Spielfilme angesiedelt im Mittelalter

Dieses Thema im Forum "Dokumentarfilme/Spielfilme" wurde erstellt von Legat, 22. Juli 2009.

  1. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    "Die Wikinger – Angriff der Nordmänner" PL 2003 (Regie: Jerzy Hofmann)

    Entgegen dem deutschen Filmtitel hat der Film nicht viel mit Wikingern zu tun, vielmehr mit einem alten Märchen - "Stara baśń" der Anfang des poln. Filmtitels heißt auch Altes Märchen.

    Handlung: Polen in vorchristlicher Zeit. Fürst Popiel (überragend: Bohdan Stupka) wird von seiner Gemahlin, einer Sklavin (Małgorzata Foremniak), dazu gedrängt die Macht an sich zu reißen. Einer der Söhne seines Bruders für die er das Land bisher verwaltet hat, wird von ihm ermordet. Dem anderen schiebt er die Schuld unter und lässt ihn blenden. Nun ist er unangefochtener Fürst. Doch die Verwandtschaft weigert sich seinen Sohn als Erben anzuerkennen und so vergiftet der gewissenlose Popiel diese. Der Heerführer Piastun (Daniel Olbrychski) durchschaut rasch die Intrigen des Fürsten Popiel und wird schließlich verfolgt als er sich davon macht. Die Bauern sind ohnehin durch die Tyrannei Popiels aufgebracht und schwören ihm Rache. Ziemowit (Michał Żebrowski) rettet Piastun vor den Häschern des Fürsten. Aber er will nicht mit den Bauern kämpfen, da ihm diese nicht Dziwa (Marina Andrejewna Pupenina) zur Frau geben wollen, die entsprechend dem Gelöbnis ihres Vaters Priesterin im Heiligtum werden soll. Ziemowit hadert mit seinem Schicksal. Auch ein Versuch Dziwa zu entführen scheitert. Die Bauern indessen belagern nachdem sie die Ernte eingebracht und dem Fürsten Popiel ihre Abgaben geleistet haben, Popiels Burg. Popiel hat die Bauernsöhne, die er auf die Burg berufen hatte, ermorden lassen, was den Hass der Bauern steigerte. Doch Popiel schafft es nicht nur mit Heimtücke den wilden Angriff der Bauern, die auf den erfahrenen Feldherren Piastun nicht hören wollen, zurückzuschlagen, sondern holt auch Wikinger ins Land, welche die Bauern terrorisieren indem sie brandschatzend durchs Land ziehen. Kurz bevor es zu spät ist, begreifen die Bauern, dass sie sich Piastun unterstellen müssen, wenn sie irgendeine Chance gegen Popiel haben wollen. Dieser ist mittlerweile, da er ohnehin schon lange durch die Weissagung einer Hexe (Ewa Wiśniewska), in Unruhe ist, und angestachelt von seiner ehrgeizigen Frau zusehends dem Wahnsinn nahe. Nachdem die Wikinger auch die schöne Mila (Katarzyna Bujakiewicz) getötet haben, die sich unsterblich in ihn verliebt hatte und ihn durch einen Zauber für sich zu gewinnen suchte, beschließt Ziemowit endlich sich Piastun anzuschließen. In einer Schlacht werden die Wikinger geschlagen und ihr Jarl Sigvald (Dariusz Juzyszyn) stirbt in einem finalen Zweikampf, ähnlich einem Gottesgericht, von Ziemowits Hand. Erneut ziehen die Bauern vor Popiels Burg. Der Fürst hat von der Vernichtung der Wikinger erfahren und hofft sich erneut durch Fremde, diesmal Sachsen, zu retten. Doch Piastun belagert nun weitaus durchdachter die Burg und es gelingt ihm mit Hilfe der Tauben den hölzernen Teil der Burg in Brand zu stecken, wodurch sich Popiel mit seinen wenigen Getreuen in den steinernen Turm zurückziehen muss. Hier gehen die Vorräte zur Neige und in seiner Grausamkeit ermordet er die von den Seinen, die er meint nicht ernähren zu können. Schließlich haben die Mäuse seine Vorräte im Keller gefressen und Popiel durchschaut, dass er seinem Schicksal nicht entrinnen kann, worauf er wahnsinnig die Götter verflucht, die ihm und seinem Anhang mit einem Blitzschlag den Garaus machen.

    Die Geschichte ist ganz offensichtlich ein Märchen und Jerzy Hofmann, der es offensichtlich liebt sich polnischen Nationalepen hinzugeben, kostet das Märchenhafte an der Geschichte in vollen Zügen aus. So ist Popiel, der legendäre Fürst, eine ganz dem Märchen verhaftete Figur, die irgendwo zwischen Richard III. und Macbeth zu stehen scheint.
    Ähnlich wie in "Mit Feuer und Schwert" setzt Hofmann wieder bei der Besetzung auf ein ganz klares Konzept. Die führenden Frauenrollen (Mila, Dziwa) werden mit regelrecht ätherischen Schönheiten besetzt, die dann auch nicht besonders schauspielern brauchen, während der Rest der weiblichen Charaktere entweder fiese oder hässliche Gestalten sind. Auf der anderen Seite hat er mit Bohdan Stupka wieder einen erstklassigen Schauspieler in eigentlich DER Hauptrolle des Films, der es schafft die Figur des zusehends wahnsinnigen, anfänglichen unsicheren Popiel voll auszufüllen. Man fühlte sich in seinem Mienenspiel ein bisschen an Eli Wallach oder Rod Steiger auf dem Höhepunkt ihres Schaffens erinnert. Großartig! Daniel Olbrychski darf natürlich in so einem Cast, als alter weiser Feldherr nicht fehlen. Die Rolle des Ziemowit erinnert an Olbrychskis Paraderolle in "Potop", nur hat gewissermaßen Michał Żebrowski als nächste Generation die Staffel übernommen. Tatsächlich bietet die Rolle viele Chancen, ist auch hier der Held ein zerrissener - er macht es mal selbst deutlich, wenn er sagt, dass er sich lächerlich macht in seiner Liebe, wenn er das Weib nicht bekommen kann, das ihn sogar fast tötet. Ein starker Krieger, aber doch ein schwacher Charakter. Leider ist der Film insgesamt zu kurz um die Stärke dieses Motivs mehr auszubauen.
    Die Ausstattung ist ein Mixed Bag. Kann sich nicht entscheiden zwischen Fantasy wie die komischen sinnlosen Kopfbedeckungen teilweise und historisch. Die Bauten sind teilweise fantastisch.
    Während Hofmann mal wieder regelrecht betörende Bilder gelingen, ist leider der Score regelrecht nervtötend. Das steigert sich noch zum Ende hin.
    Hofmann schafft es dennoch ähnlich wie in "Potop" und "Mit Feuer und Schwert" irgendwie sowas wie die Seele Polens freizulegen, all die Sagenwelt und das Mystische, das Kämpferische und Stolze. Die wackeren Kämpfer sind indes nicht unbedingt intelligent und auch die Besten brauchen eine Form der Reifung.

