Was wir den Arabern verdanken

Allerdings übergehst Du alle geschichtlichen Entwicklungen und Veränderungen, die hier zu recht angebracht wurden, sowie Hinweise auf reale theologische Kommentierungen. Dies ist ein Geschichtsforum. Du idealisiert eine sehr späte Entwicklung im lateinisch-christlichen, westlichen Europa zu einer frei entworfenen, angeblichen Essens des 'Christentums' im generellen Unterschied zum 'Islam'.
Natürlich übergehe ich vieles, wer tut das nicht? Im Gegensatz zu dir sehe ich aber in den geistesgeschichtlichen Faktoren wichtige Erklärungskomponenten, die sich nicht erschießen, wenn man sich - wie vielleicht in einem Geschichtsforum eher üblich - auf politische oder Sozialgeschichte konzentriert. Von einer "Essenz des Christentums" habe ich nicht gesprochen, sondern ganz lapidar davon, dass sich in der christlichen Tradtion (im Gegensatz zur islamischen) bestimmte Auffassungen etabliert haben, die der Entwicklung der modernen empirschen Wissenschaft förderlich oder gar notwendige Voraussetzung für deren Entstehung waren.

Die Neuzeit mit den sich langsam, aber sehr nachhaltig sich verändernden Plausibilitätskritierien und Wissenschaftskriterien besonders im latinisch-christlichen, expandierenden westlichen Europa scheinst Du einfach als Teil eines angeblich weiter währenden, seit der Entstehung des Christentums viele Jahrhunderte vorher unveränderten 'General-Christentums' insgesamt einebnen zu wollen.
Einmal mehr: ich spreche nicht von hinreichenden sondern von (und selbst das mit Vorsicht) notwendigen Bedingungen für die Entstehung moderner Wissenschaft. Dass es daneben andere Bedingungen gibt, habe ich nie bestritten. Am besten, du nennst konkret bestimmte dieser "Plausibilitätskriterien", dann kann ich dir auch sagen, ob ich einen Konnex zur christlichen geistestradition sehe oder ob ich sie als echte Novitäten einstufe.

Nur so können Kepler, Newton und Galilei bei Dir zu exemplarischen Beispielen im Christentum werden - gut 1500 Jahrhunderte nach Entstehung des Christentums mit langen, sehr vielen unterschiedlichen Phasen und Richtungen.
Was die zeitliche Entwicklungsdauer betrifft, habe ich bereits geantwortet. Und zum Bezug Galileo/Kepler/Newton zu spezifisch christlichen Denkvorausstzungen habe ich mich gegenüber Sepia geäußert.

Den stark esoterischen Drall, eine typische Begleiterscheinung seit der Renaissance mit ihrem vielfachen Rückgriff auf die Antike, sowohl Keplers wie erst recht Newtons
Da haben wir es in der Tat einem interessanten Zusammenwirken im wesentlichen dreier antiker Denktraditionen zu tun: dem Aristotelismus, dem (Neo-)Platonismus und dem mechanistischen Denken von Leuten wie Demokrit. Die Esoterik der Renaissance wurzelt in der Begeisterung für den neu rezipierten (Neo-)Platonismus in dieser Zeit. Sie hatte im Endeffekt unerhofft positive Nebenwirkungen.

... übersiehst Du weitgehend bzw. relativierst ihn bei Kepler als unwichtig.
Keineswegs. Einmal mehr: ich spreche von notwendigen Bedingungen. Conditiones sine qua non. Dass auch anderes wichtig ist, damit aus dem "notwendig" ein "hinreichend" wird, bestreite ich doch nicht.

