Wer hat denn nun den Buchdruck erfunden?

Dieses Thema im Forum "Krisenzeiten und Renaissance (14. - 15. Jhd.)" wurde erstellt von SchalUndRauch, 29. Februar 2020.

  1. Mir hat man damals noch beigebracht, dass Gutenberg den Buchdruck erfunden habe. Später habe ich gelesen, dass der gute Mann immerhin den Buchdruck mit beweglichen Lettern erfunden habe. Seine Revolution gehe aber davon aus, dass er auch das Papier, die Tinte, die Legierung der Lettern usw. erfunden hatte.

    Heute wiederum höre ich, dass in China und Japan, aber besonders in Korea, schon zuvor Drucke hergestellt wurden.

    Muss Gutenberg als Erfinder des Buchdrucks fallen? Oder war seine Erfindung doch revolutionär genug?
     
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  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Nein, das Papier ist über Indien, Persien, den arabischen Raum, Italien und Spanien in die hiesigen Gefilde gekommen. Papier war zwar schon bekannt, aber die Durchdringung des deutschsprachigen Raums mit der Technik der Papierherstellung die geschah z.T. erst zu Gutenbergs Lebzeiten. Gutenberg machte es möglich, dass Bücher preiswert hergestellt werden konnten und somit schneller und leichter distribuiert werden konnten. Eine handgeschriebene und illustrierte Bibel auf Pergament kostete schon mal genauso viel, wie ein städtischer Palast, stell dir mal vor, jedes Buch, was du kaufen würdest, würde viel kosten, wie ein Einfamilienhaus mit Garten, oder wie zwei bis vier SUVs - wie viele Bücher hättest du zuhause? Papier und Buchdruck - vor allem mit beweglichen Lettern! - machten Bücher erschwinglich und vor allem ermöglichten sie auch ein breiteres Spektrum an Literatur. Aus dem Mittelalter gibt es praktisch keine „Schundliteratur“. Ab ca. 1500 taucht so etwas auf. Weil man sie leicht und vergleichsweise billig herstellen konnte.
     
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  3. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Das älteste erhaltene Buch, das mit beweglichen Lettern (aus Metall) gedruckt wurde, stammt aus Korea:
    Jikji – Wikipedia
     
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  4. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die Herstellung und die systematische Nutzung erfolgten zuerst in China (vgl. Monro). In China war bereits Ende des 10.Jahrhunderts die Papierwährung etabliert.

    Die Nutzung des Papiers verbreitete sich von China ausgehend. Die berühmteste Darstellung der Herstellung von Papier in China kam von Marco Polo.

    Mitte des 9. Jahrhunderts übernahm das islamische Kalifat die Nutzung von Papier zu Verwaltungszwecken. Wobei das meiste beschrieben wurde. Gleichzeitig wurde es verstärkt auch als Träger von künstlerischen, philosophischen oder wissenschaftlichen Schriften herangezogen.

    Im 11. Jahrhundert began das islamische al-Andalus mit einer eigenen Papierherstellung. Und es wurden wichtige Schriften aus der Antike auch auf diesem Weg erhalten.

    Erste Hinweise auf die Herstellung von Papier in Europa - Italien - gibt es für 1276. Der Durchbruch der Papierherstellung kam im restlichen Europa im 13. Jahrhundert. Und aufgrund des "besseren" Süsswassers gelang es das islamische Monopol bei der Papierherstellung zu brechen.

    Im 14. Jahrhundert setzte sich die Papierherstellung auch nördlich der Alpen durch.

    Um das Jahr 1450 experimentierte Gutenberg mit der Herstellung von beweglichen Lettern für die alphabetische Schrift. Und somit kann er als "Erfinder" des Burchdrucks gelten.

    Zwei Aspekte sind dabei interessant. Das europäische Papier war härter und dicker als z.B. das chinesische Paper. Aus diesem Grund mußte der Druck mit einem hohen Druck - als Presse - erfolgen, um zu drucken. Es konnte weder "gewalzt" oder "gestempelt" werden. Und gleichzeitig ermöglichte die Dicke des Papiers einen zweiseitigen Druck. Nur die spezifische Qualität des europäischen Papiers ermöglichte den Buchdruck wie ihn Gutenberg erfand bzw. durchführte.

