Woher weiß man ob î im Mittelhochdeutschen erst wie i und dann ei ausgesprochen wurde?

Dieses Thema im Forum "Fragen & Antworten" wurde erstellt von vindus, 17. Oktober 2020 um 21:18 Uhr.

  1. vindus

    vindus Neues Mitglied

    Ich bin mir nicht mehr ganz sicher was die Reihenfolge betrifft, wundere mich aber woher die Linguisten das wissen.
     
  2. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Das weiß man, weil die Schreiber in bestimmten Gegenden angefangen haben, Zeit statt Zit und Haus stat Hus zu schreiben.
    Ein paar Beispiele aus Ortsnamenerwähnungen:

    Weilheim in Oberbayern:
    1010 Wilhaim
    11. Jh. (Kop. des 12. Jh.) Wilheim
    1100-1110 Wilheim
    ca. 1130 (Kop. von 1521) Wileheim
    1237 Weilhaimen
    1298 Weilhaim
    1313 Weilheim

    Weißenfels:
    1190-1197 Wizenvels, Wyzenvels
    1203 Wizinvels
    1212 Wizenveltz
    1445 Weyssenuels
    1562 Weissenfels

    Wolfratshausen:
    1003 Wolueradeshusun
    1121-1126 Wolfratehusen
    1155 Wolfrateshusen
    1279-1284 Wolfrathusen
    ca. 1285 Wolfrathousen
    1293 Wolfrathausen
    1310 Wolfrathausen
    1321 Wolfratshausen

    Ähnliches lässt sich beobachten bei den Ortsnamen Weimar, Weilmünster, Weilheim an der Teck, Weil im Schönbuch und bei den vielen Ortsnamen mit -hausen.

    Die Entwicklung ist regional nicht zeitgleich; im Baierischen setzt sie früh ein, im Plattdeutschen und Alemannischen heißt es heute noch Hus statt Haus.
     
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  3. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

    Die gleiche Entwicklung gab es übrigens auch im Englischen, wobei das allerdings zu herkömmliche Schreibung beibehalten wurde. Da nennt man es Frühneuenglische Vokalverschiebung – Wikipedia
     
  4. vindus

    vindus Neues Mitglied

    Das hat mich eben gewundert. Denn ich dachte immer dass man das vom Englischen herleitete. Ich kann mich erinnern dass in fast allen mittelhochdeutschen Liedern das î als ie und das ei als ei, wie in hey, ausgesprochen wird, oder aber das î wie ein ei in ai und das ei wie ein ai ausgesprochen wird. Daher glaubte ich dass es eine Verschiebung in der Aussprache gab und wunderte mich woher man das weiß. Denn außer dem Altgriechischen und Sanskrit kenne ich keine andere Sprache wo die Aussprache genau belegt ist. Selbst beim Latein sind sich die Linguisten nicht einig was für einen Akzent man genutzt hat.
     
  5. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

    Mit der Entstehung des "neuen" ei aus dem langen i, verschob sich das "alte" ei zu ai oder langem e oder a. Senta Berger hat einmal darüber gelästert, dass die Bayern Chance Schaas aussprechen, was, wegen der Verschiebung ei nach aa (nicht nur) in Österreich etwas anderes heißt.

    Beim langen u verlief die Entwicklung übrigens ähnlich.
     
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  6. vindus

    vindus Neues Mitglied

    Ja, das ist ein anschauliches Beispiel! Danke.
     
  7. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Wie das?
    Ich kann mir nicht recht vorstellen, wie man die mittelhochdeutsche Aussprache ausgerechnet vom Englischen herleiten will.

    Abgesehen davon fand m. W. die englische Dipthongierung später statt als die deutsche.
     
  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Anhand früher Lehnworte:
    pilum/pila
    Pfeil/Pfeiler

    Vitus
    Veit

    vinum
    Wein

    murus
    Mauer

    prunus
    Pflaume
     
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  9. vindus

    vindus Neues Mitglied

    Angeblich weil im Englischen das I als ai-Laut beibehalten wurde.
     
  10. vindus

    vindus Neues Mitglied

    Das ist interessant. Da geht einem ja ein Licht auf! Könnte es dann sein dass die Römer das auch schon so ausgesprochen haben?
     
