vor der Entente Cordial - Bündnis zwischen Deutschland, Frankreich und Russland?

Dieses Thema im Forum "Das Deutsche Kaiserreich" wurde erstellt von pickanick, 5. April 2014.

  1. pickanick

    pickanick Neues Mitglied

    Hey,

    wieso hat Deutschland damals so sehr gezögert den Briten eins auszuwischen mit einem Bündnis zwischen Deutschland, Frankreich und Russland!

    Jeder hätte davon Vorteile gehabt (ich spreche hier von Krieg gegen die Briten und damit auch eine Eroberung bzw. ein Versuch ihnen die Kolonien und die Unabhängigkeit wegzunehmen!)

    Russland:

    - Probleme mit den Briten in persischen gebieten - wären weg
    - Probleme in China mit den Briten - wären gelöst
    - Schwächung Japans (einer der größten feinde Russland in Asien)
    - Gebietserweiterung
    - Eroberung Bulgariens bzw. Einsetzung eines Marionettenherrschers würde nun von keiner Seite mehr blockiert werden

    Frankreich:

    - ALLE Kolonialprobleme wären endgültig gelöst, da die Engländer diejenigen waren, die die meisten Probleme gemacht haben
    - generell ganz Afrika wäre nun offener und damit wäre ein riesiges freistehendes Gebiet, welches zu erobern wäre

    Deutschland:

    - der Traum Willhelms II. eine riesige Flotte zu haben wäre nun möglich, da ihn keiner mehr hindern würde
    - die Kolonien die das Volk unbedingt haben wollte wären nun zu holen (man teilt die Gebiete in Afrika mit Frankreich auf)
    - industrielle und wirtschaftliche Konkurrenz zu den Briten wäre weg: Aufschwung in der Wirtschaft, da nun andere Staaten nicht mehr bei den Briten einkaufen würden


    möglich wäre es ja gewesen:
    - Russlands Feindschaft zu England war größer als die zu Österreich-Ungarn
    - Frankreichs Hass auf England war trotz des Erwerbs Elsaß-Lothringens von Deutschland größer als die zu Deutschland

    Wilhelm II. war zwar ein Holzkopf, aber irgendeinen Grund muss es ja gegeben haben, dass er sich nicht gegen die Engländer gestellt hat oder? ich mein der hat ja sehr gerne mal andere Staatoberhäupter geärgert (krüger-depesche bspw.)
     
  2. swie

    swie Aktives Mitglied

    Guten Abend,

    welchen Zeitraum meinst Du denn mit "damals"? Russland und Frankreich waren nämlich bereits seit 1894 miteinander im Bündnis, als direkte Folge der Nicht-Verlängerung des Rückversicherungsvertrages Deutschlands mit Russland.

    Ich bezweifle aber ohnehin die politische Realisierbarkeit eines solchen Vertrages zwischen den drei genannten Mächten. Der Streit um Elsaß-Lothringen hätte zugunsten eines Bündnisses nicht so einfach unter den Teppich gekehrt werden können. Zudem bestand eine große Affinität zwischen Deutschen und Österreichern - ich weiß nicht, ob es die deutsche Öffentlichkeit positiv aufgenommen hätte, wäre Österreich-Ungarn auf dem Balkan den Russen "zum Fraß vorgeworfen" worden.
    Du schreibst zwar, Russlands Feindschaft zu England sei größer gewesen als die zu Österreich-Ungarn (Ich würde eher von einer Rivalität sprechen), Frankreichs Hass auf England größer als der auf Deutschland - aber ganz nachvollziehen kann ich diesen Standpunkt nicht. Die Beziehungen Englands zu Frankreichs und Russlands zu England waren zwar immerzu von teils heftigen Spannungen gekennzeichnet, aber diese erwiesen sich stets als beilegbar. Ich meine, weil die Gegensätze in den Kolonialgebieten stattfanden. Im Falle Elsaß-Lothringens sowie des Balkans lagen die Konfliktfelder demgegenüber im Zentrum Europas, berührten unmittelbar die Grenzen der beteiligten Mächte, nicht bloß Einflusszonen oder Kolonien, weshalb es dort wesentlich schwieriger war, eine Einigung a la Sudanvertrag (1899) oder Vertrag von Sankt Petersburg (1907) zu erlangen, was aber Grundvoraussetzung für eine Zusammenarbeit hätte sein müssen.

