Warum "durfte" die Schweiz neutral bleiben?

Dieses Thema im Forum "Österreich | Schweiz" wurde erstellt von Gast, 1. August 2005.

  1. Gast

    Gast Gast

    Wie wir alle Wissen gibt es in der Schweiz deutschsprachige Gebiete. Wieso wurde bei den Gründungsversuchen und -ideen nie dieser doch ansich deutsche Teil der Schweiz zum deutschen Nationalstaat gezählt? (dass es eine ideologie ist ist klar, nur es ergibt keinen Sinn für mich dass der Schweiz die Neutralität zugestanden wurde)

    hat dies irgendwelche wirtschaftlichen Folgen? Eventuell das Bankwesen?
     
  2. White_Wolf

    White_Wolf Neues Mitglied

    Wenn du es jetzt auf den 2. WK beziehst ja,... Hitler brauchte die neutrale Schweiz um Handel mit vielen anderen Nationen, auch mit Händlern aus den USA über die neutrale schweiz zu tätigen.
     
  3. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Von welcher Gründung sprichst Du? Die Gründung der Eidgenossenschaft 1291, die Anerkennung der Souveänität 1648 (völkerreichtliche Annerkennung). Die Helvetische Republik zwischen und 1798 - 1803? Die Mediation 1803 bis 1815? Dem Fünfzehnerbund 1815 bis 1848? Oder die Gründung der heutigen Schweiz 1848?

    Entwicklung der schweizerischen Neutraltität:

    Die Wegbereiter der Neutraltiät waren Niklaus von der Flüe (1417 - 87) und Ulrich Zwingli (1484 - 1531). Von der Flüe sagte: "Mischet euch nicht in fremde Händel und Mach den Zaun nicht zu weit. Die Eidgenossenschaft war schon zwischen 1515 bis 1815 Neutral. Diese Neutralität wurde am Wiener Kongress und im Pariser Frieden anerkant.
     
    Zuletzt bearbeitet: 1. August 2005
  4. Repo

    Repo Neues Mitglied

    OK Ursi,

    aber in den Napoleonischen Kriegen mischte die Schweiz noch ganz kräftig mit.
    Es waren Schweizer die Napoleons Rückzug an der Beresina deckten.

    Siehe auch hier:
    http://www.baselland.ch//docs/archive/hist/fragen/130/183.htm

    Grüße Repo
     
  5. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

  6. Repo

    Repo Neues Mitglied

  7. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

  8. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Hier mal ein paar Begriffe zum Verständniss:

    Alte Eidgenossenschaft (1291 bis 1798)

    Drei Urkanone: Uri, Schwyz, Unterwalden (1291)
    Acht alten Orte: Luzern (1332), Zürich (1351), Glarus und Zug (1352), Bern (1353)
    Dreizehn Alte Orte: Freiburg udn Solothurn (1481) Basel und Schaffhausen (1501) Apenzell (1513)

    Die alte Eidgenossenschaft erlebte zwischen den Burgunderkriegen (1476/77) und der Niederlage von Marignano (1515) ihren Höhepunkt. Seit dem Schwabenkrieg war sie de facto und seit dem Westfälischen Frieden de jure ein unabhängiger Staatenbund.

    Helvetik (Helvetische Republik 1798 bis 1803)

    Zeit nach dem Zusammenbruch der alten Eidgenossenschaft infolge des französischen Einmarsches. Eie Helvetische Republik war ein zentralistisch regierter Einheits- und Freistaat.

    Mediation (1803 bis 1815)

    Ist die Zeit zwischen der Helvetik und dem Fünfzehnerbund. Der Name stammt von der Vermittlungsakte, die der Erste Konsul Napoleon in Paris der zerstrittenen schweizerischen Verfassungskommission übergab.

    Es entstanden neue Kantone: St. Gallen, Graubünden, Aargau, Thurgau, Tessin und Vaud. Wallis, Neuenburg und Genf sowie das Bistum Basel gehörten noch zu Frankreich.

