Wirtschaftspolitik der Sowjetunion vor und nach dem 2. Weltkrieg

Dieses Thema im Forum "Wirtschaftsgeschichte" wurde erstellt von sarah411, 17. November 2011.

  1. sarah411

    sarah411 Neues Mitglied

    Hallo,

    Ich schreibe gerade ein Essay zu dem oben genannten Theman. Mein Problem ist in erster Linie, dass ich generell wenig Wissen über die Sowjetunion besitze und es daher schwierig für mich ist, Zusammenhänge etc. zu erkennen.
    Also meine Leitfragen fürs Essay sind "Hat die Sowjetführung aus Fehlern der
    Wirtschaftspolitik in den Vorkriegsjahren etwas gelernt? Oder geht sie nach dem gleichen Schema vor? Ging es ihr vielleicht primär um etwas anderes als nur wirtschaftliche Angelegenheiten?"

    Ich wäre jedem der etwas dazu weiß sehr dankbar für Hilfe ;)

    Beste Grüße

     
  2. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    @sarah411

    Vorab die Kernthese. An der Wirtschaftspolitik der UdSSR hat sich in der unmittelbaren Nachkriegszeit nichts geändert. Das System der Planung, Leitung und Steuerung der Volkswirtschaft blieb unverändert, Zentralverwaltungswirtschaft (synonym verwandter Begriff: "Kommandowirtschaft") sowjetischer Ausformung. Dafür standen alleine schon die personellen Kontinuitäten.

    Du solltest Dir die Dokumente des XIX. Parteitages der KPdSU (B) aus 1952 mal anschauen, leider habe ich sie nicht online gefunden, gibt es aber zu kaufen bzw. in Bibliotheken.

    Natürlich stand die UdSSR nach dem Krieg vor zwei Problemen, die es vor dem Krieg nicht gab, und zwar die Transformation der Kriegswirtschaft hin zur Friedenswirtschaft und den Wiederaufbau der durch den Krieg zerstörten Städte, Dörfer, Infrastruktur und Wirtschaft.

    Literatur (Überblick)

    Manfred Hildermeier, Die Sowjetunion 1917-1991 (= OGG 31), München 2001

    hier Abschnitt 4.5 des Buches

    UZH - Historisches Seminar - Einfhrung in die osteuropische Geschichte

    Wenn Du weitere Fragen dazu hast dann frag, dieses ist ein erster Überblick.

    M.
     
  3. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Die Fragestellung enthält auch eine These. Dazu ein Gedanke.

    Wie hat sich wohl die Sichtweise der SU auf die Wirtschaftsleistung während des Krieges, resp. die Effektivität und Leistungsfähigkeit der Kommandowirtschaft dargestellt?

    Im Krieg war es - allerdings unter gewaltigen Opfern - gelungen, die deutsche Militärmaschinerie zu stoppen und rüstungsseitig erheblich zu überflügeln. Wenn man sich das offizielle Werk der Geschichtsschreibung zum "Großen Vaterländischen Krieg" anschaut, ist dem zu entnehmen, welche überragende Bedeutung dem sowjetischen Sieg in der "Produktionsschlacht" beigemessen wurde. Wurde darin nicht gerade eine Bestätigung des Systems gesehen?
     
  4. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Zunächst ist zu fragen, was als Fehler definiert werden sollte.

    Man kann folgende Aspekte festhalten:
    - Die UdSSR wuchs in der Zeit nach 1929 (1. Fünfjahresplan) im internationalen Vergleich deutlich. Während der Depression (nach 30) entwickelte sie sich im internationalen Vergleich besser wie entsprechende kapitalistische Wirtschaften.

    The world in depression, 1929-1939 - Charles Poor Kindleberger - Google Books

    - Das wirtschaftliche Agieren der SU erfolgte nicht! primär vor dem Hintergrund, den Konsum seiner Bürger zu steigern (sieht man von einer kuriosen weiten Verbreitung von Softeisautomaten ab), sondern im Rahmen der Planwirtschaft, die Grundlage für einen länger andauernden Krieg mit einem oder mehreren kapitalistischen Aggressoren zu führen.

    In diesem Sinne wurde, wie nahezu alles in der SU, dem Projekt des "Sozialismus in einem Lande" untergeordnet, wie bei Carr ausführlichst dargestellt.

    Socialism in one country - Edward Hallett Carr - Google Bücher

    - Das Wissen um die Planwirtschaft wurde sogar, von Wirtschaftsplanern aber auch von der militärischen Führung, als Vorteil interpretiert. Im Kriegsfall sah man sich eher in der Lage, den Herausforderungen des nächsten "Totalen Krieges" besser zu entsprechen. Der nahezu konsensual in fast allen Großmächten auf die Zeit um 1942 prognostiziert wurde, angesichts des einsetzenden weltweiten Wettrüstens.

    Diese pro-Planungs-Sichtweise ist durchaus pragmatisch und es läßt sich die empirische Bedeutung dieses Handelsn für Kriegswirtschaften im WW2 leicht nachweisen. Das gilt für die planersiche Ressourcenbewirtschaftung und Arbeitsteilung der Anglo-Amerikaner, aber auch für die geplante Ökonomie der Japaner (i Rahmen der Autarkiebestrebungen) vor und während des WW2, wie beispielsweise bei Barnhart hervorragend beschrieben.

