Wollte man die Demokratie von 1919 überhaupt?

Dieses Thema im Forum "Die Weimarer Republik" wurde erstellt von qwe1, 2. Juni 2011.

  1. qwe1

    qwe1 Neues Mitglied

    Die Menschen die 1918 auf die Straßen gingen um zu demonstrieren (angefangen mit dem Matrosenaufstand) kämpften doch um ein Ende des Krieges - nicht um eine Demokratie.
    Der Krieg war dann schließlich verloren, der Kaiser hatte abgedankt und die OHL hatte die Verantwortung auf das Parlament geschoben.
    Schnell rufte Scheidemann noch die Republik aus und 1919 hatte man die Verfassung fertig.

    Insgesammt erweckt sich in mir der Eindruck, dass die Deutschen die Demokratie gar nicht aus dem Herzen wollten, sie eher ihnen aufgezwängt wurde. Liege ich damit richtig?
     
  2. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Im Jahre 1919 fand die Wahl zur Nationalversammlung statt. Bei dieser Wahl erhielten die Parteien, die für die Demokratie eintraten und diese auch in der Folge stützen, die Mehrheit.

    SPD: 37,9%
    Zentrum: 19,7%
    DDP: 18,8%
     
  3. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Eher nicht, wenngleich zuzugeben ist, dass "die Deutschen" sicher nicht nur ein Motiv hatten, weshalb sie "auf die Straßen gingen", und dass die Beendigung des Krieges ganz oben auf der Prioritätenliste stand.

    Danach kam vermutlich bereits der Wunsch, das Gemeinwesen so einzurichten, dass ein weiterer Krieg dieser Art verhindert würde; viele waren deshalb der Auffassung, dass das bisherige Regime durch eine Republik ersetzt werden sollte. Des weiteren gab es eine Menge Leute, die für eine soziale Umwälzung oder Reformen eintraten, für mehr bürgerliche Rechte/Freiheiten usw.

    Aber so richtig verstehe ich noch nicht, woraus Dein Eindruck resultiert? Hast Du Werke von "Demokratie-Skeptikern" gelesen? Oder ist eher die Frage der Staatsform (Republik statt Monarchie) gemeint?
     
  4. iamNex

    iamNex Aktives Mitglied

    Meiner Meinung nach solltest du nicht erst 1918 ansetzen, sondern früher.
    Bereits 1917 bildeten SPD, Fortschrittliche und das Zentrum den Interfraktionellen Ausschuss im Reichstag. Wikipedia trifft es hier ganz passend: "...bildete den Auftakt zur Parlamentisierung des Deutschen Reiches."

    Fragt sich natürlich nur, inwiefern die Parteien das Volk widerspiegelten.

    Genau!
    jschmidt hat Recht, aber wie gesagt, wenn du dich mit der Demokratisierung des Dt. Reichs beschäftigst, dann beachte auch das Jahr 1917.
     
  5. Barbarossa

    Barbarossa Neues Mitglied

    Über lange Strecken, wurde die Demokratie durchaus befürwortet. Bestimmte Kreise lehnten sie aber eben auch ab. So gab es den Putsch von Kapp und Lüttwitz 1920, den Putschversuch von Hitler 1923 in München oder auch die kommunistischen Räterepubliken. Auch Hindenburg, der ab 1925 Reichspräsident war, war eben kein Freund der Republik. An diesen sehr vielen Feinden scheiterte die Weimarer Republik letztlich auch. Die Wahlerfolge der NSDAP und anderer antidemokratischen Kräfte im Zuge der Weltwirtschaftskise 1929-32 tat ihr übriges. Demokratie ist dann stark, wenn es den Bürgern materiell gut geht. Geht es ihnen nicht so gut, fangen einige an zu zweifeln und laufen denen nach, die ihnen das "blaue vom Himmel" versprechen.
     
