Bei der Luftrüstung stimme ich Dir nicht ganz zu, da z.B. die über Deutschland abgeschossenen Flieger ihrerseits wieder für Rohstoffnachschub sorgten.
Im Besonderen 1940 war ja noch eher über GB gekämpft worden und da ging mehr Material durch Verluste über Feindgebiet verloren, als dass welches über abgeschossene Feindmaschinen über eigenem Gebiet dazugewonnen werden konnte. Die wirklich großen Luftkampagnen gegen Deutschland, wo dann alliierte Flugzeuge in wirklich signifikannter Zahl verloren gingen begannen ja erst im Sommer 1943, da war allerdings die kritische Phase des Krieges im Osten 1941-1942 bereits vorbei.
Auch bei Stalingrad stimme ich nicht zu. Das war taktisch gesehen eine fatale Überdehnung des Frontbogens.
Unter den gegebenen Umständen ja, aber unter den gegebenen Umständen wäre es mittelfristig aber auch nicht besser gewesen, das Ausgreifen in Richtung Wolga wäre unterblieben, weil der Verzicht auf die Störung des Alliierten Nachschubs dazu geführt hätte, dass die Sowjets größere Kräfte noch schneller hätten massieren können, womit das Ergebnis wahrscheinlich mehr oder weniger das Gleiche gewesen wäre. Dann hätte es vielleicht keine Kesselschlacht mit Totalverlust der 6. Armee gegeben, dafür aber weiter Westlich eine großangelegte sowjetische Offensive, die qua Materialüberlegenheit und intensität wahrscheinlich schnell Verlustzahlen in ähnlicher Größe fabriziert hätte.
Grundsätzlich war das erreichen der Wolga von der strategischen Perspektive her ein sinnvolles Ziel.
Insgesamt muss gesagt werden, dass der deutschen Führung der strategische Aspekt des Krieges viel zu spät bewusst wurde. Hitler dachte noch zu viel in den Kategorien des ersten Weltkriegs. Letztlich war es der Vielfrontenkrieg, der die Niederlage gegen die Sowjetunion besiegelte.
Das ist so in etwa das Bild, dass die Memoirenliteratur der Wehrmachtsgeneralität zeigt.
Der Umstand, dass Hitler durchaus Teile des geopolitischen Denkens Karl Ernst Haushofers adaptierte spricht für mich so ein wenig dagegen, dass es ihm an grundsätzlicher Einsichtsfähigkeit auf strategischer Ebene gemandelt hätte.
Marschiere nach Russland, siege und was dann? Die Nachschublinien werden immer länger, der Nachschub wird dünner, der Winter wird kälter, der Widerstand wird größer. Der Feind im Westen bombardiert deine Versorgungszentren in der Heimat. Das war die Formel für die Niederlage. Klar. Irgendwie aber auch typisch Politikerhandeln.
Da ist dann aber etwas stark aus der Ex-Post-Perspektive betrachtet.
Unter der Prämisse, dass die deutschen Stellen die tatsächliche nummerische Stärke der Roten Armee deutlich unterschätzten, war die Vorstellung die Sowjets binnen weniger Monate entscheidend schlagen zu können, aus Sicht der Datenbasis der Wehrmacht, nicht grundsätzlich unplausibel, nur ging sie halt von falschen Prämissen aus.
Wenn man diese Prämissen mal einen Moment lang ernst nimmt:
- Hätte eine nummerisch deutlich schwächere Rote Armee einen nochmal deutlich schnelleren deutschen Vormarsch bedeutet, insofern die sowjetischen Verluste in den Grenzgebieten dann um so gravierender gewesen wären, was auch weniger Zeit zur Demontage der Industrie in der Ukraine gelassen hätte.
- Wäre die angepeilte Linie Archangelsk-Astrachan tatsächlich auch nur annähernd erreicht worden, wären sowohl die Nord- als auch die Wolgaroute für potentiellen alliierten Nachschub gesperrt gewesen und nur die lange Route über Sibirien mit ihren begrenzten Kapazitäten offen geblieben.
Die Weite des Landes und die schwache Infrastruktur, was Russland und die Sowjetunion betrifft, ist ein immer wieder bemühter Topos, der zum Teil immer wieder übersieht, dass die gleichen Bedingungen auch für die Russen/Sowjets gelten und galten.
Aus den strukturschwachen Regionen östlich Moskau, unter Verlust eines erheblichen Teils der Industriebasis im Westen, wäre das Millionenheer ohne Unterstützung aus dem westlichen Ausland mittelfristig nicht zu versorgen gewesen, geschweigedenn dass es bei der Infrastruktur dort in größerem Maße hätte manövrieren können.
Von dem her ist die populäre Vorstellung, dass die Sowjets sich mit diesem Heer einfach beliebig weiter nach Osten hätten zurückziehen können, in meinen Augen Humbug.
Hätten die Wehrmachtstruppen ihre selbst gesetzten Ziele annähernd erreicht, was wenn die Rote Armee, wie die deutsche Seite dachte tatsächlich nummerisch um rund 1/3 schwächer gewesen wäre, nicht gänzlich unrealistisch erscheint und wären damit auch 2 von 3 Versorgungskorridoren für die Sowjets weggegfallen (und der 3. dauerhaft vom Goodwill Japans abhängig gewesen), wäre das Ergebnis des Kriegsjahres 1941 wahrscheinlich gewesen, dass die sowjetische Führung vor dem Problem gestanden hätte, dieverse verlorene Formationen der Roten Armee nicht wieder aufstellen zu können, weil die dafür benötigten Männer in der Landwirtschaft und Industrie unabkömmlich gewesen wären, um überhaupt noch ein Rumpf-Heer und dessen Versorgung aufrecht zu erhalten.
Die Sowjetunion wäre damit zwar vielleicht noch nicht zur Kapitulation gezwungen gewesen, aber dazu ihr Heer so weit zu reduzieren, dass großangelegte Rückeroberungskampagnen auf absehbare Zeit aussichtslos gewesen wären.
Von dem her sehe ich nicht unbedingt die militärische Notwendigkeit einer weiteren, darüber hinausgehenden Planung, weil das strategische Ziel, der Gewinnung kritischer Ressourcen und die faktische Ausschaltung der Roten Armee als militärischem Faktor in Europa in Meinen Augen durchaus das Ergebnis der Umsetzung der Feldzugsziele von "Barbarossa" gewesen wären.
Im Dilemma saß das NS-Regime und die Wehrmachtsführung nicht wegen unfähigkeit zu strategischem Denken, sondern weil die falsche Einschätzung der Feindkräfte die sehr wohl vorhandene Strategie über den Haufen warf.
Nicht wenige Zeitzeugen haben ja auch gesagt: "1939 war der Krieg bereits verloren, da die Amerikaner im Hintergrund standen", d.h. dass nicht die UDSSR der eigentliche Gegner war, sondern die USA.
Das übersieht dann halt, dass die bloße Existenz der USA noch nicht deren Eingreifen in Europa, vor allem nicht mit eigenen Truppen garantierte.