Das ist in dieser überzeitlichen Generalisierung eine frei Erfindung von Dir, meine ich.
Generalisierungen sind immer "Erfndungen", frei sind sie insofern, als auch konkurrierende Erklärungsmuster logisch möglich sind. Sie unterliegen aber wichtigen Einschränkungen in Bezug auf Kompatibilität mit historischen Fakten und mit der Erklärungskraft, die ihnen innewohnt. Das "von Dir" kann ich aber klar zurückweisen, da ich nur aufnehme, was viele andere Exegeten der Wissenschaftsgeschichte bereits ausgeführt, erläutert und publiziert haben. Du tust ja gerade so, als wäre das eine private Schnapsidee von mir und dass diese Erklärungsmuster in der Fachwelt unbekannt wären.
 
Nun hatten aber gerade die wissenschaftliche Basis liefernden Griechen keine Schöpferreligion...
Stimmt. Das könnte, wie beschrieben, der Grund dafür sein, dass sie keine exakten Naturgesetze in der Wirklichkeit erwarteten.

und die frühchristliche Theologie musste sich mit diesem Punkt der griech. Philosophie auseinandersetzen resp. diesen verwerfen.
Was durchaus erfreuliche Fortschritte zeitigte, z.B. bei Philoponus die (experimentelle) Erkenntnis von der Unabhängigkeit der Fallgeschwindigkeit vom Gewicht oder der Versuch einer rationalen Begründung eines zeitlichen Anfangs der Welt.

Das von Dir postulierte "Fehlen" sekundärer Ursachen und vermittelnder Kausalgesetzmässigkeiten betrifft das Christentum genauso wie den Islam.
Nein, hab ich doch erklärt: nach christlicher Auffassung etabliert Gott einen kausalen Mechanismus, der nach bestimmten Gesetzen den Ablauf der Dinge bestimmt. Der Bruch der Fensterscheibe wurde durch den Flug des Fußballs verursacht (Sekundärursache), der Flug des Fußballs läuft nach von Gott (Primärursache) etablierten Kausalgesetzen ab. Nach islamischer Auffassung (ab der voluntaristischen Revolte) verursacht Gott beides direkt: den Ballflug und den Scheibenbruch. Demnach gibt es keine zu erforschende Kausalgesetzmäßigkeit zwischen Ballflug und Scheibenbruch.

Ich bin skeptisch, wenn man unterschiedliche wissenschaftliche Entwicklungen mit verschiedenen
Werstvorstellungen begründet. Vor allem aber überzeugt es mich nicht, diese auf die christliche Theologie zurückzuführen. Wenn man für die wissenschaftliche und damit verbunden die wirtschaftliche Entwicklung Europas und seiner diesbezüglichen (ehemaligen) Vorreiterolle weltanschauliche Argumente bemüht, muss man sich auf die Aufklärung und nicht auf das Christentum beziehen. Insofern sind Kepler und vor allem Newton auch nicht als typische Vertreter des lateinischen Christentums zu betrachten sondern als Vorläufer und Wegbereiter der Aufklärung.
Das ist eine Bekundung deiner Auffassung. Wenn du sie zur Debatte stellen willst, solltest du sie auch begründen.
 
Das ist eine Bekundung deiner Auffassung. Wenn du sie zur Debatte stellen willst, solltest du sie auch begründen.

Nun gilt Newton tatsächlich (wie sein Kontrahent und Zeitgenosse Leibnitz) als Exponent der Aufklärung. Und seine Nachfolger, die Anhänger des Rationalismus, waren erst recht Aufklärer. Ganz abgesehen davon, dass der Durchbruch der Naturwissenschaft in Europa in der Epoche, welche gemeinhin als "Aufklärung" bezeichnet wird, seinen Anfang nahm. Die Aufklärung aber veränderte auch die Theologie nachhaltig (und förderte u.a. auch die Verbreitung des Atheismus).

Der technologische (inzwischen nicht mehr gegebene) Vorsprung Europas gegenüber den islamischen Ländern (und, wie Du meinst, auch Ostasiens) wird erst mit der Aufklärung fassbar resp. zweifelsfrei nachweisbar: Also erst nach rund 1'650 Jahren seit Entstehung des Christentums.

