Ungewöhnliche Berufe aus alter Zeit?

Dieses Thema im Forum "Fragen & Antworten" wurde erstellt von Dorftrottelchen, 18. Mai 2015.

  1. Gibt es eine Art Liste historischer oder toter Berufe, die damals ungewöhnlich waren?

    Beispielsweise weiß ich, dass man zu Zeiten Rousseaus Noten (die für Musik) noch per Hand abschreiben musste, weil entsprechende Druckmaschinen nicht zu Verfügung standen. Rousseau selbst arbeitete eine Zeit lang in diesem Gebwerbe.
    Der Beruf war wohl ungewöhnlich und ist heute tot - ähnlich Rechenmeister oder "Computer".

    Gibt es weitere Beispiele für solche zu ihrer Zeit ungewöhnlichen, aber heute historische oder tote Berufe?
     
  2. KeineAhnung

    KeineAhnung Aktives Mitglied

    Als Buchempfehlung:
    /1/ Reinhold Reith (Hg), Das alte Handwerk - Von Bader bis Zinngießer, becksche Reihe, 2008

    /2/ Krünitz, Oeconomische Encydlopädie, 1773-1858 bzw. im web: Krünitz Online


    Da findest du einige - heute völlig unbekannte bzw. "ausgestorbene Berufe" wie zum Beispiel den Posamenten-Macher, den Knopfmacher oder den Drahtzieher.
    Vielleicht hilft das ja.
    LG
    KA
     
  3. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Posamentenmacher gibt es aber noch. Ich glaube, ich habe in München mal eine Vitrine von einem gesehen. Ein handwerklich umwickelter Posamentierknopf kostet dann halt heute ca. 60 € aufwärts. Dennoch freilich eine Randerscheinung, die besonders von finanzkräftigen Abnehmern gefragt ist, genauso wie Stoffe von alten Webstühlen (also wirklich alt bis ins 17.Jh.!) wie sie heute bspw. noch in Venedig produziert werden.
    Einige Berufe wie Schwertfeger, Plattner etc. erleben durch Mittelaltermärkte und Reenactments eine Renaissance, die man sich in dem Umfang sicher nicht hätte vorstellen können.

    Was damals ungewöhnlich war, erkennt man zumeist daran, dass die Anzahl der Handwerker so wenige waren, dass sie nichtmal eine eigene Zunft gründeten wie es mir im Falle der Seifensieder, wenn ich mich recht entsinne, in Schwäbisch Hall mal untergekommen ist. (Die haben dann aber kurz vor 1800 doch noch eine Zunft gegründet.)
     
  4. KeineAhnung

    KeineAhnung Aktives Mitglied

    Du hast völlig Recht, vieles gibt es noch bzw. wieder.
    Darum auch der Hinweis auf "heute unbekannte" Berufe.

    Meiner Einschätzung nach würde ich allerdings die Posamenten-Macherei oder Knopfstickerei eher als Kunsthandwerk betrachten.

    In dem von mir aufgeführten Buch von Reinhold Reith wird auch für jeden Berufsstand die Gründungszeit, bzw. den Gründungsort der ersten Zunft sowie Lehr-, Gesellen- und Meisterjahre aufgeführt.

    Edit:
    hier finden sich noch weitere Berufe aus dem Waldgewerbe, wie den Pottasche-Sieder, Wiedendreher, Harzer, etc.
    Berufe, die in der heutigen Waldwirtschaft schlicht nicht mehr nötig sind. Aber auch sie erleben teilweise eine Renaissance und sei es "nur" in studentischen Projekten.

     
    Zuletzt bearbeitet: 19. Mai 2015
    1 Person gefällt das.
  5. beetle

    beetle Aktives Mitglied

  6. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

    Wie sieht es denn aus mit dem „Heftelmacher“.

    Beim Lampenputzer bin ich mir nicht so sicher (siehe auch Erich Mühsam – „der Revoluzzer“ – „... im Zivilstand Lampenputzer...“.)

    Die Leineweber gibt es ja wohl auch schon lange nicht mehr in der Form wie früher.
    Siehe hier auch Volkslied aus dem 18. Jahrhundert. Zu meiner Schulzeit lernten wir dies im Musikunterricht. Hatten sogar einen Bezug dazu. Die Stadt wo ich geboren wurde war eine Leineweberstadt, erkennt man an den Dachstühlen.
     