    Jerzy Hofmann zeigt wieder, dass er neben Polański und Wajda zu den bedeutendsten polnischen Regisseuren des 20./21. Jh. gehört und daher werden ihm wohl auch solche Nationalheiligtümer wie Stoffe von Kraszewski wie hier und Sienkiewicz anvertraut.

    Insgesamt trotz der nervigen Musik, doch sehr unterhaltsam als Mix aus Historischen- und Fantasyfilm. 8 von 10 Schwertern.
     
    dekumatland gefällt das.
  2. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Da ich mich gerade selbst zum Filmmusiker ausbilde (mit Musiksoftware und Orchestersamples), fühle ich mich gedrängt, den "Kollegen" in Schutz nehmen. Krzesimir Dębski, der Score-Composer des Streifens, ist einer der besten Jazzgeiger der Welt und hat viele sinfonische Werke komponiert. Ich empfinde seinen Sound zu "Die Wikinger" in den paar Szenen, die ich mir gerade auf Youtube (vollständige dt. synchr. Fassung) angesehen habe, keineswegs als störend oder aufdringlich. Der Score wurde 2004 für den "Polnischen Filmpreis" als beste Filmmusik nominiert, der Preis ging aber an Zygmunt Konieczny für seinen Score zu "Pornografia".

    Krzesimir Dębski – Wikipedia

    In zweien der besagten Szenen zeigte sich eine stereotype Unart, wie sie in vielen (pseud0)historischen Produktionen zu bemerken ist (z.B. in der amerikanischen "Spartacus"-Serie), nämlich dass immer generalisierend von "den Göttern" die Rede ist, wenn auf irgendwelche himmlischen Einflüsse verwiesen wird, in den "Wikingern" z.B. mit der Formulierung: "Das ist die Rache der Götter". Man will einem religionsgeschichtlich unkundigen Publikum eben keine individuellen Götternamen zumuten, die ihm unvertraut sind, sondern greift einfach zur Klischeeformel "die Götter". Realhistorische Personen haben sich sicher nie so verschwommen ausgedrückt, sondern immer den genauen Namen des Gottes oder der Göttin genannt, welche sie als Urheber des Unheils vermuteten.
     
    Zuletzt bearbeitet: 4. Februar 2019
    Brissotin gefällt das.
  3. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Es scheiden sich halt bisweilen die Geister. Manches Kostümbild kriegt auch ne Oscar-Nominierung, welches ich nicht so dolle finde wie bei "The Favourite" - manchmal m.E. auch, weil sonst keine Historienfilme in der Konkurrenz laufen und diese oft prädestiniert für diese Auszeichnung sind.
    Die Filmmusik hier fand ich halt recht anstrengend, z.B. bei der Szene mit der Zauberin, die die eine Schönheit mit Honig einschmiert als überdehnt und den Abspann auch irgendwie seicht. Würde man vielleicht bei eher westlichem Kino nicht so machen.

    Ich glaube Ennio Morricone sagte mal, als Filmmusiker solle man v.a. Komposition studieren. Da gebe ich ihm auch unbedingt recht.

    M.E. passt halt bisweilen auch eine Floskel wie "Die Rache der Götter", wo sich eben gleich mehrere oder die Mehrheit derselben gegen einen verschworen haben.
    Zumindest war hier die religiöse Komponente in "Stara baśń. Kiedy słońce było bogiem" irgendwie immerhin nachvollziehbar, da dort auch optisch die Natur und somit die Naturgottheiten allgegenwärtig waren. Ich hasse all diese InDoor-Filme, wo sich der Regisseur und die Kamera garnicht erst mit den Herausforderungen konfrontieren, welche Aufnahmen draußen mit sich bringen.
    Beeindruckend bei Hofmann sind da z.B. die Flussszenen. Braucht man erstmal nen Scout, der noch so schöne Flusspartien in Mitteleuropa (so in Polen gedreht) findet.

    Heißt das, dass Du Fachmann bist? Was meint das Lexikon des Films denn bei dem Streifen mit "unprofessionelle Montage"? Die Wikinger – Angriff der Nordmänner – Wikipedia Ich hab halt den Eindruck, dass die Handlung der Novelle, die als Vorlage diente, sehr vielschichtig ist und man irgendwie die zahlreichen Ebenen (Popiels Hof, Piastuns Schicksal, Ziemowits Liebe etc.) unter einen Hut bringen musste. Solche Raffungen finde ich bisweilen schlechter gelöst.

    Dankbarerweise wirkt sogar m.E. der Film sehr wie aus einem Guss, da auch Jerzy Hofmann am Drehbuch mitwirkte. Viele erfahrene Schauspieler monieren ja heutzutage den aufgeblähten Stab und die dadurch bisweilen konfusen Drehbücher, abgesehen dann noch von vielfacher Verwirrung am Set evtl. mit mehreren Regisseuren.
    Mir reicht es ja schon immer, wenn am Set Kamera und Produktionsleitung und Regie uneins sind. Wobei es auch befremdlich wirkt, wenn der Kameramann nur so ein ausführendes Subjekt ist, wenn er nicht gestalterisch mitwirkt.
     
