Warum ging Ostrom nicht unter?

Dieses Thema im Forum "Das Byzantinische Reich" wurde erstellt von Gast123, 22. Oktober 2007.

  1. Gneisenau

    Gneisenau Neues Mitglied

    Tatsächlich, sehr salopp ausgedrückt.

    Ich habe nur wenige Feldzüge studiert, welche derart stümperhaft vorbereitet und durchgeführt wurden, wie der Vandalenkrieg des byzantinischen Feldherrn Belisar.

    Bezüglich der Stärke des Militärs und der Kaiser fällt mir spontan ein, wie Alarich und seine Westgoten 395 durch die byzantinischen Kernlande Mazedonien, Thessalien, Illyricum und Arkadien zogen, ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen. Nicht einmal die Thermopylen oder der Isthmus von Korinth wurde verteidigt. Sparta, Korinth, Argos, Tegea und Megara wurden ohne Gegenwehr eingenommen. Auf Bitte des Palastbeamten Rufinus - welcher anstelle des schwachen jungen Kaisers Arkadius die Entscheidungen traf - eilte der weströmische Heermeister Stilicho mit seinen Truppen herbei und setzte die Westgoten in einem genialen strategischen Manöver schach matt.

    Dass Ostrom - Byzanz sich auf lange Zeit hin behaupten konnte, lag vor allem an seiner günstigen geostrategischen Lage, dem Kreuzungspunkt der Handelswege zwischen dem Schwarzen Meer und dem Mittelmeer sowie Vorderasien und Südeuropa.

    Gneisenau
     
  2. Krail

    Krail Neues Mitglied

    Zunächst möchte ich mich entschuldigen, einen alten Thread auszugraben. Aber da das ein Geschichtsforum ist, wird meine Tat hoffentlich kein großes Ungemach hervorrufen :pfeif:

    Meine Fragen betreffen aber auch dieses Thema, weshalb Ostrom noch so lange Bestand hatte. Gut, Westrom war durch Bürgerkriege, schwache Kaiser und die Barbareneinfälle am Ende. Wirtschaftlich waren sie wahrscheinlich auch nicht auf der Höhe.

    Das Ostreich hingegen stand wirtschaftlich gut da (wie hier festgestellt wurde). Und ich habe hier gelesen, dass Ostrom die Barbarenstämme ableiten konnte?! Wie ist das gemeint, was ist damals geschehen?

    Weiters stellt sich mir die Frage, ob die Zentrifugalkräfte im Osten schwächer waren als im Westen. Im Westen wurden Generäle von ihren Legionen zu Kaisern ausgerufen und sie sind dann auf Rom marschiert. Im Osten hingegen scheint es mir, als ob solche Taten nicht oder nur sehr vereinzelt stattgefunden haben. Es gab keine separatistischen Bewegungen. Und Umstürze waren "stets" (?) Palastrevolutionen, d.h. die Umstürzler befanden sich schon vorher im Umfeld zur absoluten Macht und kamen nicht erst aus fernen Schichten.
    Wie war überhaupt die Macht der Adeligen und der Bürger in Byzanz einzuschätzen? Hatten sie in Rom (frühe Kaiserzeit) mehr Macht als in Konstantinopel, wo der Kaiser ja alle Macht in seiner Person vereint hat?
    Außerdem hatten die Weströmer stets Probleme mit ihren unterjochten Völkern, da war nie lange Ruhe. Im Osten hingegen scheint mir das Reich im Inneren ruhiger gewesen zu sein.
    Natürlich gab es dann am Ende ebenso byzantinische Teilreiche und selbstständige Herrscher wie Jahrhunderte zuvor in Westrom.

    Bezüglich innerer Unruhen in Konstantinopel fällt mir natürlich sofort der Aufstand unter Justinian ein; damals war das Volk aber noch "römischer" als später. Das bringt mich zu einer ganz weit hergeholten Frage, die mir aber dennoch einen Gedanken wert scheint: Gab es Unterschiede in der früher römischen und später griechischen Mentalität? Die Römer scheinen mir gegenüber ihrer Obrigkeit aufsässiger gewesen zu sein als die Byzantiner. Oder kann man viel eher sagen, dass die Byzantiner unterwürfiger waren als die Römer? Das zeigt sich mMn auch sehr im Kaiserbild: Im Westen war der Kaiser zu einem Gutteil volksnahe, während die Ostkaiser eher den orientalischen Stil übernahmen (Proskynese, unfehlbar, des Kaisers Wille ist Gottes Wille, kein Widerwort dulden).
    Wenn das tatsächlich so wäre, wo wären die Gründe hierfür zu suchen? Ist es der Unterschied zwischen der römischen Mentalität als "Eroberervolk" und der griechischen Mentalität als "Volk von Eroberten"?
    Ist so etwas nach Jahrhunderten zwischen Eroberung Griechenlands und Byzanz noch möglich bzw. hat es nach so langer Zeit noch einen Einfluss?
    In wie weit lässt sich überhaupt sagen, dass geschichtliche Ereignisse die Mentalität eines Volkes belasten oder das kollektive Gedächtnis eines Reiches belasten?
     