Wenn Du jetzt die These aufstellst, dass der Grund für den Durchbruch der Wissenschaft in Europa im Christentum zu suchen sei, müsste man konsequenterweise behaupten, die Aufklärung sei bereits in der christlichen Theologie angelegt und sowohl im Islam als auch im Hinduismus und Buddhismus nicht möglich. Letzendlich liefe eine solche Behauptung darauf hinaus, dass ausser dem Christentum keine Religion reformierbar sei.

Im Übrigen: Im Früh-, Hoch- und frühen Spätmittelalter - zur Blütezeit sowohl des Islam als auch der Christentums - waren, proportional gesehen, die meisten Wissenschaftler weder Christen noch Muslime, sondern Juden.
 
Zuletzt bearbeitet:
Vielen Dank, ich habe das Zitat in Band I auf Seite 581 gefunden.
Ich muss mich korrigieren: Band II, nicht Band I.



Deine Einfügung "[the Chinese]" ist sinnentstellend. Needham schreibt tatsächlich:

"The Taoists, indeed, would have scorned such an idea as being too naïve for the subtlety and complexity of the universe as they intuited it.”


Needham bezieht sich hier ausdrücklich auf die Taoisten. Er hat sicherlich nicht "die Chinesen" insgesamt für Taoisten gehalten. Wenn Du das nicht nachvollziehen kannst, ist das nicht mein Problem.


"Human rational personal beings had another faith; the universal order was intelligible because they themselves had been produced by it."
(Hervorhebungen von mir)

Und das ist nun ziemlich genau das Gegenteil von dem, was du behauptet hattest:
Gemäß diesem weist die Welt zwar eine gewisse Ordnung auf, die dem menschlichen Verständnis aber weitgehend unzugänglich ist

Es bleibt dabei: Deine Behauptung steht im Gegensatz zu dem, was Needham schreibt.
Dass das Konzept eines persönlichen Schöpfers, der genaue Regeln entwirft, dem chinesischen Denken fremd ist, ist kein Diskussionspunkt.

Es geht doch hier um die christliche Theologie

Ich führe sie ja nicht als Theologen an, sondern als Wissenschaftler...

Was mich interessiert hatte, war:
der förderliche Aspekt der christlichen Theologie

Der Ausdruck "Naturgesetz" finndet sich schon in der Antike bei Philo von Alexandria und ist Ausdruck der Tatsache, dass die Vorstellung eines göttlichen Gesetzgebers (Philo war Jude) in die griechische Konzeption der Natur eingebracht wurde. Diese Vorstellung prägte und dominierte dann das christliche naturphilosophische Denken im Mittelalter und der frühen Neuzeit bis ins 18. Jahrhundert.

Nun ist auch Philo von Alexandria kein christlicher Theologe. Falls das Konzept "Gott hat Naturgesetze etabliert" in der christlichen Theologie schon vor Kepler "dominierend" gewesen sein sollte, müssten doch dafür reichlich gute Belege vorhanden sein.
 
Der technologische (inzwischen nicht mehr gegebene) Vorsprung Europas gegenüber den islamischen Ländern (und, wie Du meinst, auch Ostasiens) wird erst mit der Aufklärung fassbar resp. zweifelsfrei nachweisbar: Also erst nach rund 1'650 Jahren seit Entstehung des Christentums.

Die Blütezeit der islamischen (oder arabischen) Kultur und Wissenschaften erfolgte unter den Abbasiden, etwa vom 8. bis zum 13. Jh. Danach versiegte die Innovationskraft und wurde abgelöst von den Erfindungen und Entdeckungen der Europäer.

Träger der islamischen Kultur waren neben den Arabern besonders Iraner, Juden und auch Christen..
 
Needham bezieht sich hier ausdrücklich auf die Taoisten. Er hat sicherlich nicht "die Chinesen" insgesamt für Taoisten gehalten.
Needham hat häufig auf den Taoismus als pars pro toto der chinesischen Kultur referiert, weil er ihn für das Kernelement des chinesischen Denkens gehalten hat:

"A Chinese thought without Taoism is like a tree without roots" (Needham).

