Warum Stagnation im Mittelalter?

Dieses Thema im Forum "Alltag im Mittelalter" wurde erstellt von JRRT0lkien, 9. April 2005.

  1. JRRT0lkien

    JRRT0lkien Neues Mitglied

    Hallo!

    Wir nehmen in Geschichte gerade den Alltag im Mittelalter durch. Und je mehr ich darüber lese, desto mehr drängt sich die Frage auf, warum gerade in der Zeit im 10. - 12. Jhd., aber auch darüber hinaus, das Leben der Bauern, die ja über 90% der Bevölkerung stellten, so hart und kurz sein musste.
    Warum änderte es sich über die Jahrhunderte nicht?

    Ich habe neulich in Physik ein Referat über das geozentrische Weltbild gehalten. Aristoteles hat begründet, warum die Erde keine Scheibe sein kann. Warum dachte man es im Mittelalter, ja zu Columbus' Zeiten immer noch?

    Warum ist die Antike teilweise besser dokumentiert als das Mittelalter?

    Vielen Dank im Voraus! :)

    Gruß
    JRRT0lkien
     
  2. Leopold Bloom

    Leopold Bloom Neues Mitglied

    Hallo JRR,

    ich versuch mal den Versuch eines Antwortversuchs ;) :


    Der christliche Vernichtungssturm historischer Bibliotheken hinterließ letztlich auch eine intellektuelle Spur der Verwüstung. Europa war gerade im 6./7./8. JH dem Islam unterlegen was Innovation etc. angeht. Erst der Import einiger Erfindungen und Ideen ließen die westlich-christliche Welt den Rückstand aufholen.
    Hinzu kommt eine Schwäche etlicher größerer Reiche: Das Römische Reich hatte sich aufgelöst, Byzanz hatte mächtig mit den islamischen Nachbarn zu tun.


    Hier bringst du etwas durcheinander. Geo-/contra heliozentrischem Weltbild hat zuerst mal nicht mit Kugel und Scheibe zu tun. Letztlich wusste man das mit der Kugelform durchaus (Magelhaes/Magellan spätestens hats ja bewiesen) nur behauptete die Kirche, die Erde stünde im Mittelpunkt (und die Sonne drehe sich um die Erde und nicht andersrum).
     
  3. JRRT0lkien

    JRRT0lkien Neues Mitglied

    Hallo Leopold!

    Danke für deine Antwort.

    Welche waren das?
    Was machte eigentlich den Islam so stark?
    Tja, heute scheint es genau umgekehrt....

    Hier sprichst du ja vom spätestens 9. Jh. Aber der Fortschritt war auch in den nächsten Jahrhunderten so gering...
    Warum war das Klima für wissenschaften so schlecht? Warum hatten die Bauern so ein kurzes, hartes Leben? - und niemand versuchte wirklich, es zu erleichtern, also durch Erfindungen, durch Arbeitsteilung, Planung. In der Antike war man Meilen weiter, warum dieser Rückschlag in unserer Geschichte?

    Gruß
    JRRT0lkien
     
  4. Obwalden

    Obwalden Mitglied

    Hallo

    Der Zerfall des Römischen Reiches hatte in Westeuropa doch ein beträchtliches Vakuum hinterlassen. Dieses Vakuum füllten dann verschiedene Völker/Stämme, teilweise auch aus dem Norden. Da diese kulturell aber den Römern unterlegen waren, und auch keine grosses Interesse an den Wissenschaften und Künsten hatten, entwickelten sich diese zunächst nicht weiter.
    Der Islam dagegen, der vor allem mit Osteuropa, darunter dem kulturell hoch entwickelten Griechenland, in Berührung kam, liess viele Griechische Werke ins Islamische übersetzen, wo sie die Zeiten überdauerten.
    Man soll aberkeineswegs, wie es oft getan wird, dass Mittelalter unterschätzen.
    Viele Werke erhielten sich auch hier, v.a. in Klöstern. Und es gab auch geniale Wissenschaflter in dieser Zeit, wie etwa Roger Bacon.
    Viele Grüsse
    Mike
     
  5. Louis le Grand

    Louis le Grand Neues Mitglied

    In den "nächsten Jahrhunderten" war der Fortschritt eben nicht gering:

    Die ersten Kreuzzüge spornten die Europäer an, sich wieder mehr den Wisssenschaften und der Kultur zu widmen. Spätestens im Hochmittelalter war die Stagnation überwunden; der Fortschritt zog ein. Die zahlreichen Beispiele für den hohen Entwicklungsstand des Mittelalters lasse ich jetzt mal weg. Aber auch den Bauern ging es besser als in der "finsteren Zeit", Stichwort mittelaterliche Agrarrevolution. Durch deutlich erhöhte Ernteerträge stieg der Wohlstand der Bauern an, die Bevölkerung wuchs enorm.

