Woran wurde Louis XVI. bei der Flucht nach Varennes erkannt?

Dieses Thema im Forum "Französische Revolution & Napoleonische Epoche" wurde erstellt von questionmarque, 27. Juni 2012.

  1. questionmarque

    questionmarque Neues Mitglied

    Hallo!

    Ich unterrichte Geschichte und frage mich gerade, weil die Schüler sich das auch fragen werden, woran Louis XIV bei der Flucht nach Varennes von diversen Leuten erkannt und von Douret schließlich gestellt wurde?

    War er auf den Münzen / Scheinen abgedruckt? Gab es Herrscherbilder, die im Volk verteilt wurden?

    Ich tappe echt im Dunkeln! Danke für eure Antworten,
    Questionmarque

    Ich hab eine Münze gefunden, aber die vor Varennes im Umlauf?
    (ist mit 1792 datiert)


    Fichier:Louis XVI écu constitutionel 76001792.jpg - Wikipédia
     
  2. excideuil

    excideuil unvergessen

    "Hinzu kamen eklatante Fehler L. XVI. So reagierte er z.B. völlig falsch, als ihn an der kleinen Poststation Chaintrix der Schwiegersohn des Posthalters erkannte." (Warum wird nicht gesagt!) "Anstatt diesem mit einem Lachen klar zu machen, dass er sich irre, nahm der König die ihn erwiesenen Ehrerbietungen huldvoll entgegen."

    Damit war die Identität bekannt und durch andere Postillione eilte die Nachricht voraus.

    Schließlich endete die Flucht in der Nacht vom 21. zum 22. Juni 1791 in Varennes, einem Ort nicht mehr weit von der Grenze, zwischen Sedan und Verdun, gelegen. Dort wurden die Flüchtigen auf grund eines Dekrets der Nationalversammlung festgehalten, nachdem sich L.XVI. gegenüber dem Gemeindevorsteher, der eine Person hatte kommen lassen, die häufig in Versailles gewesen war und infolgedessen den König kannte, sein Inkognito mit den Worten gelüftet hatte: "Nun, ja! Ich bin der König und dort die Königin nebst der königlichen Familie. Ich komme, um unter Euch zu leben, im Schoße meiner Kinder, die ich nicht verlasse."" [1] (Hervorhebung von mir)

    Eine Münze von 1792 kann 1791 nicht im Umlauf gewesen sein.

    Grüße
    excideuil

    [1] Malettke, Klaus: Die Bourbonen, Bd. II: Von Ludwig XV. bis Ludwig XVI. 1715-1789/92, W. Kohlhammer, Stuttgart, 2008, Seite 246
     
  3. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Es waren natürlich generell Unmengen an Münzen mit dem Porträt des Königs kursiert und ich will mal sagen, er hatte darauf nicht direkt ein Allerweltsgesicht, zumal das Porträt bzw. das Profil der Königin auch in Frankreich allgemein bekannt war.

    Wie verhält man sich denn, wenn man normalerweise damals gesucht wurde?
    Man nahm einen anderen Namen an, kleidete sich möglichst anders als es die Verfolger erwarten würden. Man vermied Hauptstraßen, das Passieren von Stadttoren, wo die Meldepflicht eine genauere Überprüfung der Reisenden nötig machte. Man versuchte nicht zusammen zu reisen, dass man nicht vom einen auf den anderen schließen konnte. Was wurde denn davon bei der Flucht der königl. Familie beachtet? Es überrascht ja fast eher, dass jemand, der im ganzen Königreich seit fast 2 Jahrzehnten bekannt war und dessen Porträt sicherlich in vielen Amtsstuben genauso hing, wie es in Büchern, Flugschriften etc. abgedruckt war, überhaupt auf diese Weise so weit kommen konnte.
     
    Zuletzt bearbeitet: 27. Juni 2012
  4. questionmarque

    questionmarque Neues Mitglied

    Hallo ihr beiden!

    Super, dass ihr so schnell geantwortet habt!

    Sehr schön, ihr habt meinen Horizont auf jeden Fall erweitert:
    Was ich noch nicht auf dem Schirm hatte, war, dass auf unbekannten Straßen gereist wurde (Bekannte hätten den König ja auch erkannt und damit verraten können) und Stadttore nicht passierte (Anmeldepflicht!).

    Auch an die Amtsstuben hab ich gar nicht gedacht, und dass dort wohl Portraits vom Herrscher hinter den Schreibtischbeamten angebracht waren.

