Verkauf der Bevölkerung

Dieses Thema im Forum "Absolutismus und Aufklärung (1648-1789)" wurde erstellt von Nergal, 4. September 2012.

  1. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ich denke mal, dass man in Versailles irgendwie nicht recht kombinieren konnte. Ich nehme mal als Beispiel die kurpfälzischen Truppen. Per Vertrag war etwa die Hälfte der pfälzischen Armee Subsidientruppen in Frankreichs Geld. Dafür zu zahlen war aber im Endeffekt gewissermaßen unnütz, weil der Kurfürst ohnehin als Reichsfürst an die Treue zum Kaiser gebunden war und daher eine Armee schicken musste. Ein Krieg hingegen gegen den Kaiser wurde, wenn ich mich recht entsinne, vertraglich sowieso ausgeklammert.
    Weiß man denn, wie sich die Pfälzer überhaupt schlugen? (Ich meine jetzt nicht Friedrich Michael von Pfalz-Zweibrücken.)
     
  2. letztergisone

    letztergisone Aktives Mitglied

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  3. Nergal

    Nergal Neues Mitglied

    Interessant!
    Werde mich dazu weiter informieren, auch über das mit August dem Starken.
     
  4. Artorius

    Artorius Aktives Mitglied

    Hab jetzt auf die Schnelle nur folgendes gefunden:
    Nachdem Sachsen 1682 das stehende Heer eingeführt hatte, vermietete man ab Frühjahr 1685 3 Infanterieregimenter an Venedig, zum Krieg gegen die Türken. Von den 3000 Mann kam nach den vereinbarten 2 Jahren die Hälfte wieder zurück.
    Die Feldzüge führten sie nach Griechenland, wo bei der Belagerung von Athen das Parthenon auf der Akropolis zerstört wurde.
     
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  5. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Nachdem sich die meisten in disem Thread einig sind, dass es sich bei der Entsendung der hessischen Söldner um ein völlig normales Prozedere gehandelt hatte, sie waren halt auf "Montage", und der Verweis auf die kritische Sicht von Schiller, als einer Stimme, weitgehend unbeachtet gebleiben ist, der Hinweis auf Duchhardt.

    Zum Stichwort amerikanischer Unabhängigkeitskrieg schreibt er zur Entsendung der hessichen Söldner folgendes:

    "Zum einen bewegte die Amerikanische Revolution und die Lösung der Kolonien vom Mutterland die Europäer in einem ganz erstaunlichen Maß, auch die Bevölkerung Deutschlands übrigens, wie Analysen des literarischen Marktes und der Presse erwiesen haben, wobei das hohe Maß an Sympathie frappierend ist, das man den Amerikanern entgegenbrachte.
    ...
    Vor diesem Hintergrund war es für das politisierte deutsche Publikum ein besonderes Ärgernis, in welchem Maß sich einige deutsche Fürsten - Hessen-Kassel, Hanau, Ansbach-Bayreuth und andere - mit Truppenvermietungen zugunsten Großbritanniens engagierten."

    Barock und Aufklärung - Heinz Duchhardt - Google Books

    Es war nicht nur für die betroffenen Familien ein Problem, sondern es war auch für die neu entstehende "politische Öffentlichkeit" ein Problem.

    Diese Vorgänge verwiesen auf die zunehmende Sensibilität des zunehmend aufgeklärten Bürgertums gegenüber der Legitimität der absolutistischen Monarchen. Und stelten die Frage nach der politsichen Legitimation, Landeskinder als Kanonenfutter zu verleihen, zur Aufbesserung des Staatsbudgets.

    Und das Staatsbudget der Staaten der absolitistischen Periode diente primär den staatlichen Funktionen. Als da wären, Kriegsführung und Schuldendienst und in geringem Umfang auch für zivile Zwecke.