    Das deutlichsten Zeichen für den neuen "Reichtum" der Bürger und Bauern, aber auch für den technischen Fortschritt ist uns allen bekannt: der Kathedralenbau während der Gotik. Eine techologische Meisterleistung, die zeitgleiche Regionen nicht übertreffen sollten. Die mit Abstand größten und höchsten Gebäude der Welt (quasi der Wolkenkratzer von damals), standen während des Mittelalters in Europa. ;)
     
  6. Louis le Grand

    Louis le Grand Neues Mitglied

  7. Leopold Bloom

    Leopold Bloom Neues Mitglied

    Hallo JRR,

    erstmal hab ich noch Links:

    Linksammlung der TU HH-Harburg http://www.tu-harburg.de/~vbp/docs/medi.html

    Wikipedia

    sowie eine ziemlich umfangreiche Bibliothek der Uni Erlangen: http://www.phil.uni-erlangen.de/~p1ges/ma_resso.html



    Jetzt schnell zu deinen Fragen:

    Einen Teil hat Obwalden bereits beantwortet:
    - Die griechischen und römischen Philosophen wurden ins arabische übersetzt und "überdauerten" dort die Jahrhunderte. Erst später wurden sie von den Europäern wiederentdeckt.
    - Philosphische Ideen eines z.b. Thomas Aquin (die in Teilen importiert sind aus den Gedanken Ibn Sinas).
    - Die "Entdeckung" der arabischen Zahlen (die aber aus Indien kommen) erst ermöglichte ein schnelleres Addieren und Dividieren, was wohl die Wirtschaft definitiv angekurbelt haben dürfte.
    - Erfindungen wie z.B. Buchdruck, Kompass, Fernrohr, Schießpulver


    http://www.uni-koblenz.de/~odswer/projekte/gotik/pro5234.htm
     
  8. Schini

    Schini Neues Mitglied

    Achtung bei Verallgemeinerungen...

    Es ist ein gängiges Mißverständnis, dass das Mittelalter eine homogene, "dunkle" Zeit ist. Im Gegenteil, es gab Konjunkturen von guten Zeiten, die schlechten folgten, Regionen die prosperierten, während andere darbten oder von Kriegen oder Seuchen heimgesucht wurden. Wobei wir natürlich nicht von heutigen Ansprüchen an Lebensstandards ausgehen dürfen, der Abstand zum viel niedrigeren Existenzminimum war für die damaligen Menschen geringer.

    Ein Indikator für wirtschaftlich gute Zeiten ist zum Beispiel die Körpergröße. Je nahrreicher und besser die Ernährung in der Jugend, desto größer werden nämlich die Menschen. Auf Basis von Skeletten aus den verschiedenen Jahrhunderten kann man also die Lebensqualität ableiten und neueren Studien zufolge waren die Menschen im Nordeuropa des 9.-11. Jahrhunderts fast so groß wie wir heute. Allerdings war auch die Nahrung proteinreicher, da die Vieh- und Milchwirtschaft erst später auch durch den Bevölkerungsdrck von der Getreidewirtschaft abgelöst wurden. In den Jahrhunderten darauf folgte eine kleine Eiszeit und schließlich die "Krise des Spätmittelalters" mit Krieg, Seuchen und schlechten Ernten.

    Bei der Bemessung der Lebenszeit muss man auf die statistischen Kenngrößen aufpassen. Die durchschnittliche Lebensdauer sinkt dramatisch (auf die bekannten Zahlen von 25-32), wenn man alle im Kindesalter verstorbenen Personen mitzählt. Wer allerdings die ersten Lebensjahre überlebte, konnte durchaus sehr alt werden. Deshalb spricht man auch von einer Lebenserwartung bei der Geburt (die Zahl, die in modernen Statistiken immer auftaucht) und der Lebenserwartung als Erwachsener. Letztere änderte sich wie erstere im Laufe der Jahrhunderte und war im 14. Jahrhundert wohl am geringsten.

    Löhne und Preise änderten sich ebenfalls über die Zeit. Hier zum Beispiel eine Datenbank zu den Getreidepreisen in ganz Europa.

    Schließlich ist die Stellung der Bauern - oder besser, der in der Landwirtschaft arbeitenden Bevölkerung - auch eine Machtfrage. Wer fest in ein feudales Machtgefüge eingeschlossen war, lebte unfreier, aber nicht unbedingt schlechter als einer, der gegen Privilegien neues Gebiet (in Wäldern, Berglandschaften oder Osteuropa) erschloss. Auch hier kann man grobe Konjukturen erkennen: bis ins 10. Jahrhundert wurden die Bauern im Zuge der Feudalisierung immer unfreier, ab dem 11. Jahrhundert stieg die Zahl der Freibauern v.a. in Kolonisation wieder an um im Spätmittelalter durch Territorialisierung der Herrschaft und den Strukturwandel in wirtschaftlichen Notzeiten wieder zu sinken. Ja, es gab sogar so etwas wie Bauernstaaten - die schweizer Urkantone und Dithmarschen in Schleswig-Hostein.
     
  9. JRRT0lkien

    JRRT0lkien Neues Mitglied

    Danke!

    Hi!

    Vielen Dank , ihr habt mir sehr geholfen. Drucke einige Beträge und lese die Links, danke!

    Gruß
    JRRT0lkien
     

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