    Fünfzehnerbund (1815 bis 1848)

    Name der Eidgenossenschaft zwischen 1815 und 1848. Der Staatenbund wurde teilweise wieder hergestellt. Zu den 19 Kantonen kamen noch das Wallis, Neuenburg und Genf dazu. Neuenburg war bis 1848 (rechtlich bis 1856) Kanton und preussiches Fürstentum.

    1848 wurde der Bundesstaat gegründet.
     
  9. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Wobei noch zu erwähnen bleibt, dass die Entstehung der Eidgenossenschaft in der Anfangszeit maßgeblich von der Förderung durch die "Nicht-Habsburgischen" Kaiser des späten Mittelalters provitierte.

    Grüße Repo
     
  10. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

  11. Hurvinek

    Hurvinek Gast

    Nun sind ja viele Postings eingegangen, aber keine Antwort zur Eingangsfrage. Oder zumindest andeutungsweise.

    Wie ich der Frage entnehme, geht es darum, warum deutschsprachige Gebiete nicht deutsch blieben sondern in einer nationalen Schweiz aufgingen.
     
  12. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Warum? Weil die Eidgenossen nicht wollten! 1499 sind die Eidgenossen de Facto aus dem Reich ausgeschieden, haben schon bei der Türkensteuer 1526 nicht mehr mitbezahlt, und sind de jure 1648 endgültig ausgeschieden. Die italienisch und französisch sprachigen Teile sind eher als Kriegseroberungen anzusehen.

    Eigentlich habe ich die Entstehungsgeschichte der Eidgenossenschaft als bekannt unterstellt. Intressierten empfehle ich den Wilhelm Tell von Friedrich Schiller.

    Grüße Repo
     
  13. Rüdiger

    Rüdiger Mitglied

    Da könnte man fast die Entwicklungsgeschichte der Schweiz derjenigen der USA gegenüberstellen. Sowohl die Gemeinsamkeiten als auch die Unterschiede halte ich für interessant.
    Das Wichtigste, von Repo angesprochen:
    Sie wollten nicht. Nämlich die Eidgenossen nicht abhängig von Habsburg sein und die britischen Kolonien in Nordamerika nicht von der britischen Krone.
    Weiter gab es in beiden Fällen ursprünglich keine Zentralverwaltung, sondern nur, sagen wir, Interessengemeinschaften unterschiedlicher Kolonien bzw. Kantone, denen sich auch jeweils nach und nach weitere Kolonien bzw. Kantoren...Entschuldigung: Kantone hinzugesellten.
    Und beide Staaten tendieren auch heute noch eher zum Föderalismus.

    Unterschiede gibt es natürlich auch eine ganze Menge.
    Z.B. waren die Bewohner der britischen Kolonien- abgesehen von den Indianern, die ja mit der Unabhängigkeitserklärung nichts am Hut hatten- logischerweise Zugereiste, die sich dann vollständig von ihrem Mutterland lossagten, während die Eidgenossen Alteingesessene waren, die sich nicht dem Diktat der Habsburger unterwerfen wollten bzw. später auch nicht mehr dem der deutschen Kaiser.
    Des Weiteren gibt es in den USA nur eine Amtssprache, während es in der Schweiz deren vier gibt, da es sich hier eher um eine Völkergemeinschaft handelt- eine kleine, erstaunlich gut funktionierende UNO gewissermaßen- während es sich bei den USA eher um ein Völkergemisch handelt bzw. handeln soll, in dem es keine Völker mehr gibt, sondern nur noch Menschen wie du und ich (, die alle englisch sprechen, gute Basketballer sind und das Vaterunser sowie den Fahneneid auswendig können, ha-ha).

    Naja, fiel mir nur gerade so ein.
     
  14. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Ob Schiller jetzt genau die Entstehung der Schweiz beschrieben hat stelle ich mal einfach so in den Raum und in Frage. Es gibt bessere Werke als die Sage um Tell. ;)

    Auf dem Gebiet der heutigen Schweiz, gab es bereits im 13. Jahrhundert unabhängige Bündnisregionen. Zweck war die Friedensverwaltung und militärische Hilfeleistungen gegen lokale Adlige.

