Warum akzeptierten die Deutschen Hitlers Begründung von den 2. WK?

Dieses Thema im Forum "Der Zweite Weltkrieg" wurde erstellt von Griffel, 8. Mai 2022.

  1. Griffel

    Griffel Mitglied

    Ich gebe zu, dass ich mich wirklich ständig mit dem Thema 2. Weltkrieg beschäftige! Irgendwann, hängt es einem zum Halse raus! Aber wenn, man mal so darüber nachdenkt, dann ist das Ganze eigentlich ein Witz!
    Und das aus zwei Gründen:
    1. Entgegen aller Behauptungen waren die Deutschen vor 1939 alles andere als kriegsbegeistert oder gierig.
    2. Ähnlich verhielt es sich ja mit der Rüstung! Zwar bejahte man die Aufrüstung grundsätzlich, sah sie aber nicht als das dringlichste Problem an. Es hat Hitler ja regelrecht geschockt, dass die deutsche Schwerindustrie, eher an der Produktion von Zivilgütern interessiert war, da man mit diesen größeren Gewinnen erwirtschaften konnte. Auch im Export.
    Aus diesen Gründen, wundert es mich, dass die Deutschen bereit waren, wegen eines popeligen Radiosenders einen Krieg anzufangen bzw. gutzuheißen. o_O⁣, Selbst wenn, es einen polnischen Angriff auf den Sender gegeben hätte, was es nachweislich nicht gab! Ist das als Cassus Belli doch eher unglaubwürdig. Gut! Man kann jetzt sagen, wenn man einen Grund finden möchte, findet man auch einen! Das stimmt. Aber einen Radiosender? Eine solche Einrichtung ist doch eher zivil und hat militärisch keine Bedeutung.

    Selbst wenn, man davon ausgehen muss, dass zu viele Deutsche von Hitler begeistert waren, kann ich mir nicht vorstellen, dass viele im Inland und auch im Ausland das vorbehaltlos geglaubt haben. Die Fakten sind natürlich Fakten. Allerdings glaube ich nicht, dass in den Nachbarländern von Deutschland die Kriegslust unbedingt größer war als bei den Deutschen?
     
  2. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    ..... befand sich dafür aber in Oberschlesien.

    In diesem Gebiet war es zwischen 1918 und 1921 verschiedentlich zu blutigen Auseinandersetzungen gekommen.
    Aufstände in Oberschlesien – Wikipedia

    Und dann war da noch die Volksabstimmung, das uneindeutige in verschiedene Richtungen interpretierbare Ergebnis und die umstrittene Teilung des Gebiets.

    Vor diesem Hintergrund ließ sich natürlich mit der Vorstellung spielen, dass man von polnischer Seite her beabsichtige in Oberschlesien einen orchestrierten Aufstand polnischer Separatisten anzuzetteln und für solch ein Unterfangen, wäre ein Radiosender natürlich ein Teil durchaus kritischer Infrastruktur gewesen.

    Das mutet uns heute relativ wenig glaubhaft an, aber vor dem Hintergrund dessen, was sich in Schlesien um 1920 herum abgespielt hat, finde ich es nicht unbedingt überaschend, wenn Teile der Bevölkerung für solche Vorstellungen empfänglich waren.
    Zumal die Beschleunigung der Ereignisse und die weitgehende Gleichschaltung der Presse es auch nicht unbedingt vereinfacht haben dürfte, sich Gegendarstellungen einzuholen.

    Zumal es solche oder ähnliche Unternehmungen in anderen Teilen Europas (Fiume/Rijeka) durchaus gegeben hatte um die eine oder andere Grenze im Sinne eines beteiligten Akteurs zu verschieben.
     
    Zuletzt bearbeitet: 8. Mai 2022
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  3. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Und wunderst du dich auch, warum Russen zu mehr als 70 % hinter dem Krieg gegen die Ukraine stehen?

    Kriegsvorbereitungen haben immer einen langen Vorlauf. Und damit meine ich nicht nur den Aufmarsch der Truppen an der Grenze zum Land, das man angreifen will – das ist praktisch nur der (vor)letzte Schritt –, sondern die psychologische bzw. propagandistische Kampagne in den Medien zuvor.