    Als Beispiel GB: 1755 Militär: 3,4 / Schuldendienst: 2,7 / Zivil: 1,0 Gesamt: 7,1
    ähnliche Proportionen können beispeisweise für Österreich noch um 1800 erkannt werden.
    (Mann, S. 374). Auf andere Quellen zu Frankreich und zu den Niederlanden wurde ja bereits hingewiesen.

    http://books.google.de/books?id=lRS...a=X&ei=qE9KUIThI4-7hAe9roH4CQ&ved=0CEwQ6AEwBQ

    Und es ist kaum davon auszugehen, dass die Verhätnisse in den kleinen absolutistichen Staaten im HRRDN wesentlich anders lagen.

    In diesem Sinne dienten die Subsidien im wensentlichen der Stabilisierung der Macht der einzelnen Monarchien innerhalb der HRR und der Prachtentfaltung im Rahmen ihrer architektonischen und sonstigen höfischen Inszenierung.
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. September 2012
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  6. Götz

    Götz Neues Mitglied


    Zutreffende Einzelbeispiele.
    Da die Ausgangsfrage (Menschenhandel) relativ offen formuliert ist, sollte man auch ruhig einmal (bzw. verstärkt) die Perspektive auf die Betroffenen richten.
    Daher der plakative Einwurf:
    War die Mehrzahl der verhökerten Soldaten

    a) schlechtbezahlte "Leiharbeiter" (wg. Montage)

    oder eher

    b) eine Art "Zwangsprostituierte" des Kriegshandwerks

    oder gar

    c) zumindest abgeschwächt "Sklaven" (so war ja oft nur Flucht die einzige Möglichkeit, seine Haut zu retten) ???

    Es geht somit um eine graduelle Abstufung der Rechtlosigkeit bzw. Unfreiheit.

    Götz zum Gruß
     
  7. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Ausdrücke wie "Menschenhandel", "Zwangsprostituierte" oder gar "Sklaven" sind in diesem Zusammenhang für die meisten Betroffenen unpassend. Wie schon ausgeführt wurde, gab es viele Freiwillige und wurden viele andere aufgrund einer Art Vorform der Wehrpflicht ausgehoben. Die Wehrpflicht gibt es auch heute noch in vielen Staaten, wobei die Europäische Menschenrechtskonvention ausdrücklich festhält, dass die Wehrpflicht und der Wehrersatzdienst keine Zwangsarbeit darstellen. Auch heute noch kann man sich in der Regel nicht konsequenzlos vor der Wehrpflicht und dem Ersatzdienst drücken, auch heute noch werden dafür Haftstrafen verhängt. Und auch heute noch können auch Wehrpflichtige nur eingeschränkt oder gar nicht selbst darüber entscheiden, wo und wie sie eingesetzt werden. "Verhökert" wie Waren oder Vieh wurden die Soldaten auch nicht, sie erhielten einfach aufgrund von Abmachungen ihres Landesherrn mit einem anderen Fürsten ihren Marschbefehl Richtung Ausland. Dass Truppen vorübergehend einem fremden Kommando unterstellt werden gibt es auch heute noch, z. B. bei gemeinsamen Militäreinsätzen von Staatengemeinschaften. Ich habe bereits in meinem ersten Beitrag in diesem Thread darauf hingewiesen, dass es die "Vermietung" von Regimentern auch heute noch gibt - keineswegs nur durch Diktaturen, sondern auch durch Demokratien. Die Motive dafür haben sich auch nicht geändert, es geht um die Lukrierung von Einnahmen, teilweise um sich ein großes Heer überhaupt leisten zu können.
    Was den Rest der Rekruten betrifft, also diejenigen, die wirklich mit Gewalt zum Dienst gezwungen wurden, ohne dazu rechtlich verpflichtet zu sein, so wurde damals durchaus auch bei der Aufstellung der Truppen für das eigene Land zu solchen Methoden gegriffen. Das macht es zwar nicht besser, aber die für die Entsendung bestimmten Soldaten waren eben nicht prinzipiell anders dran.
     