    dekumatland gefällt das.
  4. Fulcher

    Fulcher Aktives Mitglied

  5. Fulcher

    Fulcher Aktives Mitglied

    Da ist wohl jetzt ein Film über den tschechischen "Nationalhelden" Jan Žižka in Arbeit, mit vielen internationalen Darstellern. Jemand, der wohl so eine Art Gegenspieler der Hauptfigur sein dürfte, wird (leider) ;) von Till Schweiger genusch... äh... gespielt. Ich denke, das ganze wird wieder mal auf das bewährte Rezept "lustige & sympathische Slawen" vs "miesepetrige & hinterhältige Deutsche" herauslaufen. Die dargestellte Zeit (1402) ist auch nahezu identisch mit der im Videospiel "Kingdom Come: Deliverance", ebenfalls eine tschechische Produktion. Die Ausstattung mag besser sein als bei vielen anderen Filmen, aber dass dann ausgerechnet dieser Super-Tscheche von einem Hollywoodstar gespielt wird, finde ich dann doch wieder etwas ironisch. Mit dem Arbeitstitel Jan Žižka “WARRIOR OF GOD” kann ich mich als Nicht-Hussit jetzt auch nicht unbedingt anfreunden. ;)

    imdb-Seite mit recht vielen Fotos: https://www.imdb.com/title/tt8883486/?ref_=nv_sr_1?ref_=nv_sr_1
    Handlung (spoilert natürlich): http://www.historicalmovie.com/en/production/in-development/warrior-of-god-jan-zizka/
     
  6. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    @Fulcher
    Die Jan Hus-Verfilmung aus Tschechien war ja ganz ordentlich.

    Aber hier deuten die Fotos eher auf hauptsächlich martialische Ästhetik. Wie sich nach Herr-der-Ringe auch viele Historienfilme daran orientieren "mussten", scheint es jetzt GoT zu sein, welches den Maßstab vorgibt, auch wenn beides Fantasyfilme sind.
     
    -muck- gefällt das.
  7. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    "Pfad des Kriegers" (Niederlande 2018)

    Friesland, frühes 8. Jhdt.: Die Franken erobern in einem nächtlichen Überraschungsangriff die friesische Metropole Dorestad, wobei der Friesenkönig Aldgisl fällt. Fortan sind die Franken unter "König" Pippin, seinem schurkischen außerehelichen Sohn Karl Martell und dem kaum weniger schurkischen Missionar Willibrord damit beschäftigt, den heidnischen Friesen brutal das Christentum aufzuzwingen. Aldgisls Sohn Radbod wird von den überlebenden freien Friesen, die sich zurückgezogen haben, auf Betreiben seines intriganten Onkels für den Tod seines Vaters verantwortlich gemacht und auf ein Floß gebunden dem Meer übergeben. Er überlebt aber und wird in Dänemark an den Strand gespült, wo er sich nach anfänglicher Knechtschaft im Kampf gegen die Svear bewährt und die Tochter des dänischen Anführers heiratet. Als er erfährt, dass seine Schwester mit Karl Martell zwangsverheiratet werden soll, kehrt Radbod zurück ...

    Man merkt schnell, dass dieser niederländische "Historienfilm" mit der wahren Geschichte um Radbod nicht viel zu tun hat. Ein paar Namen und der Konflikt zwischen Franken und Friesen sowie die christliche Missionierung sind historisch, aber daraus hat man eine weitgehend fiktive Geschichte gesponnen. Dass der Hausmeier Pippin der Mittlere hier zum König gemacht wurde und von Karl Martell ermordet wird, ist nur ein Detail von vielen. Durch den Film zieht sich eine stark christentumsfeindliche Haltung, wobei sich die Kritik jedoch eher gegen die Kirche als gegen den Glauben an sich richtet. Der hl. Willibrord ist ein frömmelnder Sadist, der hl. Bonifatius besser, aber schwächlich. Aber auch das Heidentum mit seinen Menschenopfern wird nicht unkritisch verherrlicht, wobei jedoch versucht wird, zwischen dem Aberglauben der Masse und dem guten Heidentum der weisen Priesterin zu differenzieren.

    In den Niederlanden war die 8 Mio. € teure Produktion ein finanzielles Desaster. Visuell ist der Film aber ordentlich gefilmt, und auch an Schauwerten hat er durchaus etwas zu bieten. Die Schauspieler sind großteils eher unbekannt; als einziges international bekanntes Gesicht hat man sich Jonathan Banks, bekannt aus "Breaking Bad", geleistet, der Pippin spielt. Der Aldgisl-Darsteller Huub Stapel ist vielleicht noch als Ober-Prolo aus den ersten beiden "Flodder"-Filmen bekannt.

    Bei der Ausstattung hat man sich ebensowenig wie beim Inhalt um Historizität geschert. Die fränkischen Krieger gehören eher ins 12. Jhdt. und tragen sogar in Kreuzrittermanier Kreuze auf ihren Schilden. Sie sind teilweise sogar mit eher im Spätmittelalter üblichen Halmbarten bewaffnet. Pippin und Karl residieren in Reims auf einer hochmittelalterlichen Burg. Die Friesen und Dänen hingegen haben das typische Aussehen von "Wikingern" in heutigen Produktionen: grimmige Bärte, wilde Frisuren, viel Fell. Natürlich dürfen auch Kriegerinnen mit fantasievoll geflochtenen Haaren nicht fehlen. Auch die Kämpfe sind eher nach Schema F gemacht: Schildwälle lösen sich rasch zugunsten wilder Einzelkämpfe auf.

    Aufwand kann man der Produktion nicht absprechen, und sie bietet manche schöne Bilder. Nur schade, dass man so viel Potential verschenkt und sich nicht um mehr Historizität gekümmert hat. So ist der Film leider nur einer von vielen mit wilden Kriegern und Kriegerinnen, Kämpfen, ein bisschen nackter Haut, edlen Helden und finsteren Bösewichten für ein Publikum, das nichts weiter als unterhalten und in seinen Vorurteilen bedient werden will, ohne sich viel um die Hintergründe zu kümmern.
     
    Brissotin, Teresa C. und Divico gefällt das.
  8. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Diesmal etwas ganz anderes, nämlich einen Kinder-/Familienfilm. Die Handlung kann von mir etwas missverstanden sein, da die deutsche Filmversion der Zusammenschnitt einer Serie ist (vielleicht vergleichbar mit ähnlichen russischen Formaten).