  7. KeineAhnung

    KeineAhnung Aktives Mitglied

    Eine Liste mit damals bereits "ungewöhnlichen" Berufen oder Tätigkeiten kenne ich nicht. Einzelne Berufe schon eher. Spontan fällt mir ein "Beruf" ein (wenn man ihn denn so nennen mag) der, wenn auch notwendig - eher als ungewöhnlich zu bezeichnen war:

    In unserer Region haben Städte immer einen sogenannten "Mist-Hansel" oder "Mist-Hans" beschäftigt. Diese verdienten ihren recht kärglichen Lebensunterhalt damit, dass sie in die Winkel der Häuser (schmale Durchlässe zwischen giebelständigen Häusern) gingen und dort die gefüllten Strohballen aus den Aborttrögen entnahmen und durch frische ersetzten. Die gefüllten Strohballen wurden zu den Bauern im Umland gebracht und auf den Feldern verzettelt.
     
  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Vielleicht nicht ungewöhnlich, aber unehrenhaft: Gaukler, Henker (Abdecker, Dirnenbeauftragter etc.)...
     
  9. KeineAhnung

    KeineAhnung Aktives Mitglied

    Der "Dirnenbeauftragte" ist interessant....

    Was hat der gemacht? Die Konzessionen geprüft?
     
  10. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ist damit der Hurenweibel gemeint?
     
  11. letztergisone

    letztergisone Aktives Mitglied

  12. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Da würde ich sprachlich differenzieren, denn- das sage ich dir zweifellos nichts Neues- war "Unehrlichkeit" eine soziale, nicht aber eine moralische Kategorisierung. Soziale Stigmatisierung als Angehöriger "unehrlicher Berufe" schloss prinzipiell nicht aus, dass ein Schäfer, Müller, Abdecker oder Henker einen ehrenhaften Lebenstil pflegte und über einen positiven Leumund verfügen konnte.

    Unter den "Unehrlichen" war der Allerunehrlichste der Scharfrichter, der "Meister Hans". Es sind Fälle überliefert, das Menschen sich das Leben nahmen, weil sie unwissentlich mit einem Scharfrichter getrunken hatten und damit selbst "unehrlich" geworden waren, weshalb seit dem Spätmittelalter die meisten Städte eine Berufskleidung für Henker und Prostituierte einführten.
    Wenn auch die "Unehrlichkeit" der Henker und Abdecker im Alten Reich erst im ausgehenden 18. Jhd beseitigt wurde, fanden die Scharfrichter relativ früh auch Fürsprecher wie Martin Luther, der betonte, dass der "Meister Hans" ein "braver Mann" sei, der im Auftrag der Obrigkeit Missetäter exekutierte.

    Allerdings hätte kaum ein Scharfrichter allein von den Tarifen für Exekutionen leben können. Viele Scharfrichter waren auch Abdecker, und berufsbedingt verfügten viele von ihnen über gute anatomische und veterinärische Kenntnisse. Viele Henker arbeiteten nebenberuflich als Heilpraktiker und/oder Veterinäre deren Kenntnisse bei der ärztlichen Unterversorgung gefragt waren. Mancher Henker brachte es bis zum Physikus, und auch selbst hergestellte Salben mit teils recht ekelhaften Bestandteilen oder Accessoires, die mit Hinrichtungen zu tun hatten, wurden gerne gekauft.
     
  13. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

    Dirnenbeauftragter...

    Könnte sich um den Fronbote handeln.
    Der fungierte wohl auch als „Hurenvogt“. Beaufsichtigte die Dirnen.
     
  14. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich hatte die Dinge in Klammern gesetzt, um anzudeuten, dass dies ebenfalls Aufgabe des Henkers waren.

    Richtig, trotzdem wollte man mit diesen Leuten außerhalb ihres Geschäfts nichts zu tun haben - ich sehe gerade, dass du das weiter unten ja auch selbst schreibst. Zumindest nicht offiziell. Henker galten in Mittelalter und Früher Neuzeit ja als die besseren Ärzte, weshalb wir in Stadtarchiven Eingaben von den offiziell zugelassenen Ärzten finden, dass doch bitte dem Henker der Stadt besser auf die Finger gesehen würde.
    Sie mussten eben auch die Arbeiten erledigen, die notwendig aber unbeliebt waren (eben das Abdecken oder eben die Kontrolle der Prostitution).

    Wie gesagt, das wurde nicht gerne gesehen... Dabei hatten die Henker aufgrund ihrer anatomischen Kenntnisse meist das bessere Wissen.
     
  15. Lukullus

    Lukullus Aktives Mitglied

    Rudi Palla: Verschwundene Arbeit - das Buch der untergegangenen Berufe. Brandstätter Verlag 2014

    Kenne es selbst nicht, könnte einer Mopo-Rezension zufolge informativ und unterhaltsam sein.
    "Fischbeinreißer" klingt und liest sich jedenfalls schon mal gut.
     
