Wiens Kaffeehaustradition

Dieses Thema im Forum "Österreich | Schweiz" wurde erstellt von parago, 19. Januar 2005.

  1. parago

    parago Neues Mitglied

    Eine Folge der Tuerkenbelagerung Wien's von 1683 hat sich - gluecklicherwesie - bis heute erhalten, man kann sogar behaupten, sie hat sich zum Kult gemausert:

    Die Wiener Kaffeehaustradition.

    Selbst ich als eingefleischte Teetrinkerin und Tortenhasserin kam nicht an ihr vorbei; im Gegenteil. Ich lernte, sie zu lieben, die unzaehligen Kaffeehaeuser Wien's mit ihren Kronleuchtern, dicken Teppichen, verstaubten Klavieren und grantigen Obern. Noch heute bestell' ich mir zum Kaffee ein Glas Wasser dazu, einfach weil ich mich in Wien so daran gewoehnt habe und heute weiss, dass es sich ganz einfach so gehoert.

    Die Geschichte des Kaffeehauses ist eine Erfolgsgeschichte wie sie im Buche steht. 1804 gab es bereits 89 davon, hauptsaechlich im Stadtzentrum, innerhalb des Rings, und um die Jahrhunderwende zaehlte Wien bereits ganze 600 Kaffeehaeuser. Zu jener Zeit war es dann auch endlich Damen gestattet dort einzukehren und am taeglichen Rummel um Klatsch, Politik und anderem 'Weltbewegenden' teilzunehmen.

    Was ist so besonders an der Wiener Art, Kaffee zu trinken? Nun, man trinkt hier nicht einfach nur 'Kaffee'. Wer einen solchen bestellt, am besten noch im 'Kaennchen', bekommt zunaechst einmal die hochgezogene Augenbraue des Herrn Obers zu sehen und im schlimmsten Fall auch noch dessen scharfzuengigen Humor zum Thema 'Piefkes auf Reisen' zu spueren.
    Piefkes, das sind wir, die Deutschen. Und wir sind nunmal anders. Und der einzige, der das absolute Recht und in gewissem Masse sogar die Pflicht hat, uns daran zu erinnern, ist der Herr Ober. Steht es doch schwarz auf weiss und in liebevoll verschnoerkelten Lettern in der Speisekarte:

    Schale Gold: kleiner Schwarzer mit Obers

    Piccolo: kleiner Schwarzer mit Schlagobers

    Kaffee verkehrt: ein Viertel Kaffee, drei Viertel Milch

    Original Fiaker: schwarzer Kaffee mit Rum, serviert im traditionellen Kaffeeglas

    Franziskaner: ein kleiner Mocca mit viel Milch wird mit Schlagobers zugedeckt und mit Schokoladestreusel serviert

    Kapuziner: kleine Schale schwarzer Kaffee mit 1 Tropfen Obers

    Einspänner: Schwarzer Kaffee im Glas mit Schlagobers, darüber ein Hauch Staubzucker gestreut

    Pharisäer: eine Schale starker Kaffee mit einem Schuß Rum vermischt, gesüßt und mit einer Schlagobershaube versehen

    Wiener Eiskaffee: kalter schwarzer Kaffee im Glas mit Vanille-Eis und Schlagobershaube

    Obermayer: großer Mocca, gesüßt. Über den Kaffeelöffelrücken wird Obers auf den Kaffee gegossen. Obers und Kaffee dürfen sich erst beim Trinken vermischen

    Kaffee Kirsch: eine Schale Kaffee mit 2 cl Kirschwasser

    Advokaat: heißer Mocca, Eierlikör, Schlagobers

    Gewürzkaffee: Schwarzer Kaffee mit Rum, Zucker, Gewürznelken und Zimt

    Mocca gespritzt: Schwarzer Kaffee mit 2 cl Cognac

    Kaffee Alt-Wien: großer ,starker Mocca mit Mozart-Likör

    Kaffee Amadeus: großer, starker Mocca mit Amadeus-Likör

    Kleiner Brauner oder Mocca

    Großer Brauner oder Mocca

    Wiener Melange

    Jumbo Kaffee, Riesentasse Kaffee mit viel Milch und Schlagobers

    Milchkaffee (Caffe latte), Verlängerter Kaffee mit viel Milch und Milchschaum, im Glas serviert


    ..