    Ich denke damit und mit der Sous-Theorie komm ich durch!
    Auch interessant, dass Louis Kammerdiener aus der Sache draußengehalten wurde. Aber vielleicht standen die beiden einfach nicht so gut...
     
  5. excideuil

    excideuil unvergessen

    Sorry, dass ich erst jetzt dazu komme, Cronin zu bemühen, ist ganz aufschlußreich, denn auch bei ihm kein Verweis, dass ein Erkennen des Königs/der Königin durch Münzen oder Portraits erfolgte. Nicht einmal eine Mutmaßung dazu findet sich:

    Zu Chantrix:

    "Der Schwigersohn des Postmeisters, Gabriel Vallet, war im vergangenen Sommer anläßlich des Föderationsfestes in Paris gewesen und hatte den König gesehen, den er sehr bewunderte. Jetzt erkannte er ihn wieder. Im Handumdrehen bemühte sich seine ganze Familie um die Reisenden ..." [1/Seite 431]

    Sainte-Ménehould:

    "Die Pferde wurden gewechselt, und die Berline wollte eben abfahren, als der Postmeister vom Felde in die Stadt kam. Jean Baptiste Drouet war ein guter Beobachter und hatte die Königin während seiner Militärzeit ein paarmal gesehen. Er glaubte, sie in der Berline wiederzuerkennen, doch bevor er ganz sicher sein konnte, war sie auch schon fort. Drouet vertraute seiner Frau sein Verdacht, doch sie riet ihm, nichts verlauten zu lassen." [1/Seite 433]

    Er wurde später (21:00) nach Erreichung der Nachricht der Flucht des Königs von der Stadtverwaltung mit einem zweiten Reiter namens Guillaume, auch La Hure, der Zottige, genannt der Kutsche hinterher geschickt, um sie aufzuhalten. [Vgl. 1/Seite 435]

    Drouet, hatte durch Postillione Kenntnis, dass der König die Hauptstrasse nach Metz verlassen und auf einer kleinen Strasse nach Varennes Richtung Montmédy fuhr. [Vgl. 1/Seite 435]

    In Varennes dann das "Halt". Es folgte eine Passkontrolle durch den Bevollmächtigten der Stadt, Jean Baptiste Sauce, den Drouet geweckt hatte. Die Pässe waren in Ordnung, aber Drouet:
    "Ich sage Ihnen, der König und die Königin sind in dem Wagen. Wenn Sie sie passieren lassen, machen Sie sich des Hochverrats schuldig." [Vergl. 1/Seite 436]

    Ludwig und seine Familie wurden in das Haus von Sauce "eingeladen".
    "Die Kinder wurden zu Bett gebracht, Antoinette setzte sich auf einen Stuhl mit Strohgeflecht, während Ludwig im Zimmer auf und ab schritt, argwöhnisch beobachtet von Sauce und einer improvisierten Wache. Inzwischen hatte man nach einem Mann geschickt, der etliche Jahre in Versailles gelebt hatte. Dieser warf einen Blick auf Ludwig, beugte die Knie und rief: Oh Sire!" Ludwig machte das Beste daraus: "Also gut, ich bin in der Tat euer König."" [1/437]
    (Alle Hervorhebungen von mir)

    Sicherlich mag das Profil L.XVI. auf Münzen recht markant sein, eine Rolle bei seiner Erkennung spielten Münzen offenbar nicht. Man verließ sich auf echte Zeugen.

    Grüße
    excideuil

    [1] Cronin, Vincent: “Ludwig XVI. und Marie-Antoinette”, Claasen, Hildesheim, 1993
     
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  6. Emilia Sophie

    Emilia Sophie Mitglied

    Für mich klingt es fast so, als hätte sich Ludwig damit abgefunden, dass die Flucht "sinnlos/zwecklos" war. Warum sonst hätte er es so offen zeigen und dann auch zugeben sollen? Ich hätte an seiner Stelle wohl versucht alle Anschuldigen zu verneinen. Es ging ja um sein Leben :-O
     
  7. Jacobum

    Jacobum Neues Mitglied


    Vielleicht war es unter der königlichen Würde, sich wie ein Strauchdieb bei Nacht und Nebel aus dem Staub zu machen.
     