    "Die kleinen Ritter" (2009) Regie: Karel Janák

    Handlung: Die Kinder des Ritters Martin von Vamberka (David Prachar) retten eines Tages einen königlichen Boten, der Martin eine Vorladung vor den König überbringen soll. Martin soll sich wegen Hexerei oder dergleichen verantworten und bricht kurz darauf auf, um die Anschuldigungen zu entkräften. Der älteste Sohn Petr (Danny Mésaros), der leider nicht gerade der Hellste ist, soll an seiner Statt das Schloss führen.
    Martins Nachbar Albrecht von Krvenos (Pavel Kříž) neidet Martin seinen angeblich in den Kreuzzügen erworbenen Reichtum. Deswegen hat er Martin am Königshof angezeigt. Und deshalb lockt er Martin auf seiner Durchreise auch auf seine Burg, wo er Martin ins Verlies werfen lässt. Denn Albrecht hofft, dass sich Martin auf diese Art nicht verteidigen kann und die Güter daher an ihn fallen werden.
    Doch Albrecht ist dies bald nicht mehr genug. Er lädt Petr und die anderen Kinder zu einem Turnier auf seine Burg, um die ganze Reisegesellschaft unterwegs von seinen Söldnern ermorden oder kidnappen zu lassen. Der Streich misslingt zwar, aber Albrecht schafft es das Schloss der Vamberkas in seine Gewalt zu bringen.
    Derweil unternehmen Martin und seine Getreuen sowie ein paar Räuber, die ursprünglich den königlichen Boten überfallen sollten, einen Ausbruchversuch aus Albrechts Burg.
    Die Kinder können Albrecht und dessen Mannen ordentlich einen Schrecken einjagen und vertreiben schließlich die paar Männer unter Albrechts Hauptmann (Hynek Cérmak) aus ihrem Schloss.
    Albrecht will sich aber nicht so leicht geschlagen geben und zieht mit dutzenden Söldnern vor das Schloss der Vamberkas. Gerade als es ernst wird, kommt Ritter Martin zurück auf sein Schloss. Trotz der Menge an Erfindungen und dem Einsatz des damals (?) offenbar noch recht unbekannten Schwarzpulvers durch Martins Kinder und dessen Mündel (Tereza Ramba) wird es immer schwerer sich der Übermacht der Angreifer zu erwehren...

    Der Film versucht einen Spagat zwischen lustigem Kinderfilm, Coming of age-Drama und märchenhaften Ritterfilm. Gerade die humoristische Komponente kommt zumindest in der deutschen Synchronfassung nicht wirklich rüber. Wenn ein kleines Mädchen die Fahrt mit einem führerlosen Planwagen lustig findet, während kurz zuvor neben ihr ein ihr sicher vertrauter Gefolgsmann ihres Vaters totgeschlagen wird, scheint das doch wenig plausibel oder vielmehr verstörend. Überhaupt will es nicht ganz überzeugen, wenn Kinder, die offenbar bis zu dem Zeitpunkt nie mit agressiver Gewalt vertraut waren, plötzlich keine Regungen in den Gefahren einer echten Belagerung empfinden sollen.
    Was mir gefallen hat war, dass doch überwiegend eine Art von Realismus in dieser Welt existiert. Der Älteste der Kinder kann nicht wirklich mit dem Schwert umgehen und auch die größeren Mädchen sind keine plötzlich zu Megakräften kommenden Kampf-Feministinnen, sondern irgendwie in der Zeit verhaftet und in ihrer Handlungsweise halbwegs schlüssig.
    Der Bösewicht ist ein bisschen eindimensional. Vielleicht ist es in der Serie etwas plausibler gemacht, warum er denn laufend seine Pläne umwirft. Z.B. wozu bringt er sich mit der Gefangennahme der Kinder in ein unnötig schlechtes Licht, wenn er doch anfangs durch die Gefangennahme Martins schon dessen Ruf zerstören wollte? Dafür spielt aber Pavel Kříž seine Rolle auch durchaus leidenschaftlich aus und ihm macht es Spaß zuzuschauen, wenn er Angst bekommt oder herum wütet. Ein Backup wie ein-zwei Schergen oder Verwandte hätten ihm gut getan. Aber das ist immer wieder das "Problem" in ähnlichen Filmen. Denn man fragt sich, warum seine Söldner ihm denn so blindlings folgen, wenn er keine deutlich erkennbaren Getreuen hat.
    Das Kostümbild erinnert stark an Märchenfilme. Es gibt Schwarz/Weiß-Malerei mit den typisch fiesen glatzköpfigen oder gruselig aussehenden Schurken und eher friedlich und kaum gerüstet daher kommenden Sympathieträgern. Von den Rüstungen und der Sache mit dem Schwarzpulver könnte die Handlung im 14.Jh. spielen.
    Ein großer Pluspunkt sind die beiden gezeigten Burgen als Settings.
    Für Jugendliche oder Kinder ab 10 oder 12 vielleicht empfehlenswert. Ansonsten beim Umgang mit Verletzungen und Töten von Widersachern nicht so was für Kleinere.

    6 von 10 verschossene Pfeile (ja diese Armbrustmaschinen wirken etwas nach Fantasy)
     
  9. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Jetzt geht es weiter mit einem etwas endzeitlich anmutenden Jugend- oder Familienfilm. Er wird auf Wikipedia als Fantasyfilm bezeichnet, auch wenn die Fantasy-Elemente meines Erachtens wenn dann doch so schwach sind, dass er weniger Fantasy ist als heutige Historienblockbuster wie der "Robin Hood" mit Russel Crowe in denen physikalische Gesetze ignoriert werden.

    "Mariken" NL 2000, André van Duren

    Handlung: Der alte Archibald (Jan Decleir) muss eine Stadt verlassen, da er den Hofmedicus (Hans Dagelet) der dort regierenden Gräfin (Johanna ter Stegen) verärgert hat, weil er ihm eine eigenwillige Arznei verkauft hatte. Unterwegs in die Abgeschiedenheit trifft er auf ein Baby, das er Mariken (Laurien van den Broeck) nennt und großzieht. Irgendwann kommt ein Fremder durch den Wald und schlachtet die lebenswichtige Ziege. Daraufhin will Mariken losziehen um für Archibald eine neue Ziege zu kaufen. Doch gerät sie dabei in die Fänge einer alten Frau (Dora van den Groen), die einen Jungen namens Rattenjan (Willem van de Broeck) gefangen hält, da sie vermeint er stände mit dem Teufel im Bunde. Man merkt wie gezeichnet die Menschen von der Katastrophe der Pest sind. Zwar kann Mariken der Alten entfliehen, aber hat in der Stadt der Gräfin keine Chance eine Ziege zu kaufen. Nachdem sie unter die Fittiche der Gaukler um Isabella (Kim van Kooten) und Peter (Ramsey Nasr) gekommen ist, dürfen die Gaukler bei Hof auftreten. Die Gräfin wird durch das aufgeführte Stück an ihr Verhängnis erinnert und lässt die Gaukler aus der Burg werfen. Nur Mariken behält sie für sich als eine Art Kindersatz. Marikens Ehrlichkeit und ihre Belesenheit ist bestechend. Doch muss die einsame Gräfin, die eigentlich kühl und bösartig erschien, einsehen, dass sie Mariken nicht halten kann. So kehrt Mariken zu den Gauklern zurück, um endlich ihre Verpflichtungen gegenüber Rattenjan und Archibald zu erfüllen. Vieles tritt bei der anschließenden Reise noch zutage...

