Ursache

Dieses Thema im Forum "Kultur- und Philosophiegeschichte" wurde erstellt von Eumolp, 13. November 2022.

  1. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Ich weiß, dass sich die Frage, die ich hier stelle, eigentlich für ein Geschichtsforum nicht eignet, und wenn das ein allzu schwerer Verstoß gegen die Etikette darstellt, möge man diesen Thread löschen und mich hängen: sei's drum. Trotzdem! Ich denke, dass es hier Leute gibt, die sich mit der Geschichte der Wissenschaftstheorie auskennen. Daher...

    Ein spätantiker Philosoph erzählt:

    Gegeben seien 2 Beziehungen:
    1. a => b
    2. ~a => ~b
    Hieraus ergebe sich: a ist Ursache von b. So dieser gute Mann.

    Mir erscheint das plausibel, in meiner oftmals ziemlich oberflächlichen Denkweise. Meine Frage daher: Sieht das die heutige Wissenschaftstheorie auch so? Kann man die Ursache-Beziehung mittels dieser logischen Beziehung darstellen - oder ergeben sich dabei irgendwelche Probleme, die mir unbekannt sind? Ich kenne die Argumente Humes und nachfolgend Kants, doch die haben nichts mit diesem Problem zu tun, soweit mir bekannt.

    Natürlich habe ich im Internet dazu recherchiert, aber zu meinen 2 kleinen Formeln nur uninteressante Logik-Beiträge gefunden, nichts zu ihrem wissenschaftstheoretischen Hintergrund. Die heutige formale Logik erfreut sich ihrer Selbständigkeit, das sei ihr vergönnt, leider vergisst sie die Anwendung auf die Wirklichkeit. - Vielleicht habe ich einfach nicht die richtigen Fragen gestellt?

    Wieso, weshalb, warum -
    wer nicht fragt, bleibt dumm.
     
  2. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Direkt nach dem Aufwachen ist mir eingefallen, dass von Wright den Begriff der Ursache durch den der Bedingung ersetzt hat, wobei

    a => b : a ist hinreichende Bedingung für b
    b => a : a ist notwendige Bedingung für b

    gilt. Nimmt man nun die obige These

    a => b
    ~a => ~b

    dann ergibt sich ja, durch Kontraposition:

    a => b
    b => a

    Hier steht also, dass a notwendige sowie hinreichende Bedingung für b ist (und umgekehrt). Die Folge von Ursache und Wirkung hat dann keine Bedeutung mehr, denn es gibt keine Reihenfolge: a ist notw.+hinr. für b, b ist notw.+hinr. für a. (Außerdem ist nach heutigem Verständnis bei der Beziehung von Ursache und Wirkung die Zeit im Spiel, das gilt jedoch für neuplatonische Überlegungen nicht.)
    Ich denke, damit ist diese antike Definition der Ursache auf die modernen Begriffe von Bedingung zurückgeführt, und der Bogen Spätantike => 20. Jh ist gezogen.
     
  3. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Da die Begeisterung zur Beantwortung sich in Grenzen hält, ein paar Anmerkungen. Ich lass mal die formale Aussagenlogik außen vor, da sie ohnehin für konkrete Betrachtungen nicht wirklich hilfreich (vgl. andererseits zur praktischen Anwendung Wirght: Erkären und Verstehen, S. 131). Zumal es um eine objektivierende und historisierende Sicht auf Ereignisse geht und das Erklären dieser Ereignisse (vgl. Evans und andere)

    Die Frage nach der erkenntnistheoretischen Sicht von Ursache und Wirkung ist letztlich die Frage, ob es in der Realität einen empirisch feststellbaren Sachverhalt gibt, der als kausale Wirkung beschreiben werden kann (vgl. Hewitson und Pearl&Mackenzie)

    Im Bereich der Sozialwissenschaften wird die kausale Beziehung auf eine vielfältige Weise beschrieben. Zum einen ist die "Pfadabhängigkeit" von sukzessiven Entwicklungen als eine Abfolge von Ursachen und Wirkungen zu verstehen. Das betrifft in starkem Maße die evolutionäre oder revolutionäre Entwicklung von Gesellschaften bzw. von Institutionen oder Systemen und der Darstellung im Rahmen von Paradigmenwechseln(vgl. Kuhn)

    Das betrifft aber auch in einem "mittleren Bereich" der Theoriebildung viele andere soziale Ereignisse (vgl. Merton). Ein typisches Bespiel wäre die "Determinierung" des sozioökonomischen Status eines Kindes durch den sozioökonomischen Status der Eltern, wie in der "Mobilitätsforschung" häufig gezeigt.

    Eine sehr einflussreiche Theorie, die von R. Inglehart zum "Wertewandel" basierte in ihren kausalen Aussagen auf einer "Knappheitshypothese" (Maslow) und einer generationsspezfischen Sozialisierungshypothese (Mannheim). Sie war einflussreich, weil die Kausalität dieser Beziehungen empirisch durch Studien verifiziert werden konnten.