    Was den Überfall auf Polen betrifft: Das Reden über den „ungerechten“ Frieden von Versailles hat während der 20 Jahre – von 1919 bis 1939 – praktisch nie aufgehört und wurde durch die Nazis noch verstärkt, was mit den gleichgeschalteten Medien besonders gut funktionierte.

    Im Rahmen dessen wurden Gebietsforderungen erhoben, was nichts anderes bedeutete, als dass man nicht mehr gewillt ist zu akzeptieren, den Krieg verloren zu haben; man wollte neue Grenzen ziehen.

    Nichts anderes hat Putin gemacht: Zuerst die unabhängige Medien als ausländische Agenten hingestellt und/oder nach und nach verboten, dann die Historie verdreht, es folgten unerfüllbare Forderungen und Drohungen, zuletzt wurde einmarschiert. Et voila: Die russische Bevölkerung steht mehrheitlich hinter ihm – wie einst die deutsche hinter Hitler stand.
     
  4. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Man hat zwar eine kleine Minderheit der Deutschen über den totalen Krieg ein inszeniertes Plebiszit abgeben lassen, aber das deutsche Volk hat man natürlich nicht gefragt, ob es einen Vernichtungskrieg führen will.

    Wie weit das sogenannte Augusterlebnis 1914 wirklich authentisch war, darüber kann man streiten, immerhin gab es eine große Zahl von Kriegsfreiwilligen. Eine wirkliche Kriegsbegeisterung gab es auch in Deutschland 1939 nicht. Deutschland war auf einen länger dauernden Krieg nicht vorbereitet, schon gar nicht auf einen Krieg gegen mehrere Großmächte. Nach dem Gesetz von Zahl und Kriegsmaterial hätte die Sache schon 1940 furchtbar in die Hose gehen können. Die Wehrmacht rollte Europa mit dem Konzept des Blitzkrieg auf. Der Manstein Plan-Sichelschnitt war sehr riskant, doch er hatte das Überraschungsmoment auf seiner Seite. Die Wehrmacht operierte mit eigenen Panzerdivisionen, unterstützt von einer starken Luftwaffe. Den alten Generalen die mit dem Intendanturbetrieb der alten kaiserlichen Armee aufgewachsen waren, wurde Angst und Bange, die Wehrmacht setzte sich aber aus verschiedenen Gründen durch: Panzer und Luftwaffe waren in der Weimarer Republik verboten, aber Taktikn wurden aufmerksam studiert. In der 100.000 Mann Armee konnte sich die Reichswehr die besten Bewerber aussuchen, die Wehrmacht war hastig aufgebaut, war aber eine der am besten ausgebildeten Armeen, es wurde extrem geschliffen, die Ausbildung sehr hart. Sie wurde aber modern geführt, jeder Offizier und Unteroffizier war geschult, den nächst höheren Rang übernehmen zu können. Es wurde nach der Auftragstaktik geführt, den Offizieren blieb ein relativ großer Ermessensspielraum und Entscheidungsfreudigkeit begünstigt. Die meisten anderen kriegführenden Staaten waren noch weniger auf einen Krieg vorbereitet, Frankreich einem Bürgerkrieg nah. In Polen kämpfte sozusagen das Material des 1. gegen das des 2. Weltkriegs, und solche Siege waren verhältnismäßig billig.

    Das die Wehrmacht Polen, Dänemark, Norwegen und die Benelux-Staaten überrennen konnte, war zu erwarten, der große Sieg über Frankreich kam dagegen überraschend- und nach dem Frankreichfeldzug dürfte die Zustimmung zu Hitler am größten gewesen sein.

    Für einen Blitzkrieg und Erfolg dabei brauchte es keine Helden und Überzeugungstäter- mit ein bisschen Pervitin wuchsen auch normale Männer über sich hinaus-manchmal waren sie über den eigenen Erfolg überrascht.

