Vordatierung von NSDAP-Mitgliedschaften?

Dieses Thema im Forum "Das Dritte Reich" wurde erstellt von seiffus, 25. Dezember 2020.

  1. seiffus

    seiffus Neues Mitglied

    Liebes Forum,
    ich werte zur Zeit die Entnazifizierungsakte unseres ehemaligen Bürgermeisters (1919 - 1945) in einer niederrheinischen Kleinstadt aus. Er gab im Entnazifierungsfragebogen 1945 an, dass er im Mai 1933 (= also kurz vor der vierjährigen Aufnahmesperre) der Partei beigetreten sei.
    Dies hatte zur Folge, dass er (aufgrund des frühen Beitritts) in Kategorie IV eingeordnet wurde, was eine Fortsetzung seiner Bürgermeistertätigkeit unmöglich machte. Er schrieb dann an den zuständigen Ausschuss, dass er sich getäuscht habe: In Wahrheit sei er erst 1937 beigetreten (s. Originaltext unten).

    Meine Frage: Kamen solche Rückdatierungen von NSDAP-Beitritten - ohne Zustimmung des Betroffenen - tatsächlich vor? Ich meine jetzt nicht Ausnahmefälle von "Promis", mit denen sich das Regime schmücken wollte.
    Ich habe übrigens die NSDAP-Zentral- und Gaukarteikarte beim Bundesarchiv Berlin angefordert - die Mitgliedsnummer passt zum Jahr 1933.
    Dankeschön für eure Hilfe und ein frohes Weihnachtsfest an alle Forenmitglieder!


    Den Aufnahmeantrag an die Partei habe ich, wie ich erst
    nachträglich ermitteln konnte, und wie ich hiermit
    versichere, im Jahre 1937 gestellt. Wenn meinerseits als
    Eintrittsdatum ‚Mai 1933’ angegeben ist, so ist dieser
    Zeitpunkt der mir damals von der Partei schriftlich
    mitgeteilte. Es gehörte damals anscheinend zu den
    üblich gewordenen Gepflogenheiten, solche
    Rückdatierungen des Eintrittszeitpunktes eigenmächtig
    vorzunehmen. Wie ich aber ausdrücklich versichere, ist
    eine solche Rückdatierung des Eintrittszeitpunktes
    seinerzeit von mir nicht beantragt worden. Auch
    lediglich die Tatsache, meine damals im Jahre 1937
    schon mehr als 17 Jahre inne gehabte Stellung als
    Bürgermeister der Gemeinde XXX weiter zu halten
    und um damit meinen Lebensunterhalt zu sichern, hat
    mich schliesslich notgedrungen zur Stellung des
    Aufnahmeantrags gebracht. Bei Ausfüllung des
    vorigjährigen Fragebogens war mir nicht in Erinnerung,
    wann ich den Aufnahmeantrag gestellt hatte. Erst vor
    wenigen Wochen ist es mir nun möglich gewesen,
    wenigstens den Jahreszeitpunkt zu ermitteln, ich gebe
    daher jetzt diese erläuternde Erklärung wahrheitsgemäss
    und zusätzlich ab. Die Richtigkeit über diesen
    meinen Eintritt im Jahre 1937 kann u.a. der Polizeileutnant
    Strathmann in XXX bestätigen, der
    auch, wie ich von diesem im Verlauf meiner
    Ermittlungen jetzt erfahren habe, Einzelheiten über den
    Aufnahmevorgang noch genau weiss.
     
    Zuletzt bearbeitet: 25. Dezember 2020
  2. Pardela_cenicienta

    Pardela_cenicienta Aktives Mitglied

    Wäre so etwas nicht über die Mitgliedsnummer einzuordnen?
     
  3. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Am ehesten kannst Du entsprechende Hinweise bei Falter u.a. finden. Die ersten Kapitel zur methodischen Bewertung der Mitgliederdaten können beispielsweise bei einem großen Online-Buchhändler direkt eingesehen werden. Es werden also die Themen behandelt, die Du auch berührst.

    Bei Nichtbeantwortung, am besten direkt eine Mail an einen der Mitarbeiter von Falter schicken, da die sich mit dieser Problematik sicherlich ausführlich beschäftigt haben im Rahmen der Reliabilitätsprüfung der Mitgliederdaten in ihrer Datenbank.

    Falter, Jürgen W. (Hg.) (2016): Junge Kämpfer, alte Opportunisten. Die Mitglieder der NSDAP 1919-1945. Unter Mitarbeit von Axel Böhm, Gerhard Botz, Benjamin Hertlein, Kristine Khachatryan, Jonas Meßner, Evelyn Otto et al. Frankfurt, New York: Campus Verlag.
     
    flavius-sterius, beetle und seiffus gefällt das.
  4. seiffus

    seiffus Neues Mitglied

    Vielen Dank für den Tipp! Ich habe beim Querlesen zwar nicht die gesuchte Antwort gefunden, dafür aber eine Information, die meine Frage hinfällig gemacht hat: Falter schreibt, dass die "Märzgefallenen" (also die NSDAP-Neumitglieder nach den letzten Reichstagswahlen) ihre Ausweise teilweise erst 1936 erhielten, weil die Münchner Parteizentrale mit der Bearbeitung der Eintrittswelle heillos überfordert war. Das erklärt für meinen konkreten Fall so einiges... Super!
     

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