    In der Gotthardregion entstand die ländliche Eidgenossenschaft, diese Bündnisse kann man vergleichen mit den Bündnissen in Vorarlberg, Graubünden und Briançon. Diese ländlichen Bündnisse sind Möglicherweise bereits zwischen 1240 bis 90 entstanden, urkundlich fassbar ist der August 1291, da verbanden sich Uri, Schwyz und Nidwalden zu einem Bündnis. Sie wollten den äusseren Frieden durch gegenseitige Waffenhilfe sichern, der innere Frieden wurde durch Schiedsverfahren gesichert. Nachdem Sieg über Habsburg im Morgartenkrieg 1315 wurde der nun auf Deutsch abgefasste Bund erweitert. Nun kam eine gemeinsame Militär- und Bündnispolitik gegen aussen dazu. Was Aussergewöhnlich war, sie schlossen sich mit den Städten des Mittellandes unbefristet zusammen. Luzern suchte 1332 einen militärischen Rückhalt bei den drei Ländern, weil die Bürgerschaft der Habsburger versuchte in Luzern die Macht zurück zu bekommen, das gleiche wurde in Zürich versucht, die Bürger der Stadt ersuchten 1351 militärische Hilfe bei den drei Ländern. Damit konnte in Zürich die Zunftverfassung abgesichert werden (die Adligen wurden 1336 vertrieben). Die Bündnisse mit Zug und Glarus wurde gewaltsam durchgesetzt, damit erzielte die Eidgenossenschaft die räumliche Geschlossenheit. 1353 wurde die Verbindung mit der burgundischen Eidgenossenschaft durch den ewigen Bund mit der Reichsstadt Bern erreicht, dieser Bund baute auf die befristeten militärischen Hilfsbündnisse Berns mit Uri, Schwyz und Unterwalden (seit 1323). Der Berner Bund diente der gegenseitigen Interessenabgrenzung im Oberland sowie der Absicherung gegen Habsburg und regionale Adlige. Der Zürcher Bund enthielt die Bündnisfreiheit, eine klare Umschreibung des Hilfskreises, detaillierte Bestimmungen zum Schiedsgericht, die Möglichkeit zur Revision bei Einstimmigkeit. Nun wurde die achtörtige Eidgenossenschaft auch von aussen als dauerhaftes politisches Gebilde wahrgenommen.


    1353 bis 1515

    Das Bundessystem konsolidierte sich durch zusätzliche Bünde und die Bünde wurden modernisiert. Der Pfaffenbrief von 1370 brachte die weitgehende Ausschliessung fremder geistlicher Gerichte und ein Verbot der Fehde. Im Sempacherbrief von 1393 wurde nach den erfolgreichen Schlachten von Sempach (1386) und Näfels (1388), an dem zum erstenmal alle achte Orte gemeinsam gefochten hatten, festgehalten dass kein Ort ohne Zustimmung der andren Krieg anfangen dürfe. Reichsrechtlich wurden die eidgenössischen Bündnisse durch die Bestätigung der antihabsburgischen Herrscher Kaiser Karl IV und König Wenzel, was doch bemerkenswert war, weil der Kaiser in der Goldenen Bulle von 1356 alle Verschwörungen und Verbindungen verboten und alle deutschen Städtebünde 1389 aufgelöst hatte.

    Die territoriale Erweiterung der Eidgenossenschaft, die zudem trotz des Verbots in der Goldenen Bulle eine entfeudalisierende Ausburgerpolitik betrieben, erfolgte über Eroberung, Kauf, Pfandschaft, Burg- und Landrechte. Vor allem mit den Burg- und Landsrechten knüpften die eidgenössischen Orte Beziehung mit anderen Städte, Herren und Landschaften.

    Gefährdet wurde das politische System 1442 als Zürich mit den Habsburgern ein Bündnis einging. Die eidgenössischen Orte machten es ähnlich wie 1393 beim alten Zürichkrieg, sie liesen die im Zürcher Bund garantierte Bündnisfreiheit auf Kosten der Eidgenossenschaft nicht mehr zu.

