Ultramontanismus

Dieses Thema im Forum "Das Deutsche Kaiserreich" wurde erstellt von Octavia, 30. November 2006.

  1. Octavia

    Octavia Neues Mitglied

    Hallo, ich beschäftige mich gerade mit dem Kulturkampf und würde gerne Wissen, welche Ereignisse den Ultramontanismus vor dem ersten Vatikanum voranbrachten und welche deutschen Katholiken die wichtigesten Vertreter waren.Wäre klasse, wenn jmd. mir da helfen könnte.
    Liebe Grüße
     
  2. Helma

    Helma Mitglied

    Ein weites Feld, auf das Du Dich begeben hast. Meiner Meinung nach müsste man in Frankreich mindestens bei Napoleon ansetzen, die Säkularisation hat dem Ultramontanismus in Deutschland schließlich ganz entscheidend den Boden bereitet.
    Ich setze hier erst mal einen Link zu einer Arbeit von Klaus W. Schatz SJ, die einen Abschnitt über den Sieg des Ultramontanismus enthält, in dem auch einige deutsche Namen genannt werden.

    Ich selbst möchte hier nur am Beispiel des Herzogtums/Königreichs Württemberg andeuten, wo eine Wurzel der ultramontanen Bewegung nach der Säkularisation zu finden ist. Das Herzogtum Württemberg war bis dahin "rein protestantisch", Katholiken genossen kein Bürgerrecht. Mit der Säkularisation vergrößerte Württemberg sein Territorium auf das Doppelte, aber auch die Bevölkerungszahl dürfte sich ungefähr verdoppelt haben, wobei der Zuwachs, abgesehen von ein paar protestantischen Städten wie Ulm, vornehmlich aus Katholiken bestand. Die katholische Kirche wurde unter ein protestantisch dominiertes Staatskirchenregiment gestellt, das sie (zur Recht) als bevormundend empfand und das praktisch erst nach Ersten Weltkrieg und mit der Gründung der Weimarer Republik beendet wurde.

    Namen? Dazu fallen mir jetzt erstmal der Tübinger Theologieprofessor Johann Adam Möhler und sein Schüler, der spätere Rottenburger Bischof Carl Joseph Hefele ein, der sich allerdings - trotz seiner ultramontanen Einstellung - beim I. Vatikanum gegen das Unfehlbarkeitsdogma stellte und es in seiner Diözese erst einige Wochen später und trotz einiger Zugeständnisse Roms immer noch zähneknirschend verkündete und damit in Kraft setzte.

    Das Thema ist damit nur angerissen, vielleicht meldet sich noch jemand, der behilflich ist, es zu erweitern undzu vertiefen (der Ultramontanismus hatte ja nicht nur eine politische Seite, sondern auch die Ausbildung bestimmter Frömmigkeitsformen im Gefolge).

    Viel Erfolg zunächst und Grüße
    Helma
     
    Zuletzt bearbeitet: 30. November 2006
  3. Arcimboldo

    Arcimboldo Aktives Mitglied


    Ohne dem profunden Beitrag von Helma vorzugreifen, aber gehts hier nicht erst einmal um den "Kulturkampf " unter Bismarcks Regierung :grübel:

    http://www.erziehung.uni-giessen.de/studis/robert/kulturk1.html

    http://de.wikipedia.org/wiki/Ultramontanismus

    http://de.wikipedia.org/wiki/Erstes_Vatikanisches_Konzil
     
    Zuletzt bearbeitet: 30. November 2006
  4. Helma

    Helma Mitglied

    Ehrlich, ich habe auch gegrübelt. Aber der durch Bismarck/Preussen ausgelöste (gedehntes: na jaaa) Kulturkampf, schloss sich an das I. Vatikanum an; gefragt war, was den Ultramontanismus VOR dem I. Vatikanum voranbrachte - und das lässt sich in wenigen Sätzen nicht zusammenfassen).
     
    Zuletzt bearbeitet: 30. November 2006
  5. Mercy

    Mercy unvergessen

    Vorangebracht hat den Ultramonanismus in Deutschland das nach 1815 langsam erstarkende Papsttum (Nuntiaturen), der Kampf gegen die staatliche Einmischung bei der Besetzung der Bischofsstühle, das erwachende Bewußtsein eines politschen Katholizismus.

