Warum schrieb die RAF alles klein?

Dieses Thema im Forum "Sonstiges in der Neuzeit" wurde erstellt von Paulee, 21. Mai 2020.

  1. Paulee

    Paulee Neues Mitglied

    Leider verlief meine Internetrecherche erfolglos. Warum verwendete die RAF eine konsequente Kleinschreibung? War das nur ein Stilmittel oder gab es eine politische Begründung?
    Ich hoffe, ihr könnt mir weiterhelfen.
     
  2. Pardela_cenicienta

    Pardela_cenicienta Aktives Mitglied

    Ich denke: Es ist ein Denken das das Ich extrem betont. Es hätte genauso gut ausschliessliche Großschreibung sein können.
     
  3. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

    RAF Kleinschreibung...

    Der historische Hintergrund ist da wohl das Bauhaus.

    Siehe hierzu wiki -> 1925 wurde beim Bauhaus die Kleinschreibung zu Programm (siehe wiki -> Kleinschreibung).

    Von den Überlegungen des Bauhauses ausgehend, verfolgte wohl dann die „Deutsche Jungenschaft“ (Abgekürzt -> dj) vom 01.11.1929 das Prinzip der Kleinschreibung. Siehe hierzu auch >Eberhard Koebel< und siehe auch >Fahrtennamen<.

    Die Kleinschreibung kam immer wieder mal aufs Tablett, Vor allem auch in der Jugendbewegung.

    Gudrun Ensslin verwendete wohl diese Schreibweise schon vor der RAF - Zeit.
     
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  4. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Heute ist es seltener geworden, in den 90ern sah man es noch ab und an.
     
  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Es gibt bestimmte Arten zu schreiben, die sogleich eine politische Zugehörigkeit dokumentieren. Während z.B. bei Rechten an Fraktur erinnernde Schriften beliebt sind, war es bei links Orientierten die schnörkellose Kleinschreibung.

    In Spanien gibt es das Phänomen des -k-. Im Spanischen kommt das -k- (praktisch) nicht vor. Im Baskischen (Euskera spricht man in Euskadi) aber wird das -k- verwendet. Da die baskische Untergrundorga ETA als links galt, und das -k- als Kennzeichen des Baskischen, ist die Verwendung des -k- im Spanischen zu so etwas, wie einer Solidaritätsbekundung für die baskischen Genossen geworden und wird in Graffiti gerne verwendet, etwa der spanischen Hausbesetzerszene: okupa anstelle von ocupa. Xk für porque bzw. por qué (darum/warum).

    Die beabsichtigte Abweichung von der orthographischen Norm ist also in erster Linie ein Wiedererkennungsmerkmal, im Graffiti eine Reviermarkierung.
     
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  6. Paulee

    Paulee Neues Mitglied

    Vielen Dank für eure Antworten. Der Zusammenhang zum Bauhaus ist mir neu.

    - Das verstehe ich nicht so ganz. Ich dachte, das Gegenteil wäre der Fall?

    - Weißt du auch, warum die Linken die Kleinschreibung gewählt haben?
     
  7. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied


    Das ist mal eine Frage...

    „Der Linke“ oder „der linke“?

    „Der Linke“ -> Substantivierung.
     
  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Auch wenn das Bauhaus nicht in dem Sinne „links“ war, muss man die Gründe wohl mit dort suchen, das Bauhaus gehörte ja zu den avantgardistischen Strömungen Anfang des 20. Jhdts., da konnte man anknüpfen. Schnörkellosigkeit, den unnützen Ballast abwerfen, das waren auch bei der Linken seit der Jahrhundertwende Konzepte bei der Schaffung eines neuen Menschen. Groß- und Kleinschreibung - siehe Franz Roh - gehörte aus dieser Perspektive zu diesem unnützen Ballast.
     
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  9. Paulee

    Paulee Neues Mitglied

    Danke. Das ist ein interessanter Gedankenansatz.
     
  10. beetle

    beetle Aktives Mitglied

    nicht ganz - mir fällt gerade in Foren oder anderen sozialen Medien die permanente Kleinschreibung auf. Schlimm wird es für das Verständnis, wenn dann auch noch Satzzeichen fehlen.
     
  11. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Da ist zu unterscheiden zwischen politischer Ästhetik und Faulheit/Unkenntnis der Rechtschreibung.
     
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  12. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Ansonsten ist die Behauptung der "Kleinschreibung" historisch nicht korrekt. Auf die Schnelle lassen sich mindestens 2 Plakate der RAF finden, auf denen alles "groß" geschrieben wurde.

    Dennoch mag der Hinweis auf eine - pseudo - Avantgarde - Stilisierung der RAF ein Zugang zum Thema sein. Allerdings läuft man auch Gefahr der Überinterpretation, weil sich in der Literatar absolut keine Hinweise finden.

