Wie kamen sie zur Schrift?

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Altertum" wurde erstellt von Pope, 28. Februar 2005.

  1. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Mesopotamien - Wiege der Zivilisation und Mutter urbanen Lebens.

    Viele Jahrzehnte lang gruben sich Archäologen und Schatzsucher in den vorderorientalischen Sand und stießen dabei immer wieder auf unscheinbare Steinchenhaufen und Tonklümpchen, die wohl entweder als unbedeutende Sammelobjekte, oder bestenfalls als Spielsteine oder ähnliches gedeutet wurden.

    Erst als man Tongefäße mit etwa gleichgroßen markierten Tontäfelchen entdeckte, schenkte man der Sache Aufmerksamkeit. Dienten diese Tontäfelchen einem frühen Buchhaltungssystem?

    Bis heute konnten zahlreiche sog. "Tokens" identifiziert werden. Manche dieser Zählsteine tragen Zeichen, deren spätere Übertragung in die sumerische Keilschrift nachvollzogen werden konnte. Daher gelten sie als direkte Vorläufer der Schrift.

    Es ist ungewiss, wann man damit begann, die Zeichen von den Tokens auf Tonscherben oder Tontafeln zu übertragen. Dieser Schritt ist leicht mit der besseren Handhabung zu erklären. Aus vierzig Tonklumpen mit jeweils einem Kreuz werden vierzig Kreuze auf einem einzigen Tonklumpen. Obwohl viele der frühen Zeichen sehr piktrographisch sind, werden die Zeichen noch eine "Standardisierung" durchlaufen sein - wohl von Fernhändlern, Großgrundbesitzern und/oder lokalen Herrschern eingeführt/durchgesetzt.

    Etwa um 3000 v.Chr. gelangen wir nun in die Phase, in der staatliche und private Aktivitäten derart fortgeschritten sind, dass vielerorten ein einheitliches System der Erfassung von Warenbewegungen, Beständen und Ausständen verwendet wurde: Das Eindrücken von Zeichen in weiche Tontäfelchen mittels eines Griffels. Die dadurch entstehenden Striche gaben der Keilschrift ihren Namen. In dieser Zeit finden wir auch eine weitere, uns bis heute bekannte Zeichenform: die "Unterschrift" - genauer: Stempel und Rollsiegel, die den Eigentümer identifizieren und seine Anwesenheit und Beglaubigung eines Vorgangs dokumentieren. (Eine frühe Form der Visa-Karte :D)

    Der nächste Schritt ist die Abstraktion des Zeichens zu einer Lautkombination. Die Keilschrift ist eine Silbenschrift, die demnach problemlos für gleich oder ähnlich klingende Worte das selbe Zeichen verwenden kann. Aus den ersten Zeichen für Zahlen, Waren und Namen entstand nach und nach eine voll ausgebildete Schriftform, die weit über das Sumerische hinaus Verwendung finden sowie über drei Jahrtausende bestand haben sollte.

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    Zur Diskussion seien folgende Fragen gestellt:

    1. Inwiefern ist für Ägypten (oder Mexiko oder China) eine ähnliche oder auch völlig andere Entwicklungsgeschichte dokumentiert?

    2. Ist die Entwicklung der Schrift eine "logische" - wenn nicht gar zwangsläufige - Erfindung, die in jeder "protourbanen" ("quasi-städtischen") Gesellschaft möglich ist?

    Viel Spass!

    Pope
     
    Zuletzt bearbeitet: 28. Februar 2005
  2. hyokkose

    hyokkose Gast

    Nicht ganz: Die Keilschrift benötigte immer noch einige Zeichen, die es erlaubten, gleich oder ähnlich klingende Worte mit unterschiedlicher Bedeutung voneinander zu unterscheiden.



    Das Grundprinzip der genannten Schriften ist, ganz grob gesagt, dasselbe wie bei der Keilschrift: Zeichen, die für Laute stehen (in der Regel Silben, im Ägyptischen Konsonanten bzw. Konsonantengruppen) werden durch Determinativa (bedeutungsangebende Bestandteile) ergänzt.

    Die Entwicklung der Schrift ist allerdings nur sehr spärlich dokumentiert. Das ist aber kein Wunder, denn sobald das Grundprinzip einmal gefunden war, ging die Entwicklung sehr rasch zu einem voll-funktionsfähigen Schriftsystem.

