlich wäre, aber auch nicht, dass es sinnvoll funktionieren könnte.
Wenn man sich in die Problematiken der Zeit so tief eingearbeitet hat, dass man sie genug versteht um sich selbst ein einigermaßen fundiertes Urteil darüber bilden zu können, hat man auf dem Weg dahin auch bereits zwangsläufig einiges über die Positionen der verschiedenen Parteien gelernt und wird einen "Wahl-o-mat" von daher nicht nötig haben um sich selbst irgendwo verorten zu können.
Wobei da natürlich, wenn man die Frage, wo man anno 192X, wohl selbst gestanden haben würde, einigermaßen ehrlich beantworten wollte, jeder noch seinen persönlichen familiären Hintergrund berücksichtigen müsste.
Zum Beispiel dahingehend, wo und unter welchen Verhältnissen die eigenen Vorfahren lebten, ob sie sich eine gute Bildung für ihren Nachwuchs leisten konnten, entsprechend, wie viel Bildung man mitbekommen hätte, welche politische Vorprägung des Elternhauses, welchen Beruf oder grob, welcher Berufsgruppe (Arbeiter/Angestellte/Selstständige etc.) man wahrscheinlich angehört hätte etc.
Und man müsste natürlich auch versuchen sich gedanklich möglichst frei davon zu machen, was nach der Weimarer Zeit passierte, denn dieses Wissen stand den Zeitgenossen natürlich nicht zur Verfügung.
Denn wenn man sich heute mit ganz anderen Möglichkeiten, außerhalb der damaligen Millieustrukturen,in die man in den 1920er Jahren eingebunden gwesen wäre und mit einem Bildungshorizont, den die Menschen nach ein paar Jahren Volksschule, die damals üblich waren, möglicherweise nicht hatten (das kann natürlich die individuelle Familiengeschichte aber auch abweichend vom Durchschnitt hergeben), Gedanken darüber macht, naja, dann bringt das nicht so viel.
Dann macht das vielleicht ein gutes Gewissen, weil man ausgehend von einem heutigen Mindset ohne in den Problmatiken drinn zu sein und ohne Berücksichtigung des Hintergrunds und ohne Ausblenden der folgenden Geschichte mit ziemlicher Sicherheit in der Regel Positionen des rechten Flügels der Sozialdemokratie oder des linken Zentrumsflügels wählen würde.
Das zeigt, dann das (hoffentlich) aus der Geschichte gelernt wurde, bringt aber möglicherweise nicht unbedingt einen Erkenntnisgewinn.
Wenn man sich dafür tatsächlich interessiert und sich reinarbeitet, um sich selbst darin zu verorten, wird man übrigens ziemlich sicher zu dem Schluss kommen, dass je nach dem, in welche Familie der Großeltern oder Urgroßelterngeneration man hineingeboren worden wäre, man durch entsprechenden Einfluss und Lebensumstände, bei Übereinstimmungen mit sehr verschiedenen politischen Richtungen hätte entwickeln können.