verlorenes Know-How in Phasen des Zerfalls

Dieses Thema im Forum "Antikes Griechenland" wurde erstellt von Helmut Schuhl, 14. Februar 2008.

  1. Helmut Schuhl

    Helmut Schuhl Gesperrt

    Liebe Forenfreunde,

    ... immer wieder werden in letzter Zeit schöne Beispiele gezeigt über High-Tech in der Antike, die mir bisher noch unbekannt war. Offenbar sind viele Entdeckungen vergessen worden, andere aus Übermut nicht weiterentwickelt worden.

    Ich vermute, dass auch hier die Bruderkriege zw. Sparta und Athen hauptsächlich verantwortlich sind und die Wissenschaft dann einige Zeit komplett zum erliegen kam im alten Griechenland ...
     
  2. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Hast Du für diese Annahme konkrete Hinweise?
    Rappelten sich die Stadtstaaten nicht alle paar Jahre wieder auf, nachdem sie zerstört bzw. geplündert wurden?:grübel:
     
  3. Themistokles

    Themistokles Aktives Mitglied

    Was meinst du mit Übermut?*
    Vielleicht hatte man einfach Spaß daran, dass Rad mehrfach zu erfinden.
    Manche haben ja auch Spaß daran, Diskussionen immer wieder neu zu beginnen, statt schon begonnene Auseinandersetzungen aufzugreifen und fortzuführen.
    http://www.geschichtsforum.de/f27/griechische-erfindungen-8283/
    http://www.geschichtsforum.de/f27/roboter-bei-den-griechen-18528/
    http://www.geschichtsforum.de/f27/technologische-errungenschaften-2683/

    Wenn Du die hier genannten Erfindungen nachschlägst und mit den Jahreszahlen zum "Bruderkrieg zw. Sparta und Athen" vergleichst, kannst Du diese These vielleicht selber falsifizieren oder besser belegen.

    *Dies ist keine rhetorische Frage!
     
  4. Matt

    Matt Gesperrt

    In Zeiten des Krieges wurden die Menschen oft eher erfinderisch, wie man im 2. punischen Krieg (wo Archimedes den Römern die Syrakus belagerten einiges Kopfzerbrechen bereitete) sehen konnte.
    Zu beginn des Hellenismus gab es etliche Erfindungen und Neuerungen im militärischen Bereich die später auch anderweitig genutzt werden konnten.
    Zum „Erliegen“ kam die Wissenschaft erst als Forschungseinrichtungen große Wissensbestände zerstört wurden oder abhanden kamen (z. B. Alexandria). Eine große Menge an technischem Know How ging dadurch unwiederbringlich verloren.
     
  5. Helmut Schuhl

    Helmut Schuhl Gesperrt

    Not macht erfinderisch

    Die Angaben auf die ich mich beziehe stammen aus einem Spiegelartikel vor einigen Jahren, vielleicht habe ich diesen ja noch aufbewahrt. Das wäre sicherlich hilfreich, hier einmal etwas konkretere Angaben zu setzen, weil diese These zugegebener maßen sehr gewagt ist.

    Das Not auch kreativität hervorruft ist sicherlich ein wichtiger Hinweis und erklärt, weshalb die Probleme von sozialem Verfall irgendwann wieder kompensiert wurden. Eine wichtige Antriebskraft; auch für Antrophrosphen möglicherweise interessant !
     
  6. Klaus

    Klaus Neues Mitglied

    Für die Griechen weiß ich's nicht, aber nach dem Untergang des Römische Reiches verschwand alles, was einen hohen Grad an Arbeitsteilung erfordert, z. B. Dachziegel, verzierte Keramikgefäße, aber auch die Schrift (Schule erfordert Arbeitsteilung, da Lehrer nicht ihre eigenen Nahrungsmittel produzieren können), Kunst, öffentliche Bauten und Großstädte (Rom war fast menschenleer), da letztere ohne Arbeitsteilung nicht versorgt werden können.
     
  7. pan narrans

    pan narrans Neues Mitglied

    Mit dem Untergang des weströmischen Reiches kam es gewiss zu einem Umbruch, aber von einem Niedergang würde ich so allgemein nicht sprechen.

    Vor zwei Wochen habe ich im Museum in Krefeld Linn noch Fundstücke aus der römischen und fränkischen Epoche bewundern können. Die Keramik der Franken sah in der Tat wie eine minderwertigere Kopie der römischen aus. Die Glasprodukte aus dem kölner Raum waren aber nach wie vor auf einem bewundernswerten Stand. Auch bei den Metallwaren gab es zwar andere, aber nicht zwingend schlechtere Formen zu sehen.

    Kurz gesagt, denke ich, dass wohl durchaus Wissen verloren gegangen ist, aber ein Verschwinden aller Technologien, die Arbeitsteilung erfordern, gab es mit Sicherheit nicht.
     
  8. Ostrogotha

    Ostrogotha Aktives Mitglied

    ... die Schrift verschwand???:nono:
    Mir ist nicht bekannt, dass man nach dem Untergang des WRR wieder Bildchen in Stein ritzte.