  8. excideuil

    excideuil unvergessen

    Im Grunde lief auf der Flucht alles schief, was schief laufen konnte. Die königliche Familie kam mit Verzögerungen aus Paris weg, unterwegs musste die Kutsche repariert werden, mangelnde Abstimmung bei den Einheiten der Husaren etc., die die Flucht bedecken sollte, führte dazu, dass der König allein mit Familie und Leibwächtern fuhr. Der Zeitverzug führte dazu, dass die Information der Flucht die Flüchtenden einholen konnte. In Varennes wurden ja nicht nur die Pässe kontrolliert, sondern der König wurde auch von einer großen Menge teilweise bewaffneter Bürger an der Weiterfahrt gehindert.

    Sicherlich war der König auf Grund seiner Erziehung und Herkunft wohl nicht in der Lage, kaltschnäuzig seine Identität zu leugnen. Angesichts der Lage wohl auch kaum nützlich.

    Wie schon ausgeführt, wurde Ludwig und seine Familie in das Haus von Sauce gebracht.
    Erst später ritt eine Kompanie Husaren unter Mon. der Choiseul in die Stadt. Der Offizier macht Ludwig den Vorschlag "jetzt und auf der Stelle eine Flucht zu riskieren: Ludwig sollte mit dem Dauphin auf einem Pferd reiten, Antoinette und die übrigen sollten je ein eigenes Pferd erhalten; die Perde bekämen sie von der Truppe. Ludwig erwog den Plan für einen Augenblick. "Sie haben vierzig Mann", sagte er, "aber sieben- bis achthundert Männer befinden sich auf der Strasse. Wer garantiert mir, dass die Königin, meine Kinder oder meine Schwester in einem so ungleichen Kampf nicht von einer Kugel getroffen werden? Wenn ich allen wäre", fügte er hinzu, "würde ich Ihren Rat bereitwillig annehmen und mich durchschlagen." [1/ Seite 437-438]

    "Ludwig hoffte noch immer, dass ihm General Boullé, sobald er von seiner Festsetzung erfuhr, mit ausreichenden Truppen aus Montmédy zu Hilfe kommen würde." [1/Seite 438]

    Am nächsten Morgen kamen zwei Kuriere aus Paris, Bayon und Romeuf, die den König aufforderten, nach Paris zurückzukehren. Der König verhandelte mit ihnen.
    Inzwischen war die bewaffnete Menge auf mehrere Tausend angewachsen. Dessen angesicht, sah der König ein, dass selbst Boullés Regiment - welches auch viel zu spät erschien - ihm nicht mehr helfen konnte und er entschloss sich zur Rückfahrt.[Vergl. 1/ Seiten 438-39]

    Interessant ist, was Cronin zur gescheiterten Flucht sagt:
    "Während der Rückreise hatte Ludwig reichlich Zeit, um über die missglückte Flucht nachzudenken. Choiseul hatte einen fatalen Fehler begangen, als er jene verzagte Mitteilung an die Truppenführer geben ließ; zum zweiten mal war ihm ein Choiseul in die Quere gekommen. Doch im Grunde war Choiseuls Versagen ein Fehler in der Struktur des alten Regimes. Der junge Mann verdankte sein Kommando seinem Wohlstand und seiner Herkunft, nicht seiner Erfahrung oder seinen Verdiensten. Bei Belastung war er darum wie schlechtgehärteter Stahl zerbrochen. Zum anderen war die Berline zu langsam, doch ein anderes Fahrzeug war für Ludwig nicht in Frage gekommen, da er Antoinette und die Kinder bei sich behalten wollte. Er war nicht nur König, sondern auch auch Familienvater und darum verwundbarer als etwa Fersen oder sein Bruder Monsieur, dessen Flucht nach Belgien geglückt war." [1/ Seiten 439-40]

    Sorry, wenn es ein wenig ausführlicher ist, aber beim Spielstand von 0:2 musste ich mich ein wenig ablenken...

