Stufe 5, partielle Kernschmelze, Harrisburg März 1979

Dieses Thema im Forum "Technikgeschichte" wurde erstellt von silesia, 5. April 2016.

  1. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Weniger Carters Kenntnisse, als seine Anwesenheit im Räumungsteam bei dem Störfall in dem von der Marine mit betriebenen Forschungsreaktor Chalk River war hier wohl für die Entscheidung wichtig. Der damalige Galgenhumor ("entweder wir sterben oder werden steril") war sicher noch präsent.

    Die Entscheidung für die Anwesenheit fiel bereits, als das White House in das Krisenmanagement einbezogen wurde. Die Info-Kette wurde über den Sicherheitsberater durchgeleitet, worauf heftige Diskussionen losgingen: es wurde gewarnt, dass die Anwesenheit des Präsidenten Sicherheit suggerieren würde, was im Fall der Evakuierung fatal werden würde. Die Gegenmeinung argumentierte mit der öffentlichen Meinung und Ängsten, die eskalieren würden und durch die Anwesenheit beruhigt würde.

    Die mediale Stimmung an dem Tag beschäftigte sich - ständig steigernd - mit dem "melting core", der demnächst explodierenden "bubble", und der "cloud", die alles verstrahlt. 2/3 der Vorstellungen liefen darauf hinaus, sich einen Kraftwerksunfall mit einem Explosionsszenario wie Hiroshima vorzustellen, das fehlende Drittel hatte die Vorstellung eines "China-Syndroms", der sich in die Erde schmelzende Kern (ohne dass der Film damit zu tun hatte, der spiegelte nur bestehende Vorstellungen). Die headlines liefen zusammenfasst unter dem Rubrum: "alles ruhig, also: jemand muss lügen".

    Von der technischen Seite zusammengetrommelte Nuklearexperten waren sich uneins, ob die zweifellos vorhandene Wasserstoffblase (wegen der Kühlung) genug Sauerstoff bekommen würde, um explosionsreif zu werden. Ein Teil der Experten wies darauf hin, dass chemisch unter den Havariebedingungen nicht genug Sauerstoff für explosives Gemisch existent sei, der andere Teil wollte das mangels Daten zum Druck und entstandenen Wasserstoffvolumen nicht ausschließen.

    Als die Entscheidung Carters fiel, gab es keine definitive Antwort. Das Meinungsbild der Presse ging von Evakuierung und Explosion aus. Die Techniker hatten keine klare Meinung, wenig Daten, der Rest dürfte Psychologie gewesen sein. An dem Samstag 31.3. waren NRC und Regierung überhaupt damit beschäftigt, den "Status von TMI-2 zu evaluieren". Denton beharrte darauf, dass die Explosivität des Gemischs auszuschließen sei, konnte das aber nicht garantieren. Die Berater Carters argumentierte, er müsse "leadership and personal concern" für die Lage zeigen und drängten auf den Besuch. Als Schlaglicht für die mediale Verarbeitung: NBC Television brachte derweil in der Saturday-Night-Live einen Ausschreibungswettbewerb, für Pennsylvania an Stelle von Harrisburg eine neue Landeshauptstadt zu suchen, ein Gradmesser der "hydrogen explosion panic" vom Samstag.
     
  2. hatl

    hatl Premiummitglied

    Das ist eine Scheiss-Situation.
    Es tritt etwas auf, wofür man unvorbereitet ist.
    Der Governor von Pensylvania Thornburgh, der kurz vor dem Störfall sein Amt antrat,
    wird sich in einem Interview, zu dem sich gerade entwickelnden Fukushima-Desaster im März 2011, so an die angespannte Zeit vergleichend erinnern:
    „Whats most scary is that we cannot get a hold of the facts.
    And I know that very well of my time as a Governor at the time as Three Miles Island Accident occured.
    But, terribly frustrating, you could not get a grip of what precisely the facts were.
    People were telling you more than they knew, or less than they knew.
    Self-appointed experts kept showing up, and the the company that ran the plant was a very poor source of information. They misrepesented certain facts to us.
    So what we had to do, was operate really as an investigator and constantly go back to people for their version of the facts and them put them together with everyone elses.“

    ('Fukushima crisis eerily similar to 1979 Three Mile Island accident' als Suchbegriff YT.
    Mir schon klar, dass das als Quellenangabe ein wenig problematisch ist. Es ist aber ganz offensichtlich der Governor Thornburgh, der sehr plastisch beschreibt mit welchen Schwierigkeiten er als Entscheidungsträger konfrontiert war:
    Es war „schrecklich frustrierend“, dass man angesichts eines schnellen Handlungsbedarfs, nicht einfach, und einfach nicht, herausfinden konnte was die Sachlage war.)
    Übertragung ins Englische durch mich :D
    Darin enthaltene Fehler sind dem Governor Thornburgh nicht anzulasten. :winke:
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. April 2016
  3. hatl

    hatl Premiummitglied

    Lernen aus Geschichte.