Insofern impliziert seine Aussage über "die Taoisten" durchus ein Urteil über die chinesische Kultur.

Wenn Du das nicht nachvollziehen kannst, ist das nicht mein Problem.
Warum so patzig?




Es bleibt dabei: Deine Behauptung steht im Gegensatz zu dem, was Needham schreibt.
Keineswegs. Ich habe dir die Kongruenz von Needhams Sicht und meiner Wiedergabe zitatlich belegt (was von dir aber ignoriert wird) und ich habe erläutert, warum dein scheinbares Gegenzitat nicht leistet, was du ihm argumentativ zugedacht hast.

Dass das Konzept eines persönlichen Schöpfers, der genaue Regeln entwirft, dem chinesischen Denken fremd ist, ist kein Diskussionspunkt.
Doch, auch, z.B. in dem von dir ignorierten Needham-Zitat. Überhaupt ist es zentraler Bestandteil in Needhams Argumentation.


Nun ist auch Philo von Alexandria kein christlicher Theologe
Hab ich auch nicht behauptet. Das war nur eine Information zur Korrektur deines Irrtums, dass Kepler der erste gewesen sei, der von Naturgesetzen gesprochen habe.

Falls das Konzept "Gott hat Naturgesetze etabliert" in der christlichen Theologie schon vor Kepler "dominierend" gewesen sein sollte, müssten doch dafür reichlich gute Belege vorhanden sein.
Die gibt es zu Hauf. Die Rede von (durch Gott installierten) Naturgesetzen war im Mittelalter gang und gäbe, z.B. bei Grosseteste, Bacon, Bradwardine, Buridan etc. Und es wurde fließig daran gearbeitet, sie mathematisch zu erfassen, so dass Galilei später auf diesen Vorarbeiten aufbauen konnte.
 
"A Chinese thought without Taoism is like a tree without roots" (Needham).

Auch dieser Spruch belegt nicht, dass Needham 'Taoisten' und 'Chinesen' gleichsetzt.
Wo genau hast Du diesen übrigens gefunden?
Ich kenne diese Version, sie findet sich in Science and Civilisation in China II, S. 164:
"China without Taoism would be a tree of which some of its deepest roots had perished"
So würde der Satz m. E. auch mehr Sinn ergeben.

Dass das Konzept eines persönlichen Schöpfers, der genaue Regeln entwirft, dem chinesischen Denken fremd ist, ist kein Diskussionspunkt.
Doch, auch, z.B. in dem von dir ignorierten Needham-Zitat.
Du hast mich falsch verstanden. Das ist kein Diskussionspunkt zwischen uns beiden, wir sind uns in diesem Punkt einig.

Der Diskussionspunkt hier ist Deine Aussage, die Weltordnung sei aus chinesischer Sicht "dem menschlichen Verständnis weitgehend unzugänglich" gewesen, womit Du Needhams Aussage "Die Weltordnung war verständlich" widersprichst.

Die gibt es zu Hauf. Die Rede von (durch Gott installierten) Naturgesetzen war im Mittelalter gang und gäbe, z.B. bei Grosseteste, Bacon, Bradwardine, Buridan etc.
Jetzt fängt es endlich an, interessant zu werden.
Würde es Deine knappe Freizeit erlauben, die folgenden Aspekte (ggf. in einem neuen Thread) zu diskutieren?
- In welchem Sinn sind "Naturgesetze" bei den genannten mittelalterlichen Denkern zu verstehen?
- Wie wurden diese Ideen von der damaligen Theologie rezipiert?
- Inwieweit beziehen sich Kepler und seine Zeitgenossen - auf ihre mittelalterlichen Vorgänger?
 