  6. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Nachdem ich gerade Wehlers Essays im Sammelband "Konflikte zu Beginn des 21. Jahrhunderts" gelesen habe, möchte ich ihn an dieser Stelle etwas ausführlicher zitieren, weil er die Situation doch etwas anders sieht:

    Wehler spannt also in wenigen Sätzen einen direkten Bogen von der Unbeliebtheit des nach dem 1. Weltkrieg neuen politischen Systems zum Dritten Reich. Leiderleider ist Wehler, wie so häufig in seinen Essays, sehr sparsam was Belege und Literaturangaben betrifft. Nichts desto trotz finde ich seine Argumentationskette sehr interessant und durchaus diskussionswürdig.
     
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  7. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Natürlich diskussionswürdig. Wenn den Autor freilich den Satz spinnt
    "Damit löste sich [1918] eine politische Ordnung, die jahrhundertelang eine Sicherheit gewährende Selbstverständlichkeit bedeutet hatte, unter dem Anprall der Revolutionsbewegung im Nu auf."
    frage ich mich, welche Art von Sicherheit hier gemeint sein mag.:autsch:
     
  8. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Ich bin kein Hellseher, ich kann dir nur sagen, wie ich es gelesen habe: ich sehe hier die Sicherheit der Bequemlichkeit, würde also eher "Sicherheit gewährende Selbstverständlichkeit" unterstreichen.
     
  9. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Du bist ungewöhnlich milde mit dem Mann...:)

    Ich kann mir, im Ernst, auch keinen vernünftigen Reim darauf machen, wenn Wehler in wörtlichem Bezug darauf, "dass innerhalb weniger Tage die Revolution siegte und alle Monarchien sang- und klanglos verschwanden", von einer "traumatisierenden Erfahrung" schreibt? Wer wird hier traumatisiert? Der Alldeutsche Verband? Das Offizierskorps?
     
    Zuletzt bearbeitet: 2. Juni 2011
  10. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Ich bin immer milde, alles andere sind ganz boshafte Unterstellungen. ;)

    Dass ich dir das erklären muss... :fs: Wie waren die Phasen der Veränderung nach Schmidt-Tanger nochmal? Im Ernst: die Revolution wurde nich von allen in gleicher Weise getragen, es gab nicht die eine Revolution sondern vielmehr eine Vielzahl an Interessensgruppen. Auch hierbei kann ich Wehler also gedanklich folgen.
     
  11. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Wenn W. das so meint, ist es ja gut. Eine gute Methode, um Missverständnisse zu vermeiden, ist die, gleich so zu schreiben, wie man es gemeint hat, und nicht von einer "allgemeinen" Traumatisierung zu phantasieren - Martina wird mir da auch zustimmen.:winke:
     
  12. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Die Kristallkugel hat leider immer noch eine Sendestörung. Ich habe dir nur gerade Einblick in mein Leseverständnis gewährt, also ob Wehler das so meint, werden wir wohl erst erfahren, wenn er sich hier anmeldet. ;)

    Martina sicher, Lili auch, und der Friedemann erst recht. Hans-Ulrich schwurbelt und verallgemeinert in seinen Essays aber trotzdem gerne und wird sich da kaum beeindrucken lassen. :D
     
  13. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    ... was ich sehr bedaure, weil ich eigentlich ein Fan bin. Deshalb habe ich auch nochmal nachgeschlagen, was er anderswo schreibt [1]
    "Der Zusammenbruch der deutschen Fürstenherrschaft wirkte durch alle politischen Lager hindurch bis in die Reihen der strengen Loyalisten hinein desillusionierend." usw.
    Genau so war's, das können wir auch auch mittragen. Hand in Hand mit Dir möchte ich an der Differenz zwischen Traumatisierung und Desillusionierung festhalten!!


    [1] Der Bequemlichkeit halber am Klapprechner: Deutsche Gesellschaftsgeschichte: Bd ... - Google Books - dort noch weitere wichtige und richtige Punkte zum Thema!
     
    Zuletzt bearbeitet: 2. Juni 2011

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