Warum war Zentral-Kleinasien so wichtig?

Dieses Thema im Forum "Das Byzantinische Reich" wurde erstellt von Basileios, 29. September 2009.

  1. Basileios

    Basileios Neues Mitglied

    Hallo,

    Man sagt ja immer mit dem Verlust Kleinasiens nach der Schlacht von Manzikert begann der Niedergang des Oströmischen Reiches. Ganz verstehe ich diese Argumentation nicht. Die reichsten und dichtbesidelsten Regionen Kleinasiens lagen an den Küsten. Nach der Niederlage von Manzikert hat es die darauf folgende Dynastie jedoch geschafft, diese Gebiete (Westanatolien, Schwarzmeerküste, Südküste) wieder unter ihre Kontrolle zu bringen. Warum konnte man dann nicht auf alte Reserven zurückggreifen? Am Anfang des 12. Jahrhunderts waren diese Regionen ja nicht ärmer als vorher. Die Städte an der Küste blühten weiterhin.

    Stammte ein großer Teil der Soldaten und Einnahmen wirklich aus den desolaten Regionen Zentralanatoliens? Wenn die Plateaus von Anatolien und Kappadokien immer so karg waren wie heute kann ich mir das schwer vorstellen.
     
  2. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Die zentrale große Barriere gegen einen Einfall fremder Völker bildete stets das Taurus-Gebirge in Ostkleinasien. Wer diese Barriere erst einmal überschritten hatte und das Innere Kleinasiens besetzte, der hatte von dieser Hochfläche aus einen geografisch ungehinderten Zugriff auf die reichen Küstenregionen, die schutzlos vor ihm lagen.

    Allerdings musste ein Staat, der das zentrale Kleinasien besetzte, ausreichend militärischen Druck aufbauen, um den Rest der Halbinsel zu besetzen. So begnügten sich die türkischen Rum-Seldschuken mit der kleinasiatischen Hochfläche, die Turkstämmen mit nomadischen Lebensgewohnheiten besonders entgegenkam und beließen dem Byzantinischen Reich über 200 Jahre hinweg Westkleinasien. Erst das junge osmanische Fürstentum brachte so großen Expansionsdrang auf, dass es in relativ kurzer Zeit Kleinasien komplett besetzte und Byzanz völlig verdrängte.
     
  3. R.A.

    R.A. Neues Mitglied

    Die sind nicht so karg, wie sie aussehen (wir Mitteleuropäer sind durchgehendes Grün gewohnt, das ist aber für eine landwirtschaftlich erfolgreiche Gegen gar nicht unbedingt nötig).

    Meiner vagen Erinnerung nach erzielt die Türkei gerade in Zentralanatolien erhebliche Getreideüberschüsse, das war wohl früher ähnlich.
     
  4. Basileios

    Basileios Neues Mitglied

    Landwirtschaft auf dem Balkan und in Kleinasien bis zum 13. Jahrhundert n. Chr.

    Hier erkennt man, dass die produktivsten Regionen in Küstennähe lagen und das zentrale Hochland hauptsächlich für Pastoralwirtschaft genutzt wurde. Ich denke nicht, dass diese Regionen dicht besidelt waren. Wieso hat Byzanz nach der Rückeroberung der Küsten nicht zu alter Stärke zurückgefunden und z.B. Zentralanatolien wiederbesetzt?
     

    Anhänge:

    Zuletzt bearbeitet: 29. September 2009
  5. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

    Also erstmal, gab es Siedlungsinseln mit Byzantinern auch während der Herrschaft der Seldschuken in Zentralanatolien.
    Dann glaube ich nicht, dass mit Ausnahme von vereinzelten Städten die Küsten besonders entwickelt waren und wichtig waren. Also kein Vergleich z.B. mit der landwirtschaftlichen Produktivität von heute in Lykien oder der türkischen Riviera. Ich weiß, dass vor dem Tourismus der70er-80er Jahre die Mittelmeerküste wirtschaftlich total im Dornrößchenschlaf dämmerte, die kleinen Fischerdörfer von Lykien oft nicht einmal infrastrukturell, also z.B. durch Straßen erschlossen waren, usw. Dies kann aber vielleicht auch eine Rückprojektion meinerseits sein, also dass die Küsten doch bedeutender waren, wie ich vielleicht denke.

