Vom Antijudaismus zum Antisemitismus

Dieses Thema im Forum "Judentum | Israel | Naher Osten" wurde erstellt von Lars_01, 3. Juli 2011.

  1. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    Wenn wir das Umschlagen in der 2. Hälfte des 19. Jh. hin zum Antisemitismus betrachten und überlegen, dass dieser - trotz der neuen "scientizistischen" biologistischen usw. Anregungen - nicht aus dem Nichts entstanden sein kann: da findet man doch, teils satirisch, teils offen hasserfüllt die Gleichsetzung "Hochfinanz = Jude" (und dahinter dann, gleichsam als moralisierenden Fingerzeig, den Verweis auf das mittelalterliche kirchliche Zinsverbot - was freilich keinen nichtjüdischen Bankier, keine Fugger und keine Welser je am Zinsgeschäft hinderte...) Ich habe gelesen, dass dafür der Begriff "Mammonismus" verwendet wird.

    parodistisch karikiert Wilhelm Busch diese Haltung (Hochfinanz = böse = jüdisch) in der Einleitung seiner frommen Helene (siehe auch im Thread mit den Kurorten, da hab ichs vollständig zitiert)

    Was meinst Du: ist diese Gleichsetzung Schachern/Hochfinanz/Juden eine Art Spätform des Antijudaismus, eine Art Übergang oder schon antisemitisch?
     
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  2. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Vor allem diese Schrift wird immer wieder in diesem Zusammenhang erwähnt:

    Beitrag zur Berichtigung der Urteile des Publikums über die französische Revolution

    Hier ein paar Zitate daraus:


    Quelle: ERSTER TEIL1
    Zur Beurteilung ihrer Rechtmäßigkeit
    [Verlag Ferdinand Troschel]
    [Danzig]
    1793
    [PDF-Version von Reinhard Stiebler und
    Gerhard Grasruck ]

    S. 54

    Du kommst über die Wiki-Seite von Fichte zu diesem Ausdruck:

    Johann Gottlieb Fichte ? Wikipedia

    Sie unten bei weitere Werke.
     
  3. Lars_05

    Lars_05 Gast

    Vielen Dank

    Im übrigen eine sehr interessante Diskussion!
    Würde mit dekumatland auch fragen, welche Bedeutung die Assoziation der Juden mit dem Zins/der Zirkulationssphäre im modernen Antisemitismus hat
     
  4. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Die stereoptypischen Merkmale der Juden im Antisemitismus hat ihren Ursprung im Antijudaismus. Auch im Antijudaismus gibt es diese Merkmale und ohne das eine gebe es wohl auch das andere nicht oder anders.

    Der Antisemitismus ist ganz klar auf den ideologischen Strukturen der Judenfeindschaft aufgebaut. Es kamen neue Kompontenten dazu, wie eben der Rassebegriff.

    Der Begriff Mammonismus kenne ich nur aus der heutigen Finanzbranche und nicht im Zusammenhang mit einer historischen Definition.
     
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  5. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    Diesen Begriff hatte ich absichtlich in Anführungszeichen gesetzt.

    In den Kommentaren und Rezensionen zu dieser Dissertation - Martin Ulmer, Antisemitismus in Stuttgart 1871 – 1933, Studien zum öffentlichen Diskurs und Alltag, Metropol Verlag ISBN: 978-3-940938-82-4 - wird diskutiert, ob eine Art "Mammonismus" als allgemeine antisemitische Codierung in der stereotypen Verwendung von Begriffen wie "Wucher, Schacher, Spekulanten(tum), Schmarotzer" im späten 19. Jh. vorlag. Der Autor der Dissertation geht von einer solchen Codierung aus und versucht sie nachzuweisen, manchen Kritiken haben da Zweifel.

    Meine Frage ist immer noch dieselbe: ist eine solche Haltung - der stereotype Schacher/Übervorteil-Vorwurf - ab der Mitte des 19. Jh. schon als antisemitisch zu bezeichnen?
     