    Die von Dir genannten Vorteile, die sich aus dem Bündnis hätten ergeben können, kann ich leider ebenfalls kaum teilen. Du sprichst davon, Russland hätte durch ein Bündnis mit Frankreich und Deutschland das "Great Game" um Zentralasien für sich entscheiden, Frankreich seinerseits "alle Kolonialprobleme endgültig lösen" können. Wie sollte das möglich sein? Weder hätten Deutschland oder Frankreich Russland in Zentralasien, noch Deutschland oder Russland Frankreich in Afrika gegen die Briten über das Maß des moralischen Beistandes hinaus unterstützen können. Zudem kann von einer endgültigen Lösung keine Rede sein, allenfalls für die Dauer der Beständigkeit des Vertrages.
    Auch wurde die deutsche Flottenpolitik nicht von England unterbunden, das Reich verlor das durch die Briten entfesselte Wettrüsten aufgrund fehlender Kapazitäten. Daran hätte sich auch in einem Russisch-Französischen Bündnis nichts geändert.

    Du schreibst außerdem, Deutschland hätte wirtschaftlich profitiert, die Briten seien als Konkurrenten auf dem Weltmarkt entfallen. Aber bloß weil man einen Beistandspakt mit Russland und Frankreich geschlossen hätte, hätten diese Länder ja nicht automatisch ihre Märkte für englische Waren geschlossen. Darüber hinaus lief Deutschland dem Empire ohnehin aus wirtschaftlicher und industrieller Sicht den Rang ab, ebenso was Kunst, Kultur und Mode anbelangte.

    Gruß
    swie
     
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  3. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Tatsächlich, hätte "jeder Vorteile" von einem Krieg gehabt? Eine merkwürdige Sicht!

    Mittlerweile scheint es, in einer Generation, die als "Armchair-Generäle" im Stile von "Risiko" oder auf dem PC Ländern, nach Belieben Länder erobern, der Krieg im Fokus der Phantasie zu sein. Die Vorteile von konfliktfreien Problemlösungen und die Rolle der durchaus vorhanden friedensfördernden Ansätzen wird dabei gerne übersehen.

    Und es wird auch übersehen, dass es in jedem Land, das als Großmacht am WW1 teilnahm, stark rivalisierende Sichtweisen gab, die miteinander heftig rangen, ob die Teilnahme an einem großen Krieg in Europa wirklich so eine kluge Entscheidung wäre und "Vorteile" bringen würde.

    Und damit sind diese Gedanken, wie von pickanick geäußert, deutlich bellizistisch eindimensionaler wie in der Zeit vor 1914. In der bestenfalls eine sehr kleine Gruppe in den jeweiligen Ländern überhaupt in die Entscheidung über den WW1 eingebunden war und diesen teilweise als Schritt "ins Dunkle" empfunden haben.

    Wenn relevante Kreise der deutschen (Ex- oder Import-) Wirtschaft gefragt worden wären, ob sie denn für einen Krieg gewesen wären, der im Ergebnis völlig offen war, dann wäre es sehr fraglich gewesen, ob es ein "Pro-Krieg-Kartell" gegeben hätte, die sich für Krieg ausgesprochen hätte. Unabhängig von dem hohen Druck, der durch nationalistische Zeitungen ausgelsöt worden ist.

    Gerade die These von Fischer zur dynamisierenden Rolle von Kreisen der Schwerindustrie (die "Händler des Todes"-Theorie) in Zusamenarbeit mit den ostelbischen Großgrundbesitzer im DR ist mittlerweile am stärksten einer Revision unterzogen worden.

    Für die Wirtschaft brachte der Krieg insgesamt keine Vorteile, sieht man von der während des Kriegsverlaufs zunehmenden Anzahl von deutschen Unternehmern ab, die als "Kriegsgewinnler" an dem Krieg - ausgessprochen unpatriotisch - verdient haben, ab.

    Die deutsche Wirtschaft war bereits in 1914 zu einem hohen Prozentsatz global vernetzt und profitierte vor allem von der liberalen Wirtschaftspoltik von GB. [1]

    Deswegen ist es absolut unsinnig, von Vorteilen zu sprechen, um damit ein Bündnis oder einen Krieg zu rechtfertigen.

    Kriege haben noch nie Probleme gelöst, sondern immer nur neue Probleme geschaffen.