    Auch für den Holocaust brauchte es keine Überzeugungstäter- Opportunisten genügten und ganz normale Männer machten dabei mit. Zu den ersten die Juden exekutierten, gehörte das Reservepolizei Bataillon 101 aus Hamburg. Das waren keine Nazis, sondern altgediente Kriminalbeamte aus der Weimarer Republik. Ihr Kommandeur Major "Papa Trapp brach in Tränen aus und sprach von einem furchtbaren Befehl. Er stellte frei, sich zurückstellen zu lassen. Niemand wurde gezwungen, es entwickelte sich aber Gruppendynamik- die meisten taten, was man verlangte.
     
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  5. Traklson

    Traklson Aktives Mitglied

    Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass das ein singuläres Ereignis war. Vielmehr war Der Vorfall mit dem Radiosender in breit angelegte Kriegspropaganda eingebunden. Das Lemo schreibt dazu zum Beispiel:

    Die NS-Propaganda forcierte ab Frühjahr 1939 die in großen Teilen der deutschen Bevölkerung vorhandenen antipolnischen Ressentiments. Im August 1939 berichteten Zeitungen und Rundfunk fast täglich über angebliche polnische Grenzverletzungen und Gewaltakte an der in Polen lebenden deutschen Minderheit. Der Überfall auf Polen sollte so als "gerechte Strafaktion" für die Provokationen erscheinen. Die psychologische Kriegsmobilmachung mit der mythologischen Überhöhung vom Kampf, Opfer und Heldentod hatte bereits Mitte der 1930er Jahre begonnen. Nicht nur Wirtschaft, Industrie und Armee, sondern die gesamte Bevölkerung sollte für den geplanten Krieg mit Hilfe einer intensiven Propaganda mobil gemacht werden.

    Gerade auf LeMO gesehen: LeMO Kapitel: Zweiter Weltkrieg
     
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  6. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Ein Großteil der Deutschen hatte in Jahren der Diktatur längst gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen, das Radio verbreitete sich in den 1930ern zu einem Massenmedium, und damit konnte man auch andere Sender, als den Reichsrundfunk empfangen.

    Andere Meinungsäußerungen als die Linie der Nazis gab es nicht, und Zweifel am Endsieg zu äußern wurde mit zunehmender Kriegsdauer immer gefährlicher.

    Wenn du dich ständig mit dem 2. Weltkriegs und dem 3. Reich beschäftigst, müsste doch eigentlich klar sein, wie "Volksgemeinschaft" funktioniert. Es war leicht, dazu zu gehören, solange man nicht gerade Jude oder Sinto und Rom war. Selbst ehemalige Gegner konnten aufgenommen werden, solange sie sich ruhig verhielten. Teil der Volksgemeinschaft zu werden, setzte aber immer wiederholte, öffentliche Zustimmung zu Maßnahmen des Staates voraus. Aus der Volksgemeinschaft ausgeschlossen zu werden, ging aber u. U. auch schnell, und das wollte die Mehrheit nicht riskieren.
     
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  7. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Ich war am So etwas kurz angebunden, daher noch einige Anmerkungen

    Entgegen welcher Behauptungen denn?

    Halte ich für ein Gerücht. Das Problem dürfte eher das von Hitler forcierte Tempo der Aufrüstung gewesen sein. Die Großindustriellen waren aus verständlichen Gründen nicht erpicht darauf ihre Produktion weitgehend auf Kriegsmaterial umzustellen um in Rekordzeit eine Armee aufzustellen.
    Wozu denn? Das hätte zu einem kurzfristigen Absatzboom geführt und dazu, dass nach Abflauen, dieses vollkommen auf Staatsaufträge angewiesenen Booms eine wirtschaftliche Flaute eingetreten wäre.

    Um einen kurzfristigen Boom mitzunehmen, rüstet aber niemand strukturell sein Unternehmen um, wenn er weiß, dass nach absehbarem Ende dieses Booms die umgebauten Strukturen zu einem Problem werden.

    Die Industrie hatte durchaus kein Problem damit Kriegsgüter zu produzieren. Sie hatte nur ein Problem damit, diese Produktion so sehr auszubauen, dass das allzu sehr zu Lasten der zivilen Produktionsschine ging.
    Und das aus unternehmensstrategischer Sicht vollkommen zurecht.
     
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