Ursachen der Aufklärung?

Dieses Thema im Forum "Absolutismus und Aufklärung (1648-1789)" wurde erstellt von KantHolz, 1. Mai 2010.

Schlagworte:
  1. Rafael

    Rafael Neues Mitglied

    Grundsätzlich finde ich eine Diskussion in die Richtung erstrebenswert, doch tue ich mir schwer mit der Frage nach den "Ursachen". Der Begriff "Ursache" erscheint mir als zu sehr kausal gedacht; nach dem Prinzip: Ursache - Wirkung.
    Ich weiß nicht, ob man das finden kann, was solch eine ideengeschichtliche Entwicklung wie die Aufklärung auslöst. Wo will man die Antwort finden?
    Die schon gegebenen Antworten zeigen, dass Bedingungen und Förderungen in vielen Bereichen zu finden sind (Philosophie, Naturwissenschaft, Buchdruck, Ausweitung des Buchmarktes, Literatur, Entdeckung der Neuen Welt, Neues Weltbild etc.). Was soll aber eine Ursache für die Aufklärung sein? Oder: Auch wenn es eine gibt, könnten wir sie dann heute überhaupt feststellen?
    Und damit ganz philosophisch: Kann man immer abstrakt sagen, dass man alles ganz einfach auf "Ursache-Wirkung" runterbrechen kann?
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. Mai 2010
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  2. Rafael

    Rafael Neues Mitglied

    Interessant ist auch, und das mache ich mir selbst viel zu selten klar, dass die Aufklärung nicht ein ursprünglich deutsches Phänomen ist. Wenn ich an Aufklärung denke, dann denke ich vor allem an deutsche Philosophen, Schriftsteller und Staatsmänner, auch wenn ich natürlich weiß, dass viele Namen großer Bedeutung für die Aufklärung gerade nicht aus Deutschland stammen.

    Diesen Gedanken auf den Punkt gebracht und damit verbunden eine Darstellung der Geschichte der Aufklärung kann man in einem interessanten Buch von Terence James Reed finden. Reed, Terence James: Mehr Licht in Deutschland. Eine kleine Geschichte der Aufklärung,Verlag C.H. Beck (beck'sche Reihe), München 2009.
     
  3. Hans forscht

    Hans forscht Aktives Mitglied

    Ich würde meinen, die Ursache für die Aufklärung ist so banal, dass sie in diesem Thread bisher übersehen wurde. Dass die Frage überhaupt aufkommt liegt doch daran, dass über Jahrhunderte zuvor derartiges kaum zu beobachten war und nicht zu einem Massenphänomen wurde.

    Mit Aufklärung meinen wir doch im Kern ein evidenzbasiertes Denken, das sich von Denkverboten befreit im Gegensatz zur sklavischen Unterwerfung unter Dogmen. Und eben hier liegt auch des Pudels Kern:

    Während in der Antike schon vieles richtig beobachtet und dazu brauchbare Denkansätze entwickelt worden waren und es Diskussionen zwischen Vertretern unterschiedlicher Sichtweisen gab, kam danach in Europa eine Zeit der massiven Denkverbote und der Unterdrückung von Ideen und freien Gedanken auf. Diese Denkweise ging mitunter soweit, dass es nur ein einziges Buch zu geben hatte (das auch ebenso heißt) und alles andere von Übel sei und als Teufelswerk mitunter gleich verbrannt wurde. Diese Denke wurde nur noch dadurch getoppt, der Masse der Menschen sogar zu verbieten, dieses eine, vorgeblich allein wesentliche Buch selbst zu lesen oder seine Inhalte in verständlicher Sprache vorgelesen zu bekommen. Der Inhalt des besagten Buches wurde damit weitgehend zum Herrschaftwissen gemacht.

    Diese Denkschule führte dazu, dass es kaum noch Menschen gab, die es gewagt hätten, auf Grund von Naturbeobachtungen und Experimenten ihre Umwelt zu verstehen und so intelligenter nutzbar zu machen.