  6. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Nein, dabei handelt es sich um ein mittelbar antijudaistisches Vorurteil, welches im Antisemitismus übernommen wurde. Der Antisemitistmus hat im Grunde nur übernommen. Zum einen die gängigsten antijudaistischen Vorurteile, die den Vorteil hatten, dass sie im Kollektivgedächtnis bereits abgespeichert waren und zum anderen Teilaspekte aus der Wissenschaft, die die einschlägigen Vorurteile wissenschaftlich untermauern, erweitern oder ergänzen sollten. Eine entsprechende Erweiterung zum "alten Vorurteil" des schachernden und übervorteilenden Juden des Antijudaismus ist die antisemitische Verschwörungstheorie des "Weltjudentums". Hier wurde der bereits etablierte Stereotyp mit wirtschafts- und politikwissenschaftlichen Erkenntnissen "untermauert" und damit entsprechend ergänzt und erweitert. Das Vorurteil hatte damit quasi eine wissenschaftliche Fundierung und v.a. Legitimisierung, andererseits war der Stereotyp einschlägig etabliert, so dass sich die Erweiterung in Relation zu einem neuen Stereotyp viel schneller und leichter im Kollektivgedächtnis verfestigen konnte. Und um es noch komplizierter zu machen: dem Antisemitismus kann man dann auch wieder einen religiösen Anstrich verleihen. Um bei unserem Beispiel zu bleiben: die Kreuzigung wird so zu einer (der ersten) Auswirkungen des Weltjudentums, monetäre Indizien in der Bibel lassen sich dazu entsprechend finden (die Bezahlung des Judas, das Umwerfen der Tische der Geldwechsler durch Jesus). Die Passiosngeschichte muss dafür zwar ein bisschen zurechtgebogen werden, aber in Summe passt dann der neuere Antisemitismus mit der Religion auch wieder zusammen. Dieses "passen" zu allen möglichen Lebenslagen ist dabei wichtig, weil eine "Idee" umso wahrscheinlicher zum common sense wird, je mehr Menschen sich mit einer neuen "Erkenntnis" anfreunden können, weil sie in ihre Lebens- und Gedankenmuster passt. Und gerade beim gesellschaftlichen Transformationsprozess des vorherrschenden antijudaistischen Gedankenguts hin zum antisemitischen Gedankengut spielte die Religiosität breiter Bevölkerungsschichten und damit auch die Transportierbarkeit der neuen Idee auch über die Religion durchaus eine Rolle.
     
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  7. Lars_05

    Lars_05 Gast

    Kann man denn behaupten, dass der Antisemitismus in Ländern mit liberaler Tradition (etwa GB und USA) deutlich schwächer vertreten war, als in Ländern ohne eine solche Tradition ( v.a. Deutschland, Österreich und das zaristische und revolutionäre Russland)?
    Das wäre ja eine Kernthese Postones. Er führt dies auf das Gelingen bzw. Scheitern von bürgerlichen Revolutionen zurück. In Deutschland, wo die Revolution ja bekanntlich scheiterte, setzte sich anders als in liberalen Ländern nicht die Definition der Nation durch die Artikulation des Gemeinwillens des Volkes(Rousseau) durch, sondern als Abstammungsgemeinschaft. Das würde ja rassistischen Ausgrenzungen wie dem Antisemitismus Haus und Hof öffnen....
     
  8. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    In den USA kam es im laufe des 1. Weltkrieges zu einer antisemitischen Strömung. Zuvor wurden vor allem aus Frankreich und Deutschland antisemitische Schriften verbreitet.

    Für die USA solltest du dich mit den Schriften von Henry Ford auseinandersetzen. Vor allem mit diesem:

    The International Jew, the World’s Foremost Problem.

