Verschrobene Theorien zur Zeit der Aufklärung?

Dieses Thema im Forum "Absolutismus und Aufklärung (1648-1789)" wurde erstellt von Galadriel, 23. März 2010.

  1. Galadriel

    Galadriel Neues Mitglied

    In Patrick Süskinds Parfum kommt im 2. Teil der Marquis de la Taillade-Espinasse vor, der eine recht absurde "letale Fluidaltheorie" entwickelt hat. Nun ist Süskind ein Autor, der den historischen Hintergrund seines Romans sehr sorgfältig recherchiert hat. Den fraglichen Marquis habe ich bei Google außerhalb des Romans nicht aufgestöbert, aber ich weiß, dass es zur Zeit der Aufklärung tatsächlich allerhand verschrobene und seltsame Theorien gab. Weiß jemand, wo man darüber mehr nachlesen könnte? :winke:
     
  2. Klaus

    Klaus Neues Mitglied

    Nun, man machte sich eben viele Gedanken, um die Dinge zu erklären, hatte aber noch nicht immer die technischen Möglichkeiten, sie tatsächlich zu erforschen.

    So glaubte man z.B., dass bei der Verbrennung eine der Materie innewohnende Substanz, das Phlogiston, entweicht. Erst Lavoisier wies durch Gewichtsbestimmung nach, dass die beteiligten Substanzen (einschließlich Gase) bei der Verbrennung schwerer und nicht leichter werden.

    Auch heute noch stelle ich fest, dass Techniker von Vorgängen, die sie nicht beobachten können, die wildesten Vorstellungen haben, jeder seine eigene, oft reine Fantasieprodukte, aber jeweils logisch gut begründet.

    Offenbar braucht der Mensch eine Vorstellung von den Dingen, mit denen er umgeht.
     
    1 Person gefällt das.
  3. Muspilli

    Muspilli Aktives Mitglied

  4. Galadriel

    Galadriel Neues Mitglied

    Danke, Muspilli, für den Hinweis. Über Mesmer habe ich irgendwann auch schon mal gelesen, wahrscheinlich im Zusammenhang mit Justinus Kerner, der ja auch allerlei seltsame Dinge erforschte und behauptete. Aber daß Mesmer seine Theorie "Fluidaltheorie" nannte, hatte ich vergessen. Es erklärt zumindest, woher Süskind seinen Begriff hat.:winke:
     
  5. Muspilli

    Muspilli Aktives Mitglied

    Mir fiel dieser Thread eben wieder ein; den Verdacht, daß man bei Descartes auch von einer Fluidaltheorie sprechen kann, hatte ich wohl damals schon geahnt, aber vielleicht beim Googeln keine Belege dafür gefunden. Jetzt habe ich aber ein PDF gefunden, in dem behauptet wird, die sog. Fluidaltheorie entstand "aus der alten Pneumalehre [...]. Sie geht zurück auf die antike Lehre, dass der Mensch neben seiner unsterblichen, höheren Seele und dem physischen Körper noch eine sterbliche, »vegetative« oder »sensible«, aber vernunftlose niedere »Körperseele« besitzt. Zuerst mit dem Pneuma assoziiert, wurde diese mit Galen zum Spiritus.
    Dieser »Lebensgeist« erlebte im Lauf der Jahrhunderte einen Bedeutungswandel. Bei Galen, bei den Alchemisten, bei Paracelsus und bei den späteren Paracelsisten war der Spiritus eine feinstoffliche Substanz und Naturkraft, die allen Dingen innewohnt. Spiritus animalis und Spiritus vitalis, für die bald auch der Begriff Fluidum gebraucht wurde, bedeuteten jahrhundertelang die Lebenskraft, wandelten sich dann aber von einem feinstofflichen Feld zu einer grobmateriellen Flüssigkeit. [...]
    Neben der Identifikation des alten Fluidums mit dem Magnetismus spielte auch diejenige mit
    der Elektrizität, die wir gesondert behandeln, eine besondere Rolle." (ftp://myebooks.dyndns.org/physics/energy/Bischof%20-%20Tachyonen,%20Orgonenergie,%20Skalarwellen%20-%20Feinstoffliche%20Felder%20zwischen%20Mythos%20und%20Wissenschaft%20(2002).pdf)