    Als Beispiel fällt mir hier die Konstruktion des Plattenspielers (noch in Form einer Wachswalze) durch Thomas Edison ein (mit dem Wort Erfinder bin ich bei diesem großen Konstrukteur lieber vorsichtig; man denke nur an die Glühbirne). Der Bischof soll das Ding für Teufelswerk gehalten haben und sich erst beruhigt haben, als es die aufgesprochenen Namen der zwölf Apostel richtig wiedergegeben hatte; dem Teufel wäre solches nach Meinung des Bischofs unmöglich gewesen. Nun denke man sich einen ähnlich zweifelnden Bischof an der Schwelle zur Aufklärung. Da möchte ich nicht in der Haut des Erfinders gesteckt haben.

    Folglich sollten wir als Ursache der Aufklärung weniger den wesentlichen Gedankenanstoß suchen, als die Gründe dafür, dass das System der geistigen Unterdrückung soweit an Kraft verlor, dass die Menschen sich wieder trauten, sich diesem Korsett zu widersetzen und schließlich über ihre Gedanken und Forschungsergebnisse endlich wieder in anwachsender Freiheit zu kommunizieren.

    Natürlich ist danach die Aufklärung ein Prozeß, der noch heute anhält, da immer noch viele Scheren in den Köpfen sind, selbst heutzutage in unserem Land, wo wir doch das historisch höchst ungewöhnliche Glück haben, fast alles öffentlich denken und sagen zu dürfen; selten an diesem Ort in zeitlicher Hinsicht; selten selbst in unserer Zeit in räumlicher Hinsicht.

    Ich will hier nur die immer wieder gehörte und sicherlich nie bewiesene Behauptung anführen, die wohl eine Schere im Kopf von Imanuel Kant beschreibt, dass man nämlich die Existenz Gottes weder beweisen noch das Gegenteil beweisen könne. Da mischt sich noch das sich befreiende Denken der Aufklärung mit dem Korsett der religiösen Denkverbote. Bedauerlicher Weise ist es aber in diesem Forum nicht gestattet, diesen Beweis nun anzuführen, was ich respektiere.
     
  4. Wilfried

    Wilfried Aktives Mitglied

    nun, Buchdruck ist der erste Grund, aber der WICHTIGSTE:
    Sehr vielen Menschen wurde das Lesen beigebracht und sie hatten dadurch die Möglichkeit, sich zu informieren und über größere Entfernungen auszutauschen. Ideen blieben also nicht mehr im Viertel stecken.
     
  5. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Ich bin eben so skeptisch wie Du und schlage vor, nicht am Ursache-Wirkung-Paradigma zu kleben - sonst landen wir unweigerlich bei der aristolischen Unterscheidung (Causa formalis, c. materialis, c. efficiens und c. finalis) oder beim dialektischen Materialismus oder bei der Quantenmechanik... [1]

    Man kann die Fragestellung sicher von verschiedenen Seiten angehen. Dein Hinweis erinnert mich an das sog. "Dampfkesselmodell" [2], weshalb ich es mal in didaktischer Absicht mit einer Illustration versuche. [3]

    Siehe den Anhang von oben nach unten:
    - Wir können über den "Deckel", d.h. über das "System der geistigen Unterdrückung", diskutieren. Dieser Aspekt wurde auch keineswegs übersehen, sondern etwa von Rafael (Aufbäumen gegen "Herrscher", #8) und Caro 1 ("Unterdrückung" z.B. durch die Kirche, #23) bereits genannt.
    - Wir können uns die "Aufklärungssuppe" näher anschauen, die im Topf vor sich hinköchelt: Aus welchen Ingredienzen besteht sie? Welche sind die Hauptbestandteile, welches die Zutaten? Wie kam der Inhalt - und durch wen - in den Topf hinein?
    - Wir können fragen, wer oder was die Suppe heiß macht bzw. den Erhitzungsprozess antreibt?