    Mit einem einfachen "Kaennchen Kaffe" ist es da ja nun wirklich nicht getan *g


    Meine persoenlichen Favoriten sind uebrigens das Café Weimar im 9. - gediegen-prunkvoll und oh so gemuetlich - und das beruehnmte Café Central, im 1. Bezirk und damit wie der Name schon sagt sehr zentral gelegen; allerdings ist das mehr was zum Herzeigen als zum Entspannen, da es ganzjaehrig touristisch ueberlaufen ist - trafen sich hier doch literarische Groessen wie Oskar Kokoschka, Stefan Zweig, Leo Trotzkij , Karl Kraus, Franz Kafka und Hugo von Hoffmannsthal. Auch Hitler soll sowohl zu der Zeit als er in Wien lebte als auch waehrend spaeterer Besuche ein regelmaessiger Gast gewesen sein.


    Faszinierend ist, dass selbst die jugendlichen Wiener ihr Kaffeehaus lieben. In manchen kann man gegen Mittag Dutzende von Studenten zuschauen, wie sie sich die Haare ueber Buechern raufen und sich nebenbei ihre heisse Schokolade, ihre Melange oder ihren Eiskaffee samt Mehlspeis' (Kuchen, Torten, Gebaeck etc.) einverleiben. Zu hoffen bleibt, dass sich an dieser Tradition so schnell nichts aendert, denn was waere Wien ohne seine, im Kaffeehaus geborene, Gemuetlichkeit. Der Wiener Kritiker und Schriftsteller Alfred Polgar brachte es auf den Punkt:

    "Das Café Central ist nämlich kein Kaffeehaus wie andere Kaffehäuser, sondern eine Weltanschauung, und zwar eine, deren innerster Inhalt es ist, die Welt nicht anzuschauen. Was sieht man schon?"

    Das Wiener Kaffeehaus: Lebendige Geschichte, Tradition und Nostalgie.

    .
     
  2. Schini

    Schini Neues Mitglied

    Ich hab im Tomaselli (Salzburg) einmal einen Ober "zwei kleine Schwarze, einen Milchkaffe und zwei Deutsche" in der Küche ordern gehört - es hat wohl wieder mal jemand Kaffee mit Betonung auf dem a bestellt... In deiner Liste fehlen Kapuziner und Einspänner, ansonsten halte ich die meisten der immer wieder genannten und auch in Speisekarten aufgezählten Kaffeesorten eher für Dekoration.

    Ich würde nur Kaffeehaus nicht Kult nennen - sondern schlicht und ergreifend Kultur.
     
  3. parago

    parago Neues Mitglied

    Liebe Schini..

    guck nochmal genau nach - sowohl Kapuziner als auch Einspaenner befinden sich auf der Liste :yes: Als haett' ich die vergessen koennen..

    Ja, ich weiss was du meinst, als meine Mutter mich zum ersten Mal in Wien besuchen kam und in richtig derbem, Frankfurter Platt 'N Kaennsche' Kaffe' bestellt hat, fiel selbst mir die Kinnlade runter. Gott sei Dank war der Ober selbst Pole, mit verdammt starkem Akzent, so dass er sich kaum einen Kommentar erlauben konnte - was die Umsitzenden dachten, kann ich natuerlich nur ahnen *HeutNochImBodenVersink

    Kult trifft zumindest auf einige Individuen zu, die ich in Wien kennengelernt hab, einschliesslich meinem damaligen Freund. Der war regelrecht suechtig nach Kaffeehaus-Luft, konnte nur dort arbeiten, nur dort denken, nur dort kreativ sein. Verbrachte manchmal 6 Stunden im Weimar, mit Laptop und Buch bewaffnet und eine Melange nach der andern schluerfend :spinner: *g

    .
     
  4. Schini

    Schini Neues Mitglied

    Ob noch ein Kaffee mein Sehvermögen verbessert? Tut mir leid, so kannst gehen...

    Ich kann deinen Freund irgendwie verstehen... ;-)
     
  5. Mercy

    Mercy unvergessen

    Wie die Altvorderen.
    Polgar genoss die "Wurschtigkeit des Augenblicks" und Karl Kraus formulierte: "Wo die Talente so dicht an einem Kaffeehaustisch zusammensitzen, daß sie einander gegenseitig an der Entfaltung hindern". Und Musil, der im „Herrenhof“ und im kargeren „Zentral“ „verkehrte“ (wie man so sagte), betrachtete es als eine Art Lebenselixier.
     
