Was waren die Unterschiede in der Außenpolitik vor 1914 zu heute?

Dieses Thema im Forum "Zeitalter der Nationalstaaten" wurde erstellt von Skymightfall, 7. Juni 2012.

  1. Skymightfall

    Skymightfall Neues Mitglied

    Ich befasse mich im moment mit Bismarcks Bündnissystem (Außenpolitik) und habe mir nun die Frage gestellt ob das damalige System von ihm zukunftsweisend war im Gegensatz zu den anderen Mächten in dieser Zeit.

    Deshalb interessiere ich mich für die Unterschiede in der Außenpolitik von damals zu heute.
    Vor 1914: Phase der Nationalstaaten und des Imperalismus
    zu
    heute: Phase der Zusammenarbeit

    Klar, die einzelnen Staaten wollen nicht mehr ihre Grenzen ausweiten, mehr Land erobern und verzichten auf die damalige Souveränität aber mehr fällt mir auch nicht ein und ich finde auch nichts per Google.

    Würde mich freuen, wenn mir ein paar Leute evtl. hilfreiche Antworten oder auch gute Links geben.
    Dankeschön.
     
  2. muheijo

    muheijo Aktives Mitglied

    Du beziehst dich auf alle Staaten der Welt, die europæischen Staaten allgemein oder hauptsæchlich auf Deutschland?

    Ich denke, es wird schwierig, Gemeinsamkeiten z.B. aller europ. Staaten damals vs. heute zu finden.
    Einfacher wære das Herausarbeiten vom Wandel der Aussenpolitik einzelner Staaten.

    Gruss, muheijo
     
    1 Person gefällt das.
  3. Skymightfall

    Skymightfall Neues Mitglied

    Danke für die schnelle Antwort!!

    Zunächst wollte ich die Unterschiede zwischen früher und heute etwas genauer wissen, also einen groben Überblick der auffälligsten Unterschiede.

    Eigentlich nur auf Europa aber mir genügt auch nur Deutschland im Vergleich zu einem anderem Land, evtl. England.
    Ich möchte mit der Recherche für mich klären, ob das System von Bismarck der heutigen Außenpolitik ähnelt vielleicht auch zukunftsweisend war.
     
  4. Klaus P.

    Klaus P. Aktives Mitglied


    Lies doch mal den folgenden Darstellungsauszug und vergleiche mit der heutigen deutschen Außenpolitik:
    Deine Frage nach dem zukunftsweisenden Charakter der bismarckschen Politik sollte dann zu beantworten sein.

    "Das Verhältnis von deutscher Außen- und Innenpolitik zwischen 1890 - 1914

    1890 erneuerte der Nachfolger Bismarcks, von Caprivi, den Rückversicherungsvertrag mit Russland nicht, das sich daraufhin Frankreich näherte, mit dem es 1892 einen Militärpakt abschloss. In den neunziger Jahren schien wiederholt eine deutsche Annäherung an England möglich; aber die entscheidenden Bündnisverhandlungen scheiterten um die Jahrhundertwende. England verbündete sich statt dessen mit Frankreich (1904 ) und kam schließlich auch trotz weltweiter Gegensätze zum Ausgleich mit Russland ( 1907 )....