    Das Bild verlassend, kann man auch fragen: Was wurde aus der Suppe? Wieviele haben davon gegessen? (Oder bloß genascht oder gerochen)? Wie ist das den Konsumenten bekommen? [4]

    Diesen Hinweis muss man stets im Auge behalten. Der Beginn der Aufklärung im engeren Sinne wird ja zeitlich oft auf ca. 1725 gelegt. [5] Andere wiederum gehen, mit guten Gründen, zurück bis in die Renaissance oder wenigstens in den letzten Teil des 17. Jahrhunderts. [6] Und was das Ende betrifft, sind auch mehrere Daten möglich.

    Wenngleich ich sowohl die Verbreitung von "aufklärerischer" Literatur quantitativ eher als bescheiden einschätze und auch vor Illusionen warne, was den Zuwachs an Lesefähigkeit (literacy) betrifft; Zeitpunkt und Umfang der Alphabetisierung der "breiten Massen" im 18. Jh. sind faktisch nicht so, dass sie für unser Thema eine größere Rolle spielen könnte. Für die "oberen 10%" der Gesellschaft mag das Austausch-Argument jedoch zutreffen.


    [1] Der Erzspötter Bertrand Russell meinte: "Der Grund, warum die Physik aufgehört hat, nach Ursachen zu suchen (liegt) darin, dass es nichts Derartiges gibt. Ich glaube, dass das Kausalitätsgesetz ... eine Reliquie aus vergangenen Zeiten darstellt, die sich, so wie die Monarchie, nur deshalb am Leben erhält, weil man ganz zu Unrecht annimmt, dass sie keinen Schaden stiftet" (zitiert in Papineau [Hg.], Philosophie. Darmstadt 2006, S. 22).
    [2] Auch der sog. Topfherd mit obenliegender, gelochter Herdplatte ist bekanntlich ein Produkt der Aufklärung! (vgl. François de Cuvilliés der Ältere ? Wikipedia)
    [3] Gern hätte ich hierbei Hans' "Korsett"-Beispiel aufgegriffen, aber dazu reicht meine zeichnerische Potenz nicht aus..
    [4] Zum Stichwort "Dialektik der Aufklärung" siehe andere Threads.
    [5] Das ist auch der Zeitraum, den z.B. Olwen Hufton behandelt (Aufstand und Reaktion. Europa von 1730-1789. München 1980).
    [6] So z.B. Paul Hazard: Die Krise des europäischen Geistes 1680-1715. Hamburg 1939.
     

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  6. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    1.
    Gut, aber es gibt auch das Kolportieren. Die Aufklärung schlugen sich ja auch in anderen Medien nieder oder hatten das Theater als Organ.
    Selbst wenn wir nun annehmen müssen, dass auch konkrete Stücke der Aufklärer wie Wielands Werke, die in Weimar aufgeführt wurden, eher einen beschränkten Zuschauerkreis erreichte, schlugen sich diese Stücke doch auch bei anderen Dramatikern wider.
    2.
    Das ist immer eine regionale Frage.
    In Schwäbisch Hall war das Beherrschen zumindest von Lesen und Schreiben allgemein üblich, sowohl bei Jungen als auch bei Mädchen. Das könnte freilich damit zu tun haben, dass die Lektüre der Bibel oder anderer religiöser Schriften damit ermöglicht wurde. (Auch die Auflage der obrigkeitlichen Erlässe verdeutlicht, dass man wohl davon ausging, dass quasi jeder lesen konnte.)
    Interessant wäre, welche Rolle die Bildungsoffensive des 18.Jh. für die Aufklärung spielte. Lässt es sich statistisch ermitteln, dass in Gegenden mit einer obrigkeitlich verordneten verhältnismäßig guten Schulbildung die aufklärerischen Gedanken auf einen besseren Nährboden fielen?
    (Für VÖ könnte ich das schon verneinen.:red: Wobei die Anführer der Unruhen der 1780er wahrscheinlich eher vor der Umsetzung der josephinisch-theresianischen Bildungsfortschritte im Schulalter waren.)
     
  7. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Du hast völlig recht! :winke: Hierauf bezog sich schon meine (rhetorische) Frage in #37: "Wenn das Buch das entscheidende [Medium] war - war es das einzige oder gab es noch andere?"