Mir scheint, die mittelalterlich-christliche Auffassung des Naturgesetzes unterschied sich nicht sonderlich von jener der antiken Griechen und Römer. Mit Ciceros Worten:

There is a true law, a right reason, conformable to nature, universal, unchangeable, eternal, whose commands urge us to duty, and whose prohibitions restrain us from evil. Whether it enjoins or forbids, the good respect its injunctions, and the wicked treat them with indifference. This law cannot be contradicted by any other law, and is not liable either to derogation or abrogation. Neither the senate nor the people can give us any dispensation for not obeying this universal law of justice. It needs no other expositor and interpreter than our own conscience. It is not one thing at Rome and another at Athens; one thing to–day and another to–morrow; but in all times and nations this universal law must for ever reign, eternal and imperishable. It is the sovereign master and emperor of all beings. God himself is its author,—its promulgator,—its enforcer. He who obeys it not, flies from himself, and does violence to the very nature of man. For his crime he must endure the severest penalties hereafter, even if he avoid the usual misfortunes of the present life.

Marcus Tullius Cicero, De re publica, Buch III

So etwas Ähnliches dürfte auch bei Thomas von Aquin zu finden sein.

Inwiefern eine solche Auffassung jedoch das Christentum im Sinne der rationalistischen Aufklärung gegenüber Islam, Judentum oder Taoismus begünstigt haben soll, ist mir schleierhaft...
 
Mir scheint, die mittelalterlich-christliche Auffassung des Naturgesetzes unterschied sich nicht sonderlich von jener der antiken Griechen und Römer. Mit Ciceros Worten:
There is a true law, a right reason, conformable to nature, universal, unchangeable, eternal, whose commands urge us to duty, and whose prohibitions restrain us from evil. Whether it enjoins or forbids, the good respect its injunctions, and the wicked treat them with indifference. This law cannot be contradicted by any other law, and is not liable either to derogation or abrogation. Neither the senate nor the people can give us any dispensation for not obeying this universal law of justice. It needs no other expositor and interpreter than our own conscience. It is not one thing at Rome and another at Athens; one thing to–day and another to–morrow; but in all times and nations this universal law must for ever reign, eternal and imperishable. It is the sovereign master and emperor of all beings. God himself is its author,—its promulgator,—its enforcer. He who obeys it not, flies from himself, and does violence to the very nature of man. For his crime he must endure the severest penalties hereafter, even if he avoid the usual misfortunes of the present life.

Und hier noch für alle, die nicht so ganz fit in Englisch sind: ;)

"Est quidem vera lex recta ratio, naturae congruens, diffusa in omnis, constans, sempiterna, quae vocet ad officium iubendo, vetando a fraude deterreat, quae tamen neque probos frustra iubet aut vetat, nec improbos iubendo aut vetando movet. Huic legi nec obrogari fas est, neque derogari ex hac aliquid licet, neque tota abrogari potest, nec vero aut per senatum aut per populum solvi hac lege possumus, neque est quaerendus explanator aut interpres Sextus Aelius, nec erit alia lex Romae, alia Athenis, alia nunc, alia posthac, sed et omnes gentes et omni tempore una lex et sempiterna et inmutabilis continebit, unusque erit communis quasi magister et imperator omnium deus, ille legis huius inventor, disceptator, lator; cui qui non parebit, ipse se fugiet, ac naturam hominis aspernatus hoc ipso luet maximas poenas, etiamsi cetera supplicia, quae putantur effugerit."