    Einige Stationen:
    Die Kölner Wirren 1837
    Trierer Hl. Rock-Wallfahrt von 1844
    Mainzer Katholikentag von 1848
    Erste Deutsche Bischofskonferenz in Würzburg 1848
    Gründung der Piusvereine nach 1848
    Kolpings Gesellenvereine

    Es entwickelte sich, unter dem Einfluß der Neuscholastik ein antimodernistisches Denken (gegen Aufklärung und herrschenden Liberalismus), der im Syllabus errorum (1864) von Pius IX. einen Kulminationspunkt erreichte.
    Die Vorbereitung des I. Vatikanischen Konzils (Ziel Unfehlbarkeit des Papstes) führte zu heftigen Positionskämpfen.

    Und jetzt brauchen wir noch die agierenden Hauptpersonen.
     
  6. Helma

    Helma Mitglied

    Dann fang ich mal mit den Kölner Wirren an:

    Clemens August Droste-Vischering, als Erzbischof von Köln inthronisiert 1836.

    Zur Vorgeschichte:

    Georg Hermes

    Folge der Verhaftung und "Ruhigstellung" Droste-Vischerings (s. Link) war, dass sich die katholische Bevölkerung mit ihm solidarisierte, was sich u.a. darin ausdrückte, dass zu der Hl.-Rock-Wallfahrt nach Trier 1844 ca. 1 Million Katholiken kamen, mindestens fünf- bis sechsmal soviel wie in den Vorjahren.
     
    Zuletzt bearbeitet: 30. November 2006
  7. Octavia

    Octavia Neues Mitglied

    Hey,
    ihr seid wirklich klasse...Danke
     
  8. Helma

    Helma Mitglied

    Präsident des ersten deutschen Katholikentages 1848 war Franz Josef Ritter von Buß,
    der im badischen Kulturkampf eine wesentliche Rolle spielte.
     
  9. Mercy

    Mercy unvergessen

    Aber den Döllinger wollen nicht vergessen. Ein wahrer Saulus, vom Integralisten(?) zum prominentesten Anführer der Infallibilitätsgegner.
    Der Bautz ist tatsächlich auf dem neuesten Stand:

    http://www.bautz.de/bbkl/d/doellinger_j_j_i.shtml
     
  10. Mercy

    Mercy unvergessen


    Jetzt übertreibst du aber. Soll ne halbe Mio gewesen sein und die vorherige? Lang, lang wars her.

    http://www.bistum-trier.de/kiosk/relaunch/rock/rock1.htm
     
  11. Mercy

    Mercy unvergessen

  12. Helma

    Helma Mitglied

    Du hast völlig recht, ich hätte mich nicht allein auf den alten Schmöker verlassen sollen, der bei mir zu Hause rumliegt (die Zahl der Wallfahrer hatte ich allerdings schon mal um 200.000 nach unten korrigiert).

    :autsch:

    Aber wenn wir schon beim ultramontanistischen Personen-Brainstorming sind, sollten Ludwig Windthorst (wie auch die Gründung der katholischen Zentrumspartei 1870) nicht unerwähnt bleiben.

    :winke:
     
    Zuletzt bearbeitet: 1. Dezember 2006
  13. Mercy

    Mercy unvergessen


    Das ist schon ein Grenzgänger. Zeitlich berührt seine Tätigkeit gerade noch die Vorbereitungszeit des 1. Vatikanums, politisch war er schon in die Rolle des auch politischen Ultramontanen gedrängt. Ihm blieb in dieser Zeit des katholischen Schulterschlusses gegen den Liberalismus und dessen Unfehlbarkeitsanspruchs kaum eine andere Wahl.

    Ich kehre mal sehr weit zurück: Wessenberg.
    Dieser Konstanzer Generalvikar war ein Visionär, dem nach dem Zusammenbruch aller kirchlichen Strukturen nach der franz. Revolution eine Nationalkirche vorschwebte, die nach dem 2. Vatikanum in der Form der nationalen Bischofskonferenzen ein unzureichendes Äquivalent fand.

    http://www.bbkl.de/w/wessenberg.shtml
     
  14. Helma

    Helma Mitglied

    Wessenberg ein Ultramontanist? Ich denke nicht. Eher das Gegenteil, sonst wäre er Bischof von Konstanz bzw. Freiburg oder Rottenburg geworden. Ich bin jetzt etwas verwirrt.
    :S
     
    Zuletzt bearbeitet: 1. Dezember 2006
  15. Mercy

    Mercy unvergessen

    Ein Wegbereiter für die Ultramontanen.
     
  16. Helma

    Helma Mitglied

    Ein Wegbereiter wider Willen. Okay, da kann ich mit.
     