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  8. Norimberga

    Norimberga Mitglied

    Nachdem hier schon einiges über die Hessen geschrieben würde, möchte ich kurz einen lesenwerten Link zu den fast 3000 fränkischen Soldaten geben:

    "Juchhe nach Amerika!"- Der Einsatz fränkischer Truppen im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg

    Hochverschultet schickte Markgraf Carl Alexander von Ansbach-Bayreuth seine Truppen nach Amerika um das Fürstentum aus der finanziellen Schieflage zu holen. Er soll dabei keinen einzigen Cent für sich vergeudet haben. Zur Absicherung der Invaliden gründetete er später sogar eine Bank, aus der die spätere Hypovereinsbank hervorging.

    Leider kam es dabei trotzdem zum "Bruch" zwischen den Untertanen und dem Fürsten:cry:


    Aber auch andere (ost)fränkische Fürsten vermieteten ihre Hausregimenter gerne mal um die Kosten zu senken. So standen Würzburger Regimenter auch oft, wohl auch wegen der Konfession, in österreichischen Diensten.

    Die Würzburger Hilfstruppen
     
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  9. Götz

    Götz Neues Mitglied


    Also von der Logik bin ich jetzt schwer beeindruckt !

    1) Sagt wer ?
    Scheinbar ist mein Verweis auf graduelle Unterschiede nicht angekommen oder ist zu anspruchsvoll.

    2) Also waren demnach die Freiwilligen in der Mehrheit und konnten sich der Vorzüge der Wehrpflicht heutigen Standards erfreuen ?

    3) Von welcher Epoche (sprich Jahrhundert reden wir jetzt).
    Der Hinweis auf die Europ. Menschenrechtskonvention von (genau von wann ???) ist in diesem Zshg. so sinnvoll wie der auf § 1 StVO, wenn es um den heutigen Straßenverkehr geht.

    4) Die Ausgangsfrage behandelte einmal das Thema "Menschenhandel"...
    mehr brauche ich dann zu den betr. Aussagen nicht hinzuzufügen !

    5) Wer bewegt sich jetzt im Kreis ???
    Ich versuchte die Perspektive mehr auf die Seite der betroffenen "Untertanen" zu lenken.

    6) Es stimmt zwar, dass die "Freiwilligen" ggü. den "Unfreiwilligen" bezüglich des konkreten "Marschbefehls" nicht großartig bevorzugt wurden.
    Doch seit wann wird aus zweimal Unrecht plötzlich Recht ???

    Ich erspare mir jetzt besser den Hinweis darauf, dass es durchaus heute noch Politiker/Pfaffen gibt, die der Mehrzahl von (weibl.) Vergewaltigungsopfern eine (zumindest) Mitschuld zusprechen - nach dem Motto, was muss der Rock auch so kurz sein...
    Bezogen auf die verhökerten Untertanen: halt Pech gehabt - zur falschen Zeit am falschen Ort !
     
  10. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    Vllt. etwas mehr Contenance, nur so, als Tip.

    Der sog. "Soldatenhandel" ist von Zeitgenossen scharf kritisiert worden, Schiller wurde schon genannt, ich möchte F. II., nicht den Hessen, sondern den Preußen, hinzufügen.

    Ich denke, daß es im Verlauf des 18. Jh. und dann natürlich während der Befreiungskriege eine Umbewertung des Militärdienstes gab, weg vom mehr oder weniger verachteten "Söldner" hin zum seinem Land/Staat verpflichteten und dienenden Soldaten, der einer Idee (nennen wir es nationale Idee) -was auch immer- verpflichtet war.

    Diese Werteverschiebung ist m.E. auch in der Rezeptionsgeschichte des sog. "Soldatenhandels" bis heute wirksam. Dort, zugespitzt, die "Vermietung" von Regimentern von irgendeinem Duodezfürsten einerseits, andererseits die soldatische Pflicht das Vaterland zu verteidigen (z.B. Befreiungskriege). Da wären wir in einem rezeptionsgeschichtlichen Dilemma, zumal wir zeitgenössische kritische Stimmen haben, die gleichsam vormodern, aufklärerisch diesen "Soldatenhandel" beklagen und wir haben die besondere Situation des HRRDN.

    M.
     