    Der Film schafft es viele Aspekte des mittelalterlichen Lebens zu vereinen. Da sind die Geistlichen, da ist die Adlige mit einer Art Allmacht, die aber doch auch ihre Grenzen in einer nachvollziehbaren Form von Gewissen hat. Ich mochte, dass alle Figuren in sich plausibel waren und wenn etwas dämonisch wirkte, dieser Eindruck ein wenig durch die Hintergründe der Figuren relativiert wurde ohne jetzt komplett die Charaktere für ihre Taten zu entschuldigen. Vor allem das Kostüm- und Setdesign wirken sehr nach Fantasy oder erinnern an einen Mittelaltermarkt aus den 1990ern ... Was mir sehr gut gefiel war das Schauspiel insbesondere von Johanna ter Stegen als eine sehr tiefgründige Nebenfigur. Die Szenen im Wald hatten wirklich etwas märchenhaftes und auch die Hexe/schwarze Witwe.
    Es ist die Frage inwiefern der Film für Kinder funktioniert, da er schon sehr düstern ist. Da ist die wirklich grausame schwarze Witwe und die immer von allen Seiten wirkende drohende Gewalt gegenüber der süßen Mariken. Ich mochte den Film und fand ihn sehr lohnenswert anzuschauen.

    7 von 10 Mixturen.
     
  10. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Und jetzt geht es wieder weiter mit Mixturen. Ich habe jetzt mal "Tristan & Isolde" in der Verfilmung von 2005 gesehen. Eigentlich würde es als Sagenstoff hier nicht reinpassen. Da die Sagenelemente aber so ziemlich alle wegfallen, würde ich es doch hier einordnen.

    "Tristan & Isolde" UK, Cz, D 2005, Regie: Kevin Reynolds

    Handlung: Die Eltern Tristans (James Franco) werden ermordet, als er noch ein Kind ist. Daher nimmt ihn Marke von Cornwall (Rufus Sewell), ein Freund seiner Familie, bei sich auf und erzieht ihn zusammen mit seinen eigenen Söhnen. Die Iren, die am Tod vieler Briten schuld sind, kommen wieder um ihren Tribut einzufordern. Doch Tristan und Marke schaffen es die meisten Fürsten zu einigen und den Trupp zu überfallen, wobei Isoldes (Sophia Myles) Verlobter getötet wird. Donnchadh, König der Iren (David O'Hara), hat zu hohe Verluste um sogleich wieder anzugreifen. Daher plant er eine Intrige. Er lässt alle britischen Fürsten nach Irland einladen, wobei der Sieger eines Turniers seine Tochter Isolde zur Frau bekommen soll.
    Unterdessen ist Tristan im Kampf gegen die Iren von einer vergifteten Waffe verwundet worden. Zum Sterben auf das Meer geschickt, findet er unerwartete Hilfe durch Isolde, die sich mit Giften auskennt und zusammen mit ihrer Hofdame Bragnae (Bronagh Gallagher) Tristan zufällig am Ufer findet. Gesund gepflegt muss Tristan nach Britannien fliehen, als König Donnchadh von einem Fremden erfährt.
    Nun wird Tristan als Stellvertreter für den einarmigen Lord Marke nach Irland gesendet ohne zu wissen, dass Isolde seine Retterin der Preis für seinen Lord wäre. Obwohl König Donnchadh den schwachen Lord Wictred (Mark Strong) zum Sieg verhelfen will, gewinnt Tristan am Ende auch gegen diesen. Donnchadhs Absicht durch das Turnier die britischen Lords zu entzweien und durch dessen Sieg den schwachen Wictred zum König von Britannien zu machen, ist damit gescheitert.
    Doch bald muss Tristan einsehen, wen er da nach Britannien bringt. Tristan und Isolde schaffen es nicht ihre Liebe zu unterbinden. Nach Markes Vermählung mit Isolde kommt Wictred dem Verhältnis auf die Schliche. Er gewinnt Donnchadh für den Plan mit einer Invasionsarmee den Sturz Markes zu unterstützen, dessen Glaubwürdigkeit Wictred zu untergraben gedenkt indem er Isoldes Ehebruch offenkundig macht. Tatsächlich gelingt das und die meisten Anhänger Markes fallen von ihm ab. Marke schenkt Tristan und Isolde die Freiheit. Doch kehrt Tristan zu Markes Burg zurück als diese bestürmt wird. Markes eifersüchtiger Sohn Melot (Henry Cavill) hat unterdessen Wictred auf einem Geheimgang in Markes Burg geführt. Tristan fällt im Kampf gegen Wilcret, aber auch Wilcrets und Donnchadhs Versuch Marke zu stürzen misslingt...