    Für Grossbritanien. Der Wiki-Artikel dazu ist sehr gut geschrieben:

    Antisemitismus (bis 1945) ? Wikipedia

    Über die Schweiz kannst du hier nachlesen:

    http://www.geschichtsforum.de/f73/einf-hrung-die-j-dische-geschichte-der-schweiz-38807/#post590758
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. Juli 2011
  9. Lars_06

    Lars_06 Gast

    Dass Ford ein antisemitischer Hetzer war, ist mir bekannt gewesen.
    Aber artikulierte er damit nicht eine deutliche Minderheitsposition?
    Ähnlich in GB.


    [Mod-Hinweis für Lars: Der Bereich "Fragen und Antworten" dient ... ausschließlich kurzen Fragen, bei größerem Diskussionsbedarf bitten wir um eine Anmeldung im Forum. Siehe http://www.geschichtsforum.de/f82/erste-hilfe-und-einf-hrung-fragen-antworten-37263/ ]
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 5. Juli 2011
  10. Traklson

    Traklson Aktives Mitglied

    Es mag nur ein Behelf sein eine belletristische Quelle anzuführen, aber vielleicht es es ja für den einen oder anderen doch interessant.
    In „Verschwörung gegen Amerika“ entwirft Philip Roth einen alternativen Zeitstrang, in dem antisemitische Kreise um Ford Lindbergh in das Präsidentenamt stemmen. Ist ein wenig her dass ich es gelesen habe, ich fand aber besonders auch den Einfluss auf den Alltag der Protagonisten, einer jüdischen New Yorker Familie, interessant beschrieben.

    Ich hab noch mal schnell den Wiki aufgerufen und etwas über den Hintergrund des Romans gefunden (leider sehr knapp):

    „Roth gab in einem Interview an, dass ihm die Idee zu seinem Roman kam, als er in der Autobiografie Arthur M. Schlesingers die Bemerkung las, dass konservative Senatoren um 1940 tatsächlich erwogen, Lindbergh als Präsidentschaftskandidaten der Republikaner zu nominieren. Auch gab es in den 1940er durchaus antisemitische Ausschreitungen. Insbesondere in den Industriestädten des Nordens (vor allem Detroit) wuchsen sie sich zu Pogromen aus; hier war der Antisemitismus Henry Fords und des katholischen Priesters Charles Coughlin auf fruchtbaren Boden gefallen.“
    Verschwörung gegen Amerika ? Wikipedia
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. Juli 2011
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  11. Pluto7

    Pluto7 Neues Mitglied

    Hatte der seine Idee, aus den "Protokollen der Weisen von Zion" abgeleitet?
     
  12. Traklson

    Traklson Aktives Mitglied

    Ich weiß nicht ob ich Deine Frage richtig verstehe, aber im Wiki-Artikel werden als Vorbilder für den Stoff amerikanische Romane der 30er Jahre genannt, die ebenfalls das Szenario einen faschistischen Machtübernahme in den USA schildern, unter anderem von Sinclair Lewis und Nathanael West.
    Aber das habe ich ja oben verlinkt.
     
  13. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das ist gewissermaßen ein hausgemachtes Problem gewesen - einerseits vertrieb man zunächst alle Juden aus den von Spanien beherrschten Gebieten und später dann auch alle Muslime. Diejenige, die zum Christentum konvertiert waren, durften zunächst bleiben. Das Problem: Die spanischen Inquisitoren misstrauten ihrer eigenen Politik, weshalb man zwischen Altchristen und Neuchristen unterschied. Und so gibt es z.B. im Quijote eine Stelle, in der berichtet wird, dass Dulcinea die Kunst des Schweinefleisch einsalzens bestens beherrsche. Dass dies so herausgehoben wird, aber nie die Rede davon ist, dass sie auch Schweinefleisch esse, ist das von Literaturwissenschaftlern dahingehend interpretiert worden, dass Cervantes sie als Kryptojüdin oder Kryptomuslimin ironisiert: Nach außen hin tat man besonders christlich, indem man ostentativ christliche Dinge machte - wie etwa das Verarbeiten von Schweinefleisch, dessen Genuss Juden und Muslimen verboten ist - hinter verschlossenen Türen aber konnte man sich freier der eigenen Religion widmen.
     