(In der Übersetzung von Konrat Ziegler, meiner Meinung nach inhaltlich näher am Original als die freiere englische Übersetzung: )

"Das wahre Gesetz ist die richtige Vernunft, die mit der Natur im Einklang, durch alle ergossen, beständig und ewig ist, die durch Gebot zur Pflichterfüllung ruft, durch Verbot von Unredlichkeit abschreckt, die jedoch weder den Redlichen vergebens gebietet und verbietet, noch die Unredlichen durch Gebieten und Verbieten beeindruckt. Diesem Gesetz etwas von seiner Gültigkeit zu nehmen ist Frevel, und es darf ihm nichts abgedungen werden, noch kann es ganz außer Kraft gesetzt werden, noch auch können wir durch den Senat oder durch das Volk von diesem Gesetz gelöst werden, noch braucht ein Sextuas Aelius als Erklärer und Ausleger gesucht zu werden. Das Gesetz wird nicht anders sein in Rom, anders in Athen, anders jetzt, anders später, sondern alle Völker wird zu aller Zeit das eine Gesetz, ewig und unveränderlich, binden, udn ein Gott wird gleichsam der gemeinsame Meister und Beherrscher aller sein. Er ist der Erfinder dieses Gesetzes, sein Schöpfer und Walter. Wer ihm nicht gehorcht, wird vor sich selber fliehen und, indem er die Menschennatur verleugnet, eben damit die schwersten Strafen verbüßen, auch wenn er den anderen Strafen, die für solche gelten, entgeht."


Was Cicero hier schreibt, hat allerdings mit dem modernen Begriff "Naturgesetz" nichts zu tun.
 
Zuletzt bearbeitet:
Danke für die Ergänzung. Die Übersetzung von Ziegler sieht tatsächlich vertrauenswürdiger aus.

Um das Thema mal ein wenig weiterzuspinnen:

Vielleicht erklärt sich die europäisch-westliche Renaissance und die nachfolgende Aufklärung tatsächlich nicht aus dem Christentum, aber aus dem Katholizismus.

Bekanntlich war ja der wichtigste Antrieb zur Renaissance der Untergang des Byzantinischen Reiches und der darauffolgende Exodus zahlreicher griechischer Gelehrter, Künstler und Handwerker nach Italien.
Was, wenn es nun die Besonderheiten des Katholizismus waren, etwa die Scholastik und proto-rationalistische Vorliebe für Aristoteles, welche die richtigen Voraussetzungen schufen für eine Renaissance, dessen wichtigste Errungenschaft die Wiederentdeckung der klassischen Ideale der Antike war?
Was, wenn in der griechischen Orthodoxie und im Islam aufgrund einiger bestimmter politisch-religiöser Spezifizitäten ebendiese Voraussetzungen nicht gegeben waren, das Italien des Spätmittelalters aber in dieser Hinsicht ideale Verhältnisse aufwies? War es vielleicht ein solches Zusammenspiel typisch abendländisch-katholischer religiöser und intellektueller Faktoren, welches die spektakulären Entwicklungen des XV. und XVI. Jahrhunderts begünstigte oder sogar ermöglichte?
 
Bekanntlich war ja der wichtigste Antrieb zur Renaissance der Untergang des Byzantinischen Reiches und der darauffolgende Exodus zahlreicher griechischer Gelehrter, Künstler und Handwerker nach Italien.
wenn das stimmt, darf man Dante, Petrarca und Boccaccio nicht zu den Renaissance-Literaten zählen, denn die lebten und schrieben eine gute Weile vor dem Fall von Byzanz...
 
Ob der Lack auch den Mauren zu verdanken sei?
Offensichtlich nicht.

Die Sprachwissenschaftler sind sich uneins ob Lacca aus der östlichen Welt kommt.
Soweit ich sehe, sind sich die Sprachwissenschaftler einig, dass das Wort für den Lack den Weg vom Indischen (Sanskrit) über das Persische und Arabische nach Europa genommen hat. Also klar aus der östlichen Welt.

Diskussionen gab es lediglich über die Herkunft und ursprüngliche Bedeutung des altindischen lākṣā́.
 
Offensichtlich nicht.


Soweit ich sehe, sind sich die Sprachwissenschaftler einig, dass das Wort für den Lack den Weg vom Indischen (Sanskrit) über das Persische und Arabische nach Europa genommen hat. Also klar aus der östlichen Welt.