  11. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Wir haben ja die romanischen Sprachen.
    frz. - it- span. - port. - kat. - rum.
    vin - vino - vino - vinho - vi - vin
    mur - mura - muro - mur - mur
    prune - prugna - x - x - pruna - prună

    Vito

    Oder lateinische Begriffe im Griechischen (umgekehrt häufiger) und anderen Sprachen, z.B. im Arabischen sidjn ('Gefängnis') von lat. signum, 'Feldzeichen'
     
  12. vindus

    vindus Neues Mitglied

    Also ist das eine typisch germanische Eigenschaft. Was mich beim Lateinischen beschäftigt ist die Frage danach ob man aus dem Fehlen der Vokalabschwächungen in der klassischen Zeit wirklich auf einen melodischen Akzent schließen darf.
     
  13. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Diphthongierung gibt es natürlich auch im Romanischen, z.B. im Spanischen: Ovum > huevo, Ossum > hueso
     
  14. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich weiß nicht, was du mit einem melodischen Akzent meinst. Es gibt verschiedene Vokallängen bzw. offenere und geschlossenere Aussprachen. Z.B. mālum ('Apfel') vs. malum 'böse'. Der phonetische Zusammenfall vn beidem (Quantitätenkollaps) hat dazu geführt, dass wir uns den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse als Apfelbaum vorstellen, dass wir "wissen", dass die Schlange Eva einen Apfel gab und diese ihn an Adam weiterreichte. In der Bibel steht davon nichts, da steht Frucht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Apfel Böse.
     
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  15. vindus

    vindus Neues Mitglied

    Mit melodischem Akzent meine ich dass der betonte Vokal, wie auf Altgriechisch, durch die Tonhöhe und nicht durch die Laustärke gekennzeichnet wurde.
     
  16. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Das dürfte nicht vom Englischen beeinflußt sein, und auch einen umgekehrten Einfluß Hochdeutsch -> Englisch dürfte man ausschließen. Das sind dann Parallelentwicklungen, die dann zum gleichen Ergebnis führen: also die Wandlung vom u zum au, wie in House/Haus oder Mouse/Maus.

    Ich habe vom Mittelhochdeutschen eigentlich gar keine Ahnung: wurde der Zirkumflex auch schon im geschriebenen Mittelhochdeutsch verwendet, um einen langen Vokal anzuzeigen? Eine normierte Rechtschreibung gab es ja noch nicht. Oder ist das erst eine spätere Schreibweise, um die Länge anzuzeigen?


    Ein Bekannter erzählte mir, dass er während des Studiums einen Germanistikprofessor aus der Schweiz hatte. Die Studenten witzelten, dass man bei ihm das Mittelhochdeutsche noch im Original hören konnte.:D
     
  17. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Das ist nicht das einzige Argument, auch Äußerungen klassischer Autoren deuten auf einen melodischen Akzent. Argumente pro und contra finden sich z. B. hier:
    https://digilib.phil.muni.cz/bitstr...ecoLatinaBrunensia_18-2013-1_2.pdf?sequence=1

    Adamik tendiert für die klassische Zeit zum melodischen Akzent, wobei er zu Recht betont, dass sich melodischer Akzent und Druckakzent nicht ausschließen.
     
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  18. Divico

    Divico Aktives Mitglied

    Mir erging es umgekehrt. Als kleiner Schweizer hatte ich einen Deutschlehrer aus Niedersachsen. Der Mann war fachlich und pädagogisch ohne Tadel — aber wenn er Mittelhochdeutsch vortrug, dann konnte es einem die Fußnägel aufrollen.
     
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  19. vindus

    vindus Neues Mitglied

    Aha, interessant. Und ab der 1. Hälfte des 1 Jhd. nicht mehr? Jedenfalls kann ich mir beides nur mit Mühe vorstellen. Nur warum haben sich alle romanischen Sprachen zu einem dynamischen Akzent hin entwickelt? Oder ist das eine normale Tendenz, oder sogar germanischer Einfluss? Immerhin wurde fast der ganze romanische Sprachraum von Germanen besiedelt.
     
  20. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Hast Du irgendwo gelesen, ab der 1. Hälfte des 1. Jahrhunderts habe es keinen melodischen Akzent mehr gegeben?
    Bei Adamik steht das jedenfalls nicht.

    Wenn man davon ausgeht, dass das Spätlatein einen ausgeprägten dynamischen Akzent kannte und sich alle romanischen Sprachen aus dem Spätlatein entwickelt haben, entfällt die Annahme einer parallelen Entwicklung in den romanischen Sprachen oder gar eines germanischen Einflusses.
     
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