Vgl. der Entwicklung christlicher & islamischer Städte

Dieses Thema im Forum "Alltag im Mittelalter" wurde erstellt von Gast, 24. November 2007.

  1. Gast

    Gast Gast

    Ich schreibe nächste Woche ein LK klausur über Städte bzw deren Entwicklungen im Mittelalter wobei auch der Stadtvergleich zwischen Europäischen und Islamischen Städten (Architektur, Herschaftsform, Struktur usw) eine Rolle spielen wird.
    Blöderweise ist es zu spät mir Fachliteratur zu kaufen und im Internet habe ich bisher nur sehr wenig Informationen finden können.
    Über Informationen (auch Texte und Vergleiche) jeglicher Art würde ich mich sehr freuen.
    Danke!!!
     
  2. Balduin

    Balduin Gesperrt

  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Der Unterschied zwischen europäischen und islamischen Städten? Das ist nicht ganz einfach, denn es gibt ja durchaus gemeinsame Wurzeln, wenn es sich um keine Neugründungen handelt, sondern die Stadt aus der vorherigen römischen Stadt entwickelt hat.

    Geht man nur von Neugründungen aus, ist es etwas einfacher. Die europäsiche Stadt entwickelt sich um ein Zentrum mit Markt/Märkten und Kirche/n. Bei Bedarf wird (sofern das Stadtrecht besteht) eine Mauer zur Verteidigung um die Stadt gezogen. D.h. größere Stadt verfügen irgendwann über zwei oder drei Ringmauern, weil immer neue Sieder hinzugekommen sind, die sich zunächst außerhalb der Mauern angesiedelt haben, dann aber aus Schutzbedürfnis wiederum eine Außenmauer brauchten. (Ausnahmen gibt es in England, sieh Brodt, Bärbel: Städte ohne Mauern.)

    Im Innern war die europäische Stadt nach Berufen organisiert, das kann man heute noch den Straßennahmen in Altstädten entnehmen.

    Bei der islamischen Stadt hast Du zwar auch Sūqs (also Märkte) die nach Berufen organisiert sind, aber die Städte wuchsen ganz anders. Islamische Städte repräsentierten die Stammesgesellschaft. Im Prinzip gibt es kein Stadtzentrum in unserem Sinne, um das sich alles gruppiert (wenn auch faktisch repräsentative Bauten meist an exponierter Stelle stehen und sich gruppieren, das ist einfach ein Schuss Pragmatismus). Man kann die islamische Stadt auch als ein Durcheinander mehrerer Städte begreifen. Innerhalb gibt es drei Kategorien von Straßen: Die offenen Straßen, die die einzelnen Stadtteile miteinander verbinden, die zu repräsentativen Bauten führen oder zum Sūq (Du kannst das lange ūauch durch ou ersetzen: Souq)
    Die zweite Kategorie Straßen ist nur halböffentlich. Sie führt in die Quartiere ((ar-)rabad - das hat nichts mit der Hauptstadt von Marokko zu tun, die schreibt sich Ar-Rabāṭ). Diese Quartiere oder rabads werden i.d.R. nur von den Mitgliedern eines Stammes bewohnt. Sie sind meist mit einer eigenen Mauer umgeben, eine Ringmauer, wie in europäischen Städten, ergibt sich dann meist erst aus dem Zusammenwachsen der rabads. Innerhalb des rabad gibt es noch die Privatstraßen, die häufig extra verschlossen sind und fast immer Sackgassen: Hier ist nur Clanmitgliedern (Clan meint hier eine Untereinheit des Stammes, aber eine größere Einheit, als die Familie) der Zutritt erlaubt. Hier komme ich noch mal auf die Häuser und damit noch einmal auf einen Unterschied zwischen christlicher und islamischer Stadt zu sprechen: das Islamische Haus hat nach außen hin keine Fenster, der Hauseingang ist meist über Eck, so, dass bei geöffneter Tür der Blick nicht ins Innere des Hauses bzw. meist in den Innenhof gelangt. Um den Innenhof sind die einzelnen Räume gruppiert. Wohnbereich und Arbeitsbereich sind klar voneinander getrennt. D.h. z.B. auch, dass der Sūq unbewohnt ist. Eine solche Trennung gibt es eben im abendländischen Haus nicht. Hier ist das Haus Wohn- und Arbeitsraum und Lehrlinge und Gesellen schliefen nicht selten in der Werkstatt.
     
  4. Gast

    Gast Gast

    Vielen dank!
    Die Websites hatte ich bereits schon besucht, aber der ausführliche Text über die Architektur der Städte hilft mir mit Sicherhet weiter.
    Hättet ihr auch noch Informationen inwiefern sich die islamische Stadt von der christlich-mittelalterlichen bezüglich der Herrschaftsausübung/struktur usw unterscheidet und warum (Sultan/Kadi-----Zünfte/Patriziat/Rat/Bürgermeister) oder vergleichende Texte?
    SChönes Wochenende;) und danke im Vorraus!
     