    Man kann auch die "Salons" hier nennen, die vielleicht - ich übertreibe ein bißchen - mehr für die Botschaften der Aufklärung getan haben als die Universitätslehrstühle...
     
  8. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Daran müsstest Du aber die selbe Kritik nehmen wie an der Verbreitung über die Bücher.
    Die Salonkultur betraf ja nur eine gewisse Bildungsschicht, wenngleich diese sowohl bürgerlich, als auch adelig und sogar ständeübergreifend beides gemischt sein konnte. Ein anderes Klientel als die Bücher erreichten die Salons wohl kaum.
    Selbst an vielen Höfen haben wir dann eine Selbstausgrenzung von Konservativen, welche sich an der Salonkultur rund um Mitglieder des Herrscherhauses eben nicht beteiligten, weil diese ihren Ansichten widersprachen. Gerade im Zusammenhang mit der Musenhofdiskussion wurde das bereits deutlich aufgezeigt.
    Wichtig war die Salonkultur aber für die Förderung bestimmter Aufklärer, welche dadurch mit gebildeten oder möchtegern-gebildeten :D Kreisen in Verbindung kam, welche bereit waren, nicht zuletzt zum eigenen Prestige, die nötigen Finanzen springen zu lassen oder aber zumindest den Aufklärern ein Podium zu geben.
     
  9. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Gegen das Argument, dass schon allein durch Analphabetentum viele die Bücher der Aufklärung garnicht erreichten und ganz gut passend zu meiner Darstellung, dass man das keineswegs generalisieren darf, fand ich das hier:
    *

    Michael North spricht auch "von der Expansion des literarischen Marktes" im 18.Jh..
    Auf der anderen Seite zeigt er anhand von regionalen Beispielen, dass es unterschidliche Entwicklungen beim Buchbesitz gab, welche sich anhand von Inventaren von Bürgern von Städten bspw. nachvollziehen lassen. Obwohl die Buchproduktion generell zunahm, konnte es regional vorkommen, dass der durchschnittliche Buchbesitz in den Verzeichnissen sogar rückläufig ist.

    Ebenso sprunghaft wie der allgemeine Buchbesitz an sich und der Leseumfang nahm auch die Zahl der Zeitungen und ihrer Leser zu. Von bereits etwa 1 Mio. Zeitungslesern um 1750 stieg die Zahl auf etwa 3 Mio. am Ende des Jahrhunderts allein in Deutschland an.
    Ich befürchte aber, dass das Thema, welches Rolf Engelsing als "Leserevolution" gar bezeichnet hier vielleicht zu weit gehen würde.
    **

    Die Frage für uns wäre wahrscheinlich, weniger ob es einen gravierenden Wandel auf dem Buchmarkt, der Lektüreauswahl und dem Leseverhalten gab, denn das ist wissenschaftlich belegt, sondern: Führte diese Entwicklung zur Aufklärung? Oder kam die Entwicklung von der Aufklärung? Oder bedingte sich beides gegenseitig?

    Ich wäre für letztere Möglichkeit.


    *
    Michel Vovelle: "Der Mensch der Aufklärung" in "Der Mensch der Aufklärung" Magnus Verlag, Essen, 2004
    S. 20
    **
    Michael North: "Genuss und Glück des Lebens - Kulturkonsum im Zeitalter der Aufklärung" Böhlau, Köln - Weimar - Wien, 2003
    hier: Kapitel 1 "Buch und Lektüre"
     
  10. megatrend

    megatrend Aktives Mitglied

    Ich glaube, dass Du recht hast. Einen Aspekt möchte ich noch hinzufügen, der vermutlich bislang untergegangen ist: die Einführung der allgemeinen Schulpflicht. Ich erinnere da an Maria Theresia, Oesterreich 1774, oder an die allgemeine Einführung der Schulpflicht in Preussen 1717. Dies ermöglichte den Massen überhaupt, Bücher zu lesen oder zu schreiben, was vorher nur einer kleinen Elite möglich war. Das Volk bekam somit Macht: die Macht, etwas x-beliebiges zu lesen oder sogar zu schreiben. Dies dürfte sicher ein wesentlicher Beitrag zur Mündigkeit des einfachen Bürgers gewesen sein.