  16. beetle

    beetle Aktives Mitglied

  17. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Wohl eher der Pächter eines städtischen Bordells oder "Frauenhauses", über das die meisten größeren Städte im Heiligen Römischen Reich verfügten, bis ihnen protestantische Sittenstrenge und die sich rasant verbreitende Syphilis ihnen den Garaus machten.

    Manche Puffs wie das Haus der Schönen Frauen zu Nürnberg waren weit über die Stadt- und Landesgrenzen bekannt. Maximilian I., damals noch Erzherzog und sein Vater statteten ihm einen Besuch ab, wobei Maximilian bei einem Pfänderspiel den Damen Schmuckstücke schenkte. Andere wie der Berlich in Köln waren erbärmliche Absteigen. Auch die Hübschnerinnen von Nördlingen waren bekannt, Ende des 17. Jhds gehörten sie zu den einzigen Frauen, die zu banketten des Rates geladen wurden.

    In den Bordellen des ausgehenden Mittelalters herrschten recht moderne Zustände, und die Insassinnen wurden regelmäßig ärztlich untersucht, um die Verbreitung venerischer Krankheiten zu unterbinden. Das Mekka der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Prostitution aber war Italien. In Venedig sollen bis zu 10% der weiblichen Einwohner sich der Prostitution gewidmet haben. Das recht hohe Niveau gesundheitlicher Vorsorge der mittelalterlichen "Frauenhäuser" nahm allerdings im 16. und 17. Jhd zumindest im Reich stark ab, sofern sie überhaupt noch obrigkeitlich geduldet wurden. Der Kölner Berlich wurde, wenn ich mich recht erinnere im 17. Jhd geschlossen. Wen es interessiert, der wird in dieser Publikation mehr dazu finden:

    Franz Irrsiegler/ Arnold Lasotta Bettler und Gaukler, Dirnen und Henker- Außenseiter in einer mittelalterlichen Stadt
     
  18. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Gibt es eigentlich noch/wieder Stellmacher/Wagner, die Lehrlinge ausbilden?

    Mein Opa mütterlicherseits war Stellmachermeister, der 1936 Berufssoldat in der Wehrmacht wurde, das Stellmacherhandwerk dann aber von 1946-zum Ende der 1950er Jahre ausübte und dann Justizbeamter wurde, als die zunehmende Motorisierung in der Landwirtschaft das Handwerk unrentabel machte und der Reit- und Fahrsport noch zu unterentwickelt war, um als Stellmacher leben zu können.

    Dessen Vielseitigkeit in allem was mit Holz zu tun hatte, ringt mir heute noch Bewunderung ab, und er war gleichermaßen brilliant als Wagner, Schreiner und Tischler.

    Bei Wiki las ich, dass sich in der DDR das Stellmacherhandwerk länger halten konnte. Vielleicht weiß @Ralf da mehr.
     
  19. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Der Beruf des Gasriechers scheint ausgestorben zu sein. Es sieht für mich aber fast so aus, als ob Schmuckeremiten seit Big Brother und Dschungelcamp ein Comeback erleben.
     
  20. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

    Da bin ich überfragt.

    Ich kann mich an diesen Beruf insofern erinnern, der Vater meiner Oma väterlicherseits war Stellmacher in Ringethal/Sachsen.

    Entweder hat ein Bruder meiner Oma oder jemand Fremdes dieses Geschäft übernommen. Jedenfalls von dort kaufte/(bekam?) mein Vater (Sohn meiner Oma) wiederholt Ende der 40. und in den 50. einen Handwagen. Diesen durfte ich dann entweder schieben oder ziehen und das passierte oft.

    Handwagen waren ja damals noch ein verbreitetes individuelles Transportmittel und ich war nicht traurig als dieser langsam aus den Haushalten verschwand.

    Aber Stellmacher hatten ja noch andere Aufgaben, vor allem wurden sie von den Bauern benötigt.

    Ich denke aber mal, mit der fortschreitenden Mechanisierung der Landwirtschaft war dieser Beruf in seinem damaligen Tätigkeitsfeld nicht mehr so gefragt und es begann ein Ausdünnungsprozeß, einhergehend mit strukturellen Veränderungen im Tätigkeitsprofil.

    Jetzt gibt es noch vereinzelt welche, z.B. ganz in der Nähe von Bad Langensalza/Thüringen, in Burgtonna.
    So wie ich weiß, beschäftigen die sich u.a. mit historischen Gegenständen wie z.B. Kutschen, Lafetten, Laufrädern, aber auch mit Auto Karosseriebau und Schubkarren aus Holz usw.
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. Mai 2015

Diese Seite empfehlen