    Die ganze Handlung wendet sich stark vom Sagenstoff ab. So gibt es keine Zauber- oder Liebestränke und auch viele Motive der Protagonisten sind ganz andere. Tristan und Isolde gewöhnen sich einfach durch ihre gemeinsame Zeit in Irland vor dem Turnier aneinander.
    Das Fehlen des Sagenhaften und der typisch endlosen Gestalt des Tristan-Stoffes (mit seinem Verlassen Britanniens im letzten Drittel der Sage) fehlt aber auch einfach viel von den schönen Bildern der Vorlage wie die Geschichte mit dem weißen und schwarzen Segel. Es wird auch manchmal etwas auf historische Hintergründe angespielt wie die Römer und die verschiedenen Gruppen von Kelten, Angeln und Sachsen in Britannien.
    Doch ist die Verfilmung keineswegs in sich schlüssig. Will man zum einen das Unplausible verbannen, macht es dann andererseits nichts, dass sich Tristan & Isolde einfach so begegnen oder Lord Wictred, von dem wir keine besonderen Fähigkeiten kennen, überquert scheinbar mit einem Ruderboot die irische See(!). Warum die angeblich so geschickte Heilerin Isolde (welche mindestens 2 Isolde-Figuren der Sage in sich vereint) am Ende, als Tristan nicht viel schlimmer verwundet wirkt als im ersten Drittel des Films, nichts unternimmt um ihn zu retten, wird nicht erklärt.
    Das politische Kalkül von König Donnchadh auf den offenbar keinen Rückhalt in Britannien besitzenden Wictred zu setzen, hat mir hingegen sehr gut gefallen.
    Schauspielerisch bin ich mit dem Film recht zufrieden. Warum James Franco in etwa 50% des Films ausschaut, als ob er gerade Zwiebeln schneidet, weiß ich nicht. Kann man Traurigkeit nicht auch anders zeigen? Vielleicht erklärt sich die Reduzierung der Figuren, welche ein Hauptunterschied zur Sage ist, auch aus der Notwendigkeit einen für einen Zuschauer überblickbaren Cast zu haben.
    Was mir garnicht gefiel war, dass bei der Ausstattung und den Settings der Film weder Fisch noch Fleisch ist. Man spricht von einem "Turnier" und dann sieht man einen irgendwie eigenwillig scheinbar regellos anmutenden Kampf in einer Art "Arena für Barbaren". Obendrein scheint dieses Happening für alle Beteiligten das Normalste von der Welt zu sein. Ebenso wenig glaubhaft sind die Klamotten, die halt recht billig gemacht wirken. Weder tragen die Anführer oder ihre Familienmitglieder erkennbar brauchbare Rüstung, noch vermag man "bei Hofe" irgendeinen Glanz zu verspüren. Abgebildet wird ein tristes "GroMi" in Braun- und Grautönen. In den Kostümen versucht der Film vielleicht doch wieder nicht mehr als ein Fantasystreifen mit begrenztem Budget zu sein.
    Heute könnte man mit den hier gezeigten Effekten keinen in die Kinos locken. Andererseits sind die Stunts etc. auch immerhin irgendwie handgemacht und kein beknacktes Rumgehopse und man merkt teils auch, dass "Vikings" und ähnliche Produktionen noch nicht das Design versaut bzw. beeinflusst haben.

    4 von 10 Brandpfeilen auf ein Boot.
     
  11. Fulcher

    Fulcher Aktives Mitglied

    Bestimmt haben viele von euch bereits den Trailer zu Ridley Scotts neuem Film The Last Duel gesehen, eine Adaption eines Buches des Amerikaners Eric Jager, bei der es um eine historisch bezeugten Begebenheit geht. Da würden mich mal eure Meinungen interessieren. Man kann jedenfalls jetzt schon Scotts Hang zu einer Mischung aus Authentizität und grobe Abweichungen von der damaligen Realität konstatieren (z.B. Matt Damons komischer "Halbhelm"). Der Youtuber Armidas beispielsweise hat den Trailer auch schon recht ausführlich besprochen.
     
  12. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Es ist generell ein Problem in Filmen, dass die Hauptcharaktere gerne mit offenen Helmen oder gar ohne Helme gezeigt werden, obwohl sie eigentlich (mehr oder weniger geschlossene) Helme tragen sollten. Das ist wohl dem Umstand geschuldet, dass das Publikum den Star (den sich die Macher immerhin einiges kosten ließen) sehen soll, oder auch, damit es dem Verlauf von Kämpfen besser folgen kann, indem es die Beteiligten noch erkennen kann.
    Ich vermute einmal, auch dieser tatsächlich etwas merkwürdige "Halbhelm" (der mir noch nicht untergekommen ist, was aber nichts zu besagen hat) hat vor allem den Zweck, Matt Damon erkennbar bleiben zu lassen.
     
  13. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Bzgl. Helm-Lüpfens, um den Star besser zu erkennen: Da gibt es doch diese hübsche Szene aus der schon uralten Historienverfilmung (Regie: Die Nonnen? eines englischen oder französischen Klosters) The Battle of Hastings:

    [​IMG]
     
  14. -muck-

    -muck- Aktives Mitglied

    So erklärt es auch Tod Cutler auf seinem Youtube-Kanal, der zu einer Handvoll Filmproduktionen die Ausstattung beigesteuert hat. Ich persönlich kann dieser Erklärung nicht viel abgewinnen. Es kommt doch nur darauf an, ob Kamera und Choreographie ihre Arbeit gut machen.

    Freilich, so wie manche Filme heutzutage gedreht werden, mit hektisch wackelnder Kamera und (gefühlt) hundert Schnitten pro Minute, wird es manchmal schwer, dem Geschehen zu folgen. Aber böte das nicht eher Anlass zu einer (im wahrsten Sinne des Wortes) bodenständigeren Regie?

    Übrigens, aus einem ähnlichen Grund (man könne den Protagonisten leichter folgen und werde weniger abgelenkt) sind laut Cutler die Kostüme vieler historischer Produktionen (z.B. in 'The King') sehr viel schlichter gehalten, als wirklichkeitsgetreu gewesen wäre. Auch das ist dämlich gelöst, wie ich finde.

    Es ist sogar 'The King's größtes Manko, meine ich, dass Henry von Monmouth und Konsorten nicht wie der englische Hochadel herumlaufen, sondern eher wie Handwerkersöhne. Dieser visuelle Stil ignoriert, dass Macht nach Machtdarstellung verlangt, was die Fürsten des Mittelalters denn auch oft auf die Spitze trieben.

    Was ich bei historischen Produktionen nicht verstehe: Warum lädt man nicht einfach Reenactors ein? Viele Reenactors recherchieren jahrelang und geben Unsummen für einen authentischen Look aus. Die Filmproduktionen könnten eine Menge Geld sparen und von ihrem Enthusiasmus profitieren.
     
  15. "Was ich bei historischen Produktionen nicht verstehe: Warum lädt man nicht einfach Reenactors ein? Viele Reenactors recherchieren jahrelang und geben Unsummen für einen authentischen Look aus. Die Filmproduktionen könnten eine Menge Geld sparen und von ihrem Enthusiasmus profitieren."

