Wie ist der Romanisierungsprozeß der Normannen der Normandie abgelaufen?

Dieses Thema im Forum "Westeuropa" wurde erstellt von Lord Lukan, 15. September 2015.

  1. Lord Lukan

    Lord Lukan Neues Mitglied

    Die Normannen der Normandie haben dänische und norwegische Wikinger als Vorfahren. Wie haben sie so schnell alles Nordische vergessen können?
     
    1 Person gefällt das.
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Weil die Normannen der Normandie ja nicht nur die ehemaligen Wikinger waren, sondern vor allem die Bevölkerung des von ihnen beherrschten Landstrichs. Und die ehemaligen Wikinger selbst dürften sich in erster Linie mit einheimischen Frauen fortgepflanzt haben, die einen galloromanischen Dialekt sprachen. KinderFRÜHerziehung ist eine Aufgabe, die meist eher dem weiblichen Teil des Haushalts anheimfiel.
     
  3. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Wie oben schon geschrieben, waren die eigentlichen Nordmänner wohl in erster Linie Männer, es mag zwar auch die ein oder andere Nordfrau dabei gewesen sein, aber insgesamt dürften die Nordmänner zunächste nur die Führungsschicht in der Normandie gestellt haben.

    Es gibt zwar auch historische Beispiele, wo eine Minderheit ihre Sprache der Mehrheit auferlegt. Beispielsweise waren die Bewohner der Normandie vor der Normanneninvasion romanischsprachige Untertanen des Westfrankenreiches. Diese hatten während der römischen Herrschaft einen Sprachwechsel vom Keltischen zum Lateinischen vollzogen.

    Allgemein werden Sprachwechsel dadurch vollzogen, dass eine Sprache einen höheren Prestige hat. Das Französische in der Normandie war die Sprache des Volkes und das Französische bzw. Lateinische die Sprache der Verwaltung und Kirche. Zu Sprachwechsel allgemein haben wir diesen Thread: http://www.geschichtsforum.de/f72/bernahme-von-sprachen-widerstand-macht-20628/

    Im übrigen hat die nordische Sprache (sei es nun Alt-Dänisch oder Alt-Norwegisch) gewisse Spuren hinterlassen: einige nautische Ausdrücke im normanischen Französisch (die dann ins Standardfranzösisch übernommen wurden) und einige Ortsnamen in der Normandie lassen sich auf nordische Einflüsse zurückführen.
     
  4. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    es sind nicht nur einige Ortsnamen in Bretagne und Normandie, welche nordischer Herkunft sind, sondern verblüffend viele; z.B. gehen sehr viele Ortsnamen rund um die Kanalinseln auf das nordische zurück
     
  5. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Bretagne? Ich habe nicht recherchiert, wo die skandinavischen Ortsnamen in der Normandie sind (also ob überall verteilt oder eher auf bestimmte Regionen konzentriert). Die Bretagne verwundert mich ein wenig, denn ich hätte so weit westlich nicht nordische Namen verwundert.
     
  6. Joinville

    Joinville Aktives Mitglied

    Die östliche Bretagne, besonders Nantes und Umgebung, waren im 9. und 10. Jahrhundert zeitweise von normannischen Horden besetzt gewesen. Später war der normannische Adel mit dem bretonischen versippt gewesen. Bei der Invasion 1066 haben auch bretonische Krieger wie Alain der Rote, ein Vetter Wilhelms, mitgewirkt.
     
  7. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Gute Frage, und es haben ja schon einige Forianer Antwort darauf gegeben. Die Wikinger, die sich unter König Rollo in der Normandie ansiedelten, hätten sich als herrschende Minderheit ohne soziale Kontakte mit westfränkischen Adeligen kaum behaupten können, geschweige denn, Besitzstand und Lehen zu vermehren. Deshalb nahmen sie das Christentum und die Langue d´oil an, die sie mit nordischem Vokabular anreicherten, wodurch innerhalb relativ weniger Generationen das Normannische enstand.

    Die Nachfahren der Wikinger dagegen, die mit Wilhelm dem Eroberer 1066 England eroberten, schafften es dagegen, sich als Minderheit von ca 5000 Menschen nicht nur zu behaupten, sondern es gelang ihnen auch den angelsächsischen Adel und dessen Sprache zu verdrängen. Wilhelm konnte erobertes Land als Lehen an seine Ritter, meist nachgeborene Söhne des Adels verteilen, die ihm dafür natürlich gewogen waren. Anglonormannisch behielt 300 Jahre seinen Status als Sprache der Herrschaftselite, was natürlich auch Einfluss auf das moderne Englisch hatte. Mein Englischlehrer verwies immer als Eselsbrücke darauf, dass die lebenden Tiere von angelsächsischen Bauern gehalten ihre westgermanischen Namen calf, sheep, sow behielten, das Fleisch, dass die normannische Oberschicht futterte, dagegen franko-normannische Bezeichnungen bekam (z. B. veal- französisch viande de veau, mutton-französisch mouton, pork-viande de porc(ine).

    Hier findest du mehr Informationen dazu:

    https://de.wikipedia.org./wiki/Normannische_Eroberung_Englands
     
  8. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Zu den Siedlungen der Normannen gibt es eine Karte in der frz. Wiki:

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:911-1050_duche_de_normandie.svg

    (dunkelblau: intensive Besiedlung, hellblau: weniger intensive Besiedlung).