    [1] A. Iriye & J. Osterhammel (Hg.): Geschichte der Welt. 1870-1945. Weltmärkte und Weltkriege. 2012
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. April 2014
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  4. pickanick

    pickanick Neues Mitglied

    Der Zeitraum zwischen dem Bündnis zwischen Frankreich und Russland und dem zwischen England , Frankreich und Russland

    Vorher hat man das doch auch noch geschafft mit den Balkanproblemen(zu Zeiten des rückversicherungsvertrags). Man muss hier vom hätte sprechen Deutschland hätte als vermittlerstaat dienen können zwischen Russland und ö-u.

    Ich glaub du hast mich falsch verstanden. Ich rede hier nicht von Kolonien angreifen sondern das Land selbst . Es wäre chancenlos unterlegen gewesen da kann selbst die größte flotte nichts ausrichten wenn man von allen Seiten angegriffen wird (natürlich nach einer Aufrüstungsphase). Dass Grossbritannien eine Insel ist wäre ein Nachteil gewesen da es keine Seite gab von der man nicht angegriffen werden konnte. Da man komplett isoliert war Von anderen Großmächten bzw. Lediglich irrelevante Bündnispartner hatte wäre man unterlegen gewesen . Die Kolonien wären alle gefallen wenn das Zentrum zerstört worden wäre wenn keiner mehr Befehle gibt wenn keiner mehr Hilfe schickt . Das wäre der leichteste Teil . Man hätte lediglich den Briten die Autonomie wegnehmen müssen . Alles andere regelt sich von selbst .

    Die flottenpolitik wurde gehemmt von England sie sahen sich bedroht und sagten es auch öffentlich den deutschen

    Wenn es kein autonomes England gibt gibt es auch keiner kokurrenz aus England. Dass England schwächer war in Sachen industrie weiss ich selbst aber es schadet ja nicht wenn es einen Konkurrent weniger gibt oder?
     
  5. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Was veranlasst dich zu anzunehmen, das ein solches Bündnis überhaupt machbar war?

    Und darüber hinaus wurde im Jahre 1905 zwischen Wilhelm II. und Nikolaus ein Defensivbündnis abgeschlossen. Ich meine es war der Artikel 4 der festlegte, das nach Inkraftsetzung des Vertrages Frankreich hierüber zu informieren und zum Beitritt aufzufordern war. Der Zar hielt sich aber nicht an diese von ihm unterzeichnete Vorgehensweise, da er von seiner Regierung wieder "auf Kurs" gebracht wurde. Auch wurde Frankreich informiert und dort hatte nicht das geringste Interesse an so einem Bündnis. Keine große Überraschung vor dem Hintergrund der 1.Marokkokrise. Der Vertrag kam eigentlich somit nie zustande. Auch der deutsche Reichskanzler Bülow mokierte sich über diese Abmachung, da er nicht damit einverstanden war, das der Vertrag nur für Europa gelten sollte.
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. April 2014
  6. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Ob ein kontinentales Bündnis machbar gewesen wäre, sei dahingestellt, aber es gab schon Gedanken in diese Richtung und es zeigt, dass viele alternative Lösungen bis zum July 1914 möglich gewesen wären. So interpretiert beispielsweise McLean das Treffen in Björkö als ein Ansatzpunkt, in dem KW II als Intention durchaus von einem vereinigten Kontinental-Europa ausging, unter deutscher Hegemonie [1]

    Betrachtet man die innenpolitische Situation in Russland seit 1905, dann ergab sich dort ebenfalls ein harter Konflikt zwischen unterschiedlichen Fraktionen. Militärstrategisch kämpfte die "Fernost-Fraktion" gegen die "Westler" und politisch die traditionellen Konservativen, in Anlehnung an die deutschfreundlichen Lamzdorf und Shvanebakh, gegen die liberalen Reformkräfte.

    Die konservativen Kräfte wollten eher eine Anlehnung an das DR erreichen. Im Februar 1914 wurde Nikolaus von P.N. Durnovo ein Memorandum überreicht, das die Allianz mit dem republikanischen Ländern, Frankreich und GB, heftig kritisierte und darin den Niedergang des Zarismus in Russland sah! Ansonsten wurde von den Konservativen betont, dass es keine Streitpunkte zwischen Russland und dem DR gab, die nicht lösbar gewesen wären. Und vor allem hätte man sich als gemeinsamer Vertreter und mehr noch, als Verteidiger eines konservativen Wertehorizont betrachtet. Gegen die westlichen Demokratien!