Diskussionen gab es lediglich über die Herkunft und ursprüngliche Bedeutung des altindischen lākṣā́.

Ich möchte - ohne dir zu widersprechen - einwenden, dass es durchaus kein Widerspruch ist, dass indische oder persische Begriffe über die iberische Halbinsel nach Europa eingedrungen sind. Nehmen wir die Aubergine. Hält jeder von uns für ein frz. Wort - gehört ja auch ins Ratatouille - tatsächlich stammt das Wort wohl aus dem Persischen: bātingān. Im Hocharabischen bāḏinǧānah, im Dialekt häufig zu bāḏinǧān oder bāḏanǧān vereinfacht. Im Kastilischen berenjena (ohne agglutinierten Artikel, wie in den iberoromanischen Sprachen häufig), im Aragonesischen aber mit dem agglutinierten Artikel al-bāḏinǧānah > alberenjena. In dieser Form muss das Wort ins Frz. entlehnt worden sein, dass aus dem -l im Silbenauslaut ein -u- wird, ist im Frz. nicht untypisch und - jetzt fehlen mir hier genauere Kenntnisse der frz. Sprachgeschichte - kann wahrscheinlich als Datierungsgrundlage dafür verwendet werden, wann das Wort aus einer iberoromanischen Sprache ins Frz. entlehnt wurde. (castell|um > château; Balduin > Boudin; altum > haute, beim caballus > cheval ist das -l- erhalten, ich würde das mit der Notwendigkeit erklären, dass der chevalier nicht auf einem *chevau sitzen kann, das -l- in chevalier also stets daran erinnerte, dass es in *chevau/cheval ein -l- geben musste, wobei der Plural chevaux dann wiederum zeigt, dass es auch ohne geht. Der chevalier hatte sein -l- behalten, weil es nicht mehr Silbenauslaut sondern Silbenanlaut war:
che-val - che-va -lier
Das gibt es auch im Deutschen. Probiert das mal aus, z.B. mit pro-bie-ren. Spätestens bei pro-bierst ist die Silbengrenze mangels Vokalen verschoben


Ob Tadelakt mit Lack zusammenhängt, vermag ich nicht zu sagen. Es könnte wohl - das Aber folgt auf dem Fuße - sein. Jedenfalls dürfte es sich bei ta-XXX-t um einen Tamazight-Zirkumflex handeln (der meines Wissens Substantivmarker für feminine Formen ist. Oder Femininmarker für Substantive? ;-) )
Nun zum Aber: Was für mich zunächst gegen einen Zusammenhang sprechen würde, wäre das -d-: Tadelakt. Das -d- wäre zumindest nichtetymologisch und gehört auch nicht zum Tamazight-Zirkumflex (madīnah > tamdint). Das nichtetymologische -d- würde also einer plausiblen Erklärung aus dem Tamazight bedürfen.
 
beim caballus > cheval ist das -l- erhalten, ich würde das mit der Notwendigkeit erklären, dass der chevalier nicht auf einem *chevau sitzen kann, das -l- in chevalier also stets daran erinnerte, dass es in *chevau/cheval ein -l- geben musste, wobei der Plural chevaux dann wiederum zeigt, dass es auch ohne geht. Der chevalier hatte sein -l- behalten, weil es nicht mehr Silbenauslaut sondern Silbenanlaut war:

Das glaube ich nicht. Der châtelain ('Kastellan') hat nicht verhindert, dass das castellum zum château wurde, und der Finalist kann eher nichts dafür, dass das finale l im Wort final erhalten ist. Wobei es zu letzterem m. W. als Pluralformen sowohl finals als auch finaux in Gebrauch sind.