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  11. Götz

    Götz Neues Mitglied

    zu 1) Um die betr. Uhrzeit bin ich in der Regel höchst tiefenentspannt.

    zu 2) Das ist zwar sicher löblich. Aber die Ausnahme - nicht die Regel.
    Und schaut man sich Fr. II an, dann sind die von ihm gewährten Ausnahmen religiösen Minderheiten zugute gekommen.
    Warum ist denn der Ausdruck "unsicherer Kantonist" aufgekommen ?

    zu 3) Die möglichen Stimmungswandlungen ab den "Befreiungskriegen" sind sicher empirisch belegbar, aber die größten Schweinereien (Menschenhandel - urspr. Ausgangsfrage) waren alle vorher abgelaufen. Bezogen auf die Beteiligung dt. Landesherren bzw. Personals.

    Und vom (künstlichen) Modell des "Staatsbürgers in Uniform" war man ja wohl noch ein paar Gedankensprünge entfernt.

    zu 4) Gerade die "Ideen der Aufklärung" waren der Mehrzahl der betr. Landesfürsten eher fremd - außer man konnte sich einen der Vortragsreisenden mieten und ins fürstliche Unterhaltungsprogramm einbauen.
    Im Übrigen gehen die Ideen bzw. Forderungen nach Aufhebung von Unfreiheit und sogar Ablehnung des "Kriegsdienstes" bis in die spätantike Zeit und verstärkt ins Mittelalter zurück.
    Hierzu gibt es nicht nur die holzschnittartigen Gemeinplätze bei Wikip., sondern auch seriöse Historiker wie Egon Flaig.
    Ich befürchte nur, wenn jetzt die google-Maschinerie in Gang gesetzt wird, werden sich einige auf alles Mögliche stürzen, aber nicht auf die "Weltgeschichte der Sklaverei".

    Die besondere Situation des HRRdN (welche jetzt genau, die Stellung v. Truppenkontingenten ?) hat es überall gegeben.

    Götz zum Gruß
     
  12. Götz

    Götz Neues Mitglied


    Da hier objektiv sehr viele unterschiedliche Aspekte in einem Atemzug genannt und somit vermischt werden, würde eine sachgerechte Aufdröselung einfach zu viel Zeit in Anspruch nehmen.

    Aber zwei Punkte sind doch zu gewichtig.

    a) Die "Willensfreiheit" - also zum Thema freiwillige Meldung zum Kriegsdienst - wird seit dem kleinen Griechen Arist. thematisiert.
    Jede akadem. Fachrichtung hat hierfür andere Definitionen.
    Doch scheinbar ist es die Schuld der unmündigen Untertanen, dass sie in bestimmten Landesterritorien geboren wurden, die wirtschaftlich eher unterentwickelt gewesen sind (und trotzdem manche Monarchen knapp über ihren Verhältnissen gelebt haben - heute ein Fall der Privatinsolvenz .

    Nach dem Motto: entweder daheim verhungern (so in Teilen Hessens, aber auch anderswo) oder sich für den von Gottes Gnaden ernannten Fürsten totschießen lassen - da war ja die Logik der Landsknechte noch besser !

    b) Die vorgebrachten Argumente zur mod. Wehrpflicht inkl. Kriegsdienstverweigerung greifen nicht - allein schon wg. der unterschiedlichen Epochen/Geisteshaltungen.
    Da ich jetzt keine Diskussion mehr zur heutigen Grundrechtsdogmatik eröffnen werde (meine Zeit hier ist abgelaufen), weiss ich aber von einem ehemaligen Richter und auch langjährigen Vize-Präsi des BVerfG (Mahrenholz), dass das Thema "Totalverweigerung" aus Gewissens- bzw. religiösen Gründen (z.B. Zeugen Jvs.) mitnichten in Karlsruhe ausdiskutiert gewesen ist.
    Heute kräht kein Hahn mehr danach.

    Von daher Vorsicht mit Gemeinplätzen.

    Götz zum Gruß
     
  13. geschichtsfan07

    geschichtsfan07 Neues Mitglied

    Das ist interessant: War es möglich, dass ein Staat am Soldatenhandel "teilnehmen" konnte, obwohl er "wirtschaftlich eher unterentwickelt gewesen" war? Wie wird "wirtschaftlich unterentwickelt" in diesem zeitlichen Rahmen definiert und in welches Verhältnis gesetzt?