    Zum 10. Jahrestag des Störfalls (TMI) hält Thornburgh, mittlerweilen Justizminister, eine Rede dazu.
    https://www.justice.gov/sites/default/files/ag/legacy/2011/08/23/03-28-1989.pdf

    Zum Zeitpunkt des Störfalls war er als Governor von Pennsylvania zuständig für die Sicherheit der Bevölkerung.
    Er erinnert sich hier, dass der Film „China Syndrom“ gerade in dieser Woche in den Kinos von Harrisburg lief und ausgerechnet auf den US-Staat, dessen Governor er war, Bezug nahm:
    „The term "China Syndrome" was derived, in fact, from the theory that such a core would be so hot, it actually could burn its way through to the other side of the earth: Ironically, the movie of that name was running in Harrisburg area theaters that very week and its script, incredibly described a meltdown as having the potential to contaminate an area, and I quote, "the size of the state of Pennsylvania."
    Am Ende des ersten Tages der Krise, so Thornburgh, kam ihm das früher schon gelesene Buch „We almost Lost Detroit“ in den Sinn.
    „I recalled reading a book, reassuringly entitled "We Almost Lost Detroit," an account by John G. Fuller of problems at the Enrico Fermi nuclear power plant in Michigan. I remembered Fuller's discussion of the consequences of core damage at the Michigan plant and realized that our federal experts had not raised this issue with respect to TMI during our evening briefing.“

    (Verleger Readers Digest 1975, mit einem Vorwort eines Vertreters der „Union of Concerned Scientists“. 1977 erscheint von Gil Scott-Heron ein Song mit eben diesem Titel “We almost Lost Detroit” der Bezug auf das Buch nimmt.)

    Es fiel ihm also, so Thornburgh 1989, in Erinnerung dieses Buches, am späten Abend des ersten Krisentages auf, dass die Gefahr der Kernschmelze bisher nicht aufgeworfen wurde.
    .. lerne aus Geschichte, ..rät er in seinem Vortrag.
    „... learn from history. While the Fuller book on the Fermi plant proved useful, let me assure you that if one of my colleagues already had experienced a nuclear emergency like Three Mile Island, and had recounted it in published form, such a publication would not long have lingered on my shelf.“
     
  4. Matze007

    Matze007 Aktives Mitglied

    Mal so allgemein:
    Kerntechnik beunruhigt uns, weil sie das Ende jedes politischen Horizonts aufzeigt. Es gab eine Debatte darüber, ob man deutschen Atommüll an Russland zur Endlagerung liefern sollte. Es wurde allen Ernstes erklärt, das ginge nicht weil Russland dafür "zu instabil" sei.
    Angesichts der Halbwertszeiten und der Entwicklung politischer und gesellschaftlicher Systeme wäre es tatsächlich egal ob man das Zeug in Russland, der Schweiz oder dem Irak vergräbt. Selbst die Schilder auf denen steht "nicht dran lutschen" halten nicht so lange wie dieser Müll strahlt.
    Hinzu kommt dass es schlicht nicht möglich ist, die havarierten Reaktoren in Japan zu demontieren, oder auch nur genauer zu untersuchen. Es gibt keine Technik die Bildmaterial der Kerne liefern könnte, von gezielten Manipulationen ganz zu schweigen.
    Wenn apokalyptische Metaphern je einen Sinn ergeben haben, dann in solchen Kontexten.
     
  5. hatl

    hatl Premiummitglied

    Sag mer mal Matze, sie geht ziemlich weit zum Horizont.

    Bemerkenswert am Störfall, wie bei anderen krisenhaften Entwicklungen auch, ist, dass die Zeit zu Handeln sehr schnell knapper wird;
    während die Auswahl der richtigen Handlungen eigentlich einen gestiegenen Zeitbedarf erfordert.
    Es wird also verstärkt aus dem Bauch heraus entschieden.

    Ich tät mal sagen, so schaut eine Krise aus. :D
    Die Julikrise, die Berlinkrise, die Kubakrise, die Ehekrise und das kochende Kraftwerk.


    (Eine Diskussion über Nutzen und Schaden der gegenwärtigen Nuklearpolitik wäre zwar interessant, aber nicht in diesem Forum.)
     
  6. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Nur nebenbei der derzeitige Stand der "Aufbereitung" von Zeitgeschichte. März-Artikel aus der Phys.Org:
    Fukushima: current state of the clean-up

    Die laufenden Monatsberichte der TepCo an die Internationale Atomenergiebehörde:
    Fukushima Daiichi Status Updates | IAEA

    Die Küstenüberwachungen laufen weiter, ein Bericht aus dem letzten Jahr:
    7 Years After Fukushima Disaster: Little Radioactive Material in US Waters

    TMI zum 40.
    Three Mile Island to Shutter Its Doors in 2019 | Smart News | Smithsonian
     
  7. hatl

    hatl Premiummitglied

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