    Pyotr Durnovo - Wikipedia, the free encyclopedia

    Im Frühjahr 1914 gab es in Russland eine Vielzahl von Initiativen, die eine konservative Wende der Allianzpolitik bei Nikolaus durchsetzen wollten. Wie beispielsweise der russische Botschafter in Konstantinopel, Giers, sehr deutschfreundlich, gegenüber auch dem deutschen Botschafter, agierte. Im Gegensatz zur probritischen Rolle von Benckendorff in London, der der "Architekt" der Zusammenarbeit zwischen GB und Russland war [2]

    In diesem Sinne war die Entscheidung in Russland für die Entente eher eine Entscheidung des Kopfes (Finanzbedarf etc.), aber sicherlich nicht des Herzens. Das Überleben eines rückständigen autokratischen Systems in Russland wurde an die - eigentlich verachteten - westlichen republikanischen F und GB gebunden. [3] Und dieser Sitaution war man sich in Petersburg durchaus bewußt.


    [1] McLean: Dreams of German Europe. Wilhelm II and the Treaty of Björkö of 1905, in: A. Mombauer & W. Deist (Ed.): The Kaiser. 2003, S. 119ff
    [2] M. Soroka: Britain, Russia and the Road to the First World War. 2011
    [3] D. McDonald: United Government and Foreign Policy in Russia, 1900-1914, S.199 ff
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. April 2014
  7. pickanick

    pickanick Neues Mitglied

    Der Außenminister delcassé wollte aber Jahre vor der entente cordial ein Bündnis mit den deutschen (und Russen)

    1905 ist die falsche Zeit da gab es doch schon die entente cordial .

    Ps. Ich find das extrem lächerlich das ich ich zitiere ,, beschämendes verhalten gezeigt habe in der Vergangenheit"

    Ich las es in einem Buch von dem Versuch habe aber nicht genau verstanden wieso die deutschen nicht sofort unterschrieben haben
     
  8. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Delcassé wollte ein Bündnis mit dem Deutschen Reich unter Einschluß Russlands? Darf ich fragen, woher diese Information stammt?

    Delcassé war gegenüber dem Deutschen Reich sehr kritisch eingestellt. Zu Beginn seiner Amtszeit kam es fast zur militärischen Konfrontation mit Großbritannien im Zuge der Faschodakrise von 1898. Delcassé zog aber die Reißleine und es begann zwischen Frankreich und Großbritannien der schließlich in der Entente Cordiale einmündete.

    @thanepower
    Zum Abkommen von Björkö kann noch gesagt werden, das es letzten Endes daran scheiterte, das der Zar nicht über die Macht verfügte, um den Vertrag geltung zu verschaffen, obwohl beispielsweise Witte, der sich zu jener Zeit in Paris aufhielt, durchaus für ein Kontinentalbündnis eintrat, wie der deutsche Botschafter Radolin aus Paris berichtete. Der russische Außenminister Lamsdorf, der frühere Adlatus von Giers, informierte den Botschafter Österreich-Ungarns dahingehend, dass das nichts an dem Gang der russischen Politik ändern wird. Lamsdorf hat umgehnd Paris informiert. Reaktion von dort war, Grundlage der französischen Politik bleibe das Bündnis mit Russland. Frankreich bedarf keines anderen. Das Misstrauen gegen die gemutmaßten deutschen Hegemonialabsichten war viel zu groß.

    Canis, Der Weg in den Abgrund, S.147ff
     
  9. pickanick

    pickanick Neues Mitglied

    Die schlafwandler von cristopher clark . Zitat delcassé :,,ich verachte die Engländer " . Er wollte einen antibritischen Kurs einlegen . Gerade hab ich auch bemerkt dass ich etwas überlesen habe. Deutschland wollte elsaß-Lothringen nicht abgeben deshalb wurde aus dem Bündnis nichts .

    Verstehe ich zwar immernoch nicht ganz wieso man elsaß- Lothringen behalten wollte statt ein kolnialreich gründen wollte .
     
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  10. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied


    Wann genau soll das Delcassé gesagt haben?


    Das hatte militärische Gründe.
     