    Zum Rest des Zitates: Vielen Dank, dass das noch mal gesagt wurde. Ich glaube aber, dass es in andere Themen gehört.
    Einige wussten nicht, wann das finanzielle Maß überschritten war, aber andere wussten es hingegen und passten sich den Bedingungen an. (Es gibt Beispiele reichsunmittelbarer Grafen, die um Gründe des Geldes und des Prestiges wegen ein Fürstendiplom abgelehnt haben!) Es hat früher auch schon wenig Sinn gemacht, einen Staat absichtlich in den Bankrott gehen zu lassen.
     
  14. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ich wüsste nicht, was man als Messlatte nehmen sollte. Können da heutige Ökonomen helfen? Als wirtschaftliche starke Staaten würde ich in der zweiten Hälfte des 18.Jh. vor allem Sachsen und teilweise die Kurpfalz in der Gegend von Düsseldorf begreifen.

    Generell war sicher das primäre Kriterium, dass diese Staaten von vornherein über ein für ausländische Geldgeber attraktives Militär verfügten. Gern wird das hessische Jägercorps angeführt.
     
  15. geschichtsfan07

    geschichtsfan07 Neues Mitglied

    Zwei wesentliche Stichpunkte zur Definition von Ökonomie nach heutigem Verständnis sind "Ressourcen" und "Knappheit".
    Ein Handeln unter der Bedingung begrenzten Vorhandenseins von Ressourcen.
    Ich weis aber nicht, wie uns das hier weiterhelfen könnte.

    Bei den Verhältnissen der Kurpfalz kann ich nicht mitsprechen, aber ich denke, dass Sachsen (Ernestiner+Albertiner) ein gutes Beispiel ist.
    Als die Preußen aber im Kurfürstentum einmarschierten, zeigte sich, dass die militärische Stärke der Sachsen (noch immer) seine enormen Grenzen hatte. (War nicht in der zweiten Hälfte des 18. Jh., aber auch nicht weit davor.)

    Ich glaube nicht, dass es vermessen ist zu sagen, dass als Voraussetzung für ein Heer eine gewisse wirtschaftliche Entwicklung vorhanden sein muss. Es ist doch dadurch eine Leistung und Organisation zu erwarten, die unter einem Staat, der nicht "auf der Höhe seiner Zeit" gewesen ist, nicht erreichtbar gewesen wäre. (Versorgung und Unterhaltung, Entwicklung des Militärwesens und der "Technologien")

    "Wirtschaftlich unterentwickelt" würde ich so verstehen, dass in der Landwirtschaft noch nicht einmal der Pflug zum Einsatz kam, dass die Bandbreite der Möglichkeiten an Handwerk nicht ausgeschöpft und optimal genutzt wird, dass Bodenschätze nicht oder nur unzureichend gefördert werden und Verordnungen der Zeit hinterher hinken.

    Wer hat denn dazu welche Ansicht?

    Kann so ein Staat überhaupt dazu fähig sein, unter solchen oder ähnlichen Umständen ein Heer aufzustellen, das von anderen nicht belächelt wird? Wer wöllte dieses Heer mieten? (Erstes Ziel war ja wohl einen Krieg zu gewinnen und sich nicht Armeen zu mieten, um zusehen zu können, wie sie reihenweise niedergemacht wurden. Klingt zwar stumpf und blöd, aber das wäre nicht gerade ökonomisch gewesen, zumal Kriegszeiten eh keine "Boomphasen" darstellen.)

    Sollte dazu vielleicht ein neues Thema eröffnet werden? :grübel:

    Sicherlich.

    "Das hessische Jägercorp", das klingt sehr "professionell". Ich nehme an, dass diese Soldaten eine militärische Ausbildung erhielten?
    Was würde es dann in diesem Thread zur Sache tun, dass man die Rekrutierungsmaßnahmen kritisiert? Es macht nicht den Anschein, dass in deutschen Fürstentümern für den Soldatenhandel die Männer vom Feld oder von der Werkbank weggeklaut wurden, um sie in ein Schiff zu quetschen und fortzubringen, damit sie gleich an der Front starben.
     