  5. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

    zur islamischen Stadt, heute und gestern, auch mit verweisen auf die christliche stadt, findest du in den publikationen und artikeln hier sicher etwas: One Image
     
  6. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    In der islamischen Stadt ist auch Herrschaftsorganisation eine Sache, die wieder um ein gewisses Maß durch die Stammesgesellschaft bestimmt ist, die schon die Baustruktur der Städte bestimmt. Ibn Khaldun hat das im 14. Jahrhundert als 'Assabiyya bzeichnet, 'Stammessolidarität'. Der Sulṭān oder sein Wāli (Gouverneur) setzten die verschiedenen Funktionsträger ein: Den qāḍī ernannte manchmal aber auch die Stadtbevölkerung. Wichtig für das Funktionieren der Stadt waren die verschiedenen Ṣāḥibs ('Herr', 'Besitzer'). So etwa der Ṣāḥib al-madīna ('Herr der Stadt'), der teilweise für die Versorgung der Stadt zuständig war, oder Erbregelungen traf; der Ṣāḥib as-Sūq, eine Art Marktaufseher, der Gewichte und Preise überwachte, Streitigkeiten zwischen Konkurrenten schlichtete etc.; den Ṣāḥib aš-Šurṭa, d.i. der Polizeichef.
     
  7. Gast

    Gast Gast

    und es gab keine nennenswerte Weiterentwicklung der Stadtherrschaft wie es in Europa mit dem Rat des Patriziats und der Zunftverfassung gegeben der Fall gewesen ist oder (Selbstverwaltung, Wahlen oder ähnliches?)??

    Du weißt nicht zufällig womit diese Bedeutung der Privatheit und des Verzicht auf Darstellung eigenen Besitzes (Innenhöfe stellen Reichtum zu Schau welchen man bei den Hausmauern nicht vermutet hätte) im Hinblick auf die Religion (oder anderes) zu erklären wäre?
     
  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das funktioniert dann eher informell über die Stammesorganisation. Da gibt es den mağlis, dass ist die Ratsversammlung, die vom Stammesältesten, dem Scheich (Šaykh/Šay) geleitet wird, in dem jeder männliche Stammesangehörige gehört werden kann. Entscheidungen werden aber eher informell getroffen. Die Scheichs treffen sich dann in einer übergeordneten mağlis mit dem Sulṭān oder Wāli, um hier, wiederum eher informell, Entscheidungen zu treffen.
     
  9. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

    Hi,
    ich hatte auf meinem PC noch ein Dokument rumliegen, was ich mir irgendwann mal durchlesen wollte, allerdings bis jetzt nicht dazu kam. Aber ich poste es mal hier ohne Gewähr, da es genau dein Thema behandelt.
    Wahrscheinlich von diesem (Laien-)Autoren geschrieben:
    popperschule.at

    Eher weniger wahrscheinlich, dass er dieser Herr gleichen Namens ist?
    Seminar 38-1-06

    Noch unwahrscheinlicher gar dieser Herr?
    Denkwerkstatt 2020 - Teilnehmer

    Ist halt ein Allerweltsnamen, keine Ahnung, wer er nun ist, ob der ne Reputation hat, usw. und ob infolgedessen der Text brauchbar ist.


    Jedenfalls liegt diese Arbeit auf einem österreichischen Schulportal, welches vom Unterrichtsministerium unterstützt wird:
    schule.at - Österreichisches Schulportal - Ressourcen, Schulen, Schulintranets, ...


    DIE STADT IN DER ARABISCH-ISLAMISCHEN WELT



    1.Zur Herausbildung der arabisch-islamischen Stadt: Einflüsse der altorientalischen und der hellenistisch-römischen Stadt

    Ebenso wenig wie die islamische Kultur ist die arabisch-islamische Stadt aus dem Nichts entstanden.
    Seit der Mitte des 4. Jahrtausend v.Chr. finden sich in Vorderasien Siedlungen, die als Städte bezeichnet werden können. Ihre Existenz ist von so entscheidender Bedeutung, dass bisweilen eine Gleichsetzung von Hochkultur und Stadtkultur erfolgt. Die Stadt sollte fortan das Tempo der gesellschaftlichen Entwicklung bestimmen. Galten früher der Mauerring und das Vorhandensein eines Tempelbezirks in herausgehobener Lage als die entscheidenden städtischen Charakteristika, so betrachtet man heute die Marktfunktion als wichtigstes urbanes Merkmal. In diesen Siedlungen waren – ganz wie in unseren heutigen Städten – die drei Grundfunktionen urbanen Lebens vertreten, nämlich religiöse und geistige Institutionen, Herrschaft sowie eine arbeitsteilige nicht-agrarische Wirtschaft.
    An der Spitze einer hierarchischen Gesellschaft stand die Elite, die ihre privilegierte Position zunächst religiös legitimierte. Die Herrschenden galten als Repräsentanten der lokalen Gottheiten. Ihnen floss der Überschuss aus der landwirtschaftlichen Produktion ebenso zu wie der größte Teil der Kriegsbeute. Sie verwalteten diesen Reichtum, indem sie Lebensmittelvorräte für die Bevölkerung anlegten, die für das Leben der Gemeinschaft wichtigen Informationen sammeln ließen und den gesamten gesellschaftlichen Ablauf organisierten.
    Bis in die Mitte des 3. Jahrtausends bildete in Mesopotamien jede Stadt zugleich einen Staat. Die permanenten Kämpfe zwischen diesen Stadtstaaten beeinträchtigten die ökonomische Entwicklung, bis es einzelnen Herrschern gelang, stabile Reiche zu gründen. Die Regenten bedurften nun nicht mehr einer religiösen Legitimation. Deshalb drängten Palastbauten die Tempel zurück, die Dominanz der Herrschaft war somit in Stadtbild und Stadtstruktur unübersehbar.
    ...