Den Grund, warum hier der Lautwandel nicht in allen Wörtern und nicht in allen Dialekten gleichmäßig durchgeführt ist, kann ich leider auf die Schnelle auch nicht angeben,

Im Okzitanischen galoppieren alle möglichen caballus-Varianten herum:
chaval / chavau, caval / cavau, chival / chivau
Equus caballus - Wikipèdia
 

Deshalb folgte das Aber ja auf dem Fuße, dass Tadelakt, hinge es mit Lack zusammen ein unetymologisches -d- enthalte. Aber ich hab heute Morgen wirklich nicht von 12 bis Mittag gedacht. Ich war so auf Tamazight fixiert, dass ich gar nicht auf die Idee kam, die arabischen Radikale d-l-k anzusehen.
تدليك (Massage) und تدلاكت (Presstechnik?*) sind tatsächlicc beide aufs Arabische kneten, drücken, pressen zurückzuführen.

*der Wikipedia-Artikel verwendet den Begriff Kaltpresstechnik
 
....die sind persisch (wie auch Dezimalsystem, Algebra, Polo und Kettenhemd). Aber zu der Zeit zu ders entstanden ist war das "eins"....daher.....
Also: Araber und Perserverdienste....

Die ältesten Fassungen stammen aus Indien und Persien, wie ja auch in der Rahmenhandlung von Scherzad und Sherban von einem Sassanidenherrscher, der über die Inseln zwischen Indien und Persien herrschte.
Gelegentlich werden auch historische Persönlichkeiten wie Chosru I. erwähnt.

Häufig sind auch Indien, Persien oder China Schauplätze der Handlung, bei den Abenteuern Sindbads ist sehr wahrscheinlich, dass da auch Rückgriffe auf die Odyssee geschahen. Im Laufe der Zeit wurden aber viele Geschichten islamisiert und arabisiert, es tauchten Dschinns in den Geschichten auf, und Indien, Persien und China sind in vielen Geschichten auch ein Mittel exotischer Verfremdung und der Background auf ein arabisches Publikum zugeschnitten, und Arabisch ist die Sprache, in der die Geschichten erzählt wurden, und viele der bekanntesten Erzählungen sind auch keineswegs so uralt wie oft vermutet wird. Der Zyklus um Sindbad war in den ältesten Handschriften gar nicht enthalten, einige Einsprengsel stammen aus dem 16. Jahrhundert. In einigen Geschichten werden ja sogar Shischas erwähnt, und der Tabak stammt bekanntlich aus Amerika, und wenn es auch aus der Antike Pfeifen gibt, mit denen Cannabis geraucht wurde, aber das Rauchen von Opium etablierte sich erst durch das Tabakrauchen,

Arabisch ist die Sprache, in der die Geschichten erzählt wurden, es waren Araber, die sich an einen Grundsatz Francis Ford Copollas hielten: "Always steal from the best", und die Motive aus dem Persien der Sassaniden, aus dem Hellenismus und der klassischen Antike aufgegriffen haben und daraus ein ganz eigenes Genre gemacht haben.

Im angelsächsischen Kulturraum sind die Geschichten als The Arabian Nights bekannt. Eine der interessantesten Übersetzungen legte der Brite Richard Burton vor. Burton war Orientalist und Afrikaforscher, und er war einer der ersten, wenn nicht der erste Europäer, der inkognito Mekka besuchte. Übersetzer wie Galland haben die Geschichten vielfach dem Zeitgeist angepasst, haben sie prüde verändert.

Burton war einer der ersten, der die Geschichten originalgetreu übersetzte, dem Kenner auch zubilligen, dass seine Übersetzung durch außergewöhnliche sprachliche Finesse auszeichnete.

Burton übersetzte auch die zahlreichen erotischen Geschichten. Eine späte Hommage an Richard Burton und seine "Arabian Nights" findet sich in Francis Ford Copollas Bram Stokers Dracula. Die Szene, in der Lucy Westeraa ihrer Freundin Mina Murray ihre erotischen Phantasien mitteilt und das Buch, das sie dabei aufschlägt und das man für Kamasutra halten könnte, ist eine Ausgabe von Richard Burtons "Arabian Nights".
 
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