    1 Person gefällt das.
  3. Melchior

    Melchior Neues Mitglied


    @Krail

    Ostrom (Byzanz) ging 1453 "unter", Westrom 475/476, aber das weißt Du natürlich. Die Literatur hierzu ist "Legion". Ob die "weströmische Bevölkerung" mentalitätsgeschichtlich "aufsässiger" (<= was immer das heißt?) war, als die "oströmische", kann Dir wahrscheinlich, ich halte mich hier sehr zurück und bedeckt, und würde mich über anderslautende Beiträge freuen, keiner meiner Mitdiskutanten beantworten.

    M.
     
  4. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Ist doch ein interessantes Thema, das sich kaum jemals erschöpfend behandeln lässt. :grübel:

    Zunächst ist die unterschiedliche Wirtschaftskraft beider Reichsteile ein ganz entscheidender Faktor. Aufgrund seiner städtischen Struktur, seinem Bevölkerungsreichtum, seiner ausgedehnten Handelsaktivitäten und straffen Finanzpolitik verfügte Ostrom über ein vielfach höheres Steuereinkommen als der westliche Reichsteil, was sich im 5. Jh. dramatisch verschärfte. Die Scharen der Völkerwanderung brandeten vor allem gegen Westrom und entfremdeten wichtige Gebiete, während Ostrom davon nahezu unberührt blieb. Zwar tauchten immer wieder Goten oder Heruler vor den Mauern Konstantinopels auf, doch konnten sie gegen die stark befestigte Metropole wenig ausrichten.

    Ein raffinierter Schachzug war zudem, dass Ostrom seine einstmalige gotische Geisel Theoderich mit kaiserlichem Segen nach Italien schickte. Dadurch wurde das ostgotische Heer von Konstantinopel weg Richtung Italien geführt, wo der eine germanische Usurpator Theoderich dem anderen, nämlich Odoaker, den Garaus machte. So war Ostrom den einen gefährlichen Eroberer los und hatte die Option, sich des anderen, nämlich Theoderichs, im geeigneten Moment zu entledigen. So geschah es dann auch und Ostrom war schließlich der lachende Dritte - auch wenn Italien nicht lange gehalten werden konnte, da Ostrom seine Kräfte überspannt hatte.

    Man darf nicht vergessen, dass Ostrom seine vorderasiatischen Gebiete nur mit Mühe halten konnte. Unter Kaiser Herakleios wurden die Schwächen des Reichs sichtbar: Die Perser unter Großkönig Chosrau durchbrachen 603 die Ostgrenze und eroberten Nordmesopotamien, Armenien und Teile Ostkleinasiens. Allerdings blieb der Kaiser letztlich Sieger, die Perser mussten 630 alle Gebiete zurückgeben. Ab 636, wo die Byzantiner am Fluss Yarmuk in Palästina ihre erste große Schlacht gegen die muslimischen Araber verloren, gingen freilich ganz Vorderasien und Nordafrika verloren.

    Dass die die Bevölkerung Vorderasiens keine separatistischen Gelüste entwickelte, liegt vermutlich daran, dass sie immerhin bereits rund 500 Jahre zum zum Imperium Romanum gehörte und in dieser Zeit soweit romanisiert war, dass sie sich einen von Rom unabhängigen Staat nicht vorstellen konnte. Anders sah das im westlichen Reichsteil aus, wo seit dem Hunneneinbruch im Jahr 375 Goten, Vandalen, Sueben und Alanen das Reichsgebiet durchzogen und dadurch Wirtschaftskraft, Administration, Finanzen und Reichseinheit völlig destabilisierten.