  16. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Was soll die Polemik? Man wird doch tatsächlich feststellen müssen, dass die vermieteten/ verkauften Soldaten im Gegensatz zu Sklaven rechtsfähig waren und blieben, dass sie für ihre Tätigkeit bezahlt wurden, dass sie Sold und Handgeld erhielten, wenn auch der Sold schon mal zurückgehalten wurde. Bei den Husaren und im Jägerkorps fehlte es tatsächlich bis Kriegsende nicht an Freiwilligen, dass die Freiwilligen in der Mehrheit gewesen wären, hat meines Wissens niemand behauptet.

    Ich denke, das Kantonatssystem kann man nicht so leicht mit einer allgemeinen Wehrpflicht vergleichen. begüterte Zeitgenossen konnten sich freikaufen oder einen Ersatzmann stellen, Soldat zu werden, galt als Strafe, und wenn das Militär auch noch so sehr auf seinen Ehrenkodex pochte, es sogar eines eigenen Rituals bedurfte, wenn Angehörige "Unehrlicher Berufe" aufgenommen wurden, so war das Ansehen der Soldaten eher gering. Einige Personen, In Hessen z. B. die Hugenotten und Universitätsbedienstete waren ganz von Werbung verschont. Die meisten zogen mit, weil sie eben mussten, mancher ließ sich schließlich als "freiwillig" eintragen, weil er sich Vorteile erhoffte und ohnehin nichts ändern konnte.
     
  17. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Das habe ich noch nie gehört und deshalb interessiert es mich: Ist dir bekannt, welche Reichsgrafen die Erhebung zum Reichsfürsten ablehnten? :eek:fftopic:
     
  18. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Mir fällt auf Anhieb Albert Anton von Schwarzburg-Rudolstadt ein.

    Albert Anton (Schwarzburg-Rudolstadt) ? Wikipedia
     
  19. geschichtsfan07

    geschichtsfan07 Neues Mitglied

    Ja einige sind mir namentlich bekannt. Ich weis nicht, ob es alle sind, aber es sind schon ein paar.

    Es gehört eigentlich nicht zu diesem Thema, aber der Antwort will ich nicht schuldig bleiben.

    Genau. :)


    "Im Jahr 1697 wurde den Grafen beider Linien dann vom Kaiser der Fürstentitel verliehen (...). Die angebotene Standeserhöhung nahmen jedoch allein die Sondershäuser Grafen an, wobei lediglich Christian Wilhelm sie auch öffentlich machte, sein Bruder Anton Günter II. darauf hingegen zunächst verzichtete und sich des verliehenen fürstlichen Titels und der damit verbundenen Rechte nicht bediente. Albert Anton von Schwarzburg-Rudolstadt lehnte die Annahme der Rangerhöhung dagegen ab. (...) Dass er mit dieser Haltung nicht allein stand, zeigt das Beispiel seines berühmten Verwandten, des Grafen Anton Günter von Oldenburg, der mehrfach die ihm von kaiserlicher Seite angebotene Fürstung nicht angenommen hatte."

    "Der unterschiedliche Umgang mit der angetragenen Fürstenwürde in den Jahren ab 1697 führte jedoch zu immer größer werdenden Bedenken bezüglich der Einheit des Gesamthauses. Mit Blick auf die Grafen von Öttingen verwies man auf den Schaden, der dem Haus durch die Erhebung nur einer Linie entstehen könne."