  14. Dr. Lange

    Dr. Lange Neues Mitglied

    Das muss ich etwas korrigieren, es ist zumindest Moslems in Not nicht verboten Schweinefleisch zu essen. Die sogenannten "Haram-Helal Regeln" sind da weit gefasst, man könnte es schon fast als eine frühe Reformation des Islam ansehen. Auch besteht keine Pflicht für Konvertiten sich beschneiden zu lassen, was im Judentum unumgänglich ist.

    Das Thema ist an sich schwer zu bearbeiten, da man sehr schnell in eine Rechte oder antisemitische Ecke gerückt wird.
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. Juli 2011
  15. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Eigentlich nur dann, wenn man entsprechende Äußerungen von sich gibt.
     
  16. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ja, der Qur'ān sagt natürlich sinngemäß, dass man lieber die verbotene Speise genießen soll, als Schaden zu erleiden:

    Verboten hat Er euch nur natürlich Verendetes, Blut, Schweinefleisch und das, worüber etwas anderes als Allah angerufen worden ist. Wenn aber jemand gezwungen ist, ohne dies zu begehren und ohne das Maß zu überschreiten, so trifft ihn keine Schuld; wahrlich, Allah ist allverzeihend, barmherzig. (Koran 2, 173)

    Ein ernstlich gläubiger Muslim wird trotzdem alles versuchen den Genuss von Schweinefleisch zu vermeiden.
     
  17. Dr. Lange

    Dr. Lange Neues Mitglied

    Wir haben eine problematische Geschichte, in der vieles falsch und wahr ist, und auch heute noch so verbreitet wird, aber was falsch und wahr ist entscheiden nicht wir. Ich bin der festen Meinung, dass keiner der nach 1933 Geborenen für seine Vorfahren haftbar gemacht werden kann. Wir, also die aktuelle Generation hat damit nichts zu tun, wir sind dazu nicht mal physisch in der Lage gewesen, wir können maximal sorry sagen, mehr auch nicht.
     
  18. Hulda

    Hulda Aktives Mitglied

    Ich glaube, @El Q geht es eher um die machtpolitische Seite:

    In dem Moment, in dem Konvertiten als gleichwertige Christen und damit als gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft mit den gleichen Rechten anerkannt worden wären, hätten sie andere Besitz-, Berufs- und Machtmöglichkeiten erhalten. Die Wahrscheinlichkeit, dass die (erzwungene) Konversion nur eine Scheinkonversion war, war nicht gering. Somit stellten Konvertiten aus Sicht der damaligen spanischen Inquisitoren eine schwer zu kalkulierende Größe dar.
    Das ist mE mit der Äußerung gemeint, sie hätten ihrer eigenen Politik misstraut.

    Die Bearbeitung des Themas des Threads wird meiner Auffassung nach doch erst dann problematisch, wenn in die Diskussion falsche Äußerungen gepaart mit fragwürdiger Deutung einfließen.
     
  19. Dr. Lange

    Dr. Lange Neues Mitglied

    Ich bin erstaunt der richtigen Rezension wegen. Sollte das Forum mal eine Madrasa aufmachen, würden die Moslems aber klug gucken, die müssten wir ja noch richtig schulen.
     
  20. Ingeborg

    Ingeborg Moderator Mitarbeiter

    Da es hier einige User gibt, deren Interesse auch die Region Naher Osten umfaßt, hat der eine oder andere auch eine Übersetzung des Qur'an im Bücherbestand.


    Räusper. Das sind nun Generalisierungen, die so gar nicht auf Fakten beruhen und von daher nicht angebracht sind.
     

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