Widersprüche in der Hunnenrede Kaiser Wilhelms II

Dieses Thema im Forum "Die großen Kolonialreiche" wurde erstellt von Jamirohead, 25. Februar 2008.

  1. Jamirohead

    Jamirohead Neues Mitglied

    Hallo,

    zunächst einmal folgendes Zitat: Hunnenrede von Kaiser Wilhelm II
    Fragestellung: Analysieren Sie die Rede Kaiser Wilhelms II und nehmen sie dazu kritisch Stellung.
    Als Tipp hat uns meine Lehrerin gegeben, dass sich in der Rede 3-5 Widersprüche befinden. Diese wären rauszuarbeiten und auf die Wortwahl sollte man auch noch achten.

    Da ich natürlich nicht von jmd. hier eine ausführliche Beantwortung der Frage erwarte, schreibe ich hier mal meine "Antwort", auf Verbesserungen und Ergänzungen freue ich mich natürlich !
    Also ich schreibe in Stichpunkten, was ich mir gedacht habe:

    -viele Widersprüche:
    zb. sagt Kaiser Wilhelm (=KW) "in 30ig jähriger treurer Friedensarbeit" und auf der anderen Seite "ihr sollt fechten..."...sprich, auf der einen Seite tut KW einen auf Frieden, harmlos, doch auf der anderen Seite fordert er ja die Leute auf, gegen die Chinesen zu kämpfen

    -KW meint, "ihr sollt das große Unrecht, was euch geschehen ist, sühnen..."...dazu ist zu sagen, dass es grad umgekehrt war, den Chinesen wurde Unrecht angetan, sie waren militärisch schlechter dran und wurden durch die imperialistischen Mächte zu einem halbkolonialen Status mehr oder weniger gezwungen, "ungleiche Verträge", die zähneknirschend angenommen werden mussten, Opiumkrieg etc.

    -KW redet von einem "verschlagenen, tapferen, gut bewaffneten grausamen Freund"...durch den Imperialismus bekamen die Chinesen zwar Waffen, ob diese aber ausreichend waren oder zu Genüge vorhanden waren wage ich zu bezweiflen...oder gibt es in den Punkt nichts zu kritisieren?

    -zu Beginn meint KW: "das dt. Reich hat seinem Charakter nach die Verpflichtung, seinen Bürgern, sofern diese im Ausland bedrängt wurden, beizustehen"...ich denke er meint den ermordeten Gesellen "Ketteler" in China, der von den "Boxern" ermordet wurde...als Kritikpunkt dazu denke ich, dass es wohl stimmt, dass eine Person ermordet worden ist, ob dies aber ausreicht um ein ganzes Volk zu erorbern und zu besetzen? Moralisch und politisch m.E. nach nicht vertretbar...

    -"die Chinesen haben das Völkerrecht umgeworfen"...siehe Kritikpunkt Nr. 2
    Zu dem letzten Drittel der oben zitierten Rede habe ich leider noch nichts...
    Zu der Wortwahl habe ich bislang auch recht wenig, nur, dass KW starke Wörter preisgibt und auch auf die christliche Religion und Tugenden eingeht. (Stolz, preußische Tüchtigkeit, "zeigt euch als Christen..", Ehre, Ruhm etc.)
    Diese Wörter und die Anspielung an die Religion benutzt KW, um Einklang und Sympathie bei den Menschen zu gewinnen, damit diese ihm glauben und auch zum Kampf bereit sind.
    Es geht nur um das Zitat oben, also diese "Version", keine längere.
    Bei google habe ich entdeckt, dass der Satz "Pardon wird nicht gegeben. Gefangene werden nicht gemacht." auch ziemlich bedeutend sein soll, wobei ich jetzt keinen direkten Bezug herstellen kann.
    Habe ich die Widersprüche alle erkannt?
    Gibt es was zu ergänzen? Vor allem im letzten Drittel und bei der Wortwahl?
    Würde mich tierisch freuen, wenn ihr auch nur stichpunktartig meine Ausführungen ergänzt/verbessert.

    Ich danke im voraus

    mfg
     
  2. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Boxeraufstand - Wikipedia

    Zu den Hintergründen, die der Anlass für diese Rede waren. Unschuldige Lämmer waren die Chinesen auch nicht. Die Ermordung von Diplomaten und allen Europäern, derer man habhaft wurde, ist auch nicht gerade völkerrechtskonform.
     