  11. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Lamsdorff wurde von Nikolaus am 30.August in die Abmachungen von Björkö eingeweiht. Lamsdorf lehnte den vertrag entschieden ab und betrachtete diesen "als Verrat an Frankreich."

    Witte, der eigentlich wohl nichts grundsätzliches dagegen hatte, musste schon aus rein finanziellen Erwägungen ablehnen, denn Russland wollte in Paris eine Anleihe von über 2 Milliarden aufnehmen und diese wäre sicher nicht zustande gekommen, wenn Berlin Petersburg neuer Alliierter gewesen wäre. Aus diesem Grunde machten Lamsdorf und Witte den Zaren klar, das der Vertrag nicht in Kraft treten darf. Der Zar begann jetzt gegenüber Wilhelm zurückzurudern und führte aus, der Vertrag solle erst dann in Kraft treten, wenn klar sei, wie sich Frankreich dazustellen würde. Nikolaus machte nunmehr alles vom Votum der Franzosen abhängig. Wilhelm bemühte sich verzweifelt den Zaren an der getroffenen Vereinbarung festzuhalten. Vergebens.

    Röhl, Wilhelm II, Der Weg in den Abgrund
     
  12. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Der Hinweis von Turgot auf die Darstellung bei Röhl [1] ist sicherlich zielführend und beschreibt vor allem aus deutscher Sicht die Intentionen hervorragend. Es ergibt sich zwischen der Sicht von Röhl und der von McLean [3] dabei kein gravierender Unterschied in der Darstellung der Ereignisse.

    Zusätzlich kann man auch festhalten, dass die Ereignisse im Jahr 1905 auf Björkö ein Licht auf die komplizierten Verhältnisse in Europa und für Russland im Besonderen geworfen haben. Der Ausgangspunkt für das Verständnisder Ereignisse auf Björkö ist sicherlich die hohe Bedeutung, die der verlorene Krieg mit Japan hatte und sich massiv auf die russische Verhaltensweise in 1914 auswirkte und das Verhalten der russischen Entscheidergeneration teilweise erklärt[2]

    Die globalen politischen Veränderungen in 1904 bilden dabei den Rahmen, warum vor allem von Holstein im Herbst 1904 aus der Perspektive des DR versucht wurde, eine Annäherung an R zu erreichen. Diesen Gedanken hatte KW II in Björkö Mitte 1905 aufgegriffen und zunächst auch die Unterstützung durch Bülow erhalten.

    Dass zentrale Mißverständnis war, das dem Vertrag von Björkö zugrunde lag, dass KW II davon ausging, dass Nikolaus noch über seine traditionell angestammte politische Macht verfügen würde. Und den Vertrag gegenüber seinem Außenministerium, das traditionell eher pro-französich agierte [3, S. 131], durchsetzen könne[3, S. 132].

    Die Ursachen für dieses Mißverständnis von KW II sind dabei in den gravierenden politischen Veränderungen in Russland seit 1904 zu sehen, die er falsch eingeschätzt hat [vgl. dazu die Darstellungen bei 6]. Durch den verlorenen Krieg [4, S. 14] mit Japan 1904/1905 war R militärisch gravierend geschwächt und stand aufgrund seines extrem hohen Kapitalbedarfs am Rande des Staatsbankrotts. Durch die „Revolution von 1905“ wurde mit der „Duma“ eine „demokratisch“ gewählte Vertretung geschaffen, die einen durchaus gravierenden Einschnitt für das autokratisch regierte Russland gebildet hat und Auswirkungen auf die politische Rolle des Zaren hatte. Er war zu diesem Zeitpunkt, Mitte 1905, nicht mehr in der Lage, alleine für Russland außenpolitisch bindende Verträge abzuschließen. Gleichzeit wurde von Witte eine Reform, des Kabinetts durchgeführt, die dem „Premier / Kanzler“ eine führende Position zubilligte, in Anlehnung an das Bismarck`sche Modell und das Machtzentrum deutlich in das Kabinett verlagerte.

    Vor diesem Hintergrund des Krieges in 1905 positionierten sich die Großmächte neu und dieses Jahr muss wohl in seiner Weichenstellung für die Ausbildung der rivalisierenden Blöcke als besonders relevant angesehen werden.