    Man könnte dann den Bogen weiter spannen und sich fragen, warum die Schulpflicht eingeführt wurden. Vermutlich war es die Einsicht, dass eine rein praktische Ausbildung letztlich irgendwie beschränkt war: wer als Kind auf dem elterlichen Hof "bloss" Schweine hütete oder ausmistete, hatte sicher eine Chance als Landwirt weiter zu existieren (auch wenn wohl oft in Armut). Die Entdeckung der neuen Welt sowie der Handel, der immer wichtiger wurde; ebenfalls der aufkommende Kolonialismus, haben wohl einen Sinneswandel verursacht: ohne gebildete Leute konnte man als [damals] moderner Staat auf keinen grünen Zweig kommen.

    Ich würde sogar so weit gehen, dass sich Sachen wie Aufklärung, Republik im Zusammenhang mit der allgemeinen Schulpflicht stehen, einfach ist dann die "Revolution" mit Verspätung eingetreten (bis die Früchte der allgemeinen Schulpflicht in Wirkung traten). Diese "Früchte" dürften wohl manchem Monarchen sauer aufgestossen sein...

    Dem sei noch hinzugefügt, dass die meisten Revolutionen ihre Vordenker hatten (hier könnte man z.B. J.-J. Rousseau erwähnen).
     
    Zuletzt bearbeitet: 22. Juni 2010
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  11. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Du nimmst den guten Willen für die Tat. Am Beispiel Preußen 1717: Es kann keine Rede davon sein, dass die "Massen" tatsächlich von da an in die Schule gegangen wären! Damit das hier kein Schul-Thema wird, nur ganz knapp das Resumee der Forschung: "Die Legende von der 'Schulpflicht' im 18. Jahrhundert - verklärt etwa mit dem preußischen Schuledikt von 1717 - ist eben eine Legende." [1] Wie viel sich in der Realität tat, kann man daran erkennen, dass z.B. das preußische "General-Landschulreglement" von 1763 abermals den "äußersten Verfall" des Schulwesens feststellte [2].

    Auf die "warum"-Frage gibt es mehrere Antworten. Bei Preußen ist man sich weitgehend darüber einig, dass eine wesentliche Funktion der - postulierten! - Schulpflicht darin bestand, der staatlichen Zentralgewalt mehr Einfluss gegenüber lokalen/partikularen Interessen zu verschaffen. [3]

    Es ist recht schwer, diese - sympathische - These zu belegen, zumal für Preußen, wo es keine 'Revolution' gegeben hat, sondern 'nur' ein paar Jahre (nach 1806), in denen eine "Modernisierung von oben" stattfand. Aber ich bin gern bereit, dass "dialektisch" zu sehen: Auch wenn das "hauptsächliche Anliegen" der preußischen Schule im 18. Jh. "im mechanischen Auswendiglernen und im Wiedergeben religiösen Memorierstoffes" bestand [4], so vermittelte sie doch den Schülern eine gewisse "Ahnung" von dem, was man sonst noch lernen könnte. In Folge dessen entwickelte sich nicht nur im Bürgertum, sondern auch in kleinen Teilen des "gemeinen Volks" jene "Lesewut" [5], die von der Obrigkeit scharf getadelt wurde, die man aber deswegen nicht gleich als Vehikel der Aufklärung ansehen darf.


    [1] Neugebauer, in: Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte. Band II: 18. Jahrhundert. München 2005, S. 226.
    [2] Zitiert nach Leschinsky/Roeder: Schule im historischen Prozess. Frankfurt 1983, S. 45
    [3] aaO, S. 43 ff. - Dieser Kampf dauert Jahrzehnte an und setzt sich - z.T. mit anderen Vorzeichen - noch während des gesamten 19. Jh. fort.
    [4] Geschichte der Erziehung. Berlin(-Ost) 1987, S. 144; diese Diagnose ist unbestritten.
    [5] Zum Nicht-Intendierten dieses Phänomens vgl. Was Schule leistet: Funktionen und ... - Google Bücher
     
  12. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Das Gleichsetzen von Alphabetisierung-Fortschritt mit Aufklärungs-Ausbreitung erscheint mir tatsächlich "zu unvorsichtig".