    Die Städteorte Zürich, Bern und Luzern fühlten sich von den Innerschweizer Söldnern die im Gefolge der Burgunderkriege durch die Lande streiften bedroht, deshalb schlossen sie ein ewiges Burgrecht mit den Städten Freiburg und Solothurn, was die Länderorte als Erweiterung der Eidgenossenschaft ablehnten. Der Einsiedler Niklaus von der Flüe vermittelte zwischen den Parteien, das Stanser Verkommnis wurde vereinbart. Gleichentags kam der ewige Bund mit Freiburg und Solothurn zustande. Die Länderorte verweigerten den beiden neuen bis 1501 die gleichberechtigte Beschwörung der Bünde. Die ewigen Bünde mit Basel und Schaffhausen wurde 1501 geschlossen. Appenzell wurde dank der Waffenhilfe 1499 bis 1513 als letzter und dreizehnter Ort aufgenommen. Der Minderberechtigte Status der fünf neuen Orte zeigte im Anschluss con den alten gemeinen Herrschaften, in der Beschränkung der Bündnisfreiheit, in der Unterwerfung die Vermittlung der alten Orte sowie Basel, Schaffhausen und Appenzell in der Verpflichtung zu Neutralität und Vermittlung in innereidgenössichen Konflikten

    Mit der Niederlage in Marignano kam die Expansion der Eidgenossenschaft zum stillstand.

    Nun begann die Zeit der Reformation, was zum Prüfstein der Eidgenossenschaft wurde. Vier Bürgerkriege durchzogen die Schweiz, die beiden Kappelerkriege und die beiden Villmergerkriege. Trotz der Glaubensspaltung und den Bürgerkriegen funktionierten die gemeineidgenössischen Tagsatzungen und das Bündnisgeflecht blieb ohne Aussenpolitische Ambitionen bis 1798 erhalten.


    Wer mehr zur Schweizer Geschichte lesen möchte, dem kann ich folgendes Buch empfehlen:

    Geschichte der Schweiz und der Schweizer, Herausgegeben von Comité pour une Nouvelle Histoire de la Suisse, 2004
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. August 2005
  15. Hurvinek

    Hurvinek Gast

    Wenn die Antworten bekannt sind, warum sollte dann ein "Gast" noch Fragen stellen?
     
  16. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Bitte nichts durcheinander bringen!

    Nicht ein Gast hat nachgehakt, nach etlichen Posts die auch durch Links das Thema ordentlich ausleuchten, sondern das Premiummitglied Hurvinek mit derzeit knapp 600 Beiträgen.

    Daher, nur daher mein Erstaunen.

    Grüße Repo
     
  17. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Es gibt sicher bessere Werke zur Geschichte der Schweiz wie das Schauspiel von Schiller.
    Aber der Gründungsmythos und das Selbstverständnis der Schweiz scheint mir z. B. im Rütlischwur "Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern..."
    überzeugend ausgedrückt.
    Abgesehen davon steht der "Tell" mindestens als Reclam-Heft in jedem deutschsprachigen Haushalt, der Zugang ist also relativ einfach. Und lesen sollte den Tell wirklich jeder mal.

    Grüße Repo
     
  18. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Literarisch gesehen gebe ich dir recht.
     
  19. Mercy

    Mercy unvergessen

    Wollen wir mal eine Umfrage machen, wer die Axt äh den Tell im Haus hat?
    In der Schule war er jahrelang verpönt.
     
  20. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Echt?
    Bist Du sicher? meine 3 Kinder haben ihn jedenfalls alle in der 9. Klasse gehabt.
    Ich sowieso.

    Aber den Zugang zum Tell möchte ich trotzdem als in jedem Fall einfacher als zu jedem anderen Werk über die Geschichte der Schweiz einschätzen.
    OK, OK kein Werk zur Geschichte, aber wenn ich mich recht erinnere hat sich Goethe bei seiner Materialsammlung doch ziemlich an das "Weißbuch" gehalten. Bei aller künstlerischen Freiheit die sich Schiller heruasgenommen hat, aus Bösewichtern wurden Helden und umgekehrt, aber immerhin, wenn ich in die Innerschweiz komme schaue ich immer gern an der Tellskapelle vorbei.
    Es glänzet der See, er ladet zum bade ...

    Grüße Repo
     

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