    Das hab ich auch nie verstanden, vielleicht gibt es ja mal einen guten Indie Film mit Reenactors.
     
  16. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Es gibt doch ne Reihe an Filmen mit Reenactors, "Gods and Generals" z.B. und in Dokus werden sie massiv genutzt. Habe kürzlich die mdr-Doku zu Stülpner gesehen.
    Diese Doku ist aber auch wieder ein gutes Beispiel dafür wie das optisch ein komisches Bild ergibt, wenn man 1/5 der Rollen in vollständiger und halbwegs stimmiger Kleidung hat und dann die anderen Statisten mit Lumpen, Fellen oder sowatt.

    Was "The last duell" anbelangt finde ich die Kritiken zum Trailer zwar oftmals amüsant, v.a. die Memes zum Helm und den teilweise ulkigen Frisuren - aber andererseits ist es ja auch etwas albern. Wenn jetzt ein Regisseur, der einen starken Wert auf authentische Kleidung, Ausstattung etc. legt wie Frears sowas hinlegen würde, dann könnte man sich ja verwundern. Aber das ist Ridley Scott. Seit seinem ersten historischen Film "The Duellists" ist das doch immer wieder das Gleiche.
    Den Filmkritikern wird es nicht auffallen vermute ich.

    Meine Lieblingsbesprechung zum Trailer war übrigens auf Geschichtsfenster, da dann auch konstruktiver als bei Armidas.
     
    -muck- gefällt das.
  17. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Reenactors sind aber auch nicht immer ganz einfache Leute. Es gibt da diese wunderbare Szene aus The Big Bang Theory, wo Sheldon auf der Rückkehr vom Mittelaltermarkt mit seinen Mitstreitern schimpft (natürlich mit Product Placing), dass sie ihre moderne Unterwäsche tragen.:p



    _________________________________________________________

    Ein realeres Problem stellte vor einigen Jahren eine Re-enactment-Gruppe dar, die häufig auch in Dokumentationen auftrat, die haben das sehr professionell gemacht. Aber sie hatten eben auch auffällig viele Swastiken auf ihren Schilden und ihre Standarten sahen auch wie die von der SA aus... Das ganze fiel niemandem auf, bis Professor Jockenhövel mal einen mit einem "Meine Ehre heißt Treue"-Tattoo sah. Die Gruppe redete sich damals heraus, das sei nur ein entfernter Bekannter, der eingesprungen sei. Aber die Gruppe wurde dann mal unter die Lupe genommen und dabei fiel eben auf, dass überall versteckte Nazi-Symbolik war. Apologeten meinten dann: "Auch in der Antike und der Wikingerzeit gab es das Symbol der Swastika." Ja, gab es. Aber eben auch viele andere, unverdächtige. Die Lust und Häufung und die SA-like-Standarten, die waren es, die diese "Argument" zusätzlich unglaubwürdig machten.
     
    PostmodernAtheist und dekumatland gefällt das.
  18. -muck-

    -muck- Aktives Mitglied

    Ein paar Gedanken (lies: Geschwafel meinerseits) zu diesem Strang und den Kommentaren …

    Als Geschichtsenthusiasten müssen wir, fürchte ich, mit unserer Kritik haushalten. Es gibt gewisse Sachzwänge, mit denen wir werden leben müssen – eine Bildersprache, die die Filmindustrie einsetzt, weil das Publikum sie so sehr erwartet, dass es große historische Genauigkeit sogar als störend wahrnehmen würde.

    Filme sind eben zuerst ein Geschäft, eine Investition. Historische Stoffe würden gar nicht verfilmt, wenn die Studios nicht auch den Anspruch hätten, ein größeres Publikum als bloß uns wenige Enthusiasten und Kenner anzulocken. (Meine Hoffnung ist, das Netflix & Co. das ändern werden. Sie können Nischen bedienen.)

    So gesehen wundert es mich auch nicht, dass immer wieder die gleichen Stoffe (z.B. Robin Hood) verfilmt werden. So geht man das geringste finanzielle Risiko ein. Dass 'The Last Duel' mit seiner eher unbekannten Vorlage überhaupt gedreht wurde, überrascht vor diesem Hintergrund.

    Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren und werde den Film auf jeden Fall anschauen, fürchte aber, dass er vor allem deshalb grünes Licht bekam, weil er das hochpolitische Thema Misogynie aufgreift. Auch das ist eben ein Problem: Es braucht einen äußeren "Anlass", damit ein Film gemacht wird.

    Nicht umsonst wurden viele Jahre lang fast keine Western oder Mantel-und-Degen-Filme gedreht.

    Jedenfalls, mich persönlich stören eher Ungenauigkeiten, die meiner Ansicht nach auch Laien ins Auge stechen müssten. Änderungen, die nicht nötig gewesen wären. Verfremdungen, besonders von historischen Charakteren, die schon der Blick in die Wikipedia als Quatsch entlarven könnte.

    Dort herrscht für mich am meisten Handlungsbedarf.
    Zustimmung. 'Die Kreuzritter' ist in meinen Augen für die damalige Zeit handwerklich gut gemacht, und man scheint sich, was die Ästhetik anlangt, um Genauigkeit bemüht zu haben. Allerdings hat der Film tatsächlich viele Probleme.

    Nicht nur an historischer Genauigkeit lässt er zu wünschen übrig – er ignoriert z.B., dass die Heere in der Schlacht von Tannenberg nicht ethnisch getrennt waren, und der polnische König fast auf Einladung der deutschen Städte antrat.

    Das Hauptproblem ist: 'Die Kreuzritter' schlägt erzählerisch mit dem Zaunpfahl um sich. Bei Sienkiewicz' Vorlage mag das noch angehen; er hatte schlechtere Quellen zur Verfügung, auch stilistisch galten 1900 andere Ansprüche.

    Aber 1960 ist die Machart des Films nur noch als propagandistisch zu werten. Allenfalls die sehr verständliche anti-deutsche Stimmung in Polen nach dem Zweiten Weltkrieg kann das entschuldigen.
    Über die historischen Ungenauigkeiten bei 'Königreich der Himmel' und (soweit man eine Legende daran messen darf) 'Robin Hood' brauche ich nichts mehr zu schreiben, außer vielleicht den Hinweis, dass der Director's Cut von 'Königreich der Himmel' tausendmal besser ist als die Kinofassung.