    Was das West-Ost-Gefälle betrifft, so liegt das Problem auch in den Quellen selbst. Auf "elementare Lesebildung" bezogen, gibt es z.B. in Deutschland" so gut wie keine zeitgenössischen statistischen Erhebungen zur Lesefähigkeit des Volkes bis ins 19. Jahrhundert hinein" [1], und auch der in England und Frankreich erfolgreich beschrittene Weg, solche Statistiken zu rekonstruieren, hat sich hierzulande als relativ mühsam erwiesen.

    Die Skepsis hat am deutlichsten Rudolf Schenda [2] zum Ausdruck gebracht, demzufolge es im 18. Jh. "kaum mehr als zehn Prozent Leser unter der Erwachsenen-Bevölkerung" gab. Neuere Untersuchungen haben diese Annahme z.T. nach oben korrigiert - insbesondere haben wohl die alphabetisierten Frauen im letzten Drittel des Jh. die Quote nach oben gedrückt. [3]

    Zu Variante 3 kann ich mich Dir mühelos anschließen, zumal es keine Möglichkeit der Widerlegung gibt. :scheinheilig:
    Im Ernst: Ich denke, dass man solche Wechselwirkungen für die meisten Phänomene annehmen darf, die für unser Thema bedeutsam sind.


    [1] Siegert, in: Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte. Band II. München 2005, S. 445.
    [2] Volk ohne Buch. Frankfurt 1970, S. 445 - das Jahrhundert als Ganzes über einen Kamm zu scheren, ist freilich problematisch.
    [3] Siegert, aaO.
     
  13. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    @ jschmidt
    Du hast zwar Recht, dass das hier kein Schulthema ist, sondern es um die Aufklärung geht.
    Andererseits sind aber doch Bildung und Aufklärung zu eng miteinander verknüpft, um getrennt betrachtet zu werden.

    1.)
    Solche Rügen gegen den Verfall von irgendwas sind allerdings allgemein üblich.
    Womit ich nicht leugnen will, dass die allgemeine Schulpflicht in dem Maße umgesetzt wurde, wie man das gerne positivistisch sehen wollte. Die Glorifizierung der Schulpflicht in Preußen scheint mir selbst mit einer allgemein lobenden Geschichtsschreibung zusammenzuhängen, welche früher sehr auf Preußen verengt war und die dortigen "Fortschritte" als Meilensteine hinstellte, auch wenn bei näherem Hinsehen dieselben Fortschritte schon in anderen Staaten und auch deutlich früher erzielt wurden. (Das beste Beispiel für mich ist das mit der Einführung der Kartoffel.:devil:)
    Ansonsten war die Schulpflicht in Preußen doch zumindest ein achtenswerter Schritt.
    Hast Du Statistiken, welche aufschlüsseln, welch ein Prozentsatz sich dieser Schulpflicht entzog? Wieviel wurden von ihr vielleicht mangels Lehrer nicht erreicht? (Wobei ich hier meinerseits v.a. keine Diskussion über die damalige Qualität der Lehrkräfte führen würde.)

    2.)
    Wobei für mich diese Intention nebensächlich wäre.

    Es ist doch auch egal, ob ein Oberst nun seine Rekruten zu den besten der ganzen Armee schleift, damit er von den anderen Regimentschefs angeben kann. Das ausschlaggebende für den König und den Staat ist das Ergebnis.

    3.)
    Das sehe ich auch so.
    Hier wird Frankreich und Deutschland verwechselt. Zur Bedeutung des Lesevermögens in Frankreich hatte ich ja schon Vovelle zitiert. Mir kam bis jetzt vor der Revolution kein bedeutender Wandel unter.