  17. Helma

    Helma Mitglied

    Nachdem ich mich heute nacht schlaflos durch die 11 Bände des LThK gewälzt habe, das ich mir zum Eintritt in den Ruhestand und im Vorgriff auf Weihnachten geschenkt habe, möchte ich noch einmal bei Wessenberg anknüpfen (und als Stichworte, sozusagen im gleichen Atemzug, dann gleich noch Carl Theodor von Dalberg und Johann Michael Sailer hinzufügen.

    Weswegen betrachtest Du sie als "Wegbereiter" der Ultramontanen? Weil sie ihrer Zeit um ca. 150 Jahre voraus waren und deswegen Widerspruch provozierten? (in diesem Sinne konnte ich gestern Wessenberg als "Wegbereiter wider Willen" durchgehen lassen).
     
    Zuletzt bearbeitet: 2. Dezember 2006
  18. Mercy

    Mercy unvergessen

    Und hast erst am Ende des 11. Bandes das Register entdeckt?

    Bist Du heute anderer Meinung?
     
  19. DerNuntius

    DerNuntius Mitglied

    Auf Empfehlung möchte auch ich ein paar mehr oder weniger zusammenhängende Gedankenfetzen zum Thema abgeben---auf die Schnelle zusammengelesen und -gedacht.

    Neben Säkularisation und Restauration gibt es auch als Ursache etwas, woran man im ersten Moment gar nicht denken mag, aber die Industrialistation hat auch ihren Teil getan: durch die sprunghafte Entwicklung und Modernisierung von Verkehrsmitteln etc. war es der Zentrale um ein Vielfaches einfacher geworden, den Lauf der Dinge in der Welt effektiver zu kontrollieren und zu beeinflussen.
    Man vergleiche dazu auch die Entwicklung der modernen Enzyklika.


    Desweiteren die bereits von Mercy angesprochene Entwicklung einer päpstlichen Weltpolitik, die sich auch im Abschluss zahlreicher Konkordate manifestierte, so etwa mit Spanien, Sardinien, Frankreich, Bayern, Neapel, Preußen u.v.m. Die gingen übrigens zumeist auf das Konto Ercole Consalvis, der auf dem Wiener Kongress auch eine beinahe vollständige Wiederherstellung des Kirchenstaates erwirkte.: sicherlich nicht unwesentlich für den späteren Ultramontanismus


    Zur Neoscholastik ein paar hingeschmissene (Nach-)Namen von Personen deutscher Nationalität, so es diese zur Zeit bereits gab:
    Kleutgen, Clemens, von Schaezler, Scheeben, Heinrich, Moufang.

    Noch ein paar Namen, die man an dieser Stelle vielleicht nicht erwarten mag:
    Novalis (sah das Heil in einer "dauerhaften Kirche, die alle nach dem Überirdischen durstigen Seelen in ihrem Schoß aufnimmt und das alte Füllhorn des Segens wieder über die Völker ausgießt") und Schlegel, der eine Übersetzung von de Maistres papsttumverherrlichenden Buch "Vom Papste" veranlasste. Die Herausgeber, die mir namentlich nicht bekannt sind, der Übersetzung meinten: "Ohne den Papst gibt es kein Christentum mehr". Diese Menschen mochten sich vielleicht romantischen Schwärmereien hingegeben haben, und inwieweit diese zitierten Passagen Bedeutung auf den Verlauf der Entwicklung des Ultramontanismus genommen haben sei dahingestellt.

    Für den französischen Ultramontanismus (auch wenn er weniger von Interesse ist): Félicité de Lamennais, der von Leo XII. außerordentlich gemocht wurde und es auf Glanzpapier (oder vielmehr Leinwand?) sogar in dessen Schlafzimmer schaffte, unter Gregor XVI. aber dann aber abstürzte.

    Für den Ultramontanismus weiterhin wichtig: die Gründung von weltweit 70 neuen Vikariaten und Bistümern in Afrika, Indien, China, Korea und Ozeanien (aus deren Sicht aber nur bedingt „ultramontan“!?)

    Nun denn, ich hoffe ich konnte ein wenig behülflich sein, indem ich ein wenig in Seppelts und Schwaigers Geschichte der Päpste blätterte, die mir zufällig gerade zur Hand ist.
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. Dezember 2006
  20. Helma

    Helma Mitglied

    Richtig, genau da, wo ich es vermutet hatte. :p
    Aber mit den zahlreichen Verweisen fing mein Unglück ja an.

    Die Meinung war eigentlich eine ernst gemeinte Frage. Sagen wir mal so: Ich finde (noch) keine andere Erklärung und verordne mir jetzt erst mal eine Denkpause.

    Gruß, Helma
     

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