    'Die deutsche Außenpolitik der Vorkriegszeit hatte keine Wahl zwischen englischer und russischer Orientierung. Solange in Deutschland die Konservativen [die im wesentlichen die Interessen des ostelbischen Großgrundbesitzes vertraten] politischen Einfluss hatten und solange die ganze Wirtschaftspolitik primär auf die staatliche Subventionierung der agrarkapitalistischen Getreideproduktion durch [Schutz-] Zölle eingestellt war, hätte eine außenpolitische Entscheidung für England oder für Russland sozial in der Luft geschwebt. Mit dem sozialen Aufbau des Bismarck-Reiches harmonierte, seitdem es in Deutschland eine Krise des politisch mächtigen, verschuldeten Grundbesitzes östlich der Elbe gab, nur die Entscheidung der Außenpolitik gegen England und gegen Russland...
    Die preußische Binnenwirtschaftspolitik, die ihre außenpolitische Basierung [Grundlage] seit dem 18. Jahrhundert nicht in der Beherrschung von Kolonien und überseeischen Interessengebieten, sondern in der... Exploitierung [Ausbeutung] des industriell unerschlossenen Ostens fand, änderte in der Agrarkrise seit 1875 ihre Tendenz. Bismarcks Zollpolitik von 1879 hatte außenpolitisch die Wirkung, dass Russland seine deutsche Einfuhr in den achtziger Jahren fast auf die Hälfte drosselte, in den neunziger Jahren mit äußerster Anstrengung... an den Aufbau einer eigenen Industrie ging, um von der deutschen Handelspolitik unabhängig zu werden... Schon Bismarcks politische Russenfreundschaft und wirtschaftliche Russenfeindschaft widersprechen sich vollständig und lassen in viel stärkerem Umfange als meist eingestanden wird, das kunstvolle Gebilde seines außenpolitischen Systems als eine anachronistische [widersprüchliche] künstliche Konstruktion einer diplomatischen Kabinettspolitik, neben der isoliert eine autonome Wirtschaftspolitik steht, deren entgegengesetzte Wirkungen nicht ins Kalkül [Berechnung] gezogen werden... Die wirtschaftliche Rücksicht auf die politisch russenfreundlichen Agrarkonservativen [die ostelbischen Grundbesitzer] hat eine zunächst wirtschaftliche und dann auch politische Feindschaft zwischen Russland und Deutschland hervorgerufen. Bismarck hat die wirtschaftliche Grundlinie des preußischen Staates: Exploitierung [Ausbeutung] des industriell unerschlossenen Ostens durch die eigene Industrie - umgebogen und, da ein ausländisches Absatzgebiet nötig war, die Industrie auf die überseeische Expansion [Ausdehnung] gezwungen. Der deutsche Imperialismus hat sein letztes Motiv nicht im [Industrie-] Kapitalismus, sondern in der Machtstellung der Agrarier, die der Industrie die Expansionsrichtung vorschrieben. Und die deutsche Industrie, deren Führer sich dem Staat anglichen..., fügte sich dem agrarischen Willen, der vom Staat gestützt wurde... Es war nicht so sehr der kapitalistische Gegensatz Deutschlands gegen England, der die Entscheidung von 1900 [2.Flottengestz] bestimmte, als die Vereitelung der kapitalistischen Expansion nach Russland durch die Landwirtschaft, welche die Expansion über See und damit den militärischen Gegensatz zu England zur Folge hatte...
    Dass das deutsche Kapital anstatt des kampflosen Einströmens in das kapitalbedürftige Russland den Weg des gefährlichen Kampfes mit England wählte, das war ihm aus der sozialen Lage mit ihrem Primat [Vorrang] der Agrarier vorgeschrieben...
    Und England, dessen Eintritt in die russisch-französische Entente erst den Ausgang des Weltkrieges entschied, wurde durch die deutsche Außenpolitik aus dem Anschluss an Deutschland zum Anschluss an Frankreich und Russland hinübergedrängt. Das hat seine soziale Unterbauung darin, dass in der Englandfeindschaft sich Kapitalismus und Agrarier in Deutschland trafen... Die Englandfeindlichkeit ist das Ventil gewesen, um den aufeinander prallenden Kräften der Industrie und der Landwirtschaft einen außenpolitischen Ausweg zu ermöglichen.' “

    (aus: Kehr, E.: Englandhass und Weltpolitik. In: Der Primat der Innenpolitik. Berlin 1965, S. 152 ff)
     
  5. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Das ist ja total veraltet. Nach der Diktion aus Ost-Berlin?
     
  6. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Gerhard Ritter schrieb bereits im Jahr 1930 über Eckhart Kehr:

    "Dieser Herr sollte sich, scheint es mir, lieber gleich in Rußland als in Königsberg habilitieren. Denn da gehört er natürlich hin: einer der für unsere Historie ganz gefährlichen ‚Edelbolschewisten."

    Quelle: Wickipedia
     
  7. Klaus P.

    Klaus P. Aktives Mitglied

    Lieber Turgot, liebe Silesia,

    ich lasse mich gerne belehren bezüglich der Aussagen Kehrs, aber gibt es auch inhaltliche Argumente?
    Gerade G. Ritter als Kronzeugen zu zitieren erscheint mir ziemlich jämmerlich?
    Und was sagt das Erscheinungsdatum 1965 über die Richtigkeit der geäußerten Auffassungen? Und was meinst du mit "Nach der Diktion aus Ost-Berlin"?
     
  8. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Nehmen wir die Aussagen zu den übrigen Großmächten: der Text entspricht in der Masse nicht dem Stand der Forschung: völlig überholt.

    Die marxistische "Diktion" lies mich vermuten, dass es sich um eine DDR-Publikation handelt.
    Den Hinweis auf Kehr habe ich zunächst nicht wahrgenommen.

    Wir können natürlich gern einzelne Themen herausgreifen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. Juni 2012
  9. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied


    @ Klaus P.

    also ich habe zwar Ritters Aussage über Kehr zitiert, aber ich habe mir nicht gestattet deinen Auszug als "jämmerlich" abzuqualifiziern, weil du Eckhart Kehr bemüht hast. :mad:
     
  10. Klaus P.

    Klaus P. Aktives Mitglied

    Lieber Turgot,

    ich möchte mich für die o.a. unangemessene Formulierung entschuldigen, und zwar nicht nur per PN. Ich neige eigentlich nicht zu solchen Ausfällen, wie du vielleicht weißt.
    Inhaltlich bleibe ich allerdings dabei, dass das Zitat von G. Ritter über E. Kehr wenig überzeugend ist, wenn man inhaltlich nichts weiter vorbringen kann.

    Viele Grüße

    Klaus P.
     
    1 Person gefällt das.

Diese Seite empfehlen