    Nicht nur füllt er viele erzählerische Lücken und bietet einen besseren Hintergrund. Er ist auch in der Darstellung ausbalancierter. Beispielsweise treten religiöse Fanatiker nun nicht mehr nur bei den Christen auf.

    Was mir an Scotts Historienfilmen gefällt, ist, dass er die dargestellten Epochen insofern mit Respekt behandelt, als er sie nicht tonal abwertet, nur um eine düstere Stimmung zu erzeugen. Bei ihm ist das Mittelalter nicht bloß Blut, Dreck und Rückständigkeit, sondern die vielfältige Lebenswelt der Protagonisten.

    Nach meinem Empfinden erzählt Scott so, als befände er sich im Mittelalter, und blickt nicht mit der in spitzen Fingern gehaltenen Lupe zurück. Seine Filme sind fast eine Liebeserklärung an die Zeit, und das gefällt mir.
    Mit Authentizität hat 'Vikings' nicht viel zu tun. Da die Serie auf einer Legende basiert, kann man manches entschuldigen, aber es gibt auch viele unnötige Abweichungen, die einfach ärgerlich sind – etwa, dass diese 'Vikings' eher wie Rocker aussehen. Trotzdem, die ersten Staffeln sind ziemlich unterhaltsam. Danach wird es immer hanebüchener. Der heimliche Star der Serie war für mich Linus Roache als Ecberth von Wessex.
    'Fleisch und Blut' ist nichts für schwache Nerven. Paul Verhoeven wollte der Ritterromantik seiner Zeit ein kritisches Bild entgegensetzen. Es wird gemordet, vergewaltigt, und die Leichenfledderer schneiden den Sterbenden die Ringe von den Fingern … kein Unterhaltungskino im engeren Sinne. Realismus ist nichts Schlechtes, ganz im Gegenteil, aber es gibt einen schmalen Grat zwischen Wirklichkeitstreue und Schockeffekt.
    Falls es noch interessiert: 'Maximilian' ist alles andere als Österreich-bashing. Der Namensgeber ist ein Held alter Schule, und die Habsburger sind die von allen Seiten hinterhältig Bedrängten.

    Allenfalls das Bild Friedrichs III. bleibt (wie üblich, und zu Unrecht) negativ, aber die Serie musste seinen Sohn eben "emanzipieren", immerhin trägt sie seinen Namen.

    Ehrlich gesagt, die Reihe ist sogar hart an der Grenze dazu, den Franzosen gegenüber unfair zu sein, wäre da nicht die Darstellung Ludwigs XI. Seine Motivationen werden verständlich und menschlich nahegebracht.

    (Filmisch mutig, übrigens, immerhin hatte der echte Ludwig den Beinamen "die Spinne". Ein Intrigant war er sicherlich.) Französische Sympathieträger gibt es sonst keine.

    An und für sich gehört die Serie sicher zu den besseren Einträgen der Epoche, die zuletzt in Europa erschienen sind. Natürlich hat sie einige Schwächen, aber macht auch vieles besser selbst als mancher Hollywoodfilm.
    Das Thema hatten wir ja schon, aber nochmals: absolute Empfehlung. Die Ungenauigkeiten in diesem Film sind minimal und, mit Ausnahme des Finales, verzeihlich. Schade, dass der Regisseur ihn zusammengekürzt hat. Ich hätte gern noch viel mehr von seiner Mittelalter-Vision gesehen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. Oktober 2021
    Naresuan und PostmodernAtheist gefällt das.
  19. "Das Thema hatten wir ja schon, aber nochmals: absolute Empfehlung. Die Ungenauigkeiten in diesem Film sind minimal und, mit Ausnahme des Finales, verzeihlich. Schade, dass der Regisseur ihn zusammengekürzt hat. Ich hätte gern noch viel mehr von seiner Mittelalter-Vision gesehen."

    --- Auch von mir absolute Empfehlung! Nur schade, dass das Finale so unlogisch ist...sag ich mal so ohne zu spoilern. Das hätte selbst eine unhistorische Serie wie Vikings oder so besser gemacht.
     
    -muck- gefällt das.
  20. -muck-

    -muck- Aktives Mitglied

    Als ich an diese Szene dachte, befürchtete ich erst, ich hätte mir oben selbst widersprochen, denn: Aus der Sicht des Films ist es zweifellos "nötig", dass Eduard II. und Robert I. einander persönlich gegenübertreten.

    Robert braucht im Auge des Zuschauers Genugtuung für das erlittene Leid; auch muss er seinen Mord sühnen und sich moralisch als überlegen erweisen, indem er Eduard ziehen lässt.

    Aber das hätte man besser lösen können. Trotzdem, der Film ist ziemlich gut. Besonders beeindruckt haben mich Florence Pugh als Elisabeth und Aaron Taylor-Johnson als Schwarzer Douglas.

    (Schade übrigens, dass der Film nicht näher auf das Schicksal von Isabel Macduff eingeht (die blonde Dame, die – ohne Erklärung im Film – Robert die Krone aufsetzt). Die Macduffs von Fife hatten diese Rolle traditionell bei den Krönungen übernommen, und um Robert Legitimität zu verschaffen, erklärte sich Isabel dazu bereit.

    Womit sie nicht nur gegen Eduard rebellierte, sondern auch gegen ihren Mann, den Grafen von Buchan, und den Rest ihrer Familie, die alle auf Seiten der Engländer standen. In der Realität war sie es, die in einen Käfig gesetzt wurde, und wahrscheinlich sieben oder acht Jahre später darin verstarb.)

    Übrigens, eine für Filmstandards "notwendige" und dennoch dämliche Szene gibt es in 'The King', auch eine ansonsten relativ authentische Netflix-Produktion. Hier reitet Heinrich V. vor der Schlacht von Agincourt zum Dauphin und fällt vor ihm und dem französischen Adel vor die Knie, damit er die Schlacht abbläst.

    So versucht er seinen Freund Falstaff vor dem sicheren Tod zu retten, und der Zuschauer soll denken, dass Heinrich, obwohl Invasor, die Schlacht nicht gewollt habe. Erzählerisch macht das Sinn, und ist trotzdem grober Unfug. Der Dauphin hätte ihn gefangen genommen, und fertig.
     

Diese Seite empfehlen