    Vielleicht schaffe ich es in meinem Emotionsthread irgendwann einmal darauf einzugehen. Über Descartes und Kant (und viele andere) sowie den Physiologismus des 19. Jh. und den Mesmerismus wird auch der Bogen zu Freud gezogen, mit dessen Libidotheorie ich mich gerade mal wieder beschäftige.

     
  6. Klaus

    Klaus Neues Mitglied

    Ich würde dergl Theorien nicht als "verschroben" klassifizieren, sondern eher als Denkmodelle.

    Auch Einstein spricht von einer "Raumzeit", heutige Astrophysiker von irgendwelchen elf-oder-noch-mehr-dimensionalen Hyperäumen und Stephen Wolfram ("A new kind of science") von einer Rasterstruktur als Grundlage des Universums.

    Da wir uns mit unserem mesoskalig geprägten Gehirn ein solches Kontinuum sowieso nicht "richtig" vorstellen können, ist es doch eigentlich wurscht, was für ein Bild wir uns davon machen.
     
  7. Muspilli

    Muspilli Aktives Mitglied

    Da bin ich vollkommen d'accord! Aber mit einem solchen Vorschlag beginnt denn erst das historisches Verständnis einer Theorie wie der des Fluidums: Aufgrund welcher gesellschaftlichen Verhätnisse und Weltanschauungen entstanden die Fluidaltheorien und welche Phänomene oder Erfahrungen soll sie erklären?

    Mit dem letzten Satz bin ich dann aber nicht mehr einverstanden: meiner Ansicht nach ist es eben nicht egal, welche Theorien man für akzeptabel hält, denn gesellschaftlich akzeptierte Theorien haben auch praktische Konseqenzen, nicht zuletzt in Bezug, auf das, was man für verschroben hält oder nicht!
    In dem von mir verlinkten Beitrag wird etwa, da du Einstein erwähnst, darauf hingewiesen, daß er zwar bekanntlich die Äthertheorie widerlegt haben soll, fünfzehn Jahre später aber eingestand, daß seine spezielle Relativitätstheorie einer Annahme des Äthers aber nicht unbedingt widerspräche. Freilich habe ich von Physik keine Ahnung, so daß ich hier schlechterdings argumentieren kann, inweiweit das praktische Konsequenzen hat.
    Aber ein wirklich praktisches Beispiel in bezug auf das Theorie-Praxis-Verhältnis fällt mir natürlich schon ein: In der Psychoanalyse war lange Zeit das Thema sexuelle Mißbrauch als mögliches Moment psychischer Erkrankung tabu, weil man sich strikt an das Freudsche Triebmodell hielt. Die im April diesen Jahres verstorbene Alice Miller wandte sich aus diesem Grunde in den 1980er Jahre von der Psychoanalyse ab, weil sie einem in ihrer Berufsgemeinschaft akzeptierten theoretischen Modell widersprach und ein Traumamodell vertrat, das ihrer Auffassung gemäß gewisse klinische Erfahrungen besser erklären würde. Zugegebener Maßen vertrat sie ihren Standpunkt sehr radikal, aber ihre Infragestellung eines wissenschaftlichen Paradigmas forcierte eben die Traumaforschung auch in der Psychoanalyse.
    Wo ich gerade dieses Beispiel anführen, muß ich mich aber zwangsläufig auch fragen, ob ich den Einfluß einer Theorie auf das eigene Handeln vielleicht doch überbewerte. Ich werde mich dieser Frage noch einmal widmen, wenn ich mich Freuds "Fluidaltheorie" gründlicher gewidmet habe und meine beschäftigung mit Descartes vorantreiben kann ...
     

Diese Seite empfehlen