    4.
    Das war ja selbst an den Universitäten der Fall. Im Elementarschulwesen aller Staaten war das Usus.
    (Reformer wie Basedow passen ja eigentlich schon nicht mehr zu den Ursachen der Aufklärung, denn sie waren Aufklärer.)

    5.)
    Das Wichtigste war zweifelsohne: Lesen, Schreiben, ein wenig Rechnen und vor allem religiöse Themen einpauken, auch Kirchenlieder (die man sehr schön irgendwelchen Schulkomissionen vorführen konnte:D).
     
  14. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Es ist wirklich schwierig sowas zu generalisieren. Ich würde solche Schätzungen eher für bestimmte Jahre oder zumindest konkret für Zeiträume wie "Mitte des 18.Jh." wagen. Denn die Entwicklung war doch, wie schon allein mein Beispiel anhand der Verbreitung von Zeitungen in Dtl. aufweist zu rasant. Auf der anderen Seite ist gerade das frühe 18.Jh. schwerer greifbar, weil da die Buchproduktion noch nicht so gewaltig war und ein Nichtbesitz von Büchern über die Lesefähigkeit oder nicht wenig aussagt. Wahrscheinlich wird dadurch aber immerhin, dass die Berührung mit aufklärerischem Schrifttum eher unwahrscheinlich ist. :fs:


    Das zu dem Mangel an Statistiken hatte ich leider zu spät bei Dir gelesen, da war mein Beitrag schon fertig gebacken. Und ich bin nicht so sehr der Freund vom Editieren aus solchen Gründen.:winke:
     
  15. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Mit dieser Einschätzung hast Du völlig Recht! Wenn es nach der Papierform geht, dann hatten andere auch bei der Schulpflicht die Nase vorn: Weimar 1619, Württemberg 1649, Braunschweig-Wolfenbüttel 1651, Hessen 1656, Bayern 1659 usw. [1]

    Zur Realität des Edikts von 1717:
    1. Es wurde keine "flächendeckende" Schulpflicht eingeführt, sondern sie galt "nur" in solchen Gebieten, wo Schulen vorhanden (!) waren.
    2. In die Errichtung von Schulen investierte der preußische Staat zunächst sehr wenig; man "delegierte" dies an die lokalen Institutionen, deren Arbeit jedoch nur ungenügend überwacht bzw. erzwungen werden konnte.
    3. Schulpflicht muss für diese Zeit gelesen werden als Unterrichtspflicht, d.h. der Unterricht konnte auch daheim durch die Eltern erteilt bzw. organisiert werden.

    Offizielle Statistiken gab es im 18. Jh. nicht. Nimm vorerst als Indiz, dass um 1810 (!) die Schulbesuchsquote in Preußen knapp über 50 % lag [Quelle folgt.]

    Die Lehrerversorgung ist ein eigenes trübes Kapitel, welches ich aber hier nicht vertiefen möchte.


    [1] Angaben nach Geschichte der Erziehung, ebd.
     
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  16. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Vielen Dank für die Aufschlüsselung.:)

    Geld zur Verfügung zu stellen, hätte wohl ohnehin nicht ins Konzept des sparsamen Preußenkönigs gepasst.
    Von daher überrascht es mich nicht.
     
  17. megatrend

    megatrend Aktives Mitglied

    @ jschmidt:

    Preussen habe ich nur als Beispiel genannt. Man kann nicht alles an Preussen aufhängen, es gab ja noch viele andere Gebiete. Auch eine Einschulung von 50 Prozent aller Kinder ist beachtlich (auch wenn wir uns sicher einig sind, dass 100 Prozent das richtige wäre). Die Alphabetisierung hat sicher nachhaltig zur Mündigkeit der Bürger beigetragen.

    Damals war auch meist die Schulpflichzeit relativ kurz (geschätzt so 5 Jahre), aber immerhin: wer in dieser Zeit lesen, schreiben und rechnen lernte, der hatte sehr gute Voraussetzungen zur eigenen Mündigkeit.

