Wird die Rolle der französischen Revolution übertrieben?

Dieses Thema im Forum "Französische Revolution & Napoleonische Epoche" wurde erstellt von Schulerfragen, 10. Februar 2013.

  1. Hallo liebe Leute,

    ich weiß, dass meine Frage sehr provokativ ist und eine endgültige Klärung wohl nicht möglich sein wird. Aber dies trifft ja auch auf viele Fragen anderer Fachgebiete zu, was Experten im Allgemeinen nicht veranlasst, sich nicht an einer Antwort zu versuchen. Deshalb wollte ich mal fragen, ob meine Überlegungen zum Thema einer kritischen Prüfung durch selbige standhalten können oder nicht.

    Es gibt meines Erachtens einige Punkte, die dafür sprechen, dass die Rolle der französischen Revolution übertrieben wurden:
    1. Es gab schon vor der Revolutions-Republik in Europa Republiken oder republikanische Staaten, wie die Vereinigten Provinzen der Niederlande, die Schweiz oder auch die norditalienischen Staaten. Hier wird man geltend machen können, dass diese Republiken kaum unsere heutigen Begriffe davon gerecht werden, weil das Amt des Statthalters in den Niederlanden z. B. erblich war oder weil mächtige Familien de facto die Kontrolle hatten.
    Ob die Adligen die Revolution als schlimmer als die Repuliken angesehen haben, muss in der historischen Rückschau ja niemanden interessieren. Dass ein politisches Leben ohne Könige möglich sei, das beweist schon eine kleine Republik, die sich von seinen Fürsten losgesagt hat.
    Zumal als "schlechtes Beispiel" für die Bürgerlichen auch Amerika getaugt hätte, vielleicht sogar Cromwell.
    2. Die Erklärung der Menschenrechte - die, soweit es Sklaven angeht nicht umgesetzt wurde und die Frauen nach wie vor diskriminierte - war auch nichts noch nie dagewesenes. In den jungen USA streitete man darüber, ob die Verfassung nicht einen Abschnitt über Grundrechte (die Bill of Rights) enthalten sollte und man hatte da durchaus Vorbilder wie die Virginia Bill of Rights oder das gleichnamige Dokument in England. Sir William Blackstone beschreibt in seinem Kommentar zum Common Law im Kapitel "Über die Rechte des Individuums" bereits einige (ungeschriebene) Rechte der Untertanen der Krone.
    Virginia Declaration of Rights ? Wikipedia
    Auch scheinen die Leibeigenen und Untertanen der Krone immer noch gewisse Rechte vorbehalten gehabt haben. Waren die vielleicht auch schon mit einem Grundrechtekatalog vergleichbar (wenn auch noch weniger umfangreich)?
    3. Die erste geschriebene, "moderne" Verfassung auf europäischen Boden war die des revolutionären Frankreiches eigentlich auch nicht:
    Verfassung vom 3. Mai 1791 ? Wikipedia
    Aber selbst wenn man das ignoriert, so kommt doch der US-Verfassung der Verdienst zu, die älteste moderne Verfassung zu sein. Zudem war sie die deutlich stabilere.
    Es stellt sich aber die Frage, warum man z. B. die Goldene Bulle oder die (englischen) Bill of Rights nicht auch als Verfassungen betrachten sollte.
    Und worin soll eigentlich der besondere Verdienst bestehen als erster eine Verfassung gehabt zu haben?
    4. Dass die französische Revolution die Gedanken der Aufklärung verwirklicht haben soll, scheint mir ebenfalls nicht so selbstverständlich. Es gab ja auch schon eine Aufklärung in anderen Ländern und sie hat dort bereits zu gewissen Reformen (Religionsfreiheit in "Toleranzbriefen", Aufgeklärter Absolutismus etc.) geführt.
    Und einige der Ereignisse, die im Zusammenhang mit der "Verwirklichung der Aufklärung" standen, wirken auf uns nachgeborene auch eher befremdlich, wie etwa der "Kult der Vernunft", dass die Gräber von berühmten Schriftstellern wie Rousseau, Voltaire usw. geöffnet und versetzt worsen sein sollen.
    Auch Dinge wie die Wehrpflicht und die Revolutionskriege kann man durchaus im Sinne der Aufklärung kritisieren.
    Letztlich gab es im Revolutionären Frankreich viele Dinge, die nicht übernommen wurden, wie etwa die Gewonnheit, Freiheitsbäume zu pflanzen oder das die Regierung aus einem Direktorat von mehrer Personen bestehen sollte.

    Dann gibt es wiederum einige Punkte, die dagegen sprechen:
    1. Der Code Civil hatte auf die meisten Staaten im Rheingebiet und darüber hinaus einen echten und bleibenden Einfluss auf die Art der Justiz und bis heute kann man zwischen Ländern, die vom Code Civil beeinflusst wurden (Civil Law) und Ländern, die z. B. der angelsächsischen Rechtstradition verbunden sind (Common Law), unterscheiden.
    2. Napoleon hat Dynastien beeinflusst und Fakten geschaffen, die auch die Restauration nicht mehr vollständig beseitigen konnte.
    3. Im schweizer Bundesrat lebt die Idee eines Kollektivkörpers gleichberechtigter Partner als Regierung weiter.
    4. Hat die franz. Revolution im Ergebnis viele Monarchien dazu gezwungen, sich zu reformieren, die allein vielleicht nie darauf gekommen wären.

    Was haltet ihr von meinen Gedanken? Könnte man sie so z. B. in einem Referat einbinden?
     

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