    Möglicherweise waren die Bildersprache (Plakate etc.) und die Typographie, neben Lebensstil und Ideologie, ein impliziter und auch - teilweise - unbewußter Ausdruck der - pseudo - revolutionäre Gesinnung der RAF.
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. Mai 2020
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  13. schaf

    schaf Mitglied

    Großschreibung ist sachlich unbegründeter Traditionalismus des alten autoritären Systems.
    Wie das Aufstehen des Angeklagten vor Gericht. Da ist Teufel zwar aufgestanden, hat aber gesagt "Wenn es der Wahrheitsfindung dient."
    Das hat Aufsehen erregt weil es die verkrusteten Autoritäten infrage stellte.
    In Dänemark haben 1948 auch fortschrittliche Kreise die Großschreibung der Substantive abgeschafft. Bei der Rechtschreibreform in Deutschland hatten die Reformer ja als Vorgabe, die Großschreibung beizubehalten. Der Dudenverlag hätte sie gerne abgeschafft.
    Politsch aufgeladen... auch in dem Satz "Er hat in Moskau liebe genossen." Damit sollten die Kleinschreibbefürworter als unmoralische Kommunisten diffamiert werden.

    Schreiben ohne Großbuchstaben ist auf Schreibmaschine viel einfacher und bei den langen sinnfreien Texten war das sicher auch ein Grund.
     
  14. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Könnte mir auch vorstellen, dass die Kleinschreibung bei Meinhof von der NS-Widerstandsbewegung dj.1.11 inspiriert war.
    Ohne viel hineininterpretieren zu wollen, ist es doch bemerkenswert, dass sie bspw. in ihrem Antwortbrief vom 17. Dez. 1974 an Gustav Heinemann (S. 1, 2) sogar die Initialen in dessen Namen kleinschrieb, während sie selbst mit großen Anfangsbuchstaben unterzeichnete. Bei einem Gefallen etwa an Bauhaus-Ästhetik hätte sie ihren Namen doch kleingeschrieben. So aber wirkt die Kleinschreibung eher als Betonung des Unwillens, Regel zu befolgen.(und weniger als Anspruch auf ästhetischen Individualismus, wie bis heute bei manchen Grafikern)
     
  15. Clemens64

    Clemens64 Neues Mitglied

    Großschreibung unterscheidet deutsche Schriftlichkeit von englischer oder romanischer und kann als Teil deutscher Nationalkultur betrachtet werden, welche von der RAF natürlich abgelehnt wurde.
     
  16. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Stimmt. Erklärt aber nicht, warum Meinhof auch die Namen der Adressaten kleinschrieb.
     
  17. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das war aber im Kontext, der Richter hatte sich da ein Eigentor geschossen, denn er hatte im Prinzip Teufel aufgefordert, nicht so sehr zu schwadronieren, und sich nur zu Dingen zu äußern, die der Wahrheitsfindung dienten, als er dann Teufel aufforderte, aufzustehen, konterte der mit dem Spruch.

    Na wenn das dann mal nicht überinterpretiert ist....
     
  18. beetle

    beetle Aktives Mitglied

    ein Hinweis für diese Deutung läßt sich finden:
    Die (jetzt nicht mehr aktualisierte) Seite "rafinfo.de" schreibt:

    Dies geht vermutlich auf Gudrund Ensslin zurück. Laut Gerd Koenens Buch [​IMG] »Vesper, Ensslin, Baader«, war Kleinschreibung damals ein literarischer Trend, den Ensslin schon in prä-RAF Zeiten praktizierte.
     
  19. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Mein Einwand bezog sich auf die nicht zutreffende Vermutung, dass von der RAF - alles - klein geschrieben worden sein sollte. "RAF" wurde ja auch nicht "raf" geschrieben. Wenn Du RAF & Plakate etc. eingibt, bekommt man Bilder zur Schleyerentführung, auf denen z.B. alles in großen Buchstaben geschrieben wurde. Ergo steckt in der Ausgangsvermutung bereits eine nicht zutreffende Beobachtung, weil empirisch die Vermutung nicht überprüft worden ist. Mehr wollte ich nicht sagen.

    Ob das ein "literarischer Trend" gewesen sein soll, erscheint mir ebenfalls eine zu begründende These. "Pardon", Konkret" oder "MAD" hatten "normale Orthographie". Auch wenn das Brand klein geschrieben worden ist.

    Von Böll, Enzensberger, Spiegel, Bukowsky, Cohen, Kursbücher etc. und Co ganz zu schweigen. Allerdings will ich gar nicht leugnen, dass Kleinschreibung immer mal aufgetaucht ist, aber sie war nie wirklich politisch stilbildend.
     
  20. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Ist auch lediglich ein Beispiel, aber das Cover von "Ton, Steine, Scherben" "Keine Macht für Niemand" mit Bezügen in den "Anarcho-Bereich" spiegelt die Pluralität im Umgang mit "Typographie" wider.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Keine_Macht_für_Niemand

    Ähnlich das Debütalbum (1971), bei dem auch auf normale Orthographie geachtet wurde trotz anarchistischer Attitüde: "Macht kaputt, was euch kaputt macht"

    Relevant ist das auch nur deshalb, weil "Ton, Steine, Scherben" sicherlich im musikalischen Bereich eine Art "linker, politischer Avantgarde" waren, die den BRD-Zeitgeist für das linke, jugendliche Milieu mit geprägt hatte.
     

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