    Das ermöglichte eine hohe Effizienzsteigerung bei der Herstellung von Büchern. Und so konnten "normale" Druckpressen ca. 100 Bögen pro Tag drucken, bessere - italienische - bis 400 Bögen und in einem Fall wird von einer Presse berichte (ca. 1450), die Dantes "Göttliche Kommödie" druckte, dass sie bis 1000 Bögen pro Tag drucken konnte.

    Und ermöglichte so durch die "massenweise" und kostengünstigere Herstellung von Büchern die Wissensexplosion zu Beginn der Frühen Neuzeit /Renaissance. Bzw. war ein wichtiger Grund für den Erfolg der Reformation.

    Monro, Alexander (2015): Papier. Wie eine chinesische Erfindung die Welt revolutionierte. 1. Aufl. München: Bertelsmann.
     
    Zuletzt bearbeitet: 1. März 2020
  5. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Warum kann Gutenberg als "Erfinder" des Buchdrucks gelten, wenn das von @Sepiola erwähnte beidseitig bedruckte Jikji Werk 80 Jahre älter ist als die Gutenbergbibel? Warum kann nicht Baegun als "Erfinder" des Buchdrucks gelten? Nur weil dieses koreanische Buch in der europäischen Literatur wenig Beachtung findet, ist dies doch kein hinreichender Grund.
     
  6. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ist das Rad nur einmal erfunden worden? Oder die Neolithisierung? Manche Dinge können an mehreren Orten unabhängig voneinander erfunden werden, das nimmt dem jeweiligen Erfinder nicht seinen Status. Er ist halt nur nicht der erste. Wir wissen z.B. alle, dass vor Kolumbus die Wikinger in Amerika waren. Und vor den Wikingern die Indianer. Trotzdem sprechen wir im Regelfall von Kolumbus als dem Entdecker Amerikas. Weil erst seine Entdeckung Amerikas für Europa und eine eurozentristische Weltgeschichtsschreibung von Bedeutung war. Und so ist das eben auch mit Gutenberg. Gutenberg hat zu einem Zeitpunkt den Buchdruck erfunden, als in Europa das Geheimnis der Papierherstellung gelöst war und eine Zeit, wo die Reformation in der Luft lag. Ich weiß nicht, ob Jikjis Werk aus koreanischer Sicht Weltgeschichte geschrieben hat, aber Gutenbergs Erfindung hat der Kirche ihre Deutungsmonopol genommen und die Reformation erst in dem Maße möglich gehabt, wie sie abgelaufen ist.
     
  7. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Ich wüsste niemanden, für den in Anspruch genommen wird, das Rad oder die Jungsteinzeit erfunden zu haben. Die Diskussion um Kolumbus als "Entdecker" Amerikas dürfte im Forum bestimmt auch schon mehr als einmal geführt worden zu sein (ich suche jetzt nicht). Dennoch ist der "Entdecker Kolumbus" natürlich ein eurozentrischer Topos.
    Die Frage der Folgen von Gutenbergs Buchdruck für die europäische Geschichte stelle ich nicht in Abrede. Die sollten hinreichend bekannt sein.
    Es gab also auf alle Fälle jemanden, der das vor Gutenberg in Korea bewerkstelligte. Wenn jemand mehr über die Folgen von Baeguns Buchdruck in Ostasien weiß, würde mich das auch sehr interessieren.
     
  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Was ja nichts daran ändert, dass es - vermutlich mehrfach - erfunden wurde.

    Richtig. Und trotzdem würde jeder, der nachts um 1:41 Uhr aus dem Tiefschlaf geweckt und gefragt würde „Wer hat Amerika entdeckt?“ mit „Kolumbus“ antworten und nicht mit „Die Vorfahren der Indianer“.
     
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  9. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Natürlich hat Gutenberg den Druck mit beweglichen Lettern erfunden. Das er es nicht als erster erfand, ändert nichts daran. Das mag eine feine Unterscheidung sein, doch wie sollen wir sonst mit der Tatsache umgehen, dass Erfindungen und Entdeckungen von verschiedenen Personen unabhängig voneinander gemacht wurden? Mehrere können es entdeckt haben, aber nur einer oder eine erstmals.

    Mitunter kommen weitere Bezüge hinzu: Wer hat es in Fernost entdeckt? Wessen Entdecken wurde für unsere Gesellschaft (hier im Forum dann wohl Europa) relevant?
     