    Logisch? Ja.
    Zwangsläufig? Ich glaube nicht. Von den altamerikanischen Kulturen haben nur die Maya ein vollständiges Schriftsystem entwickelt. Ob die Azteken oder Inka eines entwickelt hätten, wenn nicht die Conquista dazwischen gekommen wäre, wissen wir natürlich nicht.
     
  3. Sissi

    Sissi Neues Mitglied

    Hallo!!!
    Ich sehe es genau so wie Pope, dass die Schrift logisch war und vor allem zwangsläufig. Zumindest im alten Ägypten (über Keilschrift kann ich mich (noch) nicht äußern;)). Denn spätestens durch die Einigung von Ober- und Unterägypten wurde durch Handel und Transport die schrift unerläßlich. Angefangen bei einfachen Bildern hat sie sich auch immer weiter entwickelt, so dass man später über 1000 Zeichen hatte, bestehend aus Bildern sowie aus Lautzeichen, wie wir sie auch schon kennen. Die Entwicklung ging weiter, und zwar Richtung Vereinfachung, aus den Hieroglyphen wurde das Demotische, zu sehen auf dem Stein von Rossette. Also von der Heiligen Schrift zur Volksschrift, wenn man das so nennen möchte... Bleibt für mich noch die fragen, was Pope mit der quasi städtischen Gesellschaft meint. Ich denke, überall wo Handel betrieben wird, muß kurz über lang so etwas wie eine Schrift entsehen, um Bestellungen aufzunehmen und auszuliefern, um es mal salopp zu sagen.

    http://proto.thinkquest.nl/~ara140/html/images/images_index/051_demotisch.jpg
    Noch eine kleine Grafik zur Veranschaulichung!

    Lieben Gruß
     
  4. hyokkose

    hyokkose Gast

    An dem "zwangsläufig" hege ich nach wie vor meine Zweifel. Denn eine Schrift aus Konsonantzeichen und Determinativa ergibt sich aus den Erfordernissen von Handel und Buchführung keineswegs.

    Die Knotenschrift der Inka (Quipu) war offensichtlich bestens geeignet, um Warenlisten zu erstellen. Ob es möglich war, sie auch zur Wiedergabe gesprochener Sprache zu verwenden, ist doch eher fraglich.
    (http://de.wikipedia.org/wiki/Quipu)


    P. S. Irgendwas an Deinem Benutzerbild sieht anders aus als früher, aber was nur...
     
  5. Babylonia

    Babylonia Neues Mitglied

    Für den Handel in Mesopotamien hätten die seit Jahrhunderten üblichen „tokens“ (Zählsteine) wohl auch weiterhin ausgereicht. Die reine Tempelwirtschaft Ende des 4. Jt. v. Ch., eine Art „theokratischer Sozialismus“, wo alle für die Institution gearbeitet haben um von dieser Institution alles Notwendige zum Lebensunterhalt zugeteilt bekamen, wuchs den Beamten irgendwann über den Kopf. Die Magazine wurden mehr und mehr gefüllt und mussten auch wieder geleert werden, alles musste schon im Voraus berechnet werden, damit es für alle reicht. Nun gab es so viel aufzuschreiben, dass sich diese Mengen kein Mensch mehr merken konnte und es wurde nach einer Möglichkeit gesucht, diese Wirtschaftsdaten anders festzuhalten- die Zählsteine reichten nicht mehr aus. Insofern war es schon eine zwangsweise Entwicklung. Diese zunächst aus wirtschaftlichen Zwängen entwickelte Bilderschrift und die sich aus dieser entwickelte Keilschrift, die aber noch keine Sprache wiedergeben konnte, verhalf dann im Lauf der Jahrhunderte eine Schrift zu entwickeln, welche auch die Sprache wiedergeben konnte. Sieht nach einer logischen Entwicklung aus. Oder irre ich da? Zumindest in Mesopotamien scheint sich die Schrift so entwickelt zu haben.
     
  6. Pope

    Pope Neues Mitglied

    In aller Kürze:

    Der Begriff "protourban" ist nicht von mir :) Ich habe mir aber die Freiheit genommen, ihn mit "quasi-städtisch" zu übersetzen.