    "Etwa zeitgleich mit der Fürstung der Schwarzburger gab es auch unter den Grafen Reuß Überlegungen, sich intensiver um eine weitere Aufwertung des Ranges zu bemühen. (...) Diese Kontroversen bildeten schließlich den Ausgangspunkt für das (...) Memorial Heinrichs XIII. von Reuß-Untergreiz, in dem er 1712 versuchte, die Vor- und Nachteile einer derartigen Rangerhöhung für sein Haus zusammenzufassen. (...)
    "Nachdem zu verschiedenen mahlen im Discurs vorgekommen, warumb die Herren Grafen Reußen von Plauen, nicht auf den Fürsten=Stand ambirten." (...) Heinrich XIII. warnt seine Vettern gleichsam davor, sich durch ein unüberlegtes Bemühen um den Fürstentitel in den Augen der Standesgenossen "ridicul" zu machen."

    "Nachdem bereits einzelne Grafen wie Anton Günter von Oldenburg oder Albert Anton von Schwarzburg-Rudolstadt die angebotene Würde nicht angenommen hatten, finden sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts mit Johann Ernst von Nassau-Weilburg oder dem gesamten Haus Hohenlohe weitere Beispiele."

    "Friedrich Karl [von Stolberg-Gedern] informierte Christian Ernst in Wernigerode zunächst über die Hintergründe des Angebots. Aus Anlaß der Krönung war an ihn herangetragen worden, dass der Kaiser dem gräflichen Haus Stolberg einen Gnadenakt erweisen wolle und man hatte ihn darum gebeten, einen entsprechenden Wunsch zu äußern (...) bat Friedrich Karl um den Fürstenstand für das gesamte Haus. Als ihm diese Würde dann tatsächlich offeriert wurde, hielt er spontan für sich und - wegen fehlender Zeit für Rückfragen - auch im Namen Christian Ernsts beim Kaiser darum an. (...) lies er den jüngeren Bruder Heinrich August von Stolberg-Schwarza und die Vettern der zweiten Hauptlinie in Stolberg [derer von Stolberg-Stolberg] außen vor. (...) Sein Bruder in Wernigerode reagierte jedoch äußerst zurückweisend. Er habe die Nachricht mit "gröstem schrecken erhalten" und sehe "diese gnade als ein verderb unseres gantzen Hauses".(...) Ebenso deutlich fällt die Antwort von Christian Ernsts ältestem Sohn aus. (...) "Wann also noch res integra ist, so thun Ew. Gnd. sehr weidlich solche Schein Ehre zu depreciren."(...) Er für sich [Christian Ernst von Stolberg-Wernigerode] wollte die Standeserhöhung nicht annehmen und könne auch dem jüngeren Bruder Heinrich August nicht dazu raten."

    sämtlichst aus:

    Vinzenz Czech
    "Legitimation und Repräsentation - Zum Selbstverständnis thüringisch-sächsischer Reichsgrafen in der frühen Neuzeit"
    Schriften zur Residenzkultur Bd. 2
    S. 252 ff.
     
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  20. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    @ geschichtsfan: besten Dank für die ausführliche Info! :winke:

    Wenn ich die Ausführungen richtig verstanden habe, basierte die Ablehnung der Standeserhöhung zum Reichsfürsten auf der Befürchtung, die Harmonie des Gesamthauses könne dadurch gestört werden. Das hört sich für unsere heutigen Ohren etwas merkwürdig an, denn man müsste eigentlich annehmen, dass alle Glieder eines Hauses die Erhebung einer Linie in den Fürstenstand begrüßen müssten. Auch wenn es nur eine Linie betraf, so hob das immerhin das Prestige des gesamten Hauses und auch das aller reichsgräflich bleibenden Zweige. -

    Immerhin zeigen die Beispiele, wie stark das Konkurrenzdenken und der Standesneid innerhalb der hochadligen Häuser ausgeprägt war. Ein schönes Beispiel dafür ist ein Streit zwischen den Welfenlinien Hannover und Braunschweig. Unzufrieden damit, dass der jüngeren Linie Hannover 1702 die Kurwürde zuerkannt worden war, wurde Herzog Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel aus einem treuen Anhänger zum Gegner des Kaisers. Es kam zur Vertreibung des Braunschweiger Herzogs durch hannoversche Truppen und der Herzog musste schließlich verbindlich zusagen, dass er sich der hannoverschen Kurwürde und Primogenitur nicht länger widersetzen würde.
     

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