    Der Wille der Bürger artikulierte sich vielfach im Rahmen der so genannten "Zirkusparteien" (demen) , der Blauen, Weißen, Roten und Grünen. Sie konnten neben ihrer eigentlichen Aufgabe im Bereich der Wagenrennen Zustimmung oder Ablehnung des Volks zum Ausdruck bringen. Als Vertreter des Volks wurden sie allmählich zu einer der drei Konstituenten kaiserlicher Macht (Senat, Heer, Volk) und spielten in Byzanz bei der Ausrufung dynastisch nicht legitimierter Kaiser eine Rolle. Seit dem 12. Jh. verlor sich aber ihre Macht.

    Hinsichtlich seiner Herrscher hatte Byzanz das große Glück, dass es eine gewisse Kontinuität gab und vor allem immer wieder Kaiser an die Macht kamen, die politisch und militärisch begabt waren, und das Reich durch militärische, politische oder wirtschaftliche Erfoge und Reformen vor dem Untergang bewahrten. Das Elend der weströmischen Kinderkaiser, die von ihren Heerführern bevormundet wurden, gab es in Byzanz nur selten.

    Hier ist zu berücksichtigen, dass die militärische, politische und geografische Situation von Byzanz seit dem 7. Jh. mit der Zweifrontenlage - anstürmende muslimische Araber im Osten, expandierende slawische Völker im Westen - eine ganz andere war, als sie jemals im Weströmischen Reich bestand. Die Verluste und radikalen Veränderungen des Reichs in kurzer Zeit führten zu gewaltigen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Verwerfungen, deren genaues Ausmaß schwer abzuschätzen ist.

    Mentalitätsgeschichtlich darf man wohl ein Gefühl tiefer Verunsicherung und eine eschatologische Endzeitstimmung annehmen. Die Rekonstruktion des Zeitabschnitts von der Mitte des 7. bis zum Beginn des 9. Jh. erweist sich auch deshalb als schwierig, weil für diese Zeit weitaus weniger Quellen vorliegen, als für die Zeit davor und danach.
     
    1 Person gefällt das.
  5. Krail

    Krail Neues Mitglied

    Das war eine ausführliche Antwort, die mich durchaus zufriedenstellt :D Danke, Dieter
     
  6. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Man hat sie als Söldner an anderen Kriegsschauplätzen eingesetzt. Z.B. die Vandalen an der persischen "Front". Oder, wie Dieter es darstellt, die Ostgoten gegen das von Odoaker geführte Stammeskonglomerat.

    Aber gerade dadurch fehlte es ihnen doch immer wieder an Legitimation. Eigentlich ist es unter diesem Gesichtspunkt eher verwunderlich, dass Ostrom noch weitere 700 Jahre überlebte. Letztendlich sind ja auch Stück um Stück aus dem byzantinischen Kuchen verteilt worden.

    Das ist bei Licht betrachtet ein äußerst unbefriedigender Erklärungsansatz. Auch Rom war gut befestigt. Und gerade die Schlachten im 4. Jahrhundert, die du ja implizit erwähnst, z.B. Adrianopel, waren doch zunächst für Byzanz viel bedrohlicher, als für Rom.

    Andererseits sehen manche Historiker gerade die konfessionellen Kämpfe im Ostreich als Grund für die relativ leichte Eroberung des Nahen Ostens durch die Muslime.

    Die eigenständigen Germanenkönigreiche auf weströmischem Boden würde ich nun nicht mit einer separatistischen Grundhaltung der weströmischen Bevölkerung erklären. Wir haben leider wenig Quellen zu dieser Zeit, doch die wenigen Quellen die wir haben (z.B. Orosius, Hydatius) berichten eher davon, dass man dem römischen Reich nachtrauert, als dass man begeistert von der germanischen Landnahme ist, mit der man sich mehr oder weniger gut arrangiert hat.

    Das klingt ja so, als wäre das eine Dauereinrichtung gewesen.
    Wieviele dieser "Kinderkaiser" gab es denn in Westrom? Honorius, Valentinian und Romulus Augustulus, dessen Vormunde immerhin sein eigener Vater und sein Onkel waren, die wiederum sowieso faktisch die Macht in Italien in den Händen hielten und so sich zwar nicht selber krönten, aber immerhin den Versuch einer eigenen Dynastie wagten. (Das klingt jetzt möglicherweise sehr positiv, ist so aber nicht gemeint).
     
