Unterhaltungsliteratur angesiedelt im ausgehenden Mittelalter

Dieses Thema im Forum "Geschichtsmedien und Literatur" wurde erstellt von -muck-, 22. Oktober 2021.

  1. Heinrich von Plauen (Roman) – Wikipedia

    Bin am überlegen ob ich mir diesen Roman als nächstes antue. Mich reizt das Thema Deutscher Orden doch. Schade allerdings, dass Wikipedia ihm auch Schwarz-Weiß Malerei vorwirft. Aber ich mein er wurde hier schonmal empfohlen?
     
  2. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Ich habe ihn gelesen, und er hat mir recht gut gefallen. Ich fand ihn ansprechend geschrieben und mitreißend erzählt, wenngleich nicht ganz faktengetreu.
    Aber man muss sich schon darüber im Klaren sein, was einen erwartet. Er ist eindeutig ein Produkt seiner Zeit, sprachlich-stilistisch und mit viel "völkischer" Denkweise, aber dafür natürlich ohne die Sexszenen, auf die viele heutige "Historien"-Romane nicht verzichten zu können meinen. Viel heutige Leser würden ihn wohl als "altbacken" empfinden, andere (wie ich) nicht. Wenn man also mit einer heute verpönten "nationalen" Herangehensweise klar kommt und etwa die Romane Dahns oder Schreckenbachs mag, kann man bedenkenlos loslesen, ansonsten lieber nicht.
     
  3. Hmm, ja, national finde ich nicht so toll. Vielleicht kann ich aber drüber hinwegsehen oder mich drüber amüsieren. Wenn er wirklich so mitreißend ist...
    Hab bisher erst einen Roman wegen altbackender Sprache weggelegt (es ging um Pompeij) und das ist lange her. Heute würde es mir vielleicht sogar gefallen. Schafft eine ganz andere Atmosphäre. Bei Röde Orm ist das gut gemacht.
     
  4. -muck-

    -muck- Aktives Mitglied

    @PostmodernAtheist
    Wie gesagt, für empfehlenswert halte ich den Roman durchaus. Was die zeitgemäßen nationalistischen Untertöne angeht, da halte ich Sienkiewicz 'Kreuzritter' für schlimmer, was zugegeben keine Auszeichnung ist.

    Wicherts Charakterisierungen der Polen sind differenzierter. Zwar wird die Mehrheit der polnischen Akteure negativ dargestellt, was man an sich für "Framing" halten könnte, wie das wohl Neudeutsch heißt; andererseits sind sie nicht nur deshalb die Bösen, weil sie Polen sind.

    Wichert nahm wahrscheinlich im Quellenstudium Anleihen bei Chronisten, die König Wladyslaw Jagiellos Krieg gegen den Orden, dessen Schutzpatronin immerhin die Gottesmutter war, deshalb erschreckte, weil der Mann eigentlich Jogaila hieß, Europas letzter heidnisch geborener Fürst war und man ihn der Apostasie verdächtigte.

    Hinzu kommt Wicherts Kritik an den deutschen Handelsstädten und Landadeligen, die die aus seiner Sicht nützliche Ordensherrschaft nur deshalb verraten und den Krieg in ihr eigenes Land tragen, um sich Handelsvorteile und Privilegien zu verschaffen. Diese Darstellung ist teilweise historisch.

    Witzigerweise konterkariert sie teils vorhandene nationalistische Untertöne. Eben weil der Gedanke der Nation erst im Entstehen war, hatten Adel und Kaufherren weniger Skrupel, ihren Herrscher zu wechseln.

    Welche Sprache er sprach, war weniger wichtig; Hauptsache, er war Christ und garantierte ihnen die Rechte, die sein Vorgänger bedrohte. Man stelle sich vor, Rheinland-Pfalz würde sich mit Luxemburg vereinigen, weil dort die Steuern niedriger sind. Bis in die Neuzeit kam dergleichen häufiger vor.
     
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  5. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

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  6. Na dann sollte ich wohl zugreifen können.

    Der andere Roman klingt auch interessant, wenn ich auch doch lieber Geschichten über große Schlachten und so lese.
     