    Hier noch als Beispiel aus der Schweiz:
    Bildungssystem in der Schweiz ? Wikipedia
     
  18. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Die Aufklärung ist wieder ins Stocken geraten.... :weinen:
    Ich nehme nochmal Anlauf mit einer weiteren Beschreibung dessen, was eigentlich ihre Hauptanliegen waren, und zwar anhand des 'zweipoligen' Ansatzes von J. Schmidt: [1]

    • "Negativ: Aufklärung ist Entfaltung eines Denkens, das kritisch - Kritik ist ja ein Grundbegriff des Zeitalters - überkommene Autoritäten hinterfragt, vor allem die tradierten religiösen Vorstellungen, Dogmen und Institutionen sowie die Legitimationen der politischen Herrschaft, allgemeiner aber überhaupt Traditionen und Wertungen, und schließlich, im Reifestadium, ihren eigenen Anspruch, ihr eigenes Verfahren und damit ihre eigene Legitimation. ..."

    • "Positiv: Die Aufklärung fordert religiöse Toleranz, rechtliche Gleichstellung aller Menschen, persönliche Freiheit und freie wirtschaftliche Entfaltungsmöglichkeit für alle, Meinungs- und Pressefreiheit und damit die Herstellung von Öffentlichkeit, schließlich politische Selbstbestimmung. Die Aufklärung vertritt eine an einer derart positiven Diesseitsgestaltung orientierte Humanität."
    Der Autor nimmt zum zweiten Pol mit einem explizit zeitgeschichtlichen Hinweis Stellung: [2]

    • "An diese fundamentalen positiven Inhalte, Wertsetzungen und Wirkungen der Aufklärung zu erinnern scheint nicht überflüssig zu sein angesichts des in einer alten gegenaufklärerischen Tradition stehenden und zur Zeit wiederauflebenden Vorurteils - eines speziell in Deutschland verbreiteten Vorurteils -, demzufolge Aufklärung wesentlich negativ und 'zersetzend' sei, weil sie sich angeblich auf die abstrakte Konsequenz eines wertfreien Zweckrationalismus reduziere."

    [1] Einleitung. In: ders. (Hg.): Aufklärung und Gegenaufklärung in der europäischen Literatur, Philosophie und Politik von der Antike bis zur Gegenwart. Darmstadt 1989, S. 3 (Herv.i.Orig.)
    [2] S. 3 f.
     
  19. megatrend

    megatrend Aktives Mitglied

    ich stelle hier folgende Postulate auf:

    - wenn wir eine Alphabetisierung von 5 - 10 Prozent haben, dann betrifft das meist die gesellschaftliche Elite, welche per se schon für Führungspositionen prädestiniert ist (ich denke da an das Erbrecht und auch an das sogenannte Vitamin B, das bei Karrieren oft mithalf und auch noch heute mithilft).

    - wenn wir eine Alphabetisierung von 50 Prozent oder sogar darüber haben, dann kann "die gebildete Masse" die ungebildete mitziehen, den es kann zwar nicht jeder lesen, schreiben und rechnen, sprechen und hören inkl. verstehen kann ab (fast) jeder.

    Ursprünglich konnte die Kirche fast behaupten, was sie wollte; sie konnte fast etwas x-beliebiges als Ketzerei, des Teufels oder weiss nicht was bezichtigen. Als dann die Alphabetierung der Massen einsetzte, war dies nicht mehr so einfach möglich oder stiess auf Widerstand. Dasselbe könnte man auch über den Staat oder anderweitige damals vorhandene Eliten sagen.

    Oder anders gesagt: wenn es dem einfachen Bauern auf dem Land möglich war, Elite oder Machtapparat eigenständig zu widerlegen, dann haben wir schon eine Aufklärung erreicht. Es braucht dann noch ggf. die Durchsetzung der Gegenmeinung.

    P.S.: man behafte mich nicht auf genauen Prozentzahlen, die hier sind beistpielhaft zu verstehen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 30. Juni 2010
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  20. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Und was hat das alles mit den Ursachen zu tun?:grübel:
     

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