    Z. B. wurden die kaiserlichen Bildungseinrichtungen in Rom vom Ostgotenkönig Theoderich aufrecht erhalten. Nach dem Untergang des Ostgotenreiches bestätigte der byzantinische Kaiser Justininan ausdrücklich die vom gotischen König bewilligten Gehälter für Grammatiklehrer, Rhetoren, Ärzte und Rechtsgelehrte.

    Etwas mehr als 2 Jh. später ordnete Karl d. Gr. an:
    "Und es sollen Leseschulen für Buben eingerichtet werden. Stellt die Psalmen und Schriften, den Gesang, die Berechnung der Kirchenfeste, die Grammatik der Texte richtig! Weil nämlich viele, die Gott bitten wollen, wegen der fehlerhaften Bücher falsch bitten. Und lasst nicht zu, dass eure Schüler Falsches lesen und schreiben: Wenn ein Evangelium, Psalter oder Messbuch abzuschreiben ist, sollen dies gestandene Männer mit aller Sorgfalt tun."

    Alkuin entwickelte im Auftrag des Kaisers die "Carolina", die karolingische Minuskel und damit eine "schnell" zu schreibende Normalschrift.

    Natürlich stand im Vordergrund die Weitergabe der richtigen Glaubenstexte, die karolingische Bildungsreform (renovatio) sorgte aber auch für die übergreifende Verbreitung des Wissens der Antike.
     
  9. Klaus

    Klaus Neues Mitglied

    Sorry, ich habe mich schlampig ausgedrückt. Ich wollte sagen :

    Die Alphabethisierungsrate sank dramatisch. Die Schrift war wieder Eliten vorbehalten, das "gemeine Volk" war leseunkundig.

    Auch bei der Töpferei ist der Unterschied eher quantitativ zu sehen : Kunstvolle industriell gefertigte Keramik als Massenware, teilweise gar als Einweggefäße, wurden unüblich.
     
  10. Vitruv

    Vitruv Gesperrt

    .Klaus

    ...und glaube mir, Dachziegel verschwanden auch nicht,... Und die Bautechnik der Romanik ist in vielerlei Hinsicht eine Adaption römischer Technik in manchen Gebieten eine Weiterentwicklung, die auch das Fenster kannte... Also ganz so finster war das Zeitalter nun auch nicht, auch nicht im Innenbereich...,.-))

    Grüße

    V.
     
  11. Themistokles

    Themistokles Aktives Mitglied

    Für den Bevölkerungsrückgang kannst du auch den Verlust von Provinzen verantwortlich machen, da es hier nicht nur um Arbeitsteilung, sondern auch ganz profan um die Getreidelieferungen aus Nordafrika ging.

    Das ist auf jeden Fall etwas anders als "immer wieder".
    Was sind Antrophrosphen?

    Ich befürchte, was du mit Knowhow bezeichnest, sind weniger die praktisch relevanten ERfindungen, als die kleinen SPielereien, die hauptsächlich in der Zeit des Hellenismus entstanden, als innergriechische Bruderkriege kein wesentlich Problem waren.
    Zu deren Zeit verhinderten imho auch weniger die Kriege, als die Arbeitsmoral solche Errungenschaften. Praktische Arbeit war nicht hoch angesehen, sondern für Sklaven. Echte Männer befassten sich mit Krieg, Politik, Sport und verdienten ihren Lebensunterhalt mit dem Landbesitz. Daher sind die kulturellen Güter, die diese Zeit hervorbrachte auch alle recht abstrakt (Philosophie, Theater, Politikwissenschaft) und weniger Praxisorientiert.
    Ein Lesetipp zur römischen Seite des Problemes http://www.geschichtsforum.de/f28/warum-keine-bahnbrechenden-erfindungen-wie-der-renaissance-11037/
     
  12. sfrang

    sfrang Neues Mitglied

    Kann es sein, dass die "High-Tech"-Periode der Antike in der hellenistischen Zeit und nicht in der Zeit vor und während des peloponnesischen Krieges zu finden ist? Zu der Zeit von Archimedes und von Heron, die ja die bekanntesten "Techniker" jener Zeit sind, gab es doch keine offenen Auseinandersetzungen mehr zwischen Athen und Sparta.
     
  13. Ostrogotha

    Ostrogotha Aktives Mitglied

    Um das Thema noch mal aufzugreifen und damit in die Zeit Karls d. Gr. zurückzugehen: auch Ingenieurswissen aus der Antike war noch vorhanden.

    Wasserstraßen waren ideale Transportstrecken für den Handel (natürlich auch zu nutzen für kriegerische Aktivitäten). Um Main und Donau miteinander zu verbinden, gab Karl d. Gr. den "Karlsgraben" in Auftrag. Er entstand zwischen Rezat und Altmühl. Für die Planung und die bautechnische Ausführung mit Wasserrückhaltebecken musste schon entspr. Wissen vorhanden sein. Es hieß, dass dieser Kanal nie fertiggestellt worden sein; archäologische Untersuchungen ergaben aber eine Betriebsbereitschaft. Reste des Kanals kann man heute noch beim Ort Karlsgraben sehen.
     

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