  7. -muck-

    -muck- Aktives Mitglied

    Titel: Die Rosenkriege: Sturmvogel (Band I) und Das Bündnis (Band II)
    Autor: Conn Iggulden, Heyne
    Thema: Rosenkriege

    Conn Igguldens Rosenkriege-Quadrologie erstreckt sich von der Heirat Margaretes von Anjou mit Heinrich VI. bis zur Schlacht von Bosworth. Der Leser verfolgt die Geschichte mit den Augen wichtiger Protagonisten beider Seiten, die heimlichen Hauptfiguren sind indes Margarete und der fiktive Spion Derry Brewer.

    Erzählstränge werden eingewoben, die die Begleitumstände verdeutlichen, etwa die Rebellion Jack Cades oder das Schicksal der durch den Vertrag von Tours vertriebenen Engländer. Interessant ist, dass Iggulden weniger als andere Autoren Partei ergreift, bei denen entweder die Yorkisten oder die Lancastrianer im Recht sind.

    (Vor allem erste, das Sujet des Kriegerkönigs Eduard war wohl lange Zeit interessanter als das des verachteten Heinrichs und seiner Frau, die den Laden allein schmeißen muss.)

    Bei Iggulden stehen auf beiden Seiten ambitionierte Menschen mit Stärken und Schwächen, die auch einem Wandel unterliegen und reifen. So wird aus dem arrogant-ambitionierten Richard von York allmählich ein Mann, der unter dem Eindruck des Chaos ringsum eher aus Pflichtgefühl nach dem Thron greift.

    Die meiste Sympathie bringt der Autor indes Margarete entgegen. Die Charaktere sind mehrheitlich sehr plastisch ausgearbeitet, vor allem der Werdegang Margaretes ist psychologisch beeindruckend dargestellt. Heinrich wiederum ist kein Schwächling, sondern Opfer einer sehr einfühlsam erzählten Krankheit.

    Leider haben die Bücher auch Schwächen. Dazu gehört zunächst die etwas seichte und mit Anachronismen gespickte Sprache, gepaart mit einer mit leicht ungelenken Übersetzung.

    Zweitens: Die ausführlichen Beschreibungen des Kriegsgeschehens. Sie machen sich besser in Büchern wie denen von Toby Clements, wo die Rosenkriege persönliches Erleben eines Protagonisten sind. Nach meinem Empfinden scheitert Iggulden an seinem Anspruch, Politik und Krieg gleichberechtigt gegenüberzustellen.

    Drittens erstreckt sich die Überparteilichkeit Igguldens nicht über Englands Grenzen hinaus. Sämtliche Franzosen in den ersten beiden Bänden sind arrogant, schwächlich und dumm, außerdem wird das Klischee des übermächtigen und unüberwindlichen englischen Bogenschützen bis zum Gehtnichtmehr gemolken.

    Das größte Manko ist aber leider die Figur des Derry Brewer, der sich vom Gossenjungen zum Meisterspion Heinrichs VI. hochgearbeitet hat. Iggulden schreibt in seinem Begleitwort, einen solchen Strippenzieher "muss es einfach gegeben haben". Damit mag er sogar Recht haben, aber diesen Derry Brewer gab es gewiss nicht.

    Er ist praktisch allwissend, allmächtig, bei jeder wichtigen Station der Rosenkriege persönlich anwesend und für viele Weichenstellungen nahezu alleinverantwortlich. Er ist schier unangreifbar und so selbstbewusst, dass er schon mal den Herzog von York mit den Worten: "Tag Richard, alter Knabe" begrüßt.

    Ich verstehe, dass der Charakter auch die Schwäche Heinrichs VI. verdeutlichen soll. Denkt man aber an die wenigen verbürgten Aufsteiger dieser Zeit (z.B. Ludwigs XI. Vertrauten Olivier le Daim), bezweifle ich dass sich jemand aus kleinen Verhältnissen derart in den Vordergrund hätte drängen und lange überleben können.

    Immerhin ist der zweite Band wesentlich besser als der erste. Das lässt hoffen. Deshalb, aber nur deshalb werde ich auch noch 'Drei Könige' und 'Bruederschlacht" lesen, sobald ich dazu komme.
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. November 2021
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