Wo die braunen Auerochsen weideten- Der Urwald von Bialowicza und obskure Naziprojekte.

Dieses Thema im Forum "Das Dritte Reich" wurde erstellt von Scorpio, 25. Februar 2021.

  1. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Im Mittelpunkt dieser wahren Geschichte stehen drei Männer: Reichsmarschall Hermann Göring, Prof. Dr. Lutz Heck, damals Direktor des Zoologischen Gartens Berlin und oberforstrat Walter Frevert. Lutz Heck, ein renommierter Zoologe war seit seiner Jugend vor allem von zwei urigen Wildrindern, dem Wisent und dem Auerochsen. Wisente wurden einst als königliches Wild der russischen Zaren und der Könige Polens gehegt, während der Zeit der deutschen Besetzung im 1. Weltkrieg waren Abschüsse ausschließlich verdienten Militärpersonen vorbehalten, in den Wirren der Russischen Revolution, des Bürgerkriegs und des Sowjetisch-Polnischen Krieges aber waren die Wisente in ihrem letzten Refugium, dem Urwald von Bialowicza, zum größten Teil dezimiert worden. Aus Beständen in europäischen Zoos und Wildparks wurde ein Programm zur Erhaltung des Wisents gegründet, an dem sich auch Lutz Heck beteiligt hatte. Lutz und Fritz Heck waren der Meinung, dass das genetische Material von ausgerotteten Tieren wie dem im 17. Jahrhundert ausgerotteten Auerochsen in rezenten Rassen noch erhalten sei, und sich durch Rückzucht Tiere wie Auerochsen und Tarpane wieder reanimieren zu können. Der Tarpan war eine Wildpferdart die Mitte des 19. Jahrhunderts ausgerottet worden war. Aus verschiedenen Rinderrassen war es den Brüdern Heck gelungen, eine Rinderrasse, das sogenannte Heckrind, zu züchten, die äußerlich den ausgestorbenen Auerochsen ähnelten. Lutz Heck hatte dabei spanische Kampfstiere eingekreuzt, und die Heckrinder ziemlich auf Aggressivität gezüchtet, so wie er sich den gefürchteten germanischen Auerochsen vorstellte.

    Für die Pläne, die Lutz Heck vorschwebten, brauchte es einen jagdbegeisterten Mäzen und Schirmherren, und da brauchte Heck auch nicht lange zu suchen, da bot sich die Persönlichkeit Hermann Göring an, und es war auch nicht allzu schwierig, den Reichsjägermeister sich geneigt zu machen. Lutz Heck schickte Göring einfach einen jungen Löwen Caesar, vor dem ein Lord schon einmal flüchten musste. Heck schickte Göring junge Löwen und nahm sie wieder zurück, wenn sie so groß geworden waren, dass sie Stress machten, und dabei kam man sich näher auch wegen der Zuchtprojekte Auerochse. Salopp gesagt war es Heck in mehreren Jahren gelungen, arisch-germanische Auerochsen heranzuzüchten, deren Aggressivität Göring entzückte, es fehlte nur noch ein geeignetes Biotop. Einige "Auerochsen" kamen nach Carinhall, wo sich Göring damit vergnügte, im Lederwams bekleidet und mit Saufeder bewaffnet, die germanischen Urwälder und Staatsforste zu durchstreifen. Nach der Machtergreifung der Nazis hatte Göring bald schon die Rominter Heide, das alte Jagdrevier Wilhelm II. zu seinem Privatrevier gemacht.

    Platzhirsch Göring brauchte allerdings für die Pläne, die Gestalt annahmen, einen Forstmann nach seinem Gusto.

    Als ein solcher bot sich Walter Frevert an, der sich als Jagdautor schon einen Namen gemacht hatte und sich in einem Revier nahe Battenberg als Rotwildexperte ausgezeichnet hatte. Göring ließ Frevert völlig freie Hand. Das schon riesige Revier in Rominten wurde fast um das Doppelte nach Osten ausgedehnt und das polnische Territorium annektiert. Ganze Dörfer wurden zwangsgeräumt, die Bevölkerung vertrieben. Die wenigen polnischen Forstleute und Waldarbeiter, die im Dienst blieben, wurden von Frevert korrekt behandelt, der hohe Meinung von der polnischen Jagdtradition hatte.

    In Rominten wurden auch die ersten Heckrinder ausgewildert. Mit der beschaulichen Ruhe des deutschen Waldes war es vorbei, immer wieder mussten Pilzsammler oder Radfahrer vor äußerst aggressiven "Auerochsen" flüchten, da gab es schon mal Beschwerden wegen demolierten Fahrzeugen. Das focht allerdings Frevert und Göring nicht an, im Gegenteil! Als dann aber die Auerochsen die Trophäenträger unter den Rothirschen beunruhigten, wurden sie abgeschossen.

    Inzwischen war auch schon der letzte Urwald Europas ins Visier der Nazis geraten. Es gibt eine Fotografie, die anlässlich der Internationalen Jagdausstellung 1937 aufgenommen wurde. Göring, Frevert und Heck inspizieren eine Karte des Bialowitzer Forstes neben ihnen liegt ein in Gold gefasstes Horn eines Auerochsen. Der Urwald sollte wie Rominten ausgedehnt werden, es sollte ein urgermanischer mysthischer Wald mit "urdeutschen" Tieren wie Elchen, Bären, Wisenten und Auerochsen bevölkert.

    Bald nach der Besetzung 1941 wurde Frevert, der Major der Reserve war, das Polizeibatallion 322 unterstellt, dass gegen Zivilisten und Partisanen vorging. In noch größerem Umfang als zuvor in Rominten wurden ganze Dörfer niedergebrannt, die Bevölkerung massakriert. Auf Juden und Partisanen wurden regelrechte Treibjagden mit Jagdwaffen veranstaltet.

    Frevert und Göring jagten 1944 im Oktober das letzte Mal in Rominten zusammen den Hirsch Leutnant. Bald darauf jagte Göring eigenhändig Carinhall in die Luft und setzte sich ab. Frevert und Heck konnten auch in der Bundesrepublik Fuß fassen. Lutz Heck wurde nach dem Krieg Direktor des Tierparks Hellabrunn in München, er starb 1982 als Zoologe international geachtet. Frevert machte nach dem Krieg Karriere im Schwarzwald, wo er ein Rotwildrevier managen sollte. Manche Kollegen rümpften die Nase, beim nennen von Freverts Namen ging durch manche Reihen ein wissendes raunen, mancher befürchtete dass er als "Görings Forstmann" ein neues Rominten schaffen werde. genau das aber war es, was man von Frevert erwartete, das neue Revier wurde staats- und Diplomatenjagd-Revier. Trotz manches raunen behielt Frevert bis vor wenigen Jahren seinen guten Ruf. Manche seiner Bücher sind durchaus lesenswert und Bücher von ihm wie "Rominten" werden heute noch neu aufgelegt. Die Firma Puma, die Messer herstellt, verkauft ein Waidblatt, das Frevert entworfen hat. Kaum ein deutscher Jagdautor hat im 20. Jahrhundert einen ähnlich großen Einfluß gehabt wie Walter Frevert, der 1962 nach einem Jagdunfall verstarb. An ihm scheiden sich heute noch viele Geister.

    Literatur: Andreas Gautschi, Walter Frevert eines Waidmanns Wechsel und Wege 2004
     
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