    Ich schaue mal in meinen Hütteroth um eine fundierte Antwort zu suchen.

    Dann muss man auch bedenken, dass die Seldschuken teilweise auch die Küsten eroberten. Wie lange und wie intensiv, müsste ich auch mal nachschlagen.
     
  6. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Ich habe bereits oben gesagt, dass die große geografische Barriere stets das Taurus-Gebirge war, das die Byzantiner lange Zeit gegenüber den Arabern vom 7.-10. Jh. verteidigten. So konnten sie den Durchbruch nach Kleinasien trotz mancher arabischer Vorstöße stets vereiteln.

    Wer allerdings erst einmal den Taurus durchbrach und auf der zentralen Hochfläche Anatoliens stand, dem war das restliche Kleinasien militärisch ausgeliefert, da keine geografischen Schranken mehr zu überwinden waren. Nachdem den Rum-Seldschuken das in der Schlacht bei Manzikert 1071 gelungen war, konnten sie das erste Mal nach rund 1000 Jahren (ost)römischer Herrschaft 2/3 Kleinasiens dauerhaft besetzen und das Sultanat Rum begründen. Byzanz wurde auf den äußersten Westen kleinasiens beschränkt und zwar westlich einer Linie, die etwa von Ephesos an der Ägäis bis Sinope am Schwarzen Meer verlief.

    Dass die Seldschuken nicht ganz Kleinasien eroberten hatte innenpolitische Ursachen, zugleich erlahmte auch der militärische Schwung der eingewanderten Turkstämme.

    Rückgewinne durch Byzanz hat es nicht oder in unwesentlichem Umfang gegeben und auch den Zerfall des Sultanat Rum konnte Byzanz nicht für sich ausnutzen, da das expandierende türkische Fürstentum der Osmanen auf der Bildfläche erschien und in kurzer Zeit ganz Kleinasien bis auf das turkstämmige Fürstentum Karaman eroberte, das erst 1487 von den Osmanen besetzt wurde.
     
  7. Polemoxaris

    Polemoxaris Neues Mitglied

    In mittelbyzantinischer Zeit bestand die byzantinische Armee großteils aus Söldnern. Viele davon waren türkischer Abstammung also aus Kleinasien! Nach der Verlust Kleinasiens würde Byzanz ein Großteil seiner Armee Ressourcen verwehrt.

    Etwa in dieser Zeit erschienen zum ersten Mal die "Pronoiai Truppen" (griechisch: Πρόνοια). Diese Soldaten erhielten statt Sold ein Stück Land, waren aber keine Wehrbauer, wie in der alten Themenordnung. Sie leisteten eine Art Steuerpacht an den Kaiser.
    Nach der Katastrophe in Manzikert 1071 (und auch später 1204) ging dies alles verloren und somit ist das für mich der wichtigste Grund wieso Byzanz sich nicht mehr zurückerkämpfen konnte (zumindest nicht dauerhaft)! Das Reich verlor einen großteil seiner Armee-Ressourcen!

    Man darf auch nicht vergessen, dass in dieser Zeitraum die Byzantiner keine eigene Flotte besaßen und daher doch nicht so stark am Meer waren, wie Baseilios vermutet.

    Ich habe in meiner HP vielleicht ein paar Details mehr über die Byzantinische Armee und über die Schlacht in Manzikert usw. Wer nachlesen will!
    http://www.repage8.de/member/byzanz/byzantinischearmee.html
     
  8. Mike Hammer

    Mike Hammer Neues Mitglied

    Es gab es in Kleinasien vor Manzikert keine Turkvölker, die man als Söldner anheuerte. Söldner als leichte Reiterei wurden von den nomadischen Magyaren, Cumanen, Uzen und Petschenegen rekrutiert, die überwiegend an den Grenzen als innerhalb Byzanz´s lebten.

    Dennoch waren die Rekrutierungsgebiete in Kleinasien wichtig, da dadurch die einheimische Infantrie und Reiterei rekrutiert wurde. Nach Manzikert und den darauffolgenden Jahren (d.h. nach dem schleichenden Verlust Kleinasiens an eindringende Turkvölker) wurden die Söldner wichtiger, so z.B. unter den Komnenen, die fast ausschließlich Söldnerheere hatten.

    Vor Manzikert dürften byzantinische Heere wohl überwiegend aus Einheimischen bestanden haben.
     

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