    weiterlesen hier:
    http://www.schule.at/dl/Islamische_Stadt_(2).doc



    Eine Beschreibung wer der Autor sei stand hier:

    GW Vorarlberg - schule.at Community


    Viel Glück! :yes: LG lynxxx
     
  10. elysian

    elysian Neues Mitglied

    Die christlichen Städte im Mittelalter wiesen auch eine bestimmte stadtplanerische gestaltete Straßenführung auf, wie zwei Stadtplaner und Architekten in einer Dokumentation anhand von Vermessungen meiner Meinung nach überzeugend nachweisen konnten. Die Namen der beiden Herren (Vater und Sohn) sind mir leider entfallen. Jedenfalls finden sich bestimmte Muster in sehr vielen mittelalterlichen Siedlungen wieder. Lange Zeit nahm man ja an, derartige Stadtplanung sei in der Antike und dann erst wieder in der Neuzeit vorgenommen worden.
    Ich vermute, in diesem Punkt wird man ebenfalls Unterschiede zwischen christlichen und islamischen Siedlungen im Mittelalter feststellen können.
     
  11. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich kenne da nur Klaus Humpert und Martin Schwenk und ihre Entdeckung der mittelalterlichen Stadtplanung. Ich fand das beim Lesen auch recht überzeugend, allerdings ohne da eine echte Beurteilung wagen zu können. Die beiden werden aber in der Forschung wohl noch sehr kritisch beäugt.
     
  12. Gast

    Gast Gast

    so
    zu Erst vielen dank nochmal!
    Schön, dass es in einer GEsellschaft die so von Egoismus und Zeithetze geprägt ist, noch Leute gibt die sich für das selbe Thema begeistern und einander helfen! Eurer Engagement ist echt klasse!

    Also wir haben jetzt bereits einige male TExte von Eugen Wirth bekommen (und einen von Peter Feldbauer), irgendjemandem hier bekannt?
    Desweiteren sind wir auf den Begriff der citadinité gestoßen, den ich, wenn möglich, gerne etwas genauer erklärt haben würde.
    danke;)!
     
  13. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

    also die beiden sind wohl recht gute wissenschaftler?
    Wenn du deren Namen in Google eingibst, erhälst du Infos über ihr Werk und Rezensionen, z.B. hier:

    Homepage Prof. Dr. Eugen Wirth

    Peter Feldbauers Buch ist gar in GoogleBooks einsehbar!! Und das, obwohl es recht neu ist, von 2002:

    Die vormoderne Stadt: Asien und Europa im Vergleich

    Natürlich sind einige Seiten nicht einsehbar, allerdings war es vor Monaten noch so, dass man nach bestimmten häufigen Stichworten suchen konnte, und damit trotzdem auf die gesperrten Seiten blicken konnte.

    Ciao und LG lynxxx
     
  14. Die mittelalterliche Stadt

    Einen wunderschönen guten Abend,

    ich habe eine sehr wichtige Frage, zu der ich einen langen Aufsatz schreiben muss - und zwar:

    Inwiefern haben Markttage etwas zur Entwicklung der Städte beigetragen?
    Was für eine Bedeutung hatten die Markttage für die Städte?

    lg, Mara :winke:
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 29. Dezember 2007
  15. Mercy

    Mercy unvergessen

  16. Rimpler

    Rimpler Neues Mitglied

    Mich interessiert noch, ob etwas über Probleme bekannt ist, die sich in der islamischen Stadt aus dem rel. hohen Anteil privater bzw halböffenlicher Straßen ergab.
    Verkehrsprobleme? :grübel:
    Wenn eine Gruppierung (Stamm oder relig. Gemeinde) stärker wuchs, vielleicht im Nachbarviertel noch Häuser frei waren, konnten sie die ja kaum nutzen.
     
  17. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

    Naja, kommt wohl auf das Jahrhundert drauf an, wie ich woanders schon schrieb, gab es z.B. in osmanischen Städten durchaus eine starke Durchmischung, also nicht nach Religion, etc., getrennt, sondern mehr nach sozialem Status getrennt. Also arme Muslime neben armen Christen, und arme Türken neben armen Serben, und reiche Muslime neben reichen Christen, usw.
    Zu Verkehrsproblemen: Wenn nur Handkarren unterwegs sind, oder Träger, oder Pferde, Esel, usw., dann ist ein Stau nicht sooo sehr wahrscheinlich, wie in späterer Zeit.
     

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