    Er beschreibt m.E. die Situation Mesopotamiens (und wohl auch Ägyptens) um 3.500-3.000 v.Chr., als Bevölkerungsdichte, Arbeitsteilung und regionale Interaktion Größenordnungen erreichten, die einer städtischen Gesellschaft sehr nahe waren.
     
  7. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Ich denke nicht. Tokens sind wohl im Rahmen dörflicher/kleinräumiger Verwaltung sinnvoll. (Man kann ja mal zum Spaß seinen Einkaufszettel auf "Tokens" umstellen - zwei Tokens mit einer Kuh für Milch, sechs Tokens mit einem Ei, usw.) Für eine größere Verwaltungseinheit mit Lagerwirtschaft, Abgaben und Zinsen, konstanten Ausgaben und Einnahmen, Plansoll und so weiter wird man mit Tokens wohl schnell die Übersicht verlieren.

    Ich sehe aber auch das Siegel als Baustein in dem Spiel. Lieferantensiegel + Inhaltsangabe = Lieferschein. Lieferantensiegel + Inhaltsangabe + Empfängersiegel = Empfangsbestätigung.
    Wie wichtig diese "Vertragsurkunden" für Wirtschaftsabläufe sind, wird jeder Bänker, jeder Spediteur, jeder Postbote, jeder Steuerbeamte bestätigen.
     
  8. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Frage: Gibt es in Ägypten oder Mexiko auch ein Tokensystem? Oder sind diese Völker anders zur Schrift gekommen?
     
  9. Themistokles

    Themistokles Aktives Mitglied

    Ob die Entwicklung von Schrift zwangsläufig ist möchte ich auch nicht vorbehaltlos stützen, trotzdem wird eine Kultur mit Schrift Nachbarkulturen wahrscheinlich zur Schrift führen oder ihren Einfluss eindämmen (erinnert ich ein bisschen an Selektion). Eine Schriftentwicklung bei einer völlig isolierten kultur, erscheint mir zumindest unwahrscheinlicher, als in einem "Völkerballungsraum" (z.B. Mesopotamien).

    Ich wollte mal wissen was man über Schriftansätze bei den Azteken weiß, ich erinnere mich nur, dass sie mit ihren Codi bereits Büchervorläufer hatten und einiges in dise Richtung von Mayas (zumindest indirekt) übernommen hatten.

    Hyokose,
    die Änderung bei Sissis Benutzerbild ist mir auch aufgefallen, ich glaube es liegt an den (nicht mehr sichbaren) Haaren oder dem starken Lidschatten.
     
  10. askan

    askan Neues Mitglied

    Zitat:"Die Knotenschrift der Inka (Quipu) war offensichtlich bestens geeignet, um Warenlisten zu erstellen. Ob es möglich war, sie auch zur Wiedergabe gesprochener Sprache zu verwenden, ist doch eher fraglich"

    Aber wurden dem Inka nicht mittels Quipu Botschaften aus den Provinzen des Reiches überbracht? Wenn es nur Warenaufstellungen wären, welchen Sinn hätte der ganze Ausbau der "Laufstrassen" (Inka-trails?)gehabt?
     
  11. hyokkose

    hyokkose Gast

    Die aztekischen Codices geben noch weitgehend eine Bilderschrift wieder, d. h. der Satz "Ein Mann steigt auf einen Berg" kann nicht in seine einzelne Worte zerlegt werden, sondern es wird ein Berg gemalt, auf das ein Männchen marschiert. Eine größere Abstraktion gab es bei den Zahlen, d. h. 120 Mann müssen nicht dadurch dargestellt werden, daß man 120 Männchen aufmalt, sondern dafür gab es eine Ziffernkombination.

    Der Ansatz zu einer Lautschrift war aber nicht gegeben, auch keine direkte Abhängigkeit von der Maya-Schrift.



    Ein Läufer kann auch dann Botschaften überbringen, wenn er die zu übermittelnde Nachricht im Kopf hat. Es ist immerhin möglich, daß die Schnüre als Gedächtnisstützen dienten, so wie andernorts Botenstäbe.
     
  12. Pope

    Pope Neues Mitglied

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