  7. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

    Mit "Volkscharaktern" habe ich es nicht so, zumal zu der Zeit "das Volk" nicht sonderlich gefragt war. Aber die griechische Prägung spielte m.E. schon eine große Rolle. Insofern war Ostrom (vielleicht etwas zugespitzt formuliert) auch nicht viel römischer als das "Heilige Römische Reich". Das mag auch dazu beigetragen haben, dass die Herrschaft der byzantinischen Kaiser eher als autochthon und nicht in dem Maß als Fremdherrrschaft empfunden wurde. Die Invasoren oder Besatzer waren sozusagen schon da, weshalb die Machtkämpfe dann auch als interne Kämpfe wirkten.
    Die Kaiser nannten sich ja auch gerade nicht so, sondern "Basileus" und mit dem Schisma 1054 grenzte man sich ganz massiv von Rom ab.
     
  8. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied


    Seit den Eroberungszügen von Alexander dem Großen war der östliche Mittelmeerraum griechisch geprägt. Die Diadochenreiche sind im wesentlichen im Imperium Romanum aufgegangen, ohne daß die griechische "Leitkultur" durche eine römisch-lateinische ersetzt wurde.
    (Die Ablösung der griechischen Leitkultur geschah in weiten Teilen erst mit der islamischen Expansion im 7. Jhrdt.)


    Nachdem sich mit der Auflösung des Imperium Romanum in der westlichen Reichshälfte der Schwerpunkt des Imperium in die östliche, griechisch geprägte Reichshälfte verlagert hatte, war es nur konsequent, die lateinische Sprache durch das gebräuchlichere Griechisch zu ersetzen. Dies geschah m. W. erst im 7. Jhrdt.

    Die Titulatur "Basileus kai Autokrator" entspricht dem "Rex et imperator".

    Trotzdem hielten die "Griechen" sich weiterhin für "die Römer" als weiterhin fortbestehendes Imperium Romanum. Noch die im letzten Jahrhundert aus Istanbul/Konstantinopel ausgewiesenen "Griechen" benutzten als Bezeichnung für sich selbst "Romaoi" (falls das jetzt richtig geschrieben ist).
     
  9. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Natürlich ist das nicht der einzige Grund, aber die Länge der Postings hat irgendwo Grenzen. Dass die Erosion Westroms gesellschaftliche, soziale, wirtschaftliche, militärische und politische Ursachen hatte, ist hinlänglich bekannt. Ein Bündel von Ursachen hat somit Westroms Niedergang bewirkt und die Erklärung für seinen Untergang ist demzufolge multikausal.

    Warum Ostrom in dieser Hinsicht besser aufgestellt war - sowohl finanziell als auch wirtschaftlich und politisch - habe ich weiter oben ausgeführt.

    Die muslimische Eroberung Vorderasiens und Nordafrikas wurde durch den Umstand gefördert, dass die byzantinischen Steuereintreiber als Blutsauger verschrien waren, was vielfach durchaus zutreffend ist. Viele zunächst noch christlich gebliebene Bauern hatten trotz der Entrichtung des islamischen Kopfzinses eine erheblich weniger drückende Abgabenlast zu tragen, als das unter der byzantinischen Regierung der Fall war.

    Entweder hast du mich falsch verstanden oder ich habe mich nissverständlich ausgedrückt. Mein Beispiel mit den Germanenreichen sollte lediglich den instabilen Zustand Westroms charakterisieren, im Gegensatz zur ruhigen Ostfront Ostroms in Vorderasien - einmal abgesehen von der stets umstrittenen Grenze mit dem Perser- bzw. Sassanidenreich.

    In den entscheiden Jahren seiner Existenz wurde Westrom von unfähigen Kaisern regiert, die entweder nur kurz an die Macht gelangten, Usurpatoren waren oder aber Kinderkaiser, deren Rechte Vormünder wahrnahmen und die sich völlig vom Volk abgekapselt hatten.

    Honorius wurde 393 zum Augustus erhoben, das war er gerade 9 Jahre alt, und der Vandale und Heermeister Stilicho übte für ihn die Regierung aus. 421 machte ihm Constantius III. die Regierung streitig. 423-425 usurpierte nach dem Tod des Honorius der Beamte Johannes den Thron.

    Im Jahr 425 wurde Valentinian III. mit 6 Jahren Kaiser, Vormund war Galla Placidia, später gewann der magister militum Aetius entscheidenden Einfluss. Es folgten in nur 21 Jahren 9 Kaiser (!), die immer nur wenige Monate oder Jahre regiierten.
     
    Zuletzt bearbeitet: 30. August 2010

Diese Seite empfehlen