    Danach erkennt man, dass die Schwerpunkte bei Rouen, Caen und Cherbourg lagen.

    https://fr.wikipedia.org/wiki/Histoire_de_la_Normandie

    Hier ist etwas zu den skandinavischen Ortsnamen in der Normandie:

    http://www.persee.fr/web/revues/home/prescript/article/annor_0003-4134_2002_num_52_3_1392

    Auf S. 197 ist die Ligne des Tots aufgezeichnet, also die südliche Grenze der skandinavischen Ortsnamen.
     
  9. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Diese Frage hat auch mich öfter beschäftigt. Mit dem heidnischen Wikinger Rollo, der 911 den letzten großen Raubzug in Frankreich anführte, setzten sich die Normannen in NW-Frankreich fest. Bereits Rollo war jedoch so klug, sich taufen zu lassen, und nannte sich von da ab "Robert".

    Rollos Nachfahren - die Herzöge der Normandie - heirateten keine wikingischen Frauen, sondern Töchter aus alten europäischen Adelsfamilien. Das alles führte zusammen mit der Integration der normannischen Wikinger in den französischen Staat nach wenigen Generationen zum Verlust aller nordischen Identitäten wie z.B. Sprache oder gesellschaftliche Prägungen.
     
  10. Lord Lukan

    Lord Lukan Neues Mitglied

    Vielen Dank! Ihr habt mich jetzt ein schönes Stück schlauer gemacht.
     
  11. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    In der frz. Wiki ist eine Liste mit Wörtern Alt-nordischen Ursprungs:

    https://fr.wikipedia.org/wiki/Normand#Termes_normands_d.27origine_norroise

    Für das Ende des 12. Jhdts. wird noch der Gebrauch der "dänischen" Sprache an der Küste berichtet:
     
  12. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Potzblitz! Das hätte ich nicht vermutet.
    So spät noch dänische Sprachreste. :)
     
  13. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    angesichts der Unwegsamkeit der Küste und ihrer vorgelagerter Inseln hatte mich das auch sehr gewundert, aber unzweifelhaft sind auffallend viele Ortsnamen z.B. auf den Kanalinseln nordischer Herkunft.
     
  14. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Hast Du dazu noch eine Quelle? Bei den Kanalinseln könnte man aufgrund ihrer wechselvollen Geschichte vielleicht auch an angelsächsische Namen denken. :grübel:

    Andererseits warum sollten Skandinavier sich nicht auch dort angesiedelt haben...
     
  15. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    @Carolus (bin unterwegs mit der gräßlich verspäteten DB, wo wie so oft Wlan zwar was kostet, aber nicht richtig bzw. nur sporadisch funktioniert...:motz:...)
    ein Beispiel von vielen: die Namensherkunft von https://de.wikipedia.org/wiki/Brecqhou

    die Inseln gehörten wohl einige Zeit den normannischen Herzögen, auch schon bevor William dann 1066 England eroberte - das könnte erklären, warum dort nicht wenige aus dem altnordischen stammende Namen auffallen.
     
    1 Person gefällt das.
  16. Joinville

    Joinville Aktives Mitglied

    Die Kanalinseln haben zum normannischen Herzogtum und damit ab 1066 dem Konglomerat des "anglo-normannischen Reiches" angehört. Als die (Festlands)Normandie 1204 in die französische Krondomäne integriert wurde, sind sie als letztes normannisches Überbleibsel unter der Herrschaft der englischen Könige verblieben. Dies ist auch der Grund ihres besonderen Status. Sie gehören nicht zu England und nicht zum Vereinigten Königreich. Sie sind direkt dem britischen König als dem "Herzog der Normandie" unterstellt ungeachtet der Tatsache, dass die englischen Könige 1204 von Philipp II. August als Herzöge enteignet worden sind.
     
  17. Lafayette II.

    Lafayette II. Aktives Mitglied

  18. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Wo steht denn das in dem Dokument?


    Auf der Website des britischen Königshauses steht folgendes:

    http://www.royal.gov.uk/MonarchUK/QueenandCrowndependencies/ChannelIslands.aspx
     
  19. Lafayette II.

    Lafayette II. Aktives Mitglied

    Leider gerade nur mit Handy, aber ich meine gelesen zu haben, dass mit dem Vertrag von Paris 1259(?) der Monarch von England auf den Titel als Herzog der Normandie verzichtet hat. Ich muß sagen,dass ich jetzt komplett irritiert bin.
     
  20. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Das mit der totalen Irritation tut mir leid, aber das passiert mir hier auch häufiger.:confused:


    Nach meinem Verständnis beinhaltete der Verzicht aus dem vorgenannten Vertrag das Herzogtum der Normandie auf dem Festland, also die Kanalinseln verblieben unter der Herrschaft der ursprünglichen Herzöge der Normandie. Derzeitiger Herzog der Normandie ist Elisabeth II. Dann müßte es seit 1259 immer zwei Herzöge der Normandie gegeben haben (also zumindest bis zur Abschaffung der Monarchie in Frankreich nach der Französischen Revolution).

    Anscheinend ist die Normandie 1204 unmittelbares französische Krondomäne geworden, Domaine royal français. Damit dürfte der Titel in Frankreich zumindest seine Bedeutung verloren haben.
     

Diese Seite empfehlen