    Grüße
    excideuil

    [1] Cronin, Vincent: “Ludwig XVI. und Marie-Antoinette”, Claasen, Hildesheim, 1993
     
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  9. excideuil

    excideuil unvergessen

    Auch wenn es den Fragesteller vermutlich nicht mehr interessieren wird, noch ein paar Anmerkungen zu diesem Thema:

    Schon die Vorbereitungen zur Flucht waren alles andere als optimal:
    "Zunächst ließ die Königin zwei oder drei Monate vorher, als hätte sie auf die Abreise aufmersam machen wollen, eine Aussteuer bestellen für und für ihre Kinder; dann bestellte sie einen prächtigen Reisekoffer, ähnlich dem, den sie schon besaß, ein kompliziertes Stück, das alles fasste, was man für eine Reise um die Welt hätte wünschen können. Ferner, statt einen gewöhnlichen und wenig auffälligen Wagen zu wählen, beauftragte sie Fersen, eine breite und geräumige Berline - [6 spännig!] - bauen zu lassen, worin man vorn und hinten Koffer, Körbe und Kisten, alles, was unterwegs die Aufmerksamkeit auf einen Wagen zieht, unterbringen und auftürmen konnte. Das ist nicht alles, dem ersten Wagen sollte ein zweiter folgen, in dem die Frauen sitzen sollten." [1/Seite78]

    Was natürlich folgte, waren Gerüchte:
    "Lafayette wurde von mehreren Seiten gewarnt, wollte aber nur dem König selbst glauben; er suchte ihn auf und fragte ihn, was an den Gerüchten sei. L.XVI. antwortete so klar, so einfach, so bieder, dass Lafayette ihn völlig beruhigt verließ." [1/Seite 81]
    Das besagt wohl, dass Ludwig immerhin so lügen konnte, dass er wohl Lafayette zu täuschen vermochte.

    Auch die Legende des Unternehmens war fragwürdig:
    "Der König läßt sich als Bedienter verkleiden; er vermummt sich sich mit einem grauen Rock und einer kleinen Perücke. Er ist der Kammerdiener Durand. Diese erniedrigende Einzelheit steht in dem naiven Bericht der der Frau von Augoulême; man findet sie auch bestätigt im Paß der Frau von Tourzel und der Königin, die sich als russische Dame, Baronin von Korff, ausgab. Diese Unziemlichkeit genügte, um alles zu enthüllen: die Dame ist so intim mit ihrem Kammerdiener, dass sie ihn in ihren Wagen nimmt und Knie an Knie mit ihm sitzt." [1/Seite 79]

    Das Wesentliche zur Flucht selbst ist geschrieben. Zum Erkennen des Königs schreibt Michelet unter anderem:
    ""Nachmittags gegen vier oder fünf Uhr", erzählt Frau von Angoulême (in dem klaren Bericht Webers), "kam man durch die große Stadt Châlons-sur-Marne. Dort wurde man völlig erkannt. Viele Leute lobten Gott, als sie den König sahen, und beteten für das Gelingen seiner Flucht."" [1/Seite 85]

    Auch wenn Memoiren eine gesunde Vorsicht entgegen zu bringen ist, muss wohl konstatiert werden, dass der König trotz des Fehlens heute normaler Kommunikationsmittel bekannter war als anzunehmen ist. Vllt. liegt es daran, dass im Schloss Versailles regelmäßig 10000 Menschen wohnten, im Ort Versailles die Dienerschaft untergebracht war und das ein natürlicher - dem Geldbeutel entsprechender - Wechsel der Bewohner des Schlosses unterstellt werden kann. Hinzu kommt wohl eine nicht näher zu beziffernde Anzahl von Besuchern, Bittstellern und Gästen.
    Unterschätzen sollte man wohl auch nicht solche Ereignisse wie das Föderationsfest 1790, an dem 300000 Menschen teilnahmen, immerhin 1 % der Bevölkerung Frankreichs.

    Grüße
    excideuil

    [1] Michelet, Jules: „Geschichte der französischen Revolution“, bearb. Und herausgegeben von Friedrich M. Kircheisen, Gutenberg-Verlag Christensen & Co., Wien Hamburg Zürich, o.J. Band 3
     
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  10. Grotius

    Grotius Neues Mitglied

    Finde ich ja alles viel zu abstrakt. Viel naheliegender ist simpler Verrat. Das der König anhand von Münzen erkannt wurde, erscheint mir grotesk, selbst mein Nachbar sieht da verdächtig aus. Viel wahrscheinlicher, egal ob Sympathisant oder einfach nur käuflich, dass irgendeiner der Dienerschaft sich äußerste. Sei es um eine simple Belohnung oder eben aus Rache.
     
  11. kskreativ

    kskreativ Neues Mitglied

    Jean-Baptiste-Drouet, Postmeister von Saint-Menehould sagt folgendes in seinem Bericht:
    Quelle: Die französische Revolution in Augenzeugenberichten von Georges Pernoud und Sabine Flaissier
     

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