    Aus der Sicht von GB bot die relative Schwäche von R in 1905 für den britischen Außenminister Lansdowne die Möglichkeit, einen Ausgleich zu suchen und den drohenden Konflikt um Indien beizulegen [5]. Diese Annäherung von R und GB ist ein Teil der Erklärung der folgenden Verschärfung des Gegensatzes zwischen GB und dem DR. Neben der Marokko-Krise von 1905.

    Die relativ geringe Unterstützung von R durch F während des japanisch-russischen Krieges war dabei der primäre psychologische Ansatzpunkt für KW II in seiner Argumentation auf Björkö gegenüber Nikolaus und erklärt auch die Bereitschaft von ihm, der persönlichen Freundschaft zu KW II einen höheren Stellenwert einzuräumen wie in der Vergangenheit. Aus dieser „intimen“ Diskussion zwischen den beiden ergab sich durchaus das Potential, den Zusammenhalt des Bündnis zwischen R und F massiv zu hintertreiben, zumal Delcasse erfolgreich im japanisch-russischen Konflikt verhandelt hatte und die Wahrscheinlichkeit einer Dreier-Allianz aus F, GB und R damit realistischer wurde [7, S. 22].

    Die Unterzeichnung des Vertrags durch Nikolaus hielt er ca. 6 Wochen gegenüber seinem Außenminister Lamsdorf geheim (vgl. Termin bei Turgot: Audienz am 30. August 1905). Von Lamsdorf wurde sofort die Problematik des Vertrages erkannt, die Russland gleichzeitig auf beiden Seiten !! in einen Krieg zwischen dem DR und F verwickeln könnte [6, S. 79ff]. Im Zuge der weiteren Behandlung des Vertrags erhielt Lamsdorf von Nikolaus den Auftrag, den Vertrag auch F vorzulegen und einen Beitritt zu verhandeln. Ein Ansinnen, das angesichts des eskalierenden Konflikts im Rahmen der Marokko-Krise nahezu aussichtslos war.

    Auf seinem Rückweg von den japanisch-russischen Verhandlungen machte der russische Premier Witte einen Stop in Berlin und KW II informierte ihn, dass er mit Nikolaus einen Vertrag unterzeichnet hätte, der die Ideen von Witte für ein „Kontinental-Block“ aufgreifen würde. Vor diesem Hintergrund war Witte bereit das Abkommen bei seiner Ankunft in Petersburg zu unterstützen. Durch die Einsichtnahme in den konkreten Vertragstext revidierte Witte seine Haltung und schloss sich der Sicht von Lamsdorf an [6, S. 80].

    Das zwischenzeitliche Junktim der Franzosen zwischen einer Unterstützung in der Marokko-Frage und der Gewährung des dringend benötigten Kredits beendete die Diskussion über den Vertrag von Björkö und beerdigte die Vorstellung von KW II, durch ein neues „Groupment“ in Europa die kleinen Völker in die Anziehungskraft des großen „Schwergewichtzentrums“ eines Kontinental-Blocks hineinzuziehen [1, S. 410].

    Eine der zentralen außenpolitischen Folgen des Krieges war, dass die Politiker im „Concil of Ministers“ auf einer konservativen und behutsamen russischen Außenpolitik bestanden, solange die Erholung und der Wiederaufbau von Russland nicht abgeschlossen war. Und in diesem Sinne wurde die russische Außenpolitik im wesentlichen durch den Wunsch getrieben, die russische Großmachtposition mit massiven französischen und englischen Anleihen zu stabilisieren.

    Eine Hypothek, die die Handlungsfreiheit von Russland im Juli 1914 massiv beeinträchtigen sollte und eine Erklärung für die Eskalationsspirale im Juli 1914 ist.

    [1] J.Röhl: Wilhelm II, Der Weg in den Abgrund, 2009, S. 418ff
    [2] R. Kowner (Ed.) The Impact of the Russo-Japanese War, 2009
    [3] R. McLean: Dream of German Empire, in: A.Mombauer & W. Deist: The Kaiser, 2003, S. 119ff
    [4] H. Strachan: The First World War: Volume I. To Arms, 2001
    [5] C. Lowe & M. Dockrill: Foreign Policy of the Great Powers, Vol. III, The Mirage of Power, Part I, British Foreign Policy 1902 – 1914, 1972
    [6] D. McDonald: United Government. Foreign Policy in Russia 1900-1914, 1992
    [7] J Keiger: France and the Origins of the First World War, 1983
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. April 2014
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