    Japan Prepares for Total War: The ... - Michael A. Barnhart - Google Bücher

    Man kann sicherlich "Fehler" der Wirtschaftspolitik in der UdSSR erkennen. Aber man wird dabei den enormen außenpolitischen Druck unterschätzen und die subjektiv empfundene Verletzlichkeit der UdSSR und den Zwang zur Industrialisierung.

    Andererseits wird man auch seine eigenen wirtschaftspolitischen Prämissen bzw. Normen offen legen müssen, um die Kritik zu begründen. Und deren apriori Überlegenheit für eine gegebenen historische Epoche und eine Länderkonstellation nachweisen müssen und das dürfte nachträglich nicht zu leisten.

    Die post-WW2-Situation kann man kaum als eine Periode definieren im Sinne einer ähnlichen historischen Konstellation. Insgesamt kann man durchaus von einer Kontinuität der Wirtschaftspolitik vor und nach dem WW2 in groben Zügen ausgehen. Das liegt zum einen an den handelnden Personen, wie Stalin oder Molotow, die die UdSSR in einer quasi Kriegssituation teilweise künstlich gehalten haben.

    Die Frage nach dieser als "irrational" erscheinenden Handlung liegt in massiven und vermutlich auch gefährlichen - für Stalin - innenpolitischen Tendenzen, erweiterte Rechte im Bereich der politischen Partizipation, einzuklagen.

    Die Ursachen dafür liegen in der ambivalenten innenpolitischen Situation in der UdSSR nach dem WW2, die zum einen durch einen Prestigegewinn für Stalin und die KP gekennzeichnet war (vgl. Silesia #3 und die erfolgreiche Abwehr der Wehrmacht), aber auch durch eine erhöhte Selbstsicherheit von Teilen der Bevölkerung gegenüber der Partei, da sie erfolgreich den Kampf gegen die deutschen Invasoren organisiert haben. Dominantes Beispiel wäre Leningrad, aber auch beispielsweise der millionenfach "selbständig" gewordenen Rotarmist, der zunehmend sein Handwerk gelernt hatte und professionelle Maßstäbe an Handlungen legte und erst sekundär parteiorientierte Normen.

    Vor diesem Hintergrund war die Witschaft der Nachkriegszeit ebenfalls eine Kriegswirtschaft, die zunehmend auf die Erfordernisse des beginnenden Kalten Krieges ausgerichtet wurde.

    In diesem Zusammenhang hat Stalin zwar einerseits die Bedeutung der Marshall-Planes erkannt, aber nur sehr halbherzig mit der "Cominform", eher symbolisch, eine etsprechende wirtschaftliche Planung für den Ostblock vorgelegt.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Kominform

    Spätestens an diesem Punkt ergibt sich ein gravierender Unterschied zur Vorkriegssituation, da Stalin im Rahmen der wirtschaftlichen Planungen einen wesentlich komplexeren Wirtschaftsverbund zu organisieren hatte (und seine Nachfahren nicht zuletzt auch an den Widersprüchen und Friktionen dieses wirtschaftlichen Kreislauf bzw. Kooperation zugrunde gingen).

    In der Spätphase der Stalin-Ära gab es durchaus parteiintene Ambitionen, den Anteil der Konsumindustrie am BSP zu erhöhen. Die betroffenen Genossen scheiterten in der Regel persönlich, nicht zuletzt, da auch in der post-WW2-Phase durchaus in großen Stil weiterhin "Gesäubert" wurde.

    The Cold War and Soviet insecurity ... - Vojtech Mastny - Google Bücher

    Es ist eine interessante Parallele zwischen Hitler und Stalin anzuführen, die beide eine tendenziell anti-konsumorientierte Haltung hatten und in einem wachsenden Konsum die Gefahr einer "Verweichlichung" bzw. auch "Verwestlichung" "ihrer Gesellschaften" zu erkennen glaubten.

    Stalin: Triumph und Tragödie : ein ... - Dimitri Wolkogonow, Dmitrij A. Volkogonov - Google Bücher

    Ja, es ging, wie oben beschrieben, die stalinistische Utopie bzw. Vision einer sogenannten "sozialistischen Gesellschaft" im Rahmen des Außen- un Innenpolitischen Konzepts des "Sozialismus in einem Lande" sicher zu stellen.

    Das eigentliche Probelm, das sich dahinter verbirgt, betrifft aber eher das "Nationbuilding", dass heißt, wie man aus sehr heterogenen, teils sich feindlich gesinnten Ethnien, einen Staat errichtet.

    Einen Staat, der seine Legitimation nicht aus der Repression zieht, sondern auch der Legitimation, die die Bürger ihm freiwillig entgegenbringen.

    Und diese Legitimation wollte der Staat / Stalin aus dem Bereitstellen des Schutzes vor äußerer Aggression erlangen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. November 2011
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  5. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Thanepower hat dazu einen umfassenden Abriss gegeben.

    Der letzte Stz umschreibt wohl treffend die Wagenburgmentalität Stalins in den 1920ern und 1930ern, die als Ausgangspunkt genommen werden kann.
     

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