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  10. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Apropos: Als der früheste bekannte Druck mit auswechselbaren Lettern gilt der Diskos von Phaistos, bedruckt etwa 3100 Jahre vor Gutenberg.

    Edit: Gutenberg gilt nichtsdestotrotz als der, der die effiziente Vervielfältigung von Schriften eingeführt hatte, was einen großen Beitrag für unsere Kultur darstellt.
     
    Zuletzt bearbeitet: 2. März 2020
  11. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Waren das beim Diskos von Phaistos nicht Stempel? "Mit beweglichen Lettern" meint ja, dass diese eben nicht einzeln, sondern gemeinsam auf den Beschreibstoff (Bedruckstoff, Medium?) gedrückt wurden.
     
  12. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Baegun ist der Autor, Jikji ist der Titel des Buches. Wer es gedruckt hat, weiß ich nicht.
    Es ist sicher nicht das erste mit Metallettern gedruckte Buch, sondern nur zufällig das älteste erhaltene. Mit Metallettern gedruckte Bücher gab es schon spätestens im frühen 13. Jahrhundert in China und Korea, nur ist keines davon erhalten.

    Wegen der großen Anzahl chinesischer Schriftzeichen und benötigter Lettern war der Letterndruck ein aufwändiges Verfahren. Daher konnte der Letterndruck den bereits seit dem 7. Jahrhundert verbreiteten Blockdruck (geschnitzte Holztafeln) auch lange nicht verdrängen.
     
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  13. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Je mehr man den Begriff "bewegliche Letter" Gutenbergs Lettern entsprechend definiert, umso mehr wird dieser als dessen Erfinder gelten. Andererseits aber waren auch beim Diskos von Phaistos die einzelnen Lettern beweglich und wurden zu einem Ganzen zusammengefügt. Gutenberg aber entwickelte ein Satzverfahren. Dennoch stempelte er ebenfalls, auch wenn viele Zeichen gleichzeitig, was halt noch effizienter war als das Stempeln einzelner Schriftzeichen.

    Habe übrigens gerade festgestellt, dass die Frage im Geschichtsforum schon mal aufgetaucht war:
    Wer erfand bewegliche Letter? Die Römer...!
     
  14. hatl

    hatl Premiummitglied

    Das ist ein wesentlicher Aspekt.

    Ohne das passende Papier keine Erfindung des Buchdrucks.
    Ebenso wenig wie die Glühbirne ohne Strom. Und deren Erfinder gibt es viele, wie bei fast allen anderen Erfindungen auch.
    Eine Erfindung entsteht in einer veränderten Umgebung die Neues möglich macht, und es da meist nur eine Frage der Zeit ist, bis die Erfindung erscheint. Unabhängig vom konkreten Erfinder.
    Und statt dem Zitat das Victor Hugo zugeschrieben wird:
    "Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist."
    Könnte man auch sagen: Nichts verändert die Welt so sehr, als eine Erfindung die schließlich erfunden werden will.

    Die "Wissensexplosion" ging auch einher mit der Verbreitung von Diffamierung, Lüge, Hass, und Verschwörungstheorien, gedeihend auf dem giftigen Humus des Aberglaubens.
    (Bei der Gelegenheit wäre es mal interessant einen Blick auf die Entwicklung der gegenwärtigen Übelstände von Gutenberg 4.0 zu werfen.)

    Während die Druckerpresse im Osmanischen Reich verboten blieb, und dieses sich weit in Balkan, bis vor Wien ausbreitete, wurde dadurch Europa eher instabil.
    Befeuert durch eine abscheuliche Sensationsgier wurde der Druck-Bestseller „Hexenhammer“ hervorgebracht.
    Die folgenden Schrecken entziehen sich der Beschreibung.
    Zur gleichen Zeit gibt es diese Erscheinungen in der Islamischen Welt nicht.
    Hexenglaube bleibt Aberglaube, und das Betreiben von Druckerpressen ist alsbald mit der Todesstrafe bedroht.
    (Michael Blume – Islam in der Krise, S. 56)
     
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  15. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Ob die Verwendung von Ton für den "Druckzylinder" des Jahres 1049 des chinesischen Beamten Bi Sheng eine mögliche frühere Form des "Buchdrucks" gewesen sei, mag ja sein. Dabei ist für den chinesischen Bereich natürlich deutlich zu sagen, dass es aufgrund der großen Anzahl von chinesischen Schriftzeichen zu keiner effektiven Nutzung einer Drucktechnik, vergleichbar der von Gutenberg kommen konnte. Es war deutlich zu zeitintensiv in der Vorbereitung des Drucks. Und es war kein Verfahren, auch das koreanische nicht, dass sich etablierte.

