Waffenschein (urspr. Frage) > Waffenberechtigung

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Mittelalter" wurde erstellt von Tia560, 27. April 2020.

  1. Tia560

    Tia560 Gast

    Hallo zusammen!
    Brauchte man im Mittelalter eigentlich auch schon einen Waffenschein oder Ähnliches, um Waffen wie Schwerter oder Dolche kaufen zu dürfen? Und waren die Waffenschmiede verpflichtet, dem Stadtherrn/Fürsten Auskunft zu geben, wenn jemand eine extrem hohe Anzahl an Waffen gekauft hat, die zum Beispiel für Gewalttaten oder einen Aufstand verwendet werden könnten?
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Obwohl ich glaube, dass hinter der Frage jemand sitzt, der die Frage gestellt hat, um zu schauen, OB wir darauf antworten und nicht ernst meint, beantworte ich die Frage im Folgenden mit der Prämisse, dass sie ernst gemeint ist. Einfach um ein gewisses Restrisiko, dass die Frage doch ernst gemeint ist, angemessen zu behandeln.

    - das Mittelalter ist eine sehr lange Zeit.
    - den Großteil dieser Zeit konnten nur die Allerwenigsten lesen und schreiben.
    - Papier gab es den Großteil der Zeit nicht (zumindest nicht in Europa), es gab Papyrus, das aber selten war und Pergament, das teuer war.
    - Papyrus kam aus Ägypten und vielleicht auch aus Sizilien
    - Pergament ist die Haut eins Lamms oder Kalbs, besonders wertvoll, wenn das Jungtier noch ungeboren war. Die Tiere waren kleiner als unsere heutigen Exemplare
    - Druckverfahren wurden in Europa für massentaugliche Produktion erst im 15. Jhdt., also zum Ende des Mittelalters entwickelt
    - Waffen waren teuer. Sich Waffen leisten zu können bedeutete, einen gewissen Reichtum zu haben. Wie teuer Waffen waren, mag man daran erkennen, dass viele freie Bauern sich freiwillig in Abhängigkeit begaben, weil sie es sich nicht leisten konnten, als freie Männer dem Herrbann zu folgen, wenn sie gerufen wurden und dabei ihre Felder brach liegen zu lassen.
    - die Leute dürften im Mittelalter handwerklich etwas geschickter gewesen sein, als wir heute, weil sie eben so ziemlich alles selber herstellen mussten und nicht im Supermarkt an der Ecke alles hinterhergeschmissen bekamen. Sprich: Im Mittelalter sollten die Leute in der Lage gewesen sein, vieles selber herzustellen, wenn sie denn die notwendigen Rohstoffe dafür hatten. Also nicht zu schmieden, aber z.B. eine Sichel zu einer Waffe umzubauen, oder aus einem jungen Baum einen Spieß herzustellen.
     
  3. Tia560

    Tia560 Gast

    Meine Frage war ernst gemeint. Mir ist schon klar, dass "Papier" im Mittelalter rar war und dass ernsthafte Waffen wohl so einiges kosteten. Mir geht es darum, ob es allgemein zulässig war, Waffen wie Schwerter oder Dolche - also keine selbstgemachten - zu besitzen, obwohl man nicht bei der Armee angestellt war und sie somit nicht für den König/Fürsten/etc. gebrauchte, sondern für eigene Zwecke, die sich auch gegen den König etc. richten könnten.
     
  4. Papa_Leo

    Papa_Leo Aktives Mitglied

    Bei der Armee war man nicht "angestellt", denn es gab im Mittelalter die längste Zeit keine stehende Armee, bei der man sich gegen Bezahlung verdingte.
    Wie schon oben erwähnt, ist das Mittelalter eine lange Zeit, in der Dinge sich änderten. Europa ist auch ein großes Gebiet und nicht überall mögen die gleichen Regeln gegolten haben.
    Soweit ich weiß, war das Tragen von Waffen wie Schwertern bestimmten Gruppen der Gesellschaft (dem Adel, en Mitgliedern der Zünfte und Gilden, also den freien Bürgern ... kurz gesagt: Freien Männern) vorbehalten.
     
  5. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Stadtbürger waren sogar häufig dazu verpflichtet, Waffen zu besitzen.
    Im Mittelalter gab es hier und da Vorschriften, die das Tragen (nicht den Besitz!) von Waffen einschränkten.

    In den deutschsprachigen Ländern war m. W. Friedrich I. von Württemberg der erste König, der seinen Untertanen ein Waffenverbot aufdrückte:
    Historie // Bürgerwache Saulgau 1239 e.V.

    In Österreich wurde der Besitz bestimmter Waffen 1852 verboten, allerdings nicht in allen Landesteilen:
    ÖNB-ALEX - Reichsgesetzblatt 1849-1918

    Ein deutschlandweites Waffenverbot ist mir erst aus der Zeit nach dem 1. Weltkrieg bekannt:
    documentArchiv.de - Gesetz über die Entwaffnung der Bevölkerung (07.08.1920)
     
  6. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Auch Unfreie waren verpflichtet Waffen zu besitzen, da sonst das Goaufgebot nicht funktioniert hätte. Um welche Waffen es ging, war landschaftlich verschieden. Jedenfalls konnten sich Bauern sehr wohl Waffen leisten. Ein Speer oder ein Bogen sind wesentlich günstiger als ein Schwert und günstige Seitengewehre entwickelten sich mit der Zeit. In der Regel wurden Speer und Schild (z.B. Niederrhein, wenn ich da gerade nichts verwechsele) oder Bogen (z.B. Ostwestfalen) verlangt, während die Freien oft beides und ein Seitengewehr vorhalten mussten (z.B. laut Sachsenpiegel). In den Städten war es genauer geregelt, welcher Bürger, wie bewaffnet zu sein hatte. Überhaupt differenzierte sich das im späten Mittelalter.

    Was beschränkt war, war das Recht, bestimmte Waffen zu führen. Dies war zeitlich und regional unterschiedlich. Klassisches Beispiel ist das Schwert, dass Ritter, Kaufleute, Studenten und Fechtlehrer zu unterschiedlichen Bedingungen führen durften. Vielleicht ein Grund, dass der Degen (vereinfacht gesagt von einem spanischen Wort für Dolch) im Deutschen nicht Schwert genannt wird, wie in anderen Sprachen: Auch heute wird ja gerne etwas anders benannt, damit ein Gesetz nicht zutrifft. Das ist aber nur naiv gedacht, da ja das materielle Recht, der Rechtsinhalt eingehalten werden muss. Leider wird dies heute auch wieder staatlicherseits genutzt, um den Gleichheitsgrundsatz und die Gewaltenteilung außer Kraft zu setzen.
     
    Hannes gefällt das.

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