  6. Andronikos

    Andronikos Neues Mitglied

    Ich dachte, dass wäre nur Legende?
     
  7. parago

    parago Neues Mitglied

    Wieso? Irgendwo muessen die Kaffeebohnen doch hergekommen sein, oder? :rofl:
     
  8. parago

    parago Neues Mitglied

    Nungut.. Legende hin, Legende her, hoert sich auf jeden Fall nett an:

    Im Kriegsdienst tat sich ein gewisser Georg-Franz Kolschitzki sehr hervor. Fuer seine kriegsentscheidenden Kundschafterdienste nach dem Sieg ueber die Tuerken bekam er auf eigenen Wunsch 500 Sack Kaffee, sowie ein Haus in der Naehe des Stephansdoms geschenkt. Dort eroeffnete er das erste Wiener Caféhaus mit dem Namen "Zur blauen Flasche".

    Quelle: Geschichte des Kaffees

    .
     
  9. Robert Craven

    Robert Craven Neues Mitglied

    So ein schöner Beitrag....mir läuft das Wasser im Munde zusammen!!!!!!

    Aber trinken Türken nicht auch viel TEE??
     
  10. parago

    parago Neues Mitglied


    In der Tat. Schwarzen, uebrigens :)

    Tee ist aber wieder ne ganz andere Geschichte.. vielleicht sollte man dazu einen eigenen Thread eroeffnen?! Parago - die Koenigin des Koffeins :cool:

    .
     
  11. Rovere

    Rovere Premiummitglied

    Das Ende Ära - Josefina Hawelka ist nicht mehr!

    Am Dienstag den 22. März 2005 starb die Frau Hawelka im Alter von 92 Jahren. Sie und ihr Mann Leopold betrieben seit 1936 den Inbegriff Wiener Kaffeehauskultur - das Cafe Hawelka in der Dorothergasse 6.

    Sie war Symbol einer Kultur aus Kaffee, Buchteln, Literatur, Kunst und toleranter Non-Chalance. Möge ihr Geist weiterwirken!

    zum Ableben von Frau Hawelka

    Cafe Hawelka
     
  12. clemens

    clemens Premiummitglied

    dadurch bekommt deine signatur natürlich einen tieferen sinn! :grübel:
     
  13. Rovere

    Rovere Premiummitglied

    da hattest du ziemlich recht :autsch:
    Asche auf mein Haupt
     
  14. Schini

    Schini Neues Mitglied

    Wo wir gerade im Kaffeehaus sind: Ich möchte hier nur festhalten, dass der Ober, der vom Titelblatt des heutig Falters grantelt in Wirklichkeit einer der nettesten und zuvorkommendsten Vertreter seines Metiers ist - und übrigens auch einmal im Hawelka bedient hat.
     
  15. parago

    parago Neues Mitglied

    Was hat er denn verbrochen, um auf des Falter's Titelblatt zu kommen? Bringt er durch seine Freundlichkeit etwa die Zunft in Verruf? ;)
     
  16. Schini

    Schini Neues Mitglied

    Ich müßte ihn erst fragen. Vermutlich hat es aber auch damit zu tun, dass die Redaktion vom Falter nicht weit weg ist und das Café Salzgries (früher das Wohzimmer der Journalisten) vor einiger Zeit zugesperrt hat...
     
  17. parago

    parago Neues Mitglied

    Momentamal!! Das Salzgries? Den Ober kenn ich!! Das ist ein schon recht betagter, duennbehaarter Mann mit unglaublich sueffisantem Laecheln und einer Art zu granteln, dass es einem als Touri die Schuhe auszieht!! Und der ist nett? Ehrlich? Wow.. dann lag's wohl daran, dass er meinen deutschen Akzent nicht mochte.. :rolleyes: ;)
     
  18. Rovere

    Rovere Premiummitglied

    Granteln tut man in München.
    In Wien wird geraunzt - soviel Zeit muss sein :D
     
  19. parago

    parago Neues Mitglied

    Aua. Hast Recht. Schande ueber mein Haupt.. man merkt halt, dass ich schon knapp 2 Jahre nich mehr dort war. *schnief

    :heul:
     
  20. Schini

    Schini Neues Mitglied

    Nein, der ist es nicht. Das Salzgries gibt es nicht mehr und ich weiß auch nicht, wo der gelandet ist. Der besagte Ober ist im Cafe Korb und auch nicht alt...

    Das Foto kann man sich übrigens auf www.falter.at ansehen...
     

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