  3. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

  4. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Respekt, Jamirohead! Sieht sehr vernünftig aus.

    Noch ein paar Gedankenanregungen (die Auffälligkeiten, die ich sehe, sind fett markiert). Welche Bedeutung haben diese Begriffe und welche Sichtweise/Motivation erkennst Du dahinter?

    - "Große überseeische Aufgaben sind es, die dem neu entstandenen Deutschen Reiche zugefallen sind, Aufgaben weit größer, als viele Meiner Landsleute es erwartet haben."

    - "Öffnet der Kultur den Weg ein für allemal!"

    - "Eine große Aufgabe harrt eurer: ihr sollt das schwere Unrecht, das geschehen ist, sühnen."
     
  5. Jamirohead

    Jamirohead Neues Mitglied

    @Pope; also mit Aufgaben versucht Kaiser Wilhelm, den Leuten klar zu machen, dass es deren Pflicht ist, so und so zu handeln...sprich, er bittet sie nicht drum und fragt auch nicht nach, sondern offenbart diese Tatsache als eine Art Pflichtbewusstsein jedes Einzelnen und setzt somit voraus, dass die Leute auch so handeln werden...meinst du das ?:S
    Zu den anderen Begriffen fällt mir leider nichts ein :(

    mfg
     
  6. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Gut, ich führe mal aus:

    1. Wenn "Aufgaben" dem Reich zugefallen "sind", hört sich das nach einer Mission an. Welche Mission? Und warum "zugefallen"? Dahinter steckt mehr als nur der konkrete Fall China: es ist eine Auffassung von imperialer Politik, die heute doch etwas befremdlich ist, oder?

    2. Welche seltsame Definition und Bedeutung von "Kultur" (oder Zivilisation) meint Wilhelm, wenn er sie mit einer Militärexpedition durchsetzen möchte?

    3. Geht es Wilhelm um Befriedung und Herstellung der Ordnung, wie man erwarten könnte? Oder um Rache und Bestrafung? Und steckt dahinter vielleicht ein tieferer Grund, wenn man globalpolitisch denkt?

    :grübel:
     
  7. Jamirohead

    Jamirohead Neues Mitglied

    Vielen Dank für den Denkanstoß!

    mfg
     
  8. Gandolf

    Gandolf Neues Mitglied

    Ich halte die Rede von KW2, rhetorisch betrachtet, für völlig verfehlt. Eigentlich hatte er ja nur die Aufgabe, seinen Soldaten ihren Auftrag zu erklären und ihnen alles Gute zu wünschen. Doch stattdessen beginnt er seine Rede damit, über "große überseeische Aufgaben" zu schwadronieren, die dem "neu entstandenen Deutschen Reiche zugefallen sind", das "die Aufgaben, welche das alte Römische Reich deutscher Nation nicht hat lösen können", zu lösen in der Lage ist. Unklarer geht es nun wirklich nicht. Worin sieht KW2 das Mittel die (großen überseeischen? / die vom HRRDN ungelösten?) Aufgaben zu lösen? Er sieht sie im HEER!? Verwundert reibt man sich die Augen. Müssen die Jungs etwa nach China schwimmen? Der Schluss dieses Teils seiner Rede passt nicht zu dem mit der Einleitung gewählten Bild (große überseeische Aufgaben sind zugefallen).

    Und so geht das in dieser Rede munter weiter: beim Militäreinsatz handelt es sich primär um eine Strafaktion wegen der Ermorderung des Gesandten und nicht um eine Schutzaktion zu Gunsten im Ausland in Bedrängnis geratener deutscher "Bürger". Die Jungs sollen "Manneszucht üben", also diszipliniert handeln und nicht wahllos dreinschlagen. Das betont KW2 mehrfach, zugleich sagt er aber auch: "Pardon wird nicht gegeben. Gefangene werden nicht gemacht. Führt eure Waffen so, daß auf tausend Jahre hinaus kein Chinese mehr es wagt, einen Deutschen scheel anzusehen." Das lässt sich auch dahingehend verstehen, dass die Soldaten Angst und Schrecken verbreiten sollen. Die Formulierung "kein Chinese mehr es wagt" kann auch die unschuldige Zivilbevölkerung mitumfassen
     

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