    Die "Erfindung" von Gutenberg war ein System und dieses System hat die Wissensproduktion revolutioniert (vgl. hatl). Wie von El Quijote zutreffend angedeutet, war dieses System die Grundlage für die diskursive Ablösung des religiösen Weltbildes.

    Und es ist wesentlich relevanter diese Revolution der Wissensproduktion in ihren Wirkungen zu betrachten. Es gibt nahezu kein nachfolgendes historisches Ereignis, was nicht nachhaltig von der Wissensproduktion beeinflusst worden ist, so die zentrale These von Eisenstein (The Printing Revolution in Early Modern Europe). Und letztlich basiert der Aufstieg des Westens nach dem 17. Jahrhundert auf der Basis der Transformation der Gesellschaften zu "Wissensgesellschaften". (vgl z.B. dazu M. Jacob: The First Knowledge Economy. Human Capital in the European Community, 1750-1850)
     
    Zuletzt bearbeitet: 2. März 2020
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  16. hatl

    hatl Premiummitglied

    (Hervorhebung durch mich)
    Der Vergleich mit den SUV's ist informativ und mE gut gewählt.
    Barbara Tuchman - Das dramatische 14. Jahrhundert - beziffert eine ungewöhnlich große Privatbibliothek eines sehr reichen Menschen mit 70 Büchern.
    Dies zu einer Zeit als sehr wenige Alles hatten und der Rest fast nichts.
    Und ziemlich plötzlich wird es möglich alle mögliche Schriften zu erwerben.
    Zunächst unredigierte Schriften, die je nach Nachfrage gedruckt werden, und unterschiedslos Klugheit und Dummheit verbreiten.
     
  17. Ottokkarr

    Ottokkarr Gast

    Die Chinesen und die Koreaner haben den Buchdruck mit beweglichen Lettern früher gekannt als in Europa. Allerdings blieb er dort eine totale Randerscheinung. Das übliche Druckverfahren war der Blockdruck.

    Wenn man heute ein gedrucktes Buch in den Händen hält (jedenfalls vor dem Digitaldruck), dann geht der Druck genealogisch auf Gutenberg zurück, nicht die Ostasiaten. In Ostasien war der Druck mit beweglichen Lettern bereits längst vergessen, als man am Ende des 19. Jahrhunderts den Blockdruck aufgab und die westliche Druckpresse übernahm.

    Deswegen kann man mit Fug und Recht sagen, daß Gutenberg den Buchdruck erfunden hat, und zwar in dem Sinne, als daß die heutige Buchdrucktechnik auf der gesamten Welt auf die von ihm etablierte Traditionslinie zurückgeht. Genauso wie man sagen kann, daß alle heutigen Betonbauten auf dem Globus auf westeuropäische Vorbilder zurückgehen und nicht den älteren, aber vergessenen römischen Betonbau (wobei die Römer Beton ungleich häufiger verwendeten als die Chinesen den Druck mit beweglichen Lettern).

    Ich hoffe, ich konnte den Unterschied zwischen Ersterfindung und der Erfindung, die sich durchgesetzt hat, klarmachen. Gutenbergs Erfindung hat sich auch deswegen durchgesetzt, weil sie technisch in vielerlei Hinsicht wesentlich ausgereifter war (die Ostasiaten kannten etwa keine Druckpresse).
     
  18. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Das ist falsch.
    https://www.museum.go.kr/site/main/relic/recommend/view?relicRecommendId=254452

    Alles übrige wurde oben schon angesprochen.
     
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  19. hatl

    hatl Premiummitglied

    Sepi,
    da geht es mir wie dir.
    Ich kann das mühelos lesen. o_O
     
  20. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Du auch?

    Die abgebildeten Lettern stammen ursprünglich von 1792; wegen eines Brandes mussten 1858 ungefähr 30.000 Stück nachgegossen werden.

    [​IMG]
    https://www.museum.go.kr/files/zin/curator_164_1.jpg
     

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