    Evans, Richard J. (2001): In defence of history. Rev. ed. London: Granta Books.
    Koselleck, Reinhart (2014): Vom Sinn und Unsinn der Geschichte. Aufsätze und Vorträge aus vier Jahrzehnten. 1. Aufl., Berlin: Suhrkamp
    MacMillan, Margaret (2010): The uses and abuses of history. London: Profile.
    Nipperdey, Thomas (2013): Kann Geschichte objektiv sein? Historische Essays. Orig.-Ausg. Hg. v. Paul Nolte. München: Beck
    Novick, Peter (1988): That noble dream. The "objectivity question" and the American historical profession. Cambridge: Cambridge University Press

    Hewitson, Mark (2015): History and causality. Basingstoke: Palgrave Macmillan.
    Kuhn, Thomas S. (1970): The structure of scientific revolutions. 2. ed., enlarged. London: University of Chicago Press.
    Merton, Robert King (1983): Auf den Schultern von Riesen. Ein Leitfaden durch das Labyrinth der Gelehrsamkeit. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp
    Pearl, Judea; Mackenzie, Dana (2019): The book of why. the new science of cause and effect. London: Penguin Books.

    Exkurs 1:
    Die Frage der Kausalität, wie auch bei Pearl aufgegriffen, findet ihren Niederschlag in den Sozialwissenschaften zum einen besipielsweise bei "Ökonometrischen Modellen" oder auch bei Verfahren, die auf statitischen "Pfadanalysen" basieren (Lisrel, LV-PLS, Amos etc.). Der Vorteil ist, dass die zentralen theoretischen Konstrukte einer präzisen Operationalisierung unterliegen und die Ursache-Wirkung genau definiert werden muss.

    Exkurs 2:
    Zur Präzisierung von komplexen Zusammenhängen können umfangreiche Kausaldiagramme erstellt werden. Ein wichtiges heuristisches Mittel, um die Quantität an Bullshitbingo zu reduzieren und eine präzisere Verständigung zu erreichen.

    Ähnliches gilt für wissenschaftliche Verfahren zum Szenario-Management, bei dem u.a. eine "Einfluss-Matrix" zu bestimmen ist und statistisch überprüft werden kann. (vgl. u.a. Gausemeier und andere)

    Gausemeier, Juergen; Fink, Alexander; Schlake, Oliver (Hg.) (1996): Szenario-Management. Planen und Fuehren mit Szenarien. 2., bearb. Aufl. Muenchen: Hanser.
    Gomez, Peter; Probst, Gilbert J. B.: Die Praxis des ganzheitlichen Problemlösens. 3., unveränd. Aufl. Bern: Haupt.
    Reibnitz, Ute von (1992): Szenario-Technik. Instrumente für die unternehmerische und persönliche Erfolgsplanung. 2. Aufl. Wiesbaden: Gabler.
     
    Eumolp gefällt das.
  4. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Das war abzusehen, daher habe ich mir auch keine Illusionen gemacht ^^

    Vielen Dank für deine Anmerkungen. Manche der Verfahren kenne ich, viele nicht. Aber in der Tat ging es mir bei diesem Thema nicht so sehr um das Problem, wie betreibt man Forschung, um Ursachen gewisser Phänomene herauszufinden, sondern ganz simpel um die Frage, inwieweit die in #1 dargestellte "These" tatsächlich Ursache-Wirkungs-Verhältnisse abbilden kann und was die heutige Wissenschaftstheorie dazu sagen mag.

    Die "These" stammt aus Proklos' Kommentar zum Platonischen Dialog Parmenides (5. Jh) und ist von mir abstrahiert worden, da er sich auf eine konkrete Frage bezieht und die logischen Beziehungen daran anwendet. Mir erschien der Anspruch zunächst einmal plausibel, aber mit der Bedingungsanalyse von von Wright (da benutzen wir das gleiche Buch) wurde es mir dann schnell klar, s. #2, dass die Proklos'sche Hoffnung, hierdurch Ursache-Wirkungs-Verhältnisse abbilden zu können, trügt.

    Ein neuplatonischer Philosoph hat sich um empirische Forschung (leider) gar nicht gekümmert, die Leute waren vor allem an theologischen Fragen interessiert. Daher ist auch der Begriff der "Ursache" im Neuplatonismus VÖLLIG anders geartet als die heutigen Verfahren, Ursachen herauszufinden. Die sog. sinnlich-wahrnehmbare Welt, in der solche Phänomene wie sozialer Status, Veränderung von Sozialstruktur etc. stattfinden, hat diese Leute eher angeekelt, allein die intelligible Welt "ewiger Strukturen" steht im Zentrum, und dort spielen logische (=> Aristoteles, gelegentlich sogar Stoa) und dialektische Beziehungen (=> Platon) eine Rolle. So auch beim Ursachenbegriff.

    Wie gesagt, um genau DIESEN Ursachebegriff von Proklos näher zu charakterisieren, fand ich die "aussagenlogische" These interessant (wobei natürlich die Bezeichnung "Aussagenlogik" für diese Zeit ungeeignet ist). Jetzt ist aber klar, dass Ursache-Wirkungs-Verhältnisse nicht